Wirtschaft und Gesellschaft

»Wirtschaft und Gesellschaft sind außer ›Rand und Band‹«.

Die Wirtschaft sind wir alle. Und diese Wirtschaft ist krank, sagen Prof. Dr. Christian Scholz und Prof. Dr. Joachim Zentes. In ihrem Buch »Schizo-Wirtschaft« beleuchten sie das Problem und fordern uns zum radikalen Umdenken auf. Einen exklusiven Vorgeschmack auf die Symptome der Schizo-Gesellschaft gibt es hier im Interview auf campus.de.

Christian Scholz

Joachim Zentes

Unternehmen präsentieren sich und ihre Produkte gerne als nachhaltig. In der Realität sind sie es indes nur selten. Kunden bezeichnen sich als sozial und ökologisch, doch in der Welt der Waren verhalten sich die meisten verantwortungslos. Sind wir alle krank?

Scholz/Zentes: Ja, wenn man richtigerweise »krank« als Ausdruck tiefgreifender innerer Verwerfungen, Widersprüche, Ungereimtheiten versteht. Resultat dieser Pathologien ist dann ein Fehlverhalten mit gespaltenen Akteuren, was zu Irrwegen und letztlich zu einer Schizo-Wirtschaft oder noch umfassender zu einer Schizo-Gesellschaft führt.

 

Worin sehen Sie den Ursprung dieser »Schizo-Wirtschaft«?

Scholz/Zentes:  Den Ursprung der Schizo-Wirtschaft sehen wir in den zunehmenden inneren Widersprüchlichkeiten: Unternehmer, Verbraucher, Mitarbeiter, Politiker und Medienschaffende agieren anders, als sie dies nach außen äußern. Sie messen das Tun anderer an Maßstäben, die sie selbst aber nicht einhalten.

 

Häufig stehen große Unternehmen in der Kritik, verantwortungslos zu handeln. Sie stören sich aber auch an den Mitarbeitern, die sich bei der Gewinnverteilung als Teil des Unternehmens empfinden, bei der Übernahme von Verantwortung aber energisch abwinken. Wie motiviert man Mitarbeiter stärker zur Verantwortung?

Scholz/Zentes:  Hinter dieser Frage steckt ein typisches Beispiel für schizoides Verhalten, wenn ein Unternehmen verantwortungslos handelt, aber gleichzeitig von Mitarbeitern verlangt, Verantwortung zu übernehmen. In diesem Kontext kann ein Unternehmen Mitarbeiter nur schwer zur Übernahme von Verantwortung motivieren. Deshalb müssen als erstes die Unternehmen selber sich Mitarbeitern gegenüber verantwortungsbewusster verhalten. 

 

Sie fordern ein radikales Umdenken aller Wirtschaftsakteure. Was heißt das konkret?

Scholz/Zentes: Am Beispiel der Unternehmen kann man dies wieder gut verdeutlichen: Unternehmen müssen zukünftig Gewinn als das legitime Ergebnis ihrer wirtschaftlichen Aktivitäten betrachten, nicht aber als das primäre Ziel. Die primären Ziele des Wirtschaftens ergeben sich aus den Menschen und aus unserer Umwelt. Erst dieses konsequente Ausrichten an »People« und »Planet« führt zu »Profit«. Diese Denkhaltung bezeichnen wir als das Saarbrücker PPP-Modell und sehen in ihr einen ersten Schritt,  uns etwas von der Schizo-Wirtschaft zu entfernen.

 

Sie sprechen von einer »Marktdynamik auf Selbstzerstörungskurs«. Was passiert, wenn jetzt nichts passiert?

Scholz/Zentes: Wirtschaft und Gesellschaft sind außer »Rand und Band«. Dieser Prozess würde sich noch verschlimmern: Zunehmende Preisaggressivität mit der Folge eines ökologisch und sozial unerträglichen Drucks auf die gesamte Wertschöpfungskette ist zu erwarten. Die weiteren Folgen wären dann intensiverer Arbeitsplatzabbau in Europa und damit Zunahme der Arbeitslosigkeit sowie der sozialen Verwerfungen. Soziale Unruhen im großen Stil sind dann ebenso wenig auszuschließen wie eine extrem weitreichende politische Destabilisierung.

 

Wenn wir hier und heute mit dem Umdenken anfangen möchten. Womit sollten wir beginnen?

Scholz/Zentes: Das Wichtigste überhaupt ist, dass sich gesellschaftliche Akteure, wie Unternehmen, Verbraucher, Mitarbeiter, Politiker und Medienschaffende ihrer Verantwortung für ihre Gesellschaft bewusst werden. Sie müssen über ihr eigenes Verhalten nachdenken, also nicht mehr primär den Veränderungsdruck nur bei anderen Akteuren sehen. Dieses Umdenken ist sicherlich die größte Hürde, die es auf dem Weg zum Andershandeln zu überwinden gilt.

Die Autoren:

Christian Scholz und Joachim Zentes sind Professoren für Betriebswirtschaftslehre an der Universität des Saarlandes und Direktoren des Europa-Instituts der Universität. Sie leiten das dortige MBA-Programm. Daneben ist Christian Scholz Direktor des Instituts für Managementkompetenz (imk), schreibt seine Kolumnen und bloggt als »Per Anhalter durch die Arbeitswelt«.

 

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09.03.2015

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