Sylvia Englert
Cowboys, Gott und Coca-Cola
Die Geschichte der USA erzählt von Sylvia Englert
Goldrausch, Sklaverei, Al Capone, Pearl Harbor, JFK, Mondlandung:Wie wurde Amerika von der Kolonie zur Weltmacht? Woher kommt der Amerikanische Traum? Sylvia Englert erzählt die Geschichte der USA mit all ihren Facetten und Widersprüchlichkeiten.
Von den Ureinwohnern und ersten Kolonien hin zur ersten modernen Demokratie und Weltmacht von heute – stets prägten Freiheitsdrang und Selbstvertrauen, aber auch Bürgerkriege, Rassenkonflikte und Unterdrückung die amerikanische Kultur. Gerade junge Leute sind fasziniert vom American Way of Life und träumen von einem Urlaub oder sogar Schuljahr in den USA. Mit diesem spannend erzählten Buch können sie ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten eintauchen und Hintergrundwissen sammeln.
Sylvia Englert
Sylvia Englert hat nach dem Studium der Amerikanistik und Germanistik eine Ausbildung zur Lektorin absolviert. Sie ist Autorin zahlreicher Sach- und Jugendbücher. Bei Campus erschien von ihr zuletzt »Cowboys, Gott und Coca-Cola.
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10.06.2006, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Der Magnet
"Viel Stoff steckt in dem gut zweihundert Seiten starken Band, der flott geschrieben ist und immer mal wieder von Augenzeugenberichten unterbrochen wird."
Inhaltsverzeichnis
Vorwort11
Teil I Die Kolonie
1. Die Neue Welt (30?000 vor Chr. - 1550 n.Chr.)15
Steinzeitjäger und Wikinger15
Entdeckergeist und Missverständnisse 18
Gold, Blut und Ruhm 19
2. Die dreizehn Kolonien (1580-1750)23
Jamestown und der Tabak24
Die Pilger der Mayflower29
Lord-Besitzer und Flüchtlinge32
Wem gehört das Land?33
3. Unabhängigkeit! (1760-1790)36
Es war einmal in Philadelphia36
Bei den Steuern hört der Spaß auf37
Ein gewagtes politisches Experiment40
Neue Helden, neue Mythen42
Eine Nation entsteht44
Der widerwillige Präsident und seine Hauptstadt46
Teil II Go West
4. Der Kontinent wird erschlossen (1800-1850)51
Auf nach Westen51
Ein Grenzpionier im Weißen Haus56
Der Weg der Tränen57
Eine neue Kultur entsteht59
Nichts weniger als der ganze Kontinent61
Hilfe, die Iren kommen!63
Entwicklung im Zeitraffer65
Gold!67
5. Das Trauma des Bürgerkrieges (1850-1870)69
Ein unmenschliches Schicksal69
Die tiefe Kluft zwischen Nord und Süd72
Wenn das Gewissen spricht74
"Abe" for President 76
Ein blutiger Auftakt78
Freiheit für die Sklaven80
Das Ende und ein neuer Anfang 82
"Nichts vergessen - und nichts gelernt"83
6. Macht und Geld (1870-1900)85
Das Zeitalter der Superreichen 86
Vom Tellerwäscher zum ... Tellerwäscher89
Harte Zeiten92
Ziel: soziale Gerechtigkeit94
Der letzte Kampf der Sioux 96
Cowboys - Mythos und Wirklichkeit100
Teil III Die Weltmacht
7. Eine neue Führungsrolle (1898 -1919)105
Übersee-Abenteuer105
TR haut auf die Pauke106
Henry Ford und die Brüder Wright109
Auf einmal steht die Welt in Flammen112
Wilsons Traum vom Frieden115
8. Partylaune und Absturz (1920-1936)117
Die Wilden Zwanziger118
Al Capones große Chance121
Börsencrash und Great Depression122
Franklin D. Roosevelt und sein New Deal124
9. Der Kampf gegen Hitler (1936-1949)129
Die Welt im Griff von Diktatoren129
Blitzkrieg und Pearl Harbor131
D-Day - Tag der Entscheidung134
Die Bombe138
Europa wird aufgeteilt140
10. Mitten im Kalten Krieg (1950-1963) 142
Straßenkreuzer, Beatniks und James Dean 142
Kraftprobe zweier Supermächte144
Hexenjagd auf Kommunisten 147
Gleiche Rechte für Schwarz und Weiß 149
