Reinhard K. Sprenger
Die Entscheidung liegt bei dir!
Wege aus der alltäglichen Unzufriedenheit
Nur zu schnell richten wir uns ein in der alltäglichen Unzufriedenheit und fühlen uns als ohnmächtiges Opfer der Sachzwänge. Aber ein gelungenes Leben ist keine Glückssache, es verlangt vielmehr selbstverantwortliches und entschiedenes Handeln. Wie man sein Glück in die eigenen Hände nimmt, zeigt Reinhard K. Sprenger in diesem aufrüttelnden Buch. Denn es ist Zeit, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse ernst zu nehmen, Spielräume zu erkennen und Verantwortung für das eigene - das einzige - Leben zu übernehmen.
Auch als App erhältlich. Hier geht´s zum App-Store.
Reinhard K. Sprenger
Dr. Reinhard K. Sprenger, promovierter Philosoph, gilt als profiliertester Management-Berater und Führungsexperte Deutschlands. Zu seinen Kunden zählen nahezu alle großen DAX-Unternehmen; er lebt in Zürich und Santa Fe, New Mexico. Sprenger ist bekannt als kritischer Denker, der nachdrücklich dazu auffordert, neues Denken und Handeln zu wagen.
mehr zum Autor
01.04.2011, Myself
Selbstverantwortung
"Sprengers Bestseller ist ein echter Augenöffner."
01.02.2010, Kleine Zeitung
Anleitung für ein perfektes Leben
"Raffiniert geschrieben und rasant erzählt."
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Die Macht der Wahlfreiheit
Ein Tag wie jeder andere
Mittwochmorgen. Sie sind gerade aufgestanden, und das einzig Ausgeschlafene in diesem Moment ist die "Einen wunderschönen guten Morgen!"-Stimme der Radiomode-ratorin, die das heutige Telefonspiel erklärt. Eine Reise nach Mauritius können Sie gewinnen, wenn Sie jetzt ganz schnell anrufen und den Werbespruch des Senders vor-singen. Auf Mauritius, tja, da wäre es jetzt wärmer. Dort bräuchten Sie nicht den Bericht zu schreiben, den der Chef Ihnen gestern zur "Überarbeitung" wieder auf den Schreibtisch gelegt hat. Und es würden nicht diese gelben Klebezettel an der Tür hängen: "Stromrechnung überwei-sen!", "Leere Flaschen wegbringen!" Der Wasserhahn tropft, und Sie erinnern sich dunkel, dass Sie sich schon vor drei Wochen darum kümmern wollten.
Ein Tag, nicht besser oder schlechter als die meisten in Ihrem Leben. Wenn Sie nach Hause kommen, werden Sie auf die immer gleiche Frage "Wie war's heute im Bü-ro?" die gleiche Antwort wie gestern und an den Tagen zuvor geben: "Wie immer."
Vielleicht haben Sie sich früher einmal alles anders vorgestellt. Aber das ist lange her. Es hat sich halt so er-geben. Fast wie von selbst. Inzwischen wissen Sie, dass "man sich nach der Decke strecken muss". Sie funktio-nieren. Nur manchmal, wenn zusätzlich der Wagen nicht anspringt, der Mantel sich in der Autotür verklemmt und der Hausmeister Sie zum zehnten Mal daran erinnert, das Garagentor zu schließen, möchten Sie das alles abschüt-teln wie ein nasser Hund den Regen. Von wegen Mauriti-us!
Neben vielen kleinen Dingen, die einem das Leben schwer machen, gibt es noch die wirklich belastenden Probleme: Vor kurzem ist auch in Ihrem Unternehmen der Begriff Stellenabbau gefallen. "Sie wissen ja, wir sind in unserem Unternehmen eine große Familie. Und nun hat unser Familienoberhaupt einen Beschluss gefasst: Sie werden bald das Nest verlassen müssen." Wen wird es zuerst treffen? Welche Zukunft erwartet Sie, wenn Sie den Schwarzen Peter ziehen? In diesen Zeiten scheint es auf jeden Fall klug, sich ruhig zu verhalten und nicht un-angenehm aufzufallen. Vielleicht hätten Sie vor einem Jahr die Stelle in München annehmen sollen, die Ihnen angeboten worden war. Damals dachten Sie aber an die Kinder, denen Sie einen Umzug nicht zumuten wollten (sie hatten sich gerade gut eingewöhnt, die lang ersehn-ten Freunde gefunden - es ging einfach nicht!). Außer-dem war da das Häuschen, das Sie wenige Jahre zuvor gekauft und gerade fertig eingerichtet hatten.
