Wirtschaft und Gesellschaft

Wer zwei Stunden täglich im Büro online shoppen geht, könnte ohne Überforderung in diesen zwei Stunden etwas Produktives tun.«

Prof. Dr.-Ing. Evi Hartmann hat die Elite ohne Ambition satt, die trotz Klimarettung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit den Hintern nicht hochkriegt. Ein Interview.

 

»Ihr kriegt den Arsch nicht hoch« – ein drastischer Titel. Ist es Zeit für einen Weckruf?

Evi Hartmann: Absolut. Wegen der Herausforderungen, die vor uns liegen: Klimarettung, Digitalisierung, Nachhaltigkeit, 4. Industrielle Revolution. Diese und viele anderen großen Aufgaben fordern ja nicht »nur« die Wirtschaft, sondern unsere gesamte Gesellschaft. Eigentlich müssten wir alle mit vollem Einsatz daran arbeiten – aber was machen große Teile von Gesellschaft, Belegschaften und Management? Dienst nach Vorschrift, politische Spielchen, Zaudern und Zögern. Der Soziologe Robert Paulsen zeigt in seiner Forschung zur Arbeitsmoral, dass viele Menschen, vom einfachen Arbeiter bis zum Topmanager, im Schnitt zusammengerechnet zwei Stunden täglich »Idle Time« bei der Arbeit einlegen, also nichts tun, was mit der eigentlichen Arbeit zu tun hätte. Mit solchen wilden Auszeiten bewältigen wir die aktuellen Herausforderungen nicht.

 

Sie sprechen in Ihrem Buch über eine Pseudo-Elite, die im »Bloß nicht überarbeiten«-Modus feststeckt. Wen meinen Sie damit?

Evi Hartmann: All jene, die weniger leisten als sie könnten. Wer zwei Stunden täglich im Büro online shoppen geht oder sich auf Facebook herumtreibt, könnte ohne jegliche persönliche Überforderung in diesen zwei Stunden etwas Produktives tun. Was diese Leistungsvermeider zur Pseudo-Elite macht, ist die Art, wie sie sich über jene erheben, die ihre liegengebliebenen Aufgaben dann übernehmen müssen. Sie sind nicht dankbar dafür, dass andere ihren Dreck wegräumen, sondern kritisieren Leistungsträger auch noch dafür, trivialisieren deren Leistung und legen ihnen Steine in den Weg.

Wen wir ehrlich sind, kennen wir das alle: Irgendeine Aufgabe in der Familie, im Verein oder bei der Arbeit muss dringend angepackt werden. Zwei packen auch aktiv an, aber vier stehen rum, diskutieren noch, haben plötzlich was anderes zu tun oder sind sich von vorne herein zu gut für harte Arbeit. Was passiert? Die üblichen Schaffer und Macher müssen das mal wieder alleine stemmen. Aber hinterher profilieren sich die Abseiler dann mit dem fremden Erfolg. Wohlgemerkt: Unter Leistungsvermeidern verstehe ich nicht jene, die von einer Aufgabe überfordert oder einfach überlastet sind. Sondern jene, die absolut fähig und in der Lage wären, Herausragendes zu leisten, aber lieber Dienst nach Vorschrift und Freizeitoptimierung betreiben. Sie machen sich einen lauen Lenz auf unser aller Kosten.

 

Wirtschaftlich und gesellschaftlich stehen wir derzeit vor großen Herausforderungen. Dennoch gibt es ihrer Ansicht nach immer mehr Leistungsvermeider, die es sich auf Kosten der Verantwortungsbewussten gemütlich machen. Wohin führt uns das?

Evi Hartmann: Im schlimmsten Fall zu einem Scheitern an diesen brennenden Herausforderungen: Die Klimakapriolen mehren sich, Küstenländer und Inselstaaten versinken im Meer, Deutschland wird bei der Digitalisierung abgehängt – um nur einige der Folgen zu nennen. Außerdem kann die Leistungsvermeidung sich zur Epidemie auswachsen: Je leistungsfeindlicher unsere Kultur wird, desto weniger haben irgendwann auch die Leistungsträger Lust, sozusagen gegen den Strom der herrschenden Unkultur auch weiterhin Leistung zu zeigen. Wenn auch sie noch resignieren und die Flinte ins Korn werfen, stehen uns düstere Zeiten bevor.

