Joachim Franz, Christof Kreimeyer, Uwe Kuntz
Das Hannibal-Prinzip
Mutig führen, menschlich bleiben
"Von Rom lernen, heißt siegen lernen" - aber von Hannibal? Von dem großen, antiken Feldherrn, der trotz seiner Erfolge letztlich Rom unterlag? Gerade wegen dieses Scheiterns unter schwierigsten Rahmenbedingungen sehen Joachim Franz, Christoph Kreimeyer und Uwe Kuntz in Hannibal eine ideale Leitfigur für moderne Manager. Ihr Führungskonzept basiert auf zentralen Werten, die Hannibal repräsentiert: Mut, Disziplin, Intelligenz, Vertrauen und Menschlichkeit. Wer heute erfolgreich führen will, muss diese Werte leben. Er muss mutig, verlässlich und vertrauensvoll vorangehen, damit er sein Team auch in Krisenzeiten "über den Berg" und das Unternehmen nach vorn bringen kann.
Joachim Franz
Joachim Franz, 2009 von Reader's Digest als Europäer des Jahres ausgezeichnet, gilt als einer der erfolgreichsten modernen Abenteurer, der es nicht nur schafft, zahlreiche Menschen bei seinen Aids-Awareness-Expeditionen zu motivieren, sondern als Trainer und Speaker auch Führungskräfte zum Nach- und Umdenken bringt.
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Christof Kreimeyer
Christof Kreimeyer ist Psychologe und Psychotherapeut und arbeitet u.a. als Berater, Coach und Trainer in Unternehmen.
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Uwe Kuntz
Uwe Kuntz ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Sparkasse Saarbrücken.
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Einleitung
Das grüne Tor zum Kilimanjaro National Park ragt hoch vor uns auf. Wir sind in Afrika, Tansania, und doch noch mitten in der Zivilisation mit ihren lauten Lastwagen, bunten Blechdächern und Plastikmüllsäcken. Wenn sich das rote Eisengitter hinter uns schließt, ändert sich ein für alle Mal alles. Wir tauchen in eine andere Welt ein.
Der Tropenwald nimmt uns gefangen mit einer schwülen, irren Hitze, die uns das Atmen schwer macht. Durch dichten Palmen- und Farnwald wandern wir langsam einen breiten Weg entlang, der noch so komfortabel ausgebaut ist wie ein Spazierweg im Saarland, von Kilometer zu Kilometer aber schmaler werden, uns durch Grasland führen und sich schließlich in eine ungefähre Route über Geröllwüs-ten und Steilhänge verwandeln wird.
Acht Manager haben sich auf das Abenteuer eingelassen, den Kilimandscharo zu besteigen. Nicht einer von ihnen trägt jetzt noch eine trockene Faser am Leib. Joachim Franz führt die Expedition an. Er sagt keinen Ton, geht einfach gleichmäßig voran, läuft in die Stille. Um die Mittagszeit schweigt der Tropenwald. Die Männer hören nichts als ihre eigenen Schritte und ihren Atem.
In diesem Schweigen liegt die Chance - und der Schock. Der Langstreckenflug, die holprige Fahrt mit dem Jeep, die erste Nacht in der behaglichen Meru View Lodge mit ihren orange getünchten Wänden, das war noch die Betriebsamkeit eines Abenteuerurlaubs, wie ihn jeder der Manager schon erlebt hat.
Aber jetzt sind die Mobiltelefone tot. Es gibt kein Fax, kein WLAN, keine Sekretärin, keine Espressomaschine. Keiner sagt mehr ein Wort. Der Wald raschelt, die Erde riecht nach Regen. Langsame Schritte, über Stunden, darauf reduziert sich die gesamte Existenz. Dankbarkeit für eine Pause, Wasser, Obst. Braucht man eigentlich mehr?
Abends fangen die Affen an zu schreien und zu toben. Die Finsternis in der Nacht ist viel schwärzer und der Himmel größer als der über Deutschlands Städten. Riesige Sterne, grenzenlose Galaxien zeigen sich über Afrika. Es wird sehr kalt.
Am Ende der ersten Etappe steht keine heiße Dusche, keine Toilette, kein Steak, kein Bier an der Bar, kein weiches Bett im Sternehotel. Stattdessen Reis und einfaches Gemüse, Tee und eine dünne Isomatte auf Geröllboden im Zweimann-Zelt. Afrika wird wahr.
