Naomi Klein
Über Zäune und Mauern
Berichte von der Globalisierungsfront
Übersetzt von Helmut Dierlamm, Heike Schlatterer
Naomi Kleins Buch "No Logo!" war gerade im Druck, als 1999 der Protest gegen die Welthandelsorganisation in Seattle losbrach. In ihrem neuen Buch diskutiert sie Schlüsselfragen der Zeit wie Armutsbekämpfung, Migration oder Genfood. Ihre zum Teil sehr
persönlichen Notizen gewähren dabei unerwartete Einblicke in das Selbstverständnis und Funktionieren des globalen Protestes.
Naomi Klein
Naomi Klein, geboren 1971 in Montreal, studierte an der Universität von Toronto, wo sie Chefredakteurin der Campus-Zeitung war. Danach arbeitete sie mehrere Jahre als Kolumnistin und Chefredakteurin. Kleins erstes Buch No Logo! wurde zum internationalen Bestseller. 2001 gewann sie als bisher jüngste Autorin den National Business Book Award. Heute publiziert sie ihre Artikel in zahlreichen internationalen Zeitungen und Magazinen. Naomi Klein im Internet: Im September 2002 rief Naomi Klein den Spendenfonds Fences and Windows Funds ins Leben. Er entstand in Verbindung mit der Veröffentlichung der Originalausgabe von Über Zäune und Mauern (Fences and Windows) und soll globalisierungskritische Organisationen unterstützen. Mehr dazu unter http://www.nologo.orghttp://www.fencesfund.org
mehr zum Autor
02.07.2003, Handelsblatt
Frontberichte
"Wer Kleins Sichtweisen nicht teilt, bekommt trotzdem durch ihre Reportagen und Essays einen tiefen Einblick in Geschichte, Struktur und Ziele der weltweiten Protestbewegung."
01.06.2003, Buchkultur
Frontberichte
"Sehr persönlich und leidenschaftlich verfasste Blitzlichter aus der globalisierten Welt."
19.05.2003, Tagblatt´
Kuhhandel im globalen Dorf
"'Über Zäune und Mauern' spricht mit Leidenschaft davon, was hinter diesen Zäunen geschieht und wie die globalisierungskritischen Aktivisten die Mauern übersteigen wollen."
01.05.2003, business bestseller
Als Aktivistin an der Globalisierungsfront
"Ein authentischer Einblick in die Globalisierungsszene."
01.05.2003, Greenpeace Magazin
Globalisierung live
"Ein packender Einblick ins Innenleben einer lebendigen Protestbewegung."
25.04.2003, Frankfurter Rundschau
Und ein Tusch für die gute Sache
"Die Action für eine große und gute Sache ist mitreißend und inspirierend - das können auch ältere Altachtundsechziger nachvollziehen. Klein hat - und davon legt die Auswahl ihrer Zeitungsartikel ein frisches Zeugnis ab - in zweieinhalb Jahren 22 Länder und Konferenzen besucht."
24.04.2003, Neues Deutschland
Zwischen Markenkritik und Selbstvermarktung
"Klein vereint alles, was man von jemandem erwartet, der die Großfirmen das Fürchten lehren soll. Sie ist jung hübsch und gut informiert [...] eine sympathische Integrationsfigur."
19.04.2003, Süddeutsche Zeitung
Frontreportagen
"Naomi Klein gehört zu den Ikonen der Anti- Globalisierungsbewegung. Ihr neues Buch ist eine Sammlung von Reportagen über Aktionen der Globalisierungsgegner."
31.03.2003, Falter
Globalisierung
"Ein politisches Tagebuch."
29.03.2003, Die Presse
Zäune zeigen Zähne
"Naomi Kleines Buch wird von einem Misstrauen gegenüber der politischen Praxis und gleichzeitig von politischer Sehnsucht durchzogen."
21.03.2003, Freitag
Das Individuum an der Globalisierungsfront
"Kleins Texte sind Bersuche, sich selbst als Individuum zu beweisen und sich innerhalb des antiglobalen Widerstands eine Rolle, eine Lichtung zu schaffen, indem sie aufklärt und differenziert."
19.03.2003, Jungle World
Wanderjahre der Bewegung
"Aufschlussreich ist