Die Entzauberung des einsamen Helden
"Kein einzelner ist so klug wie wir alle zusammen."
Der Mythos vom glorreichen Einzelkämpfer ist tief in der Psyche der Amerikaner verwurzelt. Wir sind eine Nation, die verliebt ist in Helden - unerschütterliche Autodidakten, die Herausforderungen lieben und sich den Widrigkeiten des Schicksals tapfer stellen. Weil unsere Vorstellung von Menschenführung so stark mit dem Heldenmythos verwoben ist, wirkt die Differenzierung zwischen Führer und Held (und Berühmtheit) sehr verschwommen. In unserer Gesellschaft wird Führungsfähigkeit zu oft als eine dem Individuum innewohnende Qualität angesehen. Dabei wissen wir doch alle, wie Zusammenarbeit und Kooperation mit jedem Tag wichtiger werden. Unsere schrumpfende Welt, in der politische und technologische Vorgänge sich immer mehr beschleunigen, bietet kaum noch Tätigkeitsfelder, in denen individuelle Leistungen ausreichen. Deshalb sprechen wir gern von der Notwendigkeit des Teamworks und sind empfänglich für die japanische Definition von Management. Doch trotz der schönen Rhetorik befürworten wir die Zusammenarbeit in einer Kultur, in der Menschen danach streben, sich als einzelne voneinander abzugrenzen; Status und Anerkennung sind dem Individuum zugeordnet - nicht der Gruppe. Immer noch galoppiert der einsame Held durch unsere Vorstellungswelt.
Dabei gab es zu allen Zeiten Menschen, die sich zu Gruppen zusammenschlossen, um - oft ohne einen bewußten Entwurf - in kollektivem Bemühen etwas nie Dagewesenes, Großartiges zu schaffen. Die Schule des Bauhauses, das Manhattan-Projekt, das Guarneri-Quartett, die jungen Filmschaffenden um Francis Ford Coppola und George Lucas, die fast noch jugendlichen Wissenschaftler und Hacker, die einen völlig neuen Computertypus schufen, und die Erfinder des Internet sind Beispiele für erfolgreiche Gruppen, die die Welt auf unterschiedlichste Art und Weise umgeformt haben.
Unsere technisch hochentwickelte, komplexe Gesellschaft verlangt für ihre vorrangigsten Projekte die koordinierten Beiträge vieler talentierter Menschen. Egal, ob es darum geht, ein globales Unternehmen aufzubauen oder die Geheimnisse des menschlichen Gehirns zu ergründen, eine einzelne Person wird niemals das Ziel erreichen, wie ausdauernd und begabt sie oder er auch sein mag. Zu viele Probleme müssen identifiziert und gelöst, zu viele Verbindungen hergestellt werden.
Wo schnelle Übermittlung von Information das wichtigste Gut darstellt, ist Zusammenarbeit nicht nur wünschenswert, sondern schlichtweg unumgänglich. Damit will ich selbstverständlich nicht sagen, daß wir ab jetzt kein Führungskräfte mehr brauchen, vielmehr haben wir es mit einem Paradigmenwechsel zu tun: Nicht die begabte Führungspersönlichkeit als einzelne ist gefragt, sondern diejenige, die eine fruchtbare Beziehung zu den Mitgliedern einer kreativen Gruppe unterhält. Solch eine kreative Allianz befähigt die Gruppe, gemeinsam etwas zu erreichen, was dem einzelnen nicht möglich wäre.
In diesem Buch untersuchen wir systematisch erfolgreiche Teams, in der Hoffnung, dem Geheimnis kollektiver Magie auf die Spur zu kommen. Die Beispiele für geniale Teams sind mannigfaltig, man denke nur an die Wissenschaftler, die das Humangenom-Projekt vorantreiben, oder an das Team, welches an der Entwicklung des A-Klasse-Modells von Mercedes arbeitet. Wir haben jedoch beschlossen, uns auf fünf Teams zu beschränken: die Walt Disney Studios, die 1936 mit "Schneewittchen und den sieben Zwergen" den ersten abendfüllenden Animationsfilm auf die Leinwand brachten; die Gruppe im Palo Alto Research Center (PARC), die den ersten bedienerfreundlichen Computer erfand; die Clinton-Wahlmannschaft, die stark daran mitwirkte, den ersten Demokraten seit Jimmy Carter ins Weiße Haus zu befördern; das Elite-Corps der Astronautikingenieure, die in Lockheeds hochgeheimen Skunk Works außerordentliche Flugzeuge entwickelten; und - das vielleicht paradigmatischste aller Teams - das Manhattan-Projekt.