Klaus-Rüdiger Mai
Die Bronzehändler
Eine verborgene Hochkultur im Herzen Europas
Die jüngsten archäologischen Funde gelten als Sensation: Sie belegen, dass mitten in Deutschland schon zur Zeit der griechischen Antike Menschen lebten, die Astronomie betrieben und Handelsbeziehungen bis nach Mesopotamien pflegten: eine Hochkultur vor unserer Haustür?
Die Himmelsscheibe von Nebra schlägt große Wogen unter Archäologen und Astronomen; das Sonnenobservatorium bei Goseck ist älter als Stonehenge. Klaus-Rüdiger Mai erzählt die spannende Entdeckungsgeschichte dieser und weiterer Funde. Er berichtet von verblüffenden Erkenntnissen und zeichnet das Leben in Mitteleuropa vor 3.000 Jahren nach.
Klaus-Rüdiger Mai
Dr. Klaus-Rüdiger Mai studierte Germanistik, Geschichte und Philosophie in Halle-Wittenberg. Er arbeitete als Regisseur und Autor für das Theater, bevor er Rundfunkautor wurde. Seit über zehn Jahren ist er als Drehbuchautor, Dramaturg und Produzent für Fernsehproduktionen verantwortlich. Bei Campus erschien 2005 sein Buch Michail Gorbatschow. Sein Leben und seine Bedeutung für Russlands Zukunft.
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01.09.2006, P.M.-Magazin
Die Bronzehändler
"Eine spannende Zeitreise."
Inhalt
1.In unserem Land weit vor unserer Zeit 7
2.Ankunft in der Vergangenheit 17
3.Unsere Vorfahren wandern ein 31
4.Erfolgsgeschichte einer geglückten Einwanderung 47
5.Der Herr des Feuers 68
6.Die Entdeckung der Bronze 74
7.Die Metallzeit beginnt 85
8.Der erste Schmied 99
9.Der Herr der Zeit 111
10.Herr der Ringe oder Knecht der Scheibe 135
11.Der Händler und der Krieger 164
12.Achsenzeit - Die dunkle Epoche 178
13.Der Mann mit dem Goldhut 193
Auswahlbibliografie und Quellen 211
Dank 216
Bildnachweise 218
Register 219
Wenn man das kürzlich entdeckte Gräberfeld von Eulau in Sachsen-Anhalt betrachtet, ist man erschüttert über die vorzeitliche Katastrophe, die sich so eindrucksvoll in der konkreten Ausgestaltung der Gräber manifestiert, und die Trauer, welche die Überlebenden empfunden hatten. Ein Grab zeigt das Skelett eines Mannes, der ein Kind im Arm hält, und das Skelett einer Frau, das liebevoll das zweite Kind umfasst. Ohne Zweifel, sie sind zusammen gestorben und aufwändig beerdigt worden, nicht einfach so verscharrt. Die Familie, die in diesem Grab beigesetzt wurde, raffte ein erschreckend schnell hereinbrechendes Unheil dahin. Ein zweites Grab birgt das Skelett einer Frau, die einen Säugling im Arm hält. Und einen etwa zwölfjährigen Knaben. An seiner Seite liegt eine Streitaxt. Ein sicheres Zeichen dafür, dass er den Vater, der die Katastrophe überlebt zu haben scheint, im Jenseits vertreten sollte. Solange zumindest bis der Vater folgen konnte und sie nach Drangsal und Tod endlich wieder vereint sein würden. Dieses Grab datiert in die Zeit der so genannten Schnurkeramiker und stellt damit eine Art Vorspiel zur Bronzezeit dar. Unsere Vorfahren mögen alles Mögliche gewesen sein, aber eines mit Sicherheit nicht: primitive Barbaren. Sie fühlten Leid wie wir, empfanden Liebe und Fürsorge, familiäre Zuneigung, sie liebten ihre Kinder. Das alles erzählen die Gräber in ihrer erschütternden einfachen Bildlichkeit. Das Bild des Grabes verdeutlicht mehr als tausend streng wissenschaftliche Abstraktionen. Diese Menschen verteidigten ihre Werte und hielten sie hoch, bis neue Werte buchstäblich über sie hereinbrachen, denn sie lebten im Übergang von der Steinzeit zur Bronzezeit. Eine Gesellschaft, die ihre Werte aufgegeben hat, ist dem Untergang geweiht, sie wird nicht standhalten, weder dem inneren noch dem äußeren Druck. Kulturen werden erst dann überformt, wenn sie keine eigene Dynamik mehr entfalten, sie assimilieren erfolgreich, verleiben sich ein, was sie gebrauchen können, wenn sie noch Entwicklungskraft in sich verspüren. Vor über 4?000 Jahren hatte die steinzeitliche Gesellschaft, die in Mitteleuropa eine egalitäre Gesellschaft war mit fehlenden gesellschaftlichen Hierarchien ñ familiäre existierten sehr wohl ñ, das Ende ihrer Entwicklung erreicht. Jede weitere Entwicklung bedeutete einen Schritt in eine neue, völlig andere Gesellschaft. Fremde, die einen weiten Weg zurückgelegt hatten, und deren Werte auf dem Weg gehärtet worden waren, brachten eine neue Kultur mit, die der zerfallenden in zwei Punkten überlegen war: Sie besaß eine neue Dynamik sowie eine überzeugende Zweckmäßigkeit. Die positive Seite dieser Verführung durch die Zweckmäßigkeit nennt man Fortschritt; die negative beschrieben die Gebrüder Grimm im Märchen von Hans im Glück, der es sich immer bequemer macht, immer mehr an Gepäck verliert, bis er nichts mehr besitzt. Dynamik heißt, die neue, zweckmäßigere Kultur trug Entwicklungsmöglichkeiten, Raum zur Entfaltung in sich.