 

Hat unsere Gesellschaft aus Ihrer Sicht ein grundsätzliches Problem mit Leistung?

Evi Hartmann: Das hat sie. Nämlich in jenen Teilen, in denen es nicht um Leistung geht, sondern um »Lass gut sein, das tut’s doch auch so!«, »Nimm’s bloß nicht so genau!«, »Das reicht locker!«, »Das merkt der Kunde sowieso nicht!« oder »Das können wir auch noch später irgendwann mal machen!« Wir alle kennen diese Abseiler-Sprüche, weil wir sie täglich hören. Wo immer wir sie hören, bewegen wir uns am Rande eines Milieus, einer Subkultur, der es nicht um Leistung, sondern um Durchwursteln geht. Ich weiß nicht, wie Sie sich dabei fühlen, aber mich bringt es auf die Palme, wenn ich mich in eine Aufgabe voll reinknie und links und rechts neben mir machen sich andere einen faulen Tag – auf meine Kosten und auf Kosten dessen, was am Ende dabei herauskommen soll.

 

Sie entwickeln in Ihrem Buch mehrere Zukunftsszenarien. Welches wäre Ihnen das liebste?

Evi Hartmann: Das Szenario der friedlichen Koexistenz: Nicht die Leistungsträger haben die Pseudo-Elite besiegt oder umgekehrt. Vielmehr leben beide friedlich miteinander. Weil alle offen miteinander kommunizieren und niemand seine Leistung oder Schonung verstecken muss. Der »Abseiler« muss sich dann eben nicht mit einer fadenscheinigen Ausrede klammheimlich vor anstehenden Aufgaben »abseilen« und sie den Leistungswilligen hinterrücks aufdrücken. Nein, er kann frank und frei sagen: »Kolleginnen, Kollegen – ein andermal gerne. Aber in den nächsten Wochen bereite ich mich auf den Frankfurt-Marathon vor und kann mich deshalb nicht in so eine anspruchsvolle Aufgabe stürzen.« Und alle akzeptieren das! Weil Leistungsgerechtigkeit herrscht: Der Leistungsträger, der dann für den Marathonläufer dessen Arbeiten übernimmt, kassiert danach vom Marathonläufer dafür auch die gebührende Anerkennung und dessen Bonusanteil. Der Marathonläufer akzeptiert das seinerseits und mosert nicht pseudo-elitär: »Warum kriegt der einen Bonus und ich nicht?«

 

Wie stehen Sie persönlich zum Begriff Work-Life-Balance?

Evi Hartmann: Ein etwas unglücklicher Begriff, der inzwischen aus der Mode geraten ist, weil er am Ende falsch interpretiert wurde: Work versus Life, entweder – oder. Also entweder leben wir oder arbeiten wir. Diese postulierte Dichotomie forderte praktisch zur maximalen Arbeitsvermeidung auf, ohne den versprochenen Nutzen zu bringen: Der Kampf gegen die Arbeit verbrauchte am Ende mehr Kraft und Nerven als die Arbeit einfach zu erledigen.  Deshalb spricht man heute eher von Work-Life-Integration. Es ist kein Gegeneinander mehr, sondern ein Miteinander. Es geht darum, wie man Arbeit und Privates am besten in ein erfüllendes Leben integriert. Die Kurzformel lautet: Life = Work + X. Wobei X alles sein kann, was dem Einzelnen Sinn stiftet. In dieser Wahl sind wir frei. Diese Formel verleiht ein Höchstmaß an Autonomie: Ich bin selber für die Gestaltung von Formel und Ergebnis verantwortlich. Ich kann die Integration und damit meine Balance und Lebenszufriedenheit selbst gestalten.

 

Prof. Dr.-Ing. Evi Hartmann ist Inhaberin des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insbesondere Supply Chain Management, an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Sie forscht und lehrt intensiv an der Schnittstelle zwischen Wissenschaft und Wirtschaft, ist Mitglied im Netzwerk GenerationCEO für Frauen in Führungspositionen, Mutter von vier Kindern und lebt in Frankfurt am Main.

 

08.03.2018

Wirtschaft & Gesellschaft

Ihr kriegt den Arsch nicht hoch
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