Vielleicht sind es auch andere Lebensumstände, die Sie beschäftigen: Sie hetzen von einer Verpflichtung zur anderen und reiben sich auf. In Ihrer Beziehung kriselt es schon seit längerer Zeit. Die Kredite auf das Haus müs-sen abbezahlt werden. Die Schwiegermutter ist ein Pfle-gefall. Auf die Pflegestation eines Altenheims wollen Sie sie nicht abschieben, aber Sie haben schon länger keinen richtigen Urlaub mehr gemacht. Da sind möglicherweise die Folgen einer früheren Heirat. Die Unterhaltszahlun-gen. Als Alleinerziehende: Kochen, Waschen, Kinder betreuen, Geld verdienen. Vielleicht macht es Ihnen auch einfach zu schaffen, dass Sie die großen Ziele aufgege-ben haben und Ihre Lebensträume nun im Kino verwirk-licht sehen.
"Ja, wenn …", fangen Sie dann an und zählen all die Umstände, Sachzwänge, Verpflichtungen auf, aus denen die Routine Ihres Alltags besteht und auf die Sie am liebs-ten sofort verzichten würden. Eine lange Liste? Und eins passt irgendwie zum anderen? Bis Sie am Ende wieder überzeugt sind, dass das alles so sein muss und Sie gar nicht anders können? Nicht, weil Sie es so wollen, son-dern weil "die Umstände" so und nicht anders sind?
Ich möchte den Eingangsgedanken dieses Buches wieder aufgreifen und zuspitzen: Sie haben Ihr Leben, so wie es jetzt ist, frei gewählt. Diesen Alltag, diesen Job, diesen Chef, diese Kollegen, diese Wohnung, diese Stadt, diesen Partner (oder auch Ihr Single-Dasein) - all das und alle anderen Umstände sowie Begleitumstände Ihres Lebens: Sie haben sie gewählt. Dafür sind Sie ver-antwortlich. Und nur Sie. Egal, welche Motive Sie hatten, einerlei, was Sie bewog: Sie haben es sich ausgesucht. Sie haben alles, was jetzt ist, entschieden und damit selbst gewählt - und Sie können all dies auch wieder ab-wählen. Dafür wäre dann wieder ein Preis zu zahlen. Wie hoch der ist, entscheiden nur Sie selbst.
So lässt sich unsere Wahl-Freiheit zusammenfassen:
1. Sie können alles tun.
2. Alles hat Konsequenzen.
Einfache, klare Sätze. Aber offenbar schwer verdaulich. Ich habe bis heute nahezu ausschließlich Menschen ken-nen gelernt, die zwar - einerseits - alles tun wollen, aber - andererseits - den Preis dafür nicht zahlen wollen. Mit jeder Wahl sind aber zwangsläufig bestimmte Auswirkun-gen verbunden, die wir gleichzeitig mitwählen. Es gibt keinen Trick in der Welt, der es uns erlaubt, diesen Kon-sequenzen auszuweichen. Aber genau das scheinen alle zu erwarten. Und wenn das nicht gelingt, nicht gelingen kann, fangen sie an zu jammern.
Ein wunderbares Geschenk
Jede Ameise weiß, was sie zu tun hat, sobald sie dem Ei entschlüpft ist. Sie hat - wie alle Tiere - ein festes Pro-gramm, nach dem sie lebt. Sie hat einen Instinkt, der ihr auf jeden Reiz unverrückbar die Reaktion vorgibt.
Anders der Mensch. Er folgt keinem Schema F. Er wird nicht einfach von Instinkten gesteuert. Er ist frei - das heißt, er kann wählen, was er in einer bestimmten Situati-on tut. Ein Tier verhält sich, der Mensch handelt. Eigent-lich ein wunderbares Geschenk, oder?
