Wirtschaft und Gesellschaft

»Freiheit ohne Verantwortung funktioniert nicht.«

Das Ende der Banken ist der Anfang einer freiheitlichen, gerechten, und stabilen Wirtschaftsordnung, sagt Jonathan McMillan. Hier im Gespräch mit campus.de.

Gestern waren Banken nötig, heute nicht mehr?

Jonathan McMillan: Ja. Dank der digitalen Revolution brauchen wir keine Banken mehr. Wir können ein dezentrales, effizientes und stabileres Finanzsystem ohne Banken schaffen. Dafür brauchen wir aber eine grundlegende Modernisierung unserer Wirtschaftsordnung.

Hat das Digitalzeitalter das Ende der Bankendinosaurier eingeläutet?

Jonathan McMillan: Schön wär’s. Banken sind im digitalen Zeitalter zwar unnötig und fügen der Volkswirtschaft großen Schaden zu, aber sie werden nicht einfach so verschwinden. Mit Unterstützung von Zentralbanken und großzügigen Staatsgarantien können Sie wie bisher weiterwursteln und müssen keine Konkurrenz fürchten.
Das Ende der Bankendinosaurier muss die Gesellschaft einläuten. Es gilt, einen entscheidenden Fehler in unserer Wirtschaftsordnung zu beheben. Sobald dieser Systemfehler korrigiert ist, wird auch das Bankenwesen verschwinden und ein besseres Finanzsystem entstehen.

Das Ende der Banken, wie wir sie kennen naht, aber auch die Fintech-Euphorie birgt große Gefahren, sagen Sie. Welche?

Jonathan McMillan: In der aktuellen Euphorie wird übersehen, dass Fintech im Kern nichts Neues ist. Bereits um die Jahrtausendwende brach schon einmal eine technologische Welle übers Finanzsystem ein. Damals redete noch niemand von Fintech, sondern alle lobten die neuen Finanzinnovationen. Auch damals hofften viele, dass ein neues Zeitalter im Finanzwesen eingeläutet würde.
Wie wir heute wissen, hat sich diese Hoffnung nicht bewahrheitet. Banken missbrauchten die Finanzinnovationen, um die Regulierungen zu umgehen und einen riesigen Schattenbankensektor zu schaffen. Dasselbe Muster wiederholt sich nun mit Fintech. Technologien wie die direkte Kreditvermittlung über das Internet (Peer-to-peer-lending) oder die Blockchain bergen in sich das Potential, unser Finanzsystem gerechter und besser zu machen. Doch heute werden sie von den etablierten Finanzinstituten vereinnahmt und dazu verwendet, systemische Risiken auf Kosten der Gesellschaft einzugehen. Deshalb ist unser Lösungsvorschlag aktueller denn je. Nur wenn wir dem Bankenwesen ein Ende bereiten, werden neue Technologien endlich wieder dazu verwendet werden, unser Finanzsystem besser, transparenter und stabiler zu machen.

Worin sehen Sie die zentralen Schwachpunkte des Bankenwesens heute?

Jonathan McMillan: Das schwerwiegendste Versagen des Bankenwesens ist es wohl, dass es nicht mehr der Realwirtschaft dient. Statt Menschen dabei zu unterstützen, Wohlstand zu schaffen und den Fortschritt voranzutreiben, erzeugt das Bankenwesen Schuldenblasen und Systemkrisen. Diese führen zu einer Verschwendung von Ressourcen und stoßender wirtschaftlicher Ungerechtigkeit.
Unsere Gesellschaft wird immens davon profitieren, wenn es unser Finanzsystem wieder in den Dienst der Realwirtschaft stellt. Mit dem Ende der Banken werden wir erst ein wirklich funktionierendes digitales Finanzsystem schaffen. Das wird uns in die Lage versetzen, die großen gesellschaftlichen und ökologischen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts erfolgreich zu meistern.

Wird das finanzielle Risiko einer Krise gerechter verteilt, wenn es keine Banken mehr gibt, für die im Zweifel die Staaten bürgen?

Jonathan McMillan: Ja. Unsere Lösung zielt darauf ab, dass kein Unternehmen mehr systemische finanzielle Risiken eingehen darf, welche im Krisenfall die gesamte Wirtschaft mit in den Abgrund reißen. Staatsrettungen von Finanzinstitutionen, die sich verspekuliert haben, werden damit der Vergangenheit angehören.
Wir sind überzeugt vom Wohlfahrtspotenzial einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung. Das bedingt aber, dass Menschen und Unternehmen Verantwortung für ihre Entscheidungen übernehmen müssen. Freiheit ohne Verantwortung funktioniert nicht. Im Finanzsystem bedeutet das, dass diejenigen, welche sich für eine Investition entscheiden und im positiven Fall einen Gewinn einfahren, im Krisenfall auch die Verluste tragen müssen.
Heute erlauben wir es den Banken, systemische Risiken einzugehen, welche sie selber nicht tragen können. Dies ist einer freiheitlichen Wirtschaftsordnung nicht nur unwürdig, sondern auch ungerecht. In »Das Ende der Banken« geht es letzten Endes um elementare Gerechtigkeits- und Freiheitsprinzipien.

Das Ende der Banken ist der Anfang von ..?

Jonathan McMillan: einer freiheitlichen, gerechten, und stabilen Wirtschaftsordnung.
Was die Französische Revolution für die Gesellschaftsordnung bedeutete, wird das Ende der Banken für die Wirtschaftsordnung bedeuten. Die heutige »Standesgesellschaft« der Wirtschaft schanzt dem Bankensektor unermessliche Privilegien zu, welche sachlich einfach nicht mehr gerechtfertigt sind. Es ist Zeit, dem ein Ende zu bereiten.

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Der Autor

Hinter dem Pseudonym Jonathan McMillan stehen zwei Schweizer Ökonomen. Der eine ist Dr. Jürg Müller. Er arbeitet als Wirtschaftsredakteur für die Neue Zürcher Zeitung. Der andere ist als Banker in London, New York und Zürich tätig und will anonym bleiben. Sie haben ihr Buch zunächst auf Englisch veröffentlicht und damit ein breites Publikum erreicht. Nun erscheint es u. a. auch in Spanien, Italien, Russland, Brasilien und Japan.

 

 

20.02.2018

Wirtschaft & Gesellschaft

Das Ende der Banken
Das Ende der Banken
Hardcover gebunden
26,00 € inkl. Mwst.