Die großen Polit-Skandale

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Thomas Ramge

Die großen Polit-Skandale

Eine andere Geschichte der Bundesrepublik

Franz-Josef Strauß, Günter Guillaume, Friedrich Karl Flick, Uwe Barschel, Helmut Kohl: Immer wieder in ihrer Geschichte wurde die Bundesrepublik von politischen Skandalen erschüttert wobei jedes Jahrzehnt seine eigenen speziellen Anstößigkeiten hervorgebracht hat. Thomas Ramge lässt hier in zwölf ebenso empörenden wie unterhaltsamen Kapiteln die wichtigsten Affären Revue passieren.

Thomas Ramge
Holm Friebe ist Volkswirt, Geschäftsführer der Zentralen Intelligenz Agentur in Berlin und Dozent an der Zürcher Hochschule der Künste. Er hat als freier Journalist und Trendforscher gearbeitet und das Weblog riesenmaschine.de mitbegründet. 2006 verfasste er zusammen mit Sascha Lobo das einflussreiche Manifest Wir nennen es Arbeit.

Thomas Ramge ist Journalist und Moderator. Er arbeitet als fester Autor für das Wirtschaftsmagazin brand eins und schreibt zudem für ZEIT und GEO. 2007 erhielt Ramge den Herbert Quandt Medien-Preis. Bei Campus erschienen von ihm Die großen Politskandale (2003) sowie die preisgekrönte Familienbiografie Die Flicks (2004).

mehr zum Autor

26.09.2003, Süddeutsche Zeitung
Ein pathologisch gutes Gewissen
"Der junge Autor hat die Affären geschickt eingeordnet und spannend beschrieben."

04.09.2003, Die Zeit
Polit-Skandale
"Das liest man natürlich immer noch mal gern nach..."

19.05.2003, ntv
Geschichte mal anders
"Ein kompakter Überblick über die Abgründe bundesdeutscher Demokratie [...] Als studierter Historiker und Reporter der Parlamentsredaktion der Deutschen Welle gelingt es Ramge, sein Talent, Faktenwissen unterhaltsam darzustellen, voll auszuspielen."

19.05.2003, Der Tagesspiegel
Schwarze Kassen, rote Spione
"Ramge schreibt spannend und geht gerade so weit ins Detail, dass der Leser etwas lernt."

05.04.2003, Stuttgarter Nachrichten
Polit-Skandale
"Eine informative und spannende Rückschau."

Vorwort
1. Bonn bei Rhöndorf -
Adenauer und die Hauptstadtfrage (1949)
2. Der verlorene John -
Der Verfassungsschutzpräsident zu Diensten
der DDR-Propaganda (1954)
3. Braune Eminenz -
Hans Globke und die Nürnberger Rassegesetze
(1950-1963)
4. Bedingt abwehrbereit -
Die Spiegel-Affäre
des Franz Josef Strauß (1962)
5. Ein Schuss in viele Köpfe -
Der Tod von Benno Ohnesorg (1967)
6. Die Stasi im Kanzleramt -
Kundschafter Günter Guillaume
wird enttarnt (1974)
7. Der furchtbare Jurist -
Marinerichter Hans Karl Filbinger und
sein pathologisch gutes Gewissen (1978)
8. Die gekaufte Republik -
Friedrich Karl Flick und
die geistig-moralische Wende (1981)
9. Günter von der Bundeswehr -
General Kießling, Manfred Wörner und
die Sittenpolizei (1983/84)
10. Waterkantgate -
Uwe Barschels Tod in der Badewanne (1987)
11. Tanke schön! -
Verkehrsminister Krauses persönlicher
Aufschwung Ost (1993)
12. Bimbes -
Der Kanzler der Einheit und
die schwarzen Kassen (1999)
Danksagung
Register