Das Problem ist: Die meisten Menschen haben verges-sen, dass sie wählen. Sogar täglich wählen. Sie verges-sen einfach, dass sie sich für diese Lebensumstände täg-lich neu entscheiden. Dass sie sie auch abwählen könn-ten, wenn sie wollten, und es aus Gründen nicht tun, für die nur sie selbst verantwortlich sind. Dass sie diesen Ehepartner, der vielleicht schon länger nicht mehr ihre Leidenschaft entfacht, jeden Tag wieder und wieder wäh-len. Dass sie zu diesem Chef, über den sie sich mit perio-discher Regelmäßigkeit bis zur Weißglut ärgern, jeden Tag Ja sagen. Ebenso den Stau, in dem sie jeden Mor-gen stehen. Die Vereinskollegen, die so furchtbar lahm sind und überhaupt nicht aus den Sträuchern kommen - sie wählen sie täglich. Ihr Übergewicht, auch das wählen sie täglich. Das Gehalt, das natürlich immer ein wenig zu niedrig ist, auch das wählt jeder an jedem letzten oder ersten des Monats.
Am Beispiel der eingangs angesprochenen Situation des Bücherlesens heißt das: Was Sie momentan eigent-lich tun wollen, ist - dieses Buch zu lesen! Wenn Sie et-was "eigentlicher" wollten, würden Sie es tun. Mehr noch: Es gibt in Ihrem Leben im Augenblick nichts Wichti-geres, als dieses Buch zu lesen.
Eine etwas vollmundige Behauptung? Prüfen Sie den Gedanken: Wenn es etwas Wichtigeres gäbe, würden Sie es schlicht tun. Sie würden keine Sekunde zögern. Sie würden jetzt das Buch zur Seite legen. Niemand könnte Sie aufhalten. Wenn Sie also weiterlesen, dann haben Sie Preise verglichen, sich entschieden, es sich ausgesucht.
Das, was Ihr Leben im Moment ausmacht, ist der Weg, den Sie gewählt haben. Es gibt immer auch einen ande-ren Weg, etwas zu tun. Meistens auch mehr als einen. Doch viele halten an einer Methode fest, ein Ziel zu errei-chen oder ein Problem zu lösen. Sie kommen gar nicht auf die Idee, einen anderen, vielleicht den eigenen, den besonderen Weg zu gehen. Statt es auf eine alternative Weise anzugehen, verdoppeln sie ihre Anstrengungen. Und wenn es dann nicht funktioniert, resignieren sie. Schließlich geben sie auf. Dabei liegt die Wahl immer in ihrer Hand.
Hinter selbst gewählten Gittern
"›Lass dich doch krankschreiben‹, haben ihr die De-monstranten zugerufen, als sie ihren Dienst in Dannen-berg angetreten hat. Doch daran habe sie keine Sekunde gedacht, sagt Tanja B. Seit Freitag ist die 22 Jahre alte Polizeimeisterin im Einsatz, um dafür zu sorgen, dass der Castor-Transport sicher ins niedersächsische Gorleben gelangen kann.
Dass sie ihre Pflicht erfüllt, bedeutet freilich nicht, dass sie von ihrer Aufgabe überzeugt ist. ›Wenn ich die Wahl hätte, würde ich lieber demonstrieren als den Castor ver-teidigen‹, sagt Tanja B., die zum ersten Mal bei dem Transport dabei ist. Denn sie ist sich sicher, dass radioak-tive Strahlung aus den sechs Behältern dringt und der Umgebung Schaden bringt. Doch sie hat nicht die Wahl, und deswegen muss sie nun jene, die ihrer Ansicht nach Recht haben, zurückdrängen." (FAZ, Nr. 54 vom 5.3.97)
Dieses Zitat aus einem Zeitungsartikel zeigt besser als jede theoretische Herleitung, wie wir uns programmiert haben. Tanja B. glaubt, keine Wahl zu haben (was dienst-rechtlich falsch ist), und die angesehene Frankfurter All-gemeine Zeitung bestätigt die arme Polizistin: Keine Wahl! Sie ist wirklich zu bedauern! Und da Selbstverlet-zung den Samariter-Reflex des Publikums mobilisiert, lehnt sich der Leser seufzend zurück: "Is' auch wirklich 'ne arme Socke!"
