Wirtschaft und Gesellschaft

Die großen Momente der deutschen Wirtschaftsgeschichte

Berta Benz: Sie ist die Braut, die sich traut. Mit einer waghalsigen Probefahrt verhilft Bertha Benz der Erfindung ihres Mannes zum Durchbruch: dem Motorenwagen. Heimlich und unvorbereitet bricht sie auf – und wird zur ersten Fernfahrerin der Welt. Es ist ein Lehrstück über die Früchte der Furchtlosigkeit.

Foto: Sergey Kohl / Shutterstock.com

Welche Ereignisse der deutschen Wirtschaftsgeschichte legten die Grundsteine dafür, dass Deutschland heute eine der führenden Wirtschaftsnationen der Welt ist? Welche Personen waren dafür verantwortlich? »Made in Germany« verrät Ihnen in 20 packenden Reportagen, wie wir wurden, was wir sind.

 

Die Mannheimer Verschwörung

In das Abenteuer ihres Lebens stürzt sich die vierfache Mutter, ohne zu zögern. Sie folgt einfach ihrem Gefühl. Sollen
sich all die Spötter doch das Maul zerreißen, über das Satansgefährt und dessen Erfinder lästern. Einen Spinner
haben sie ihn genannt! Sollen sie grübeln, ob der Mensch durch die Rasanz einer Autofahrt platzen möge, und blind
dem Kaiser gehorchen, dem Pferdenarr, der pferdefreies Fahren als unpreußisch schimpft. Bertha Benz, feine Gesichtszüge, reine Haut, dichte dunkelbraune Locken, vertraut ihrem Ehemann und seiner Erfindung. Für ihren Carl stürzt sie sich an diesem 5. August 1888 ins Ungewisse – ohne dessen Erlaubnis einzuholen, ja, ohne, dass er überhaupt von der Unternehmung erfahren soll. Ihr Carl ist ein großartiger Ingenieur, ein genialer Erfinder. Wenn er doch wüsste, wie gut er ist! Seit Monaten bläst er Trübsal. Ganz unten stehe er, klagt Carl, ganz unten, wie ein Bettler anklopfend, vor den Toren der Menschheit und ihrer Kultur.

Dabei hat er bereits vor zwei Jahren, am 29. Januar 1886, eine bahnbrechende Erfindung beim Kaiserlichen Patentamt angemeldet, da ist sich Bertha sicher: den Motorenwagen. Inzwischen steht das »Modell 3« in der Werkstatt. Wie oft hat Bertha neben ihm auf der ledernen Bank gesessen. Die ersten Probefahrten gingen zunächst über den Stadtwall Mannheims hinaus, später ins benachbarte Käfertal und nach Seckenheim. Schließlich fuhren sie bis in den Odenwald und durch den Hardtwald. Doch immer wieder streikte die Technik, oft mussten sie sich auf dem Rückweg von Pferden oder Kühen ziehen lassen. Nur ein einziges der neumodischen Vehikel hat sich verkauft. Ihr Carl verzweifelt zusehends. Doch hiermit soll jetzt Schluss sein. Bertha will beweisen, dass die Erfindung längst reif ist. Sie hat den Mut, der ihrem Carl fehlt. »Arbeiten und nicht verzweifeln«, predigt sie. Ihr Lebensmotto.


Die Verschwörung beginnt im Morgengrauen. Wie von Geisterhand öffnet sich ein hölzernes Werkstatttor in der Mannheimer Waldhofstraße. Langsam schälen sich die Umrisse eines dreirädrigen Gefährts aus der Dunkelheit, auf dem eine zierliche Gestalt sitzt. Zwei schmale Schatten schieben. Die erste Etappe des Unterfangens ist geschafft. Bertha Benz und ihre beiden Söhne Eugen, 15 Jahre alt, und Richard (13) sind startklar. Ihre Mission ist geheim: die erste Automobil-Fernfahrt der Menschheitsgeschichte. 106 Kilometer liegen vor ihnen. Ausgerechnet der Erfinder des Gefährts, der  Ehemann der Verschwörerin und Vater ihrer kindlichen Komplizen, darf von alldem nichts wissen. Carl Benz hätte die Fernfahrt niemals genehmigt. Zu schwach sei der Zweieinhalb-PS-Motor, zu unerprobt die Bremsen, zu wackelig die Lenkung. Nichtsahnend schläft er dem Tag entgegen. Auf dem Küchentisch wartet ein Zettel auf ihn. »Sind zu Großmutter
gefahren.« Den Mittagstisch wird die Köchin auftragen, und um die Töchter, Mathilde und Clara, werden sich die  Dienstmädchen kümmern.