Kennedy: Ein Präsident wird gemacht154
Rettet Berlin!157
Wettlauf zum Mond158
Haarscharf am Dritten Weltkrieg vorbei 160
An einem Tag in Dallas162
11. Flower Power (1964-1974)164
Der Albtraum Vietnam 164
Es regt sich Widerstand166
Eine Generation rebelliert168
Die Zeit der Befreiungen170
Es geht zu Ende171
"Ich bin kein Schurke" - Nixon und Watergate174
Teil IV Die USA heute
12. Eine neue Weltordnung (1980-2005)179
Von Hollywood nach Washington179
Der Zusammenbruch der Sowjetunion181
Die neue Weltordnung183
Clinton und seine "humanitären Kriege" 184
Ein Cowboy im Weißen Haus187
Der 11. September 188
Der neue Feind Islam 192
13. Living in America (1980-2005)196
Leben im Ghetto196
Leben in Suburbia198
Provinz und Religion200
Die USA und der Sport201
Computer, Internet und New Economy203
Genug Arbeit, aber nie genug Geld206
Der heimliche Siegeszug der Latinos207
Schluss: Der Traum lebt weiter209
Nachwort212
Zeittafel 215
Literatur220
Anmerkungen 222
Register223
Kapitel 4
Der Kontinent wird erschlossen
(1800-1850)
Nach der Unabhängigkeit beginnt die junge Nation, den Westen zu erkunden und zu besiedeln. Der ganze Kontinent vom Osten bis zur Pazifikküste soll erobert werden. Das führt zu heftigen Konflikten mit Nachbarstaaten wie Mexiko und Kanada, und mit den Ureinwohnern, die von den Siedlern einfach vertrieben werden. Die berühmte Frontier, die Grenze zwischen der Zivilisation und der zu erobernden Wildnis, prägt das Selbstverständnis und die Mentalität der US-Amerikaner bis heute. In der Politik lösen raue Männer aus dem Westen die Pflanzer-Aristokratie ab.
Auf nach Westen!
Mit der Unabhängigkeit ist der Weg frei für die Ausdehnung der USA nach Westen. Unaufhaltsam schreitet jetzt die Erschließung des Konti-nents voran: Erst kundschaften Waldläufer und Forscher das Land aus, dann folgen auf ihren Spuren die Siedler. Sie errichten Blockhütten, roden Land und bauen Mais an. Wenn ihre Ortschaften größer werden, lassen sich dort Handwerker und mit etwas Glück auch ein Arzt oder Ingenieur nieder.
Einer der berühmtesten Waldläufer ist Daniel Boone (1734-1820). Er wird als eins von elf Kindern in Pennsylvania geboren und ist schon als Jugendlicher ein exzellenter Jäger. Als er in Diensten der Engländer im Siebenjährigen Krieg gegen die Franzosen und ihre indianischen Verbündeten kämpft, lernt er einen Trapper kennen, der von den herrlichen Wäldern des Westens erzählt. Daniel ist entschlossen, selbst dorthin aufzu-brechen. Er heiratet Rebecca, die siebzehnjährige Tochter eines Nachbarn, lässt sich aber dadurch nicht daran hindern, bald darauf mit einer Hand voll andere Männer zum sagenumwobenen Kentucky loszuziehen. Die Gruppe findet 1769 tatsächlich einen Weg
über die Berge. Zwei Jahre lang erforscht Daniel Boone die Wildnis. Dann zeigt er ersten Siedlern den Weg und zieht selbst mit seiner Familie in das neue Land. Er muss viele Gefechte mit Indianern bestehen, sein ältester Sohn wird dabei getötet. Einmal wird Boone gefangen genommen und von einem Stamm adoptiert, bevor er fliehen kann.
Hunderttausende Siedler wandern auf dem Weg, den Boone erkundet hat, nach Kentucky ein. Schon bald wird es Boone, dem Pionier, zu voll in der Gegend - er zieht weiter in die menschenleeren Gegenden des Westen, nach West Virginia. Auch dort überfällt ihn nach wenigen Jahren die Rastlosigkeit, in einem selbstgebauten Kanu paddelt er davon und lässt sich in dem Gebiet nieder, das heute der US-Staat Missouri ist.