Tatsache aber ist: Tanja B. hat Preise verglichen, und der Preis der Einsatzverweigerung war ihr zu hoch. Viel-leicht wäre ihre Polizeikarriere ins Stocken gekommen. Vermutlich hätte sie sich den Spott ihrer Kollegen zuge-zogen. Sicher wollte sie nicht als feige gelten. All das wollte sie vermeiden. Das ist allemal verständlich, und auch ich kann ihr Dilemma lebhaft nachempfinden. Aber es ändert nichts an der Tatsache, dass sie sich entschie-den hat. Sie hatte die Wahl, und sie hat sich für eine der Möglichkeiten entschieden. Kein Grund also, sie zu be-dauern.
Viele Angestellte rechtfertigen beispielsweise ihre Versetzung in eine andere Stadt oder gar in ein anderes Land gegenüber ihrer Familie oft damit, dass sie "keine andere Wahl" gehabt hätten. Ich will nicht Entschei-dungsprozesse verharmlosen, die persönlich oft als dramatisches Wechselbad der Gefühle erlebt werden. Ich kenne diese innere Zerrissenheit aus eigener Erfah-rung und weiß, wie belastend sie ist. Wenn sie sich aber so entschieden haben und was immer sie dabei auch empfinden: Sie haben die Ansprüche ihrer Familie ab-gewählt zugunsten der Ansprüche ihres Unternehmens.
Vielleicht bedroht diese Klarheit ihr Rollenverständnis vom guten Vater oder der guten Mutter. Schließlich wollen sie als fürsorglicher Elternteil gelten. Da ist es nahelie-gend, auf einen bekannten Trick zurückzugreifen: Die anderen werden Verständnis haben, wenn sie erzählen, dass sie doch letztlich keine Wahl hatten. Doch! Die hat-ten sie. Sie wollen aber für ihre Entscheidung nicht gera-destehen. Wie Kinder, die glauben, nicht gesehen zu werden, wenn sie die Augen schließen.
Auf einer Zugfahrt kam ich mit einem städtischen Be-amten ins Gespräch, der sich über die weitaus besseren Verdienstmöglichkeiten in der Wirtschaft beklagte. Ich wandte ein: "Als Sie Beamter wurden, wussten Sie doch, dass Sie mit dieser Wahl das Gelübde auf lebenslange Armut abgegeben haben. Außerdem können Sie doch jederzeit Ihren Beamtenstatus aufgeben und sich einen Job in der Wirtschaft suchen." "Aber die Arbeitsplatzsi-cherheit, der Leistungsdruck, die Pension …" "Aha!"
"Darf ich es in meinem Leben so haben, wie ich es gerne hätte?" Sie haben es so! Auch wenn es sich noch so hart anhört: Sie sind nicht gezwungen worden, Ihr Le-ben in der gerade praktizierten Form zu leben. Dem lie-gen Entscheidungen und damit abgelehnte Alternativen zugrunde. Mögen diese auch noch so abwegig sein. Im-mer dann, wenn Sie anfangen, über etwas zu lamentieren - dann haben Sie vergessen, dass Sie es sich ausge-sucht haben.
Preisvergleich
"Ich möchte dich gerne heiraten", sagt die Frau zu ihrem Geliebten. "Glaube mir, ich wünsche mir nichts sehnlicher auf dieser Welt. Aber ich kann mich nicht von meinem Mann trennen. Er würde es nicht überstehen. Er braucht mich. Ohne mich kann er nicht leben." Worte, die in so manchem Liebesdrama fallen und die Sie so ähnlich viel-leicht auch schon einmal gehört haben. Jedoch: Kann sich diese Frau nicht trennen? Ist es nicht die Loyalität gegenüber ihrem Mann und ihre Sorge um sein Wohlbe-finden, die sie bei ihm bleiben lassen? Hat sie sich nicht für bestimmte Werte und gegen andere entschieden?
