Vorwort
Jede Wahrheit durchläuft drei Phasen: In der ersten wird sie verlacht, in der zweiten wird sie wild bekämpft, und in der dritten wird sie als Selbstverständlichkeit akzeptiert.
Arthur Schopenhauer zugeschrieben1
Ich erzähle in diesem Buch Geschichten von Naturwissenschaftlern, deren Ideen bizarr und seltsam, ja geradezu verrückt erscheinen, die auf ihren Positionen beharrten, heftigen Widerspruch erfuhren und verlacht und bekämpft wurden. Einige der Ideen waren wirklich
verrückt, und die meisten von ihnen wurden schnell wieder vergessen - aber keineswegs alle! Andere, die zunächst völlig abwegig erschienen, überstanden alle Tests, denen man sie unterwerfen konnte, überlebten und wurden von Wissenschaftlern wie mir übernommen. Heute gehören sie zum selbstverständlichen Werkzeug für unsere Alltagsarbeit.
Die Annahmen, auf die sich heute die Wissenschaft stützt, kommen den Laien oft immer noch lächerlich vor. Meine Frau dachte das zum Beispiel, als sie eines Abends nach Hause kam und sah, wie ich mit dem Fahrrad die Straße hinunterfuhr, nachdem ich zuvor die Muttern an der Vorderachse abmontiert hatte.2 Ich erklärte einem Radioreporter, dass das Gesetz von Kraft und Gegenkraft, das Galilei und Newton entdeckt haben, dafür sorgt, dass das Rad an seinem Platz bleibt. Der Kommentar meiner Frau über die Wissenschaftler und ihren Mangel an gesundem Menschenverstand war kurz und bissig - und wurde getreulich aufgezeichnet und vom Sender übertragen.
Meine Frau hatte Recht: Das Denken der Naturwissenschaftler und der gesunde Menschenverstand gehen oft weit auseinander. Schuld daran ist in erster Linie die Natur selbst. Oft waren diejenigen, die irre klingende Theorien über sie aufstellten, dazu gezwungen, weil sie festgestellt hatten, dass die traditionellen Lehren oder der gesunde Menschenverstand schlicht und einfach unzureichend waren, um zu verstehen, was sich abspielte. Ihre Zeitgenossen, die ein Interesse an der Beibehaltung des Status quo hatten, waren gegenüber neuen Ideen nicht immer so aufgeschlossen, wie es uns das populäre Bild des unvoreingenommenen, rationalen Naturwissenschaftlers glauben macht. Die Schicksale derer, die sich mit neuen Ideen anfreundeten, reichten vom Verlust des Arbeitsplatzes bis zum Verlust des Lebens. Ihre Geschichten widerlegen den weit verbreiteten Irrglauben, dass der Fortschritt in der Wissenschaft nach strenger Ordnung und nach logischen Regeln verläuft. Die Wissenschaft gleicht eher einer Prozession: Einige führen sie an, und viele laufen im Tross hinterher. Mein Buch folgt dem Weg dieser Prozession, die immer, wenn sie auf die Barriere einer revolutionären neuen Idee stößt, ihre Richtung ändert. Es erzählt die Geschichten derjenigen, die sie zu den Richtungsänderungen gezwungen haben, und es zeigt, dass viele der neuen Ideen, die dem gesunden Menschenverstand entgegenzulaufen schienen, heute von der Wissenschaft verwendet werden, um ihre alltäglichen Probleme zu verstehen und zu lösen. Die Geschichten zeigen auch, wie es wirklich zu den Entdeckungen kam, bei denen oft das Geniale mit dem Bizarren zusammentraf und wir nur im Nachhinein zwischen beidem unterscheiden konnten. Die Botschaft ist, dass wir ein gewisses Maß an lächerlichen Dummheiten zulassen müssen, wenn wir nicht tiefe Einsichten und Entwicklungen verpassen wollen. Solange wir noch nicht beurteilen können, ob es sich um eine Verrücktheit oder um einen genialen Einfall handelt, ist es vielleicht besser, nicht zu laut zu lachen.
Anmerkungen zum Gebrauch des Buches
Ich bin kein Historiker, sondern Naturwissenschaftler. Wenn ich also über Forscher früherer Zeiten schreibe, tue ich das aus meiner naturwissenschaftlichen Perspektive. Ich berufe mich auf ihre Tagebücher, Veröffentlichungen und Notizen und habe dabei oft festgestellt, dass die Forscher damals in der gleichen Weise wie heute gedacht haben, dass wir aber heute mit anderen Fragen konfrontiert werden und ein anderes Verständnis davon haben, wie die Welt ›funktioniert‹. Ich war besonders beeindruckt von den Parallelen beim Kampf, das Wesen der Natur zu verstehen. Das Vorgehen in früheren Zeiten ähnelt sehr meinen eigenen - allerdings weniger erfolgreichen - Anstrengungen, die ich als Kind machte, um die Welt zu verstehen. Die Themen reichen von der Bewegung, die Galilei untersucht hat,
über das Licht bis zu Raum und Zeit, die von Einstein erhellt wurden. Ich erzähle deshalb auch einige Geschichten aus meiner Kindheit, um Ihnen zu zeigen, dass es nicht notwendigerweise falsch ist, wissenschaftliche Fragen wie ein Kind anzugehen. Um Sie zu trösten: Man muss kein Genie sein, um die Naturwissenschaften zu verstehen, es genügt ein wenig Hartnäckigkeit - und der Wille, etwas herauszufinden.3