Auf nach Pforzheim!

Bertha Benz, 39 Jahre alt, riskiert an diesem Sommertag alles – ohne Fahrerlaubnis (eine solche kann damals auf der ganzen Welt nur einer vorweisen: ihr Mann); ohne Genehmigung der Polizei (die Obrigkeit hat Testfahrten strikt untersagt, weil der knatternde Motor regelmäßig die Pferde scheu macht); und ohne überhaupt den Weg zum angepeilten
Ziel Pforzheim zu kennen, denn bislang ist sie nur mit der Eisenbahn dorthin gefahren. Um fünf Uhr am Morgen starten die Verschwörer die Fernfahrt. Ihre Buben wissen, wie es geht. Seit Eugen und Richard mit dem Herrn Papa mitfahren durften, gibt es für sie nur noch eines: den Motorenwagen. Schnell haben sie gelernt, mit dem Fahrzeug umzugehen, es zu  steuern und in Ordnung zu halten. Von jeder Änderung sind sie unterrichtet und kennen den Mechanismus so gut wie der Vater selbst. Drei Räder hat das offene Gefährt, die hölzernen Hinterräder sind mit Stahl bereift, das kleinere Vorderrad rollt auf Gummi. Hinter dem Sitz liegt quer der Einzylindermotor, gleich daneben schwappt das Kühlwasser. Über einen Lederriemen kommt das Vorderrad in Schwung. Eine Kette, die an eine Fahrradkette erinnert, bringt auch die Hinterreifen
ans Arbeiten. Der Tank, der knapp zwölf Liter fasst, ist vorsichtshalber nicht ganz gefüllt. Eine Ersatzflasche ist an Bord.


Als sich das Trio weit genug vom Haus entfernt wähnt, gibt Bertha Benz ihren Söhnen das Startzeichen. Eugen, der Ältere, zerrt mit aller Kraft an dem schweren, gusseisernen Schwungrad. Lautes Knattern, eine dunkle Auspuffwolke, überschwappendes Öl. Schnell springt Eugen auf den linken Fahrersitz hinter das Steuer, Mutter Bertha platziert sich daneben, dem kleinen Richard bleibt nur der enge Gästestuhl, mit dem Rücken zur Fahrtrichtung. Vorsichtig drückt Eugen
den Steuerknüppel nach vorn, der Motorenwagen, stark wie zweieinhalb Pferde, ruckelt los. Die frische, reine Morgenluft bläst Bertha ins Gesicht. Bahngleise weisen den Weg, sie führen zur ersten Etappe, nach Heidelberg. Die aufgehende Sonne hüllt die Landschaft in warme Töne. Beruhigend knattert der Motor. Nach den ersten Kilometern schiebt die Euphorie die Sorgen beiseite. Wenn ihr Carl das nur miterleben könnte. Ein ungleiches Paar Ihre Wege trafen sich erstmals vor 21 Jahren, im Sommer 1867. Der Pforzheimer Geselligkeitsverein »Eintracht« hatte zum Ausflug mit Musik ins Kloster Maulbronn geladen. Unter den Ausflüglern befanden sich auch Bertha, die damals mit Nachnamen noch Ringer hieß, und Carl Benz. In der klösterlichen Kapelle kam man sich näher – diese braunen Augen, die dunklen langen Haare, der feine Schnauzbart. Und dann noch dieses Strahlen, wenn der begabte Tänzer übers Parkett fegte. Um Bertha war es geschehen. Dabei waren sie denkbar ungleich: sie, Tochter des Zimmermeisters Karl Friedrich Ringer, aus gutbürgerlichem
Hause stammend, er, der Sohn einer Witwe aus einfachen Verhältnissen, der sich mühsam hochschuftete. Immerhin
hatte er es zum Konstrukteur für Eisenbrücken bei den Gebrüdern Benckiser gebracht. Bertha war der einzige Mensch,
dem Carl seine heimlichen Pläne anvertraute. Sie handelten vom Bau eines selbstfahrenden Wagens. Und noch bevor sie
heirateten, griff Bertha ihrem Zukünftigen unter die Arme, den Traum zu verwirklichen. Es waren unruhige Zeiten. Der
Deutsch-Französische Krieg brach aus. Carls Arbeitgeber Benckiser verlor einen wichtigen Auftrag, und die Aktienkurse
stürzten ab. Carl beschloss, sein Glück selbst in die Hand zu nehmen. Bertha war es, die ihren Vater bat, Carl finanziell
zu unterstützen.


