Wissenschaft

»Der Computer ist ein weiterer Akteur in der Evolution der Kultur«

Professor Dr. Henning Lobin, Geschäftsführender Direktor des ZMI und Prof. für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Universität Gießen, im Interview über sein neues Buch »Engelbarts Traum. Wie der Computer uns Lesen und Schreiben abnimmt«.

In Ihrem neuen Buch »Engelbarts Traum. Wie der Computer uns Lesen und Schreiben abnimmt«, untersuchen Sie den Wandel des Lesens und Schreibens auf dem Weg zu einer Digitalkultur. Wo wird dieser Wandel am deutlichsten?

Henning Lobin: Ich denke, er wird da am deutlichsten, wo sich der Computer »einmischt« ins Lesen und Schreiben. Damit meine ich Situationen, in denen beim Schreiben etwa Wörter vervollständigt und ganze Formulierungen vorgeschlagen werden, zum Beispiel auf Smartphones. Beim Lesen gibt es Ähnliches: Wir lesen schon jetzt oft nicht nur das, was irgendwo gespeichert ist, sondern eine vom Computer vorgenommene Auswahl dessen. Was wir auf Facebook als Neuigkeiten gezeigt bekommen, wird nach Regeln ausgewählt, die wir als Nutzer nicht kennen und nicht beeinflussen können. In diesem Zwischenraum zwischen Schrift und Mensch wird sich der Computer in der nächsten Zeit immer mehr ausbreiten.

Der Computer, schreiben Sie in Ihrem Buch »Engelbarts Traum«, nimmt den Menschen das Monopol über die Schrift. Ist das schlimm?

Henning Lobin: Nein, ich stelle dies zunächst einmal einfach so fest. Wir sind ja in vielen anderen Bereichen unseres Lebens seit langem daran gewöhnt, in Koexistenz mit technischen Systemen zu leben, vom Haus, in dem wir leben, über das Telefon, über das wir kommunizieren, bis hin zum Auto, mit dem wir uns fortbewegen. Sie alle verbessern und erweitern unsere Lebensmöglichkeiten. Die maschinelle Unterstützung der Schrift aber ist umfassender, die Schrift selbst ist ja schon eine Basistechnologie unserer kulturellen Entwicklung. Deshalb müssen wir genau im Blick behalten, was neben den ganzen Vorteilen, die wir gewinnen, mit uns dabei geschieht: Verändern sich unsere geistigen Fähigkeiten langfristig in einer Weise, wie wir es nicht wollen? »Züchten« wir Verhaltensweisen und Wertvorstellungen, die unserer Gesellschaft womöglich nicht gut tun?

Sind die Digitalisierung und die Erfindung des Buchdrucks in ihrer Wirkung vergleichbar?

Henning Lobin: Beides wird oft in einen Zusammenhang gebracht, weil es sich in beiden Fällen um Medienumbrüche handelt. Die Art, wie Inhalte produziert, distribuiert und gespeichert werden, verändert sich dabei und lässt neue Infrastrukturen, Institutionen und schließlich Denkweisen entstehen. Die Digitalisierung geht meiner Meinung nach aber darüber hinaus: Der Computer besitzt die Fähigkeit, selbst Schlussfolgerungen ziehen und Entscheidungen treffen zu können. Er ist eben nicht nur ein neues Medium, sondern ein weiterer Akteur in der Evolution der Kultur. In meinem Buch beschreibe ich, was daraus konkret folgt.

Inwiefern müssen sich etwa Bibliotheken oder Verlage auf dem Weg in die Digitalkultur anpassen?

Henning Lobin: Ich möchte das mit zwei Gegenfragen deutlich machen: Benötigt eine digitale Bibliothek noch ein Gebäude? Stellt ein Verlag noch Bücher her? Bibliotheken waren früher ja vor allem Aufbewahrungsorte. Die Aufbewahrung digitaler Texte geschieht heute auf kleinstem Raum mittels Servern. Wenn die räumliche Aufbewahrung nicht mehr die Hauptaufgabe digitaler Bibliotheken ist, treten andere in den Vordergrund: Ordnung und Erschließung der Werke, Sammlung neuer Arten von Informationen oder Entwicklung neuer Nutzungsformen. Ähnliches gilt für Verlage: Angenommen, ein Verlag stellt nur noch digitale Bücher her, entfallen sämtliche Beschränkungen des Print-Mediums. Sollten Bücher dann dynamisch sein und bewegte Bilder einbeziehen? Ist es sinnvoll, sie mit Funktionen sozialer Netze auszustatten? Ich könnte mir vorstellen, dass ein rein digitales Buch-Label ein interessantes Projekt für einen etablierten Verlag sein kann, um neue Dinge auszuprobieren, ohne zugleich ein zu großes wirtschaftliches Risiko einzugehen.

Machen Sie sich Sorgen um die Schreib- und Lesegewohnheiten der Jugend?

Henning Lobin: Nein, nicht wirklich. Die Jugendlichen lesen und schreiben heute ja viel mehr, als wir es in den siebziger und achtziger Jahren getan haben, nur anderes, als man es sich aus Sicht der traditionellen Bildung wünscht. Studien wie die der Stiftung Lesen zeigen, dass heute insgesamt nicht weniger gelesen wird, sondern anders, in kleineren Portionen und eher zwischendurch. Für das Schreiben gilt Ähnliches: Kommunikation im Internet ist ja größtenteils immer noch schriftliche Kommunikation. Und eines darf man bei all dem auch nicht vergessen: Die jungen Erwachsenen von heute waren ja einmal die Harry-Potter-Kinder, die schon mit 13, 14 Jahren 500-seitige Schmöker verschlungen hat. Auch das ist eine wichtige Prägung.

Leitet die Digitalisierung den kulturellen Wertewandel ein, den Douglas Engelbart, Erfinder der Computermaus, 1968 bereits vorausgesagt hat?

Henning Lobin: Die Bedeutung von Douglas Engelbart liegt in meinen Augen darin, dass er mit seinen Entwicklungen als erster ein sehr enges Zusammenwirken von Mensch und Computer realisiert hat. Eine Art Symbiose bei der geistigen Arbeit war dabei sein Ziel, und für das Gelingen einer solchen Symbiose bedurfte es damals nicht nur neuartiger Computersysteme, sondern auch veränderter Verhaltensweisen beim Menschen. Es wäre vielleicht zu viel gesagt, dass er all das, was wir heute sehen, tatsächlich schon vorhergesehen hat. Er hat aber den Anstoß dazu gegeben, und dass sich dies einmal bis auf unsere Wertvorstellungen auswirken würde, hat es vielleicht zumindest schon geahnt.

 

Zur Person: Henning Lobin ist Geschäftsführender Direktor des ZMI und Prof. für Angewandte Sprachwissenschaft und Computerlinguistik an der Universität Gießen

 

Blog von Henning Lobin

 

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23.09.2014

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