Jacques Le Goff

Jacques Le Goff erzählt die Geschichte Europas

Übersetzt von Tobias Scheffel

Jacques Le Goff, einer der renommiertesten Historiker der Gegenwart, macht die Geschichte Europas zu einem Reiseabenteuer, das die Leser von der Atlantikküste bis an die Gebirgskette des Urals und vom Nordkap bis in die Spitze des italienischen Stiefels führt.

Jacques Le Goff

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Inhalt



Zu Fuß von Europa nach Asien
Europa - gibt es das überhaupt?
Die europäische Familie
Die Geschichte verleiht der Geografie Leben
Der kleinste Kontinent
Europa und seine asiatischen Nachbarn: Schlagabtausch und
Austausch der Kulturen
Völkerwanderung, Kolonialismus, Eroberungen, Einwanderung
Wo endet Europa im Osten?
Nirgends in Europa ist es weit zum Meer
Europa hat eine lange Geschichte
Wie kann man Europäer sein?
Die Griechen erfinden Europa
Eine asiatische Prinzessin und ein Gott
Auf den Spuren Europas
Die griechischen Spuren - Ein Arzt urteilt über Europäer und Asiaten
Demokraten, Humanisten und Mathematiker
Der Kult des Körpers
Der römische Bürger - ein Europäer?
Man spricht lateinisch
Ein neuer Gott: Christus
Ein neues Europa: Die Christenheit
Europa entfernt sich vom Orient und spaltet sich: Das lateinische
und das griechische Europa
Eine heute unsichtbare Grenze
Die Aufteilung Westeuropas: Eine blutige, doch erfolgreiche
Einwanderung
Eroberer oder Wanderer?
Die Völker mischen sich
Ein Europa mit Brot und Wein - ein Europa mit Fleisch und Bier
Die "Barbaren" sind die Gründer des Europas der Nationen
Die Bekehrung zum Christentum: Ein "Reisepass" nach Europa
Karl der Große - der erste Europäer?
Deutschland und Frankreich: Partner oder Feinde?
Eine europäische Kultur entsteht: Gelehrte und Gemälde
Der Tod eines Europäers im 8. Jahrhundert
Neue Europäer kommen dazu
Die Normannen: Ein Volk von Seefahrern und Eroberern
Die spanischen Muslime verlassen Europa, die Türken kommen
Die glücklose Eroberung eines leeren Grabes: Die Kreuzzüge
Die Juden werden in Europa verfolgt
Auch die "Zigeuner"
Das Mittelalter: Eine entscheidende Phase für die Bildung Europas
Die Feudalherrschaft regiert überall: Beziehungen von Mann
zu Mann
Ein einziger Gott, eine einzige Kirche
Städte, Händler, Schulen
Staaten und Fürsten
Europa entdeckt durch Zufall einen Kontinent und kolonisiert ihn: Amerika
Ruhm und Schande
Die Schweizer Bergbewohner begründen die Demokratie in Europa
Europa erblüht: Renaissance und Humanismus
Europa teilt sich: Katholiken und Protestanten
Fastenzeit und Karneval
Europa teilt sich: Die Kriege zwischen Staaten
Neue Staaten innerhalb und außerhalb Europas
Das Europa des Barock
Das geistige Europa entwickelt sich vom Humanismus zur
Aufklärung
Die Geburt der modernen Wissenschaft in Europa
Die Europäer entdecken die Drehung der Erde und das
Planetensystem
Die Europäer entdecken den Blutkreislauf
Die Europäer entdecken den Fall des Apfels
Die Europäer entdecken den Dampfkessel
Die Europäer entdecken die Struktur des Universums
Die Europäer perfektionieren die Mathematik
Die Europäer erfinden die moderne Chemie
Der Fortschritt - ein neuer Begriff in Europa
Die Französische Revolution bewegt Europa - Anhänger und Gegner
Ein missglückter Versuch, Europa zu einigen: Napoleon
Europa träumt den Traum der Romantik
Das 19. Jahrhundert: Das Jahrhundert der Maschinen und des Geldes
Das Alltagsleben der Europäer verändert sich grundlegend
Völker und Nationen entdecken ihre Identität
Die Geburt Italiens und Deutschlands
Europa stellt sich gegen die Völker
Europa kolonisiert die Welt
Das Jahrhundert der Geschichte und der Philosophie
Schulen und Universitäten
Der Fortschritt der Wissenschaft
Ideologien spalten Europa
Ein soziales und sportliches Europa
Das 20. Jahrhundert: Von der Tragödie zur Hoffnung
Europa zerfleischt sich selbst
Erinnerung tut Not
Europa herrscht nicht mehr über die Welt
Einige Daten zur Entwicklung der europäischen Einigung
Von 15 auf 27
Schnell oder langsam?
Welches Europa?

