Finanzen

»Geldanlage ist keine Raketenwissenschaft«

Christian Thiel hat den Index geschlagen! Wie das geht und wie auch Kleinanleger große Gewinne erzielen, erklärt er im Interview mit campus.de

Privatanleger, Erben, Risikobewusste – für wen haben Sie ihr Buch »Schatz, ich habe den Index geschlagen!« geschrieben?

Christian Thiel: Zunächst einmal will ich die Menschen mit interessanten Geschichten unterhalten. Börsenbücher können schrecklich langweilig sein – das wollte ich vermeiden. Bei mir lesen Sie von der reichen Erbin, die nicht weiß, was sie mit den Aktien machen soll, die sie von ihrem Vater geerbt hat. Oder Sie hören die Geschichte des Mannes, der mit riskanten Börsengeschäften jedes Jahr tausende Euro in den Sand setzt. Das passiert vielen Männern. Sie gehen hohe Risiken ein und verdienen am Ende nichts. Frauen sind da oft viel klüger.
Ich glaube, wir alle sollten uns mehr mit Geldanlage beschäftigen. Das Thema sollten wir nicht den Banken und den Versicherungen überlassen. Und so schwer ist das alles ja gar nicht. Geldanlage ist ja keine Raketenwissenschaft. Wer schon seit Jahren denkt, »Ich müsste mich mal mit meinem Geld beschäftigen und mit dem Sparen fürs Alter«, für den ist mein Buch genau richtig.


In der Regel erzielen Privatanleger weniger Gewinn als der Index. Sie haben den Index geschlagen – was haben Sie anders gemacht?

Christian Thiel: Ich habe mich wirklich intensiv mit den Aktien beschäftigt, die ich gekauft habe. Und dann habe ich sie auch nicht gleich frustriert verkauft, nur weil sie mal einige Monate nicht stiegen oder gar gefallen sind. Auch eine gute Aktie wie etwa Amazon kann fallen – und genau das ist mir auch passiert. Ich habe sie aber gehalten und am Ende war sie einer der größten Gewinner im Depot. Wer in Aktien anlegt, der braucht nicht nur Wissen, sondern auch Geduld. Viel Geduld.

 

Wissen ist Geld? Wie entscheidend ist es, sich genau über die Firmen zu informieren, in die man investiert?

Christian Thiel: Völlig unnötig. Sie müssen ja nicht in Einzelaktien investieren wie ich. Wer es sich einfach machen will, der kauft zwei oder drei ETFs, also Fonds, die schlicht alle Aktien aus einem Index enthalten – und Ruhe ist. Sie kaufen zum Beispiel einen ETF auf den MDAX – und schon besitzen sie auf diese Weise 50 mittelgroße deutsche Firmen. Und dann kaufen Sie für den gleichen Betrag noch den amerikanischen Index Standard & Poor‘s 500 – und auf einen Schlag sind sie an 500 der größten und innovativsten Firmen der Welt beteiligt. Was die im Einzelnen machen, das ist bei diesem Vorgehen völlig einerlei. Wer unbedingt Einzelaktien kaufen will, der sollte sich mit den Unternehmen beschäftigen, die er kauft. Ich kenne einige, die haben vor drei oder fünf Jahren Aktien von EON gekauft – ohne sich je zu fragen, ob das ein gutes Unternehmen ist mit hinreichend Wachstum in den nächsten Jahren. So etwas endet oft in sehr hohen Verlusten.


Viele Menschen halten Immobilien für ein sicheres Investment. Sie sagen, es ist weniger sicher und rentabel als wir glauben. Wieso?

Christian Thiel: Die Zahlen sind ernüchternd. Für die meisten Menschen ist es lohnender zu mieten und das Geld, das sie sparen in Aktien oder Anleihen zu stecken. Immobilien können im Durchschnitt über lange Zeiträume zumindest mit der Inflation mithalten und darüber hinaus nur noch ein kleines Plus von etwa 0,8 Prozent erwirtschaften.
In vielen Teilen Deutschlands fallen die Immobilienpreise allerdings ständig. Wer dort baut, der hat vielleicht ein schönes Haus in dem er sich wohl fühlt. Eine Form der Geldanlage ist das allerdings nicht. Darüber sollte man sich klar sein.


Kann man aus den Lehren der »alten« Börsengurus für heute überhaupt noch etwas lernen?

Christian Thiel: Aber ja! Die haben sich eine Menge Gedanken darüber gemacht, wie eine Geldanlage in Aktien wirklich funktioniert – und wie nicht. Also zum Beispiel warnen sie uns eindringlich, ständig zu kaufen und zu verkaufen, weil Anleger auf diese Weise sehr hohe Kosten haben. Und sie warnen auch deshalb, weil Privatanleger gerade dann verkaufen, wenn Aktien billig sind – und kaufen, wenn sie teuer sind. Das ist der Herdentrieb des Menschen. Wenn gerade alle glauben, dass Aktien gut sind und in sie anlegen wollen, dann sind sie in der Regel teuer. Sie sind schon lange gestiegen – und wer jetzt kauft, der kauft mit dem größten Risiko. Die richtigen Börsenlegenden, wie Warren Buffett, kaufen dann schon lange nicht mehr.


Was sagen Sie jemandem, der sich bisher nicht getraut hat, in Aktien zu investieren?

Christian Thiel: Ich kann das gut verstehen. Wir sind mit anderen Anlagen auch viel vertrauter als mit der Aktie. Deutschland hat keine Aktienkultur. Deutschland hat allerdings eine tief sitzende Angstkultur. Da hilft dann ein Blick auf die langfristige Entwicklung von Aktien, Gold und Anleihen. Wer sich das in aller Ruhe anschaut der sieht: Aktien sind eine gute Wahl für den Vermögensaufbau. Sie bringen nach Abzug der Inflation um die 6 Prozent und damit deutlich mehr als jede andere Form der Geldanlage.
Wenn Sie sich zum Beispiel den Verfall des Goldpreises in den letzten fünf Jahren anschauen oder in der Zeit von 1981 bis 2001, dann sehen Sie: So ein Angst-Kauf kann absolut ruinös sein. Gold ist damals 20 Jahre lange gefallen und erst wieder gestiegen, als auch die letzten Gold-Fans frustriert aufgegeben hatten.

Warum machen Sie um Bankberater seit Jahren einen großen Bogen?
Christian Thiel: Die Banken wollen verkaufen. Sie bevorzugen dabei Produkte, die der Bank viel einbringen. Die Mitarbeiter dort müssten also – wie in jedem Geschäft auch – Verkäufer heißen. Im Grunde ist es unseriös, dass eine Bank damit wirbt, dass sie ihre Kunden berät. Das tut sie genau nicht. Sie will ihnen etwas verkaufen. Und das ist sicher zum Vorteil der Bank – aber nicht zu Ihrem und nicht zu meinem.

 

Zum Autor

Christian Thiel beschäftigt sich seit 18 Jahren mit der Börse. Seiner Leidenschaft für die Welt der Geldanlage frönte er bislang auf seinem Blog "Großmutters Sparstrumpf" (grossmutters-sparstrumpf.de). Er lebt als Single- und Paarberater und Buchautor mit seiner Frau und seinen zwei Kindern in Berlin.

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16.02.2017

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"Schatz, ich habe den Index geschlagen!"
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