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Der verlorene John -
Der Verfassungsschutzpräsident zu Diensten der DDR-Propaganda (1954)
Otto John verhielt sich schon seit einigen Tagen sonderbar. Am 15. Juli 1954 war der Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz
(BfV) von Köln nach Berlin geflogen. Nach der Landung ließ er alle anderen Passagiere zuerst aussteigen, obwohl er direkt an der Ausgangstür saß. Dabei drehte er sich in Richtung Bordwand, als ob ihn niemand erkennen durfte. Auf dem Rollfeld erklärte John den zu seiner Sicherheit bestellten Personenschützern: "Ich bin Manns genug, auf mich selbst aufzupassen." Entgegen den üblichen Regeln hielt er es für ausreichend, alle paar Stunden in seinem Sekretariat anzurufen und mitzuteilen, wo er sich gerade befand. Zusammen mit seiner Frau Lucie-Marlén stieg John im Hotel Schaetzle im Grunewald ab. Dort wohnte für einige Tage auch sein Freund Prinz Louis Ferdinand, Kaiserenkel und Chef des Hauses Hohenzollern.
Johns Kalender war mit Terminen gespickt. Zahlreiche Gespräche in der Westberliner Filiale des Verfassungsschutzes standen an. Am 17. Juli wurde Theodor Heuss als Bundespräsident wiedergewählt, am 20. Juli jährte sich zum zehnten Mal das missglückte Attentat auf Hitler. Die Gedenkfeiern waren der Hauptgrund für die Reise des Verfassungsschutzpräsidenten in die ehemalige Hauptstadt. Otto John hatte selbst zum Kreis der Widerstandskämpfer um Graf Stauffenberg gehört und der Gestapo durch die Flucht nach Spanien nur knapp entkommen
können. Sein Bruder Hans, ebenfalls Mitverschwörer, war geschnappt und von den Nazis ermordet worden. Am Abend vor den Feierlichkeiten gab der Senat der Stadt Berlin einen Empfang. John wirkte seltsam abwesend. Alte Freunde gaben später zu Protokoll: "Wir wurden von Otto nicht einmal begrüßt." Einen Kollegen stellte John dafür gleich drei Mal seiner Frau vor. Zu vorgerückter Stunde schimpfte er lauthals: "Auch hier sind lauter Nazis!" Auf der offiziellen Gedenkfeier an der Hinrichtungsstätte Plötzensee brach John in lautes Schluchzen aus und erntete irritierte Blicke. Prinz Louis Ferdinand nahm seinen aufgewühlten Freund zur Seite und lud ihn für den Abend in seine Suite ein. John lehnte ab: "Ich kann nicht."
Zurück im Hotel zog sich Johns Frau mit Kopfschmerzen in ihr Zimmer zurück. Auf Reisen wohnte das Ehepaar immer getrennt. Auch John ging auf sein Zimmer und leerte dort seine Taschen. Portemonnaie, Dienstpass und Schlüssel zum Kölner Büro sowie zu seiner Geheimkassette landeten auf dem Nachttisch. Stattdessen steckte er 750 Mark in bar und einen gefälschten Personalausweis ein. Von denen besaß der Chef des deutschen Inlandsgeheimdienstes gleich mehrere, die ihn unter anderem als hohen Funktionär der Wasser- oder Forstwirtschaft auswiesen. Um 19.40 Uhr ließ er sich von einem Wagen, den das Hotel seinen Gästen zur Verfügung stellte, Richtung Kurfürstendamm fahren. Vorgebliches Ziel: das Maison de France. Dort warteten zwei britische Geheimdienstoffiziere, mit denen sich John um zwanzig Uhr verabredet hatte.
Im Maison de France tauchte John nie auf, sondern er spazierte in die nahe gelegene Uhlandstraße und besuchte einen alten Freund, den stadtbekannten Arzt und Lebemann Wolfgang "WoWo" Wohlgemuth. Der schenkte ihm eine Tasse Kaffee ein. So weit sind die Fakten unstrittig. Was dann genau geschah, blieb bis heute ungeklärt. Fest steht nur: Wohlgemuth verschwand mit John im Wagen über die Sektorengrenze nach Ostberlin.
Einmal Verräter, immer Verräter!
Der Präsident des Verfassungsschutzes verschwunden in Ostberlin! Die Nachricht erschütterte die junge Bundesrepublik, wie es später nur noch einmal der Fall Guillaume vermochte. Der mysteriöseste Spionageskandal der deutsch-deutschen Geschichte hatte begonnen. Bundesinnenminister Gerhard Schröder gab sich sicher: John wurde vom KGB entführt und wider seinen Willen in der DDR festgehalten. Es wäre nicht der erste Fall von Spionagekidnapping in der Frontstadt des Kalten Krieges gewesen. Zeitungen mutmaßten, dass John auf der Jagd nach geheimen Informationen freiwillig in den Osten gefahren und dabei der Stasi in die Hände gefallen war. Aber welche Rolle spielte sein Freund "WoWo"? Wohlgemuth war nicht nur ein blendend aussehender Playboy mit dickem Amischlitten und ein hervorragender Jazztrompeter. Er war zudem als "Salonbolschewist" bekannt und hatte das erklärte Berufsziel, Direktor der berühmten Ostberliner Charité zu werden - ein Posten, über den 1954 in Moskau entschieden wurde. Der britische Geheimdienst MI 5 hielt den Arzt für einen Ostagenten und hatte John eindringlich vor Wohlgemuth gewarnt.
Drei Tage blieb Zeit für wildeste Spekulationen. Dann meldete sich John im Rundfunk der DDR zu Wort. Er sei freiwillig in der DDR und protestiere damit gegen die Politik Adenauers, die auf eine dauerhafte Spaltung Deutschlands hinauslaufe. Die Bundesregierung hielt offiziell an der Entführungsthese fest: John stehe vermutlich unter Drogen und sei zu der Aussage gezwungen worden.[...]

Autorenfoto, reprofähig

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Erscheinungstermin:
17.02.2003

278 Seiten, 15 Fotos s/w

EAN 9783593370699

€ 21,50

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