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Zu Fuß von Europa nach Asien. Nach gut zwei Stunden Flug landet ein aus Deutschland kommender Reisender in Istanbul (dem früheren Konstantinopel), einer großen Stadt. Er befindet sich in der Türkei - und zugleich in Europa. In Istanbul überquert er eine schmale Meerenge, indem er über eine viele hundert Meter lange Brücke geht; jetzt ist er zwar noch immer in der Türkei - aber nicht mehr in Europa, sondern in Asien. Er ist in wenigen Minuten zu Fuß von der europäischen Türkei in die asiatische Türkei gelangt.
Unser Reisender verlässt Istanbul und begibt sich nach Russ-land. Von Moskau aus erreicht er mit Flugzeug oder Zug in ein paar Stunden den Ural, eine Bergkette im Osten. Nun klettert er die Berge hinauf. Während des Aufstiegs ist er in Russland und zugleich in Europa. Als er auf der anderen Seite wieder hinabsteigt, ist er zwar noch immer in Russland (auch wenn dieser Teil Russlands Sibirien heißt), nun aber nicht mehr in Europa, sondern in Asien. In ein paar Stunden ist er zu Fuß vom europäischen Russ-land in das asiatische Russland gelangt.
Was ist Europa? Ein Kontinent oder Erdteil, so antworten die Geografen, das heißt eine von natürlichen Grenzen (im Allgemeinen von Meeren) klar umrissene Landmasse. So ist es bei Afrika, Amerika und Ozeanien - auch wenn Ozeanien aus einer Unmenge von Inseln besteht, aus sehr großen wie Australien oder kleinen wie Hawaii. Aber ist Europa, von wo aus man mehr oder weniger leicht zu Fuß nach Asien gelangen kann, ein Kontinent wie die anderen?
In Istanbul hat unser Reisender Türkisch gehört; er hat Kaffee aus einer kleinen Tasse getrunken, auf deren Boden der Kaffeesatz übrig blieb; er hat Fleischspieße gegessen (vor allem aus Lammfleisch); er hat religiöse Bauwerke mit Kuppeln und hohen, spitzen Türmen, den Minaretten, gesehen, von denen aus ein Mann zum Gebet nach den Vorschriften der muslimischen Religion aufruft, und er hat seine Schuhe ausgezogen, als er diese Moscheen besichtigt hat. Staunend ist er über riesige Märkte voller kleiner Läden geschlendert, in denen er vor allem Teppiche, Schmuck und Lederwaren bewundert und den berauschenden Duft von Kräutern, Gewürzen und Parfüms in funkelnden Farben gerochen hat.
In Russland hat unser Reisender Russisch gehört; man hat ihm Wodka, einen sehr starken Schnaps, angeboten und mehrfach am Tag Tee aus einer großen metallenen Teekanne, dem Samowar, serviert; anstelle von Brot hat er Blinis, frische Hefepfannkuchen, gegessen; er ist in Kirchen gegangen, in denen Priester in schillerndem Ornat lange liturgische Zeremonien abhielten und schöne Gesänge zu hören waren. Das erinnerte ihn zwar an die katholischen Gottesdienste (und er hatte hier seine Schuhe anbehalten können, vor dem Eintreten aber seinen Hut abnehmen müssen), aber es war ein anderes Christentum, das Christentum der griechisch-orthodoxen Kirche. Einen großen Teil des Gottesdienstes zelebrierten die Priester nicht in Gegenwart der Gläubigen, sondern hinter einer bunten, mit frommen Bildern bedeckten Wand, der Ikonostase. Und schließlich hatte man ihm gesagt, dass er - für den Fall, dass er den Winter hier verbringen wolle - sich gegen die Kälte wappnen müsse und sich darum vor allem eine schöne Pelzmütze kaufen solle, eine Schapka. Er bezahlte sie in der Landeswährung, in Rubeln.
Später dann hat sich unser Reisender nach Großbritannien begeben. Das Flugzeug von Frankfurt nach London hat dafür weniger als zwei Stunden gebraucht; wenn er wieder zurückkehrt, dann kann er heute auch mit dem Zug den Tunnel unter dem Ärmelkanal benutzen - für diese Strecke braucht er etwa zehn Stunden. Tatsächlich ist Großbritannien inzwischen keine Insel mehr. Es ist über den Tunnel mit dem europäischen Kontinent verbunden, wodurch es geografisch gesehen europäischer wird. In London hat er häufig Gerichte mit Minzsoße serviert bekommen und er hat das britische Frühstück schätzen gelernt, das wesentlich reichhaltiger und schmackhafter ist als das europäische, das sogenannte kontinentale Frühstück; dazu gehören häufig Eier und Speck. Mit Erstaunen hat er festgestellt, dass die Autos auf der linken und nicht - wie in den anderen Ländern Europas (außer Irland, das früher britisch war) - auf der rechten Straßenseite fahren und dass die Entfernungen nicht in Kilometern, sondern in Meilen gemessen werden; eine Meile sind 1 Kilometer und 609 Meter. Englische Freunde haben ihn zu einem Match ihrer Lieblingssportart, dem Kricket, mitgenommen, das mit einem Schlagholz und einem Ball gespielt wird. Dieses Spiel, das man in keinem anderen europäischen Land spielt, kam ihm sehr eigenartig vor. Die Religion der meisten Engländer ist eine Abwandlung des protestantischen Glaubens, welche aus einer Spaltung des Christentums im 16. Jahrhundert hervorgegangen ist. Diese Religion ähnelt sehr stark dem Katholizismus, aber sie erkennt nicht den Papst als Oberhaupt an; sie bildet eine unabhängige Kirche, die anglikanische Kirche. Für die meisten anderen Europäer ist es erstaunlich, dass die Königin das Oberhaupt dieser Kirche ist. Denn - und das ist ein weiterer erstaunlicher Unterschied - an der Spitze Großbritanniens steht kein Präsident, sondern ein König oder eine Königin. Und natürlich hat unser Reisender überall in der Landeswährung, dem Pfund Sterling, bezahlen müssen und fortwährend eine fremde Sprache gehört, das Englische.

Pressetext (PDF)

Cover, reprofähig

Autorenfoto, reprofähig

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Erscheinungstermin:
12.09.2007

Hardcover Halbleinen

111 Seiten

EAN 9783593384184

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