Am 19. Juli 1872 folgte der nächste Schritt. Bertha und Carl erschienen nebst zweier Zeugen beim Amtsgericht Pforzheim. Die Hochzeit. Bertha war überglücklich, aber nicht blind. Im Ehevertrag ließ sie festhalten, dass ihr Barvermögen von 4 244 Gulden ihr alleiniges Eigentum bleiben sollte. Ein Vierteljahrhundert später sitzt Bertha auf dem pferdelosen Wagen, dem wahr gewordenen Lebenstraum ihres Mannes, und rauscht mit 16 Kilometern pro Stunde in einer Staubwolke über Schotterwege. Straßen gibt es nicht. Das Fernziel: ihre Heimatstadt Pforzheim. Nach nicht einmal einer Stunde ist  Heidelberg erreicht. In Wiesloch bei Heidelberg der erste Halt. Bertha eilt in die Apotheke. Mit edlem Holz ist das Innere vertäfelt, auf den oberen Regalreihen reihen sich braune Töpfchen, darunter nicht minder sortiert Dosen aus weißer Emaille. Bertha verlangt nach dem Reinigungsmittel Ligroin. Das klarflüssige Leichtbenzin ist der Treibstoff ihres Abenteuers, die Apotheke ihre Tankstelle. Eugen und Richard schöpfen derweil neues Kühlwasser im Stadtbrunnen. Schnell sammelt sich um die merkwürdige Kutsche eine Menschenmasse: Habt ihr die Pferde verloren? Seid ihr die Vorhut des Zirkus? Oder nur Zigeuner? Und: Sitzt da eine Frau »obbe«? Gelächter allenthalben. Die weitere Fahrt ist eine Tortur. Kurz hinter Bruchsal kommt es zur ersten Panne. Die Ketten haben sich in der gleißenden Sommerhitze in die Länge ausgedehnt. Der Dorfschmied muss sie – unter dem Staunen der Nachbarn – kürzen. Bei Weingarten bleibt der Wagen abermals liegen. Diesmal macht die Benzinzufuhr Kummer, doch Bertha stochert mit ihrer Hutnadel so lange in dem verstopften Schlauch herum, bis das Ligroin wieder fließt. Die abgenutzten Lederstopfen auf den Bremsen erneuert ein Schuster. Und als ein durchgescheuertes Kabel einen Kurzschluss auslöst, umwickelt die Fernfahrerin die Stelle mit ihrem
Strumpfband.