Das sind die Rahmenbedingungen, in denen jeder brutal auf sich selbst zurückgeworfen wird - und auf die Gruppe. Mit der Anmeldung zu dieser Expedition hat jeder der Topmanager bereits Mut bewiesen. Jetzt heißt es: Durchhalten! Die eigene Angst aushalten und das Gefühl der Hilflosigkeit. Die bitteren Symptome der Höhenkrankheit durchstehen. Montezumas Rache überstehen. Völlig erschöpft vor einer riesigen, schwarzen Felswand stehen und wissen: Da muss ich jetzt hoch.
Der Kilimandscharo zeigt an jedem Tag der Etappe ein völlig anderes Bild. Mit der Veränderung der Natur vollzieht sich die eigene Veränderung. Die Gruppe wächst zusammen und entwickelt eine unglaubliche Solidarität. Wer schwächelt, wird von den anderen aufgefangen.
Nach und nach finden die Führungskräfte ihre Sprache wieder - doch es ist nicht mehr die Sprache der Meetings, der Vorträge, der professionellen Telefonate, der kurzen Anweisungen an die Assistentin. Es sind sehr persönliche Themen, die jetzt hochkommen: tiefe Zweifel am eigenen Führungsstil, an der eigenen Karriere und - ja, auch - an der eigenen Ehe und Familie. Trauer bricht sich Bahn da-rüber, wie ein Leben vordergründig so erfolgreich, doch tatsächlich so am echten Leben vorbei verlaufen kann. Es geht um elementare Themen:
Mut: Warum bin ich überhaupt zu dieser Expedition aufgebrochen? Was suche ich?
Disziplin: Was heißt für mich durchhalten? Bis zu welchem Punkt bin ich bereit und fähig, diese Tour zu gehen?
Intelligenz: Wie teile ich meine Ressourcen so ein, dass sie bis zum Gipfel reichen?
Vertrauen: Wie ordne ich mich als Manager in dieser Gruppe dem Expeditionsleiter unter? Gelingt es mir, ihm wirklich zu vertrauen?
Menschlichkeit: Kehre ich aus Solidarität mit einem anderen um - und verzichte für ihn auf meinen Gipfelsturm?
Glaubwürdigkeit: Was ist mir wirklich wichtig im Leben? Für was stehe ich authentisch ein? Wer bin ich eigentlich? Und wer möchte ich sein?
Und plötzlich ist der Gipfel nicht mehr wichtig. Der Weg ist wichtig, die Gemeinschaft und die gemeinsamen Werte. Und dass jeder heil nach Hause kommt.
Das war 2008. Lediglich zwei Teammitglieder haben den Gipfel erreicht. Doch jeder der Teilnehmer an dieser Expedition hat einen Veränderungsprozess durchlebt. Für einige begann er noch während der Tour, für andere später. Für manche verlief er geschmeidig, für andere dramatisch.
Die Idee zu dieser Kilimandscharo-Expedition haben wir gemeinsam entwickelt. Wir, das sind Joachim Franz, der seit vielen Jahren als Expeditionsleiter und Motivationstrainer aktiv ist, Christof Kreimeyer, Psychologe und Führungskräfte-Coach, und Uwe Kuntz, Vorstandsmitglied der Sparkasse Saarbrücken. Zusammen haben wir das Konzept auf ein theoretisches Fundament und unter das Motto Hannibal-Prinzip gestellt - und an den Anfang einer gesamten Expeditionsreihe. Jede der Expeditionen soll zu einem anderen Abenteuer führen und einen bestimmten Wert in den Mittelpunkt stellen - wobei sich die Ziele Jahr für Jahr ändern können:
Mut: Kilimandscharo
Disziplin: Finnland?/?Namibia
Intelligenz: La Réunion
Vertrauen: Südafrika
Menschlichkeit: Indien
Warum reisen wir durch die Welt, um uns mit Werten zu befassen? Zum einen sind wir davon überzeugt, dass sich neues Denken und neues Handeln am besten durch gezielte Irritation initiieren lassen. Nichts holt die Menschen besser aus ihrem Trott als Nacht und Nebel, Hitze und Kälte, Schnee und Wüste oder die Konfrontation mit ganz konkreter Not.
Zum anderen hat dies etwas mit der persönlichen Entwicklung von mir, Joachim Franz, zu tun. Viele Jahre bin ich als Extremsportler auf der Suche nach immer größeren Herausforderungen gewesen. Ich habe dabei einen hohen Status erreicht, aber ich bin nicht an dem Ziel angekommen, das ich gesucht habe. Das änderte sich, als ich meine Expeditionen mit dem weltweiten Kampf gegen HIV/Aids verbunden und ihnen damit einen tieferen Sinn gegeben habe. Sinn statt Status, darum geht es. Wenn ich heute mit Managern und Mitarbeitern Expeditionen unternehme, geht es auch hier um nichts anderes als die Suche nach Sinn - um die Suche nach Werten.
Warum interessieren wir uns überhaupt für Werte? Die Krise der Finanzmärkte in den Jahren 2008?/?2009 zeigte drastisch, wohin wir kommen, wenn wir unserem Streben keine Leitplanken geben. Wir müssen und wir möchten uns auf moralische Werte zurückbesinnen. Dass diese Einschätzung von vielen Menschen geteilt wird, zeigen Umfragen wie die von Egon Zehnder International bei Schweizer Unternehmensführern: Hier fordern einige CEOs eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte wie Ehrlichkeit, Bescheidenheit, Einsatz und Unternehmertum im Topmanagement. Charakter und Anstand kehren wieder in die Chefetagen zurück - zumindest wünschen sich das viele Führungskräfte.
Eine aktuelle Umfrage der GfK Marktforschung Nürnberg zeigt, dass die Mehrheit der befragten Deutschen (78,6 Prozent) sich im Moment lieber an bestimmten Werten orientieren als an Personen: sieben von zehn Bundesbürgern (70,5 Prozent) interessieren sich eher für die Moralvorstellungen von Vorbildern und weniger für die Personen an sich. Acht von zehn Befragten (83,3 Prozent) kritisieren, dass die meisten Menschen sich heutzutage eher fragwürdige Vorbilder, wie Models oder Popstars, aussuchen, und drei Viertel (73 Prozent) meinen denn auch, dass für sie Vorbilder vor allem "Helden des Alltags" seien. Mehr als jeder Zweite (56,3 Prozent) schreibt Vorbildern eine herausragende Funktion zu.
Wir brauchen Vorbilder. Sie geben Mut und Hoffnung, auch in schwierigen Situationen, sei es im Beruf oder im Privatleben.
Doch warum ausgerechnet Hannibal? Weil er für uns genau die Werte verkörpert, die Topmanager heute dringender brauchen denn je. Für uns schreiben wir, weil wir uns darüber bewusst sind, wie umstritten die historische Figur Hannibal ist und wie unklar die Quellenlage. Wir sind keine Historiker und erheben keinerlei Anspruch auf eine schlüssige, geschichtswissenschaftliche Analyse. Uns geht es um etwas völlig anderes:
Wir sehen Hannibal einerseits als herausragende Gestalt der antiken Geschichte, als historische Größe, die das Unmögliche gewagt hat: Mit einem unterlegenen Heer forderte er das Römische Reich heraus - die größte Militärmacht der damaligen Zeit - und zwang es beinahe zum Untergang.
Andererseits sehen wir Hannibal als Vision, Mythos und Ideal. Auf dieser Basis stellen wir Hannibals Persönlichkeit in den Vordergrund, zwar angelehnt an den historischen Hannibal, aber zugleich so weit von den (weitgehend unklaren) historischen Fakten entfernt, dass er als kraftvolles Idealbild die von uns herausgearbeiteten Wertvorstellungen illustrieren und Sie, lieber Leser und liebe Leserin, inspirieren und motivieren kann.
Und schließlich finden sich in der Figur Hannibals alle Autoren dieses Buches wieder:
Joachim Franz, der als Abenteurer und Expeditionsleiter regelmäßig Grenzsituationen erlebt, in denen er unter schwierigsten Rahmenbedingungen richtig entscheiden, Menschen motivieren und kraftvoll führen muss, und der als ehemaliger VW-Schichtarbeiter trotz zahlreicher Erfolge und Ehrungen immer mitten im Team und auf dem Boden der Tatsachen bleibt.
Christof Kreimeyer, der als Psychologe immer wieder Manager berät, die ihr Business als "Kriegsfeld" erleben, der sich intensiv und kritisch mit der Kunst des Krieges des chinesischen Militärstrategen und Philosophen Sun Tsu beschäftigt und sich auf dieser Basis der Führungsfigur Hannibal angenähert hat, der ein Berufsheer führte (kein Milizheer, wie das berühmte römische).
Uwe Kuntz, der sich als Vorstandsmitglied einer großen, regionalen Sparkasse einerseits intensiv mit den Anforderungen an moderne Führung in der Praxis und dem strategischen Wandel von Unternehmen auseinandersetzt und gleichzeitig den Mut hat, sich in abenteuerlichen Expeditionen mit Joachim Franz der Führung eines anderen anzuvertrauen.
Unser Buch ist ein Appell an alle Menschen mit Führungsaufgaben (in welchen Rahmenbedingungen und auf welcher Ebene auch immer), ihre ganz persönlichen Werte zu entdecken. Entdecken Sie Ihren Mut, Ihre Disziplin und Ihre Intelligenz, Herausforderungen zu bewältigen. Entdecken Sie die Wucht des Scheiterns - und die unglaubliche Kraft, danach anders weiterzugehen, und vielleicht besser. Entdecken Sie Ihr Vertrauen und Ihre Menschlichkeit im Umgang mit anderen Menschen. Je mehr Sie sich mit diesen Werten auseinandersetzen - sei es unter den extremen Rahmenbedingungen einer Expedition oder innerhalb eines Seminars in Ihrem Unternehmen (dazu müssen Sie nicht notwendigerweise den Kilimandscharo besteigen), desto stärker werden Sie in Ihrer Führungspersönlichkeit, und desto mehr Glaubwürdigkeit strahlen Sie aus.
In diesem Buch stellen wir Ihnen ein Führungsprinzip vor, das markante Aspekte aus dem Leben und Handeln Hannibals herausgreift, um Parallelen vorzuschlagen und zu diskutieren. Ja - wir wollen Sie, lieber Leser, liebe Leserin, mitten in die Diskussion hineinziehen. Die schillernde und historisch durchaus kontrovers beurteilte Figur Hannibals eignet sich nicht als Ausgangsbasis für glatte Postulate - gerade deshalb finden wir sie so spannend:
Im ersten Kapitel möchten wir Ihnen Hannibal als Grenzüberschreiter mit starkem Rückgrat vorstellen - und die zentralen Werte, für die er für uns steht: Mut, Disziplin und Strenge, Intelligenz und Klugheit, Vertrauen, Menschlichkeit und schließlich Glaubwürdigkeit.
Das zweite Kapitel setzt sich mit dem Phänomen des Helden auseinander. Welche Personen erleben und feiern wir als Helden? Warum tun wir das? Was können wir - auch und vor allem in der Welt der Wirtschaft - von Helden lernen? Und auf welche Irrwege schickt uns die Faszination, die von den "großen Männern" ausgeht?
Kapitel drei bietet Ihnen Einblicke in die Expeditionen von und mit Joachim Franz. Wir nehmen Sie mit auf den Kilimandscharo und nach Bolivien, zu eiskalten Nachtwanderungen und ans wärmende Lagerfeuer - und zeigen Ihnen, was passiert, wenn Führungskräfte gemeinsam Grenzen überschreiten.
Im vierten Kapitel entwickeln wir aus den bisherigen Kenntnissen und Erlebnissen mit Hannibal ein eigenes Führungsprinzip, das sich an Werten orientiert, auf Ziele fokussiert, neue Wege wagt, das Team konsequent in den Mittelpunkt stellt und die aktuelle Rolle der Führungskraft neu auslotet: zwischen der archaischen Vorstellung des Feldherrn (Hannibal) einerseits und der modernen Vorstellung des Impulsgebers im Netzwerk andererseits.
Das fünfte Kapitel schließlich wagt einen Brückenschlag von den diskutierten Werten zur aktuellen Debatte des Themas Nachhaltigkeit - das sich letztendlich als integraler Bestandteil des Hannibal-Prinzips und als Grundlage für erfolgreiches Wirtschaften erweist.
Wagen Sie die persönliche Reise zu Ihren Werten! Niemand weiß, wie sie genau für Sie aussehen wird, weil sie für jeden anders verläuft. Finden Sie es heraus. Sie können nur gewinnen - auch wenn Sie vielleicht nicht genau den Gipfel erreichen, den Sie ursprünglich im Blick hatten.