Alle Menschen wollen ein gutes, ein gelungenes Leben führen. Aber nur wenige sind bereit, den Preis zu zahlen, der in der Regel dafür fällig ist. Sie sind nicht bereit, das Opfer zu bringen. Sich anzustrengen. Etwas anderes hintanzustellen. Eventuell sogar Regeln zu brechen, die ihnen Tradition und Erziehung mit auf den Weg gegeben haben. Wie oft träumen wir davon, alles stehen und liegen zu lassen: das langweilige Vorstadtdasein, die freudlose Arbeit, den Chef, der nicht sieht, was wir leisten, und stattdessen permanent Druck macht. Wäre es nicht toll, einfach einen Schnitt zu machen? Noch einmal völlig neu anzufangen? Am besten an einem anderen Ort? Wir spü-ren, welche Potenziale noch in uns schlummern und wie viel Energie wir freisetzen würden, wenn wir genügend Freiraum hätten.
Gerade Menschen in der Lebensmitte leiden häufig unter einer Art "Festlegung": Wenn nichts Entscheiden-des geschieht, werde ich die mir verbleibenden Lebens-jahre auf die immer gleiche Weise verbringen. Alle Ent-scheidungen sind -getroffen. Meine Ehe ist so, wie sie ist; mein Beruf steht ebenso fest … Zweifel nagen: War das alles richtig so? Hätte ich Besseres erreichen können, wenn ich mich anders entschieden hätte? Ist es jetzt zu spät, die Weichen neu zu stellen? War das jetzt schon alles?
Auch wenn es sich seltsam anhört: In jeder Sekunde unseres Lebens sind wir frei, alles über den Haufen zu werfen und neu zu beginnen. Dennoch schöpfen die meisten Menschen diese Freiheit nur selten aus, ja sie sind sich ihrer Freiheit gar nicht bewusst. Der Preis scheint zu hoch. Aber sind die Folgen einer Neuentschei-dung wirklich so schrecklich? Was würde schlimmsten-falls passieren, wenn Sie einen Strich zögen und zum Beispiel Ihren Job hinwerfen würden? Erwartet Sie die Arbeitslosigkeit? Fürchten Sie Statusverlust, einen Karrie-reknick? Würden Sie die Selbstachtung verlieren, weil Sie glaubten, versagt zu haben? Hätte das Wohlleben ein Ende? Müssten Sie vielleicht Ihr Auto verkaufen?
Oder was würde geschehen, wenn Sie jemandem die Freundschaft aufkündigten? Wenn Sie ihm in aller Deut-lichkeit sagten, dass Sie mit ihm nichts mehr zu tun haben wollen? Oder: Was, meinen Sie, wären die Folgen, wenn Sie etwas täten, das niemand in Ihrem Freundeskreis oder Ihrer Familie von Ihnen erwartet hätte? Fürchten Sie Liebesverlust? Dass die anderen Sie nicht mehr mögen? Wenn das zutrifft, dann ist es Ihnen wichtiger, von den anderen gemocht zu werden; es ist Ihnen wichtiger, als Ihr eigenes Leben zu leben. In Ordnung, dafür haben Sie sich entschieden.
Ich argumentiere hier nicht moralisch. Mir geht es um die Definition des Preises. Niemandem steht es an, für jemand anderen zu definieren, dass dieser oder jener Preis höher oder niedriger zu bewerten sei. Das ist aus-schließlich eine Frage der persönlichen Einschätzung.
Wofür der eine seinen Job kündigt, ringt dem anderen nur ein müdes Lächeln ab. Wofür der eine sein Leben hingibt, gilt dem anderen nichts. Auch wer sich umbringt, wählt die - aus seiner Sicht - bessere Alternative. Wenn Sie aber mit allen Gegebenheiten in Ihrem Alltag leben können, nur zum Beispiel nicht mit der Tatsache, dass Ihre Wohnung an einer viel befahrenen Straße liegt, dann gibt es Hunderte von Wohnungen, die ruhiger gelegen sind. Sie können dort hinziehen. Dafür ist dann ein Preis fällig. Auch wenn Sie mit allen Umständen in Ihrem Job leben können, nur nicht mit der Tatsache, dass Sie zu wenig Geld verdienen, dann gibt es zahlreiche Alternati-ven, die Ihnen ein Vielfaches einbringen. Auch dafür ist dann ein Preis fällig. Der neue Job ist vielleicht nicht so angenehm oder liegt in einer anderen Stadt und setzt sogar die Trennung von Ihrer Familie voraus. Vielleicht verlangt er Ihnen auch ab, sich die Hände schmutzig zu machen oder gar Ihre Haut zu Markte zu tragen. Das wol-len Sie nicht? Dann ist es Ihnen auch nicht wichtig genug, mehr Geld zu verdienen. Dann haben Sie sich dagegen entschieden.