So ändert sich immer wieder das Leben, und Veränderung bedeutet Zeit. Was man Geschichte nennt, ist der inhaltliche Ausdruck dieser Veränderung, der innere Sinn der Zeit. Das Empfinden der Zeit ist relativ. Stephen Hawking hat so schön wie niemand zuvor und keiner seither die Möglichkeit von Zeitreisen bejahend verneint, vielleicht hat er sie auch verneinend bejaht. Die theoretische Möglichkeit wollen wir praktisch nutzen. Indem wir in die Frühzeit des europäischen Menschen reisen, versuchen wir durch den ungeheuren Nebel der Vorzeit zu stoßen, um das größte Abenteuer zu unternehmen, das vorstellbar ist: um auf unseren Ahnen zu treffen, um ihm ins Angesicht zu schauen, ihm auf Augenhöhe endlich gegenüberzustehen. Dazu ist es notwendig, 4?000 Jahre und mehr in der Zeit zurückzugehen. Suchen wir uns also das nächste Wurmloch. Seien wir mutig, aber nicht tollkühn, reisen wir nicht ohne Ausrüstung! Keine Expedition ohne hilfreiches Gepäck! Auch wenn man sicher sein kann, in bedrohlichen Situationen, an denen es auch bei unserer Entdeckungsreise gewiss nicht mangelt, plötzlich siedend heiß an das erinnert zu werden, was man mitzunehmen vergaß. Doch in diesem abenteuerlichen Moment müssen Kaltblütigkeit und Erfindungsgabe dem Zeitreisenden helfen, wo Vorsorge zu kurz griff. In unserem Rucksack finden sich die Werkzeuge der Archäologie, die Atlanten der Indogermanistik und die nicht minder wichtigen Wegbeschreibungen der Religionswissenschaft, die Erfahrungsberichte der Ethnologie, und natürlich haben wir zur Erbauung einige Bücher eingesteckt mit alten Geschichten: das Epos vom Helden Gilgamesch, die Awesta, die Edda, die Rgveda, die Ilias, ferner die Naturgeschichte des Plinius, die Werke und Tage des Hesiod und natürlich das Buch der Bücher, die Bibel ñ mit Sicherheit zu viele Bücher zum Tragen, zu wenig letztlich zum Lesen. Wer lesen kann, weiß es: Es gibt immer zu wenig Bücher. Was gäben wir nicht darum, besäßen wir ähnlich des Gilgamesch-Epos, einer babylonischen Geschichte aus der Bronzezeit, einen Hymnus, der in Mitteleuropa zur gleichen Zeit spielte, das Lied der Druiden von Stonehenge beispielsweise, die Geschichten der Erbauer von Goseck als Keilschrift auf Tontafeln zum Beispiel, womöglich sogar die Götterlieder der Priester des Sonnenwagens von Trundholm. Wovon würde ein bronzezeitliches Nibelungenlied handeln. »Uns ist in alten mæren gar wunders vil geseit …« Was erzählten diese alten »mæren«? Ob man sie den wenigen Funden, die wie eine Flaschenpost aus Mittelerde wirken, ablauschen kann? Fürs erste ist die Ausrüstung komplett, die Reise kann beginnen, wo sich gerade in Mitteleuropa so ein schönes Zeitloch auftut, das wir unbedingt nutzen wollen.
Wie ein sich immer schneller drehendes Karussell gestaltet sich die Zeitreise, eben haben wir das Jahr 1949 hinter uns gelassen, das Jahr in dem sich die deutschen Nachkriegsrepubliken gründeten, passierten die Schrecken der Weltkriege, die Gründung des Deutschen Reiches. Die Geschwindigkeit nimmt zu. Kaum erkennen wir Napoleon, der in Tilsit den Preußen einen demütigenden Frieden bewilligt, im Vorbeiflug dröhnt noch Luthers Thesenanschlag an das Tor der Wittenberger Kirche in unserem Ohr. Und während uns staunend klar wird, dass wir 500 Jahre, also gut zwölf Generationen in die Tiefe der Zeit bereits zurückgelegt haben, erkennen wir den ersten deutschen König Heinrich, der gerade die Nachricht von seiner Königswahl erhält. Schmunzelnd erblicken wir sein teils ungläubiges, teils leicht verdrießliches Gesicht. Denn er war gerade in der Nähe von Quedlinburg bei seiner Lieblingsbeschäftigung, dem Vogelfangen, der Vogeljagd, weshalb man ihn auch Heinrich den Vogeler nannte. In dem Moment, in dem uns bewusst wird, dass wir bereits über 1?000 Jahre zurückgelegt haben, entdecken wir die dichten Wälder, die Lichtungen, auf denen Großfamilien siedeln, die in Stammesverbänden leben und von den Römern allgemein Germanen genannt werden. Sie selbst nennen sich Chatten, Markomanen, Langobarden und Semmonen, um nur einige aus dem »Volk der tausend Stämme« zu nennen. Vor unseren Augen lichten sich plötzlich die Wälder. Was wird bloß aus unserem schönen deutschen Wald, ohne den wir uns das Land nicht vorstellen können, schon gar nicht in seiner Geschichte? Das Land der Germanen ohne germanische Urwälder? Die Berge und die Hügel, die wir erkennen können, weil sich unsere Reisegeschwindigkeit abrupt verringert, wie bei einem Flugzeug, das auf der Landepiste aufsetzt, sind nahezu baumlos, mit saftigen Wiesen und Gesträuch überzogen. Viele gerodete Baumstümpfe werden sichtbar. Was geschah mit dem Wald in der Vorzeit?
Autorenfoto, reprofähig