Endlich am Ziel
Doch die größte Herausforderung steht noch bevor: die Schwarzwaldstraße. Die Steigung ist zu steil, der Motor zu schwach. Richard und Eugen, vom Ruß schwarz im Gesicht, und ihre vollends verdreckte Mutter müssen schieben. Stundenlang. Die Dämmerung setzt ein. Eine Laterne hat der Wagen nicht. Pferdekutschen brausen vorbei, deren Insassen auf sie herabblicken. Selbst die vielen Arbeiter, die zu Fuß nach Hause wandern, überholen sie. Es ist fast völlig dunkel, als sie den Gipfel erreichen und nun auf die Lichter Pforzheims hinunterschauen. Berauscht vom Fahrtwind und dem Gefühl, es geschafft zu haben, rasen die Ausflügler ins Tal. Immer mehr Menschen, besonders Jugendliche, begleiten das Gefährt, laufen nebenher. Die Ankunft ist ein Triumph. Zu gerne hätte sie mit dem Motorenwagen ihre Mutter  überrascht. Sollte sie doch sehen, was eine Frau imstande ist zu leisten. Kurz nach Berthas Geburt hatte die Mutter in der Familienbibel für die ganze Nachwelt festgehalten: »Leider wieder nur ein Mädchen.« Noch als Kind erfuhr Bertha von diesem schmerzlichen Eintrag. Ausgerechnet am Tag der Fernfahrt war die Mutter verreist. Bertha hat es trotzdem bewiesen, dass es für Frauen nicht nur den einen Weg – von der Wiege an den Herd – gibt.
Kaum steht der Wagen in Pforzheim, da stürmt Bertha in die nächstbeste Telegrafenstube. »In Pforzheim glücklich
angekommen«, schreibt sie ihrem Mann. Statt Lob oder Dank presst Carl am folgenden Morgen seine Wut in dreizehn
grußlose Worte: »Ketten sofort als Express zurückschicken, da sonst Wagen in München nicht laufen kann.« Es
dauert Tage, bis sich der besorgte Ehemann, Vater und Erfinder erholt.


Mit der Fernfahrt brachte Bertha ihrem Carl nicht nur wichtige Informationen. Sie schenkte ihm vor allem eines: neuen Mut. Wenige Wochen später, auf der sogenannten »Kraftausstellung« in München, führte Carl Benz den Motorenwagen mit Probefahrten in der Innenstadt vor. Er gewinnt die begehrte »Große Goldene Medaille«. Endlich wird seine Konstruktion als das gefeiert, was sie ist: weltbewegend. Den Durchbruch seiner Erfindung hat er einer Verschwörung zu verdanken. Was daraus wurde Nach der Fernfahrt seiner Frau Bertha verkaufte Carl Benz einzelne Modelle in Frankreich, England und den USA. 1894 brachte er das Modell »Velo« auf den Markt – ein Erfolg. Dem Velo folgten ein motorbetriebener Omnibus und ein Lastwagen. Ab 1899 produzierte Benz vierrädrige Autos in Serie. Zeitgleich zu Carl Benz tüftelte auch Gottlieb Daimler am Ende des 19. Jahrhunderts an ersten Motorenwagen. Zwar trafen sich beide Pioniere niemals persönlich. Doch nachdem der Erste Weltkrieg der zivilen deutschen Autoindustrie zugesetzt hatte, fusionierten ihre Unternehmen im Juni 1926 zur Daimler-Benz AG mit Sitz in Berlin und der Hauptverwaltung in Stuttgart-Untertürkheim. Damit entstand ein deutscher Akteur auf dem Markt, der nach der Jahrhundertwende durch die von Henry Ford in den USA entwickelte Massenproduktion rasant an Fahrt gewonnen hatte. Heute zählt die Automobilindustrie zu den wichtigsten deutschen Wirtschaftszweigen. Die Bundesrepublik ist eines der größten Herstellerländer der Welt. Laut Bundeswirtschaftsministerium beschäftigte die Branche 2014 über 775 000 Menschen. Der Umsatz betrug in dem Jahr rund 384 Milliarden Euro. Insgesamt liefen in Deutschland 2014 mehr als 5,6 Millionen Autos vom Band. Noch mehr Fahrzeuge produzieren die deutschen Hersteller im Ausland.

 

Zu den Autoren

 

Massimo Bognanni ist Reporter im Investigativteam beim Handelsblatt.

Sven Prange ist Mitglied der Chefredaktion und Textchef der WirtschaftsWoche.

 

 

 

16.08.2016

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Made in Germany
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