Grundsätzlich gilt:
Wer sagt: "Ich kann nicht",
der will nicht.
"Das ist doch Theorie!" Ist es das? Alles nur Theorie? Das Argument trifft daneben, wobei ich weit entfernt bin, jemandem zu empfehlen, er solle seinen Job aufgeben. Viele Menschen indes haben sich im Laufe der Jahre derart im Wohlstand eingerichtet, dass schon allein die Verlustangst zur Zwangsjacke wird und die Freiheit der Wahl in unerreichbare Ferne rückt.
Konsequent gedacht: Man ist nicht bereit, die Annehm-lichkeiten zu opfern, auf der anderen Seite aber bereit, täglich zu einem verhassten Arbeitsplatz zurückzukehren und sich schikanieren zu lassen. Dieser Preis wird ge-zahlt, der andere nicht. Das ist die Entscheidung. Sie hät-te auch anders getroffen werden können.
Die kalten Duschen des Lebens
Oft erscheint nichts schwieriger, als eine klare, bewusste Entscheidung zu treffen. Wir werden kaum alle Auswir-kungen unserer Entscheidung gedanklich vorwegnehmen können. Wir sind fast immer gezwungen, aufgrund unvoll-ständiger Informationen zu wählen. Die vielen Möglichkei-ten liegen gewissermaßen hinter einer Milchglasscheibe. Oder, wie der Philosoph Immanuel Kant es einst aus-drückte: "Die Notwendigkeit zu entscheiden übersteigt die Möglichkeit zu erkennen." Warten auf uns vielleicht hin-terher noch mehr Pro-bleme als vor unserer Entschei-dung?
Außerdem sind wir natürlich äußeren Einflüssen aus-gesetzt. Wählen ist natürlich nur im Rahmen der Naturge-setze möglich; wir können das Gravitationsgesetz nicht außer Kraft setzen. Und die wenigsten von uns leben ein-sam auf einer Insel. Wir sind soziale Wesen und brau-chen andere, um unsere Ziele zu erreichen. Nicht zuletzt stoßen uns Ereignisse zu, die nicht im Bereich unserer Kontrolle liegen: politische, wirtschaftliche, gesundheitli-che. Oft tun wir uns auch einfach nur schwer mit den Konsequenzen unserer Entscheidungen. Sie sind nicht immer vorhersehbar und vor allem nicht immer ange-nehm. Ja, es gibt sie, die kalten Duschen des Lebens. "Das habe ich nicht gewählt", protestieren wir dann, "das ist mir zugestoßen!" Mag sein.
In einem erweiterten Sinne haben Sie aber die Konse-quenzen Ihrer Wahl der Möglichkeit nach alle mitgewählt. Das Leben ist immer lebensgefährlich. Der Philosoph Martin Heidegger schreibt: "Wenn der Mensch geboren ist, ist er bereit zu sterben." Wenn ich bei einem Erdbe-ben von der herabstürzenden Zimmerdecke erschlagen werde, so geht dem - so absurd es zunächst auch klin-gen mag - die Wahl voraus, in überdachten Räumen zu leben. (Einige Naturvölker weigern sich deshalb, Häuser zu betreten.) Oder die Klage über den sogenannten "Zu-fall", dass jemand an der nächsten Straßenecke überfah-ren wurde. So tragisch und traurig das im Einzelfall sein mag: Wenn jemand gewählt hat, am Straßenverkehr teil-zunehmen, hat er grundsätzlich auch die Möglichkeit mit-gewählt, überfahren zu werden.
Das mag manchem zu allgemein und grundsätzlich sein. Aber Sie werden sich kaum dem Gedanken ver-schließen können, dass Sie verschiedene Wahlmöglich-keiten haben, auf die Ereignisse zu reagieren. Dass Un-vorhersehbares auftritt, mag nicht Ihre Wahl sein. Wie Sie darauf reagieren, schon.
12.03.2012 in Bensheim
Die Entscheidung liegt bei Dir
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