Nicht jeder bringt den nötigen Wagemut mit, um wie Daniel Boone in die Wildnis aufzubrechen. Aber wenige sind es nicht. "Go West, young man, and grow up with the country - Geh nach Westen, junger Mann, und wachse mit dem Land auf", empfiehlt der Zeitungsmann Horace Greeley (1811-1872) später. Besonders die jungen Leute lassen sich nicht zweimal bitten und ziehen los, um ihren ganz
persönlichen amerikanischen Traum zu verwirklichen und die Enge ihrer Heimatorte hinter sich zu lassen.
Der Westen prägt Amerika. Wenn man ein scheinbar endloses, leeres Land zur Verfügung hat, das mit neuen Chancen lockt, das man sich mit etwas Wagemut einfach nehmen kann, dann gibt einem das ein Gefühl großer Freiheit. Dann gibt es für Unzufriedene keinen Grund, vor sich hin zu brüten oder zu rebellieren - sie können ja einfach nach Westen gehen.
Dieser Aufbruch spielt in der Erinnerung der Nation und im Selbstverständnis der US-Amerikaner bis heute eine ganz wichtige Rolle.
Während die Städte an der Ostküste immer mehr für gesellschaftliche Enge stehen, wird der Westen mit seinen Bergen und weiten Prärien zum Inbegriff für Freiheit. Schon bald ist davon die Rede, dass das Land westlich der alten Kolonien "unbegrenzte Möglichkeiten" bietet. Dieses Schlagwort verbinden wir bis heute mit den USA, auch wenn es den freien Westen längst nicht mehr gibt. In dieser Zeit entsteht aber auch eine typisch amerikanische Charaktereigenschaft, die Frontier-Mentalität: Wenn sich so viele Menschen in der Wildnis behaupten müssen, dann lernen sie, sich allein auf sich selbst zu verlassen, keine Hilfe von außen zu erwarten und Dinge einfach anzupacken. Viele Amerikaner haben noch heute eine unkomplizierte, praktische Art - und sie sind stolz auf dieses Pionier-Erbe.
In den ersten Jahrzehnten nach der Unabhängigkeit sind große Teile des nordamerikanischen Kontinents noch unerforschte Wildnis. Es gibt nur Gerüchte, dass ein großer Teil dieser endlosen Weite aus Wüste besteht. Erst nach einem geschickten Kauf, dem berühmten Louisiana Purchase, öffnet sich die Tür nach Westen ganz.
Frankreichs Herrscher Napoleon hat Spanien große Besitzungen in der Neuen Welt abgejagt. Nun fürchten die Vereinigten Staaten, dass der ehrgeizige Heerführer es auch auf die USA abgesehen haben könnte. Doch das Gegenteil tritt ein. Im Jahr 1803 überrascht einer von Napoleons Ministern den amerikanischen Gesandten in Paris mit der Frage, ob die USA nicht daran interessiert seien, Louisiana zu kaufen. So wird damals das riesige Gebiet westlich des Mississippi genannt, das damals im Besitz Frankreichs ist. Dem Gesandten bleibt fast der Mund offen stehen. Er antwortet schnell: "Ja, wir sind interessiert!" und hofft, dass es sich Napoleon nicht noch mal anders überlegt. Für fünfzehn Millionen Dollar wechselt Louisiana den Besitzer - ein Gebiet, das ein Drittel der heutigen USA ausmacht, die gesamte Mitte des Kontinents.
Wahrscheinlich ist Napoleon nicht wirklich bewusst, was er da verkauft. Aber es interessiert ihn auch nicht. Amerika ist weit weg, und er braucht dringend Geld für seine Feldzüge in Europa. Hauptsache, seine Erzfeinde, die Engländer, bekommen das Land nicht in die Hände!
Auch die Amerikaner wissen nicht genau, was sie erworben haben. Also schickt Präsident Thomas Jefferson mehrere Gruppen auf Erkundung los, unter anderem eine, die das Land bis zur Pazifikküste erforschen soll. Mit dieser schwierigen Aufgabe beauftragt Jefferson seinen persönlichen Assistenten, den 29-jährigen Meriwether Lewis (1774-1809), und den Offizier William Clark (1770-1838). Der
Präsident unterrichtet die beiden vor der Abreise persönlich in Botanik, Zoologie und Geologie.
Im Jahr 1804 geht es los, Lewis und Clark bahnen sich mit vierzig Mann und mehreren Schiffen zunächst auf dem Missouri River einen Weg nach Westen, später geht es zu Fuß weiter. Sie sehen zum ersten Mal Präriehunde und stecken in Herden von Millionen Büffeln fest. "Es gibt hier unglaubliche Mengen von Wild, das sehr zahm ist; besonders die männlichen Büffel machen sich kaum die Mühe, uns aus dem Weg zu gehen. Wenn wir herankommen, betrachten sie uns nur einen Mo-ment lang, weil wir ihnen ungewohnt sind, dann fressen sie einfach weiter", schreibt Lewis in sein Reisetagebuch. Er und seine Gefährten sehen überwältigende Landschaften und überqueren unter großen Mühen die Rocky Mountains. Von Jefferson haben sie die Anweisung, freundlichen Kontakt mit den Indianern der Gegend aufzunehmen.
Als die Expedition immer weiter in unbekanntes Gebiet vordringt, erweist es sich als Glücksfall, dass sich ihr ein französischer Trapper und seine indianische Frau angeschlossen haben. Der Trapper stellt sich zwar als Taugenichts heraus, dafür erweist sich seine Frau Sacajawea, eine Schoschonin, als großer Gewinn für die Expedition. Sie holt Lewis und Clark als Dolmetscherin und Führerin aus so mancher Klemme, weil sie die Stämme der Gegend kennt.
Schließlich ist es geschafft, sie haben den Pazifik erreicht! In der regnerischen, dicht bewaldeten Gegend verbringen sie einen feuchten Winter und lernen die Clatsop-Küstenindianer kennen, die sich von Lachs ernähren und ihre Schädel mit Hilfe von Holzbrettern so bandagieren, dass sie eine abgeflachte Stirn und einen spitz zulaufenden Kopf bekommen.
1806 kehren Lewis und Clark mit einem wahren Schatz an Erkenntnissen wieder zurück nach St. Louis. Alle ihre Beobachtungen haben sie ausführlich in ihrem Tagebuch festgehalten. 300 bisher unbekannte Tier- und Pflanzenarten beschreiben sie und fünfzig verschiedene Indianerstämme haben sie kennen gelernt, darunter auch die kriegerischen Teton Sioux (ausgesprochen: "Suu"), denen sie beinahe nicht wieder entkommen wären.
Die Expedition lässt den Strom der Pioniere, der in den berühmten Planwagen nach Westen drängt, noch weiter anschwellen. In schneller Folge entstehen auf dem Gebiet der USA neue Staaten: Sobald in einem Territorium die nötige Mindestzahl von Siedlern erreicht ist, kann es sich als Staat bewerben. Allein während George Washingtons Amtszeit kommen drei neue hinzu: Tennessee und Kentucky im Westen und Vermont im Norden an der Grenze zu Kanada. Die Regierung hat ein Interesse daran, dass der Westen besiedelt wird, und gibt Land
günstig ab. Für 160 Dollar bekommt man genug Grund und Boden für eine Farm, später wird Land sogar teilweise kostenlos abgegeben. Sich ein Grundstück zu sichern ist einfach: Man lässt sich an einer netten Stelle nieder, an der noch niemand anders ist, und steckt sich seinen Claim ab, also das Land, das man für sich beansprucht. Später kann man das Land dann offiziell kaufen, wenn nötig auf Kredit.
Eigentlich war geplant, dass für jeden neuen Staat, der in die Union aufgenommen wird, ein Streifen und ein Stern auf der amerikanischen Flagge hinzukommen. Doch als die USA aus achtzehn Staaten bestehen, wird der Platz auf der Flagge knapp. Also einigt man sich auf drei-zehn Streifen für die ursprünglichen dreizehn Kolonien und auf einen Stern pro Staat (heute sind es übrigens fünfzig, inklusive Hawaii und Alaska). Schlag auf Schlag geht es weiter: 1816 tritt der Staat Indiana den USA bei, dann in schneller Folge Mississippi, Illinois, Alabama und Missouri im Westen und Maine im Norden, an der Grenze zu Kanada.
Autorenfoto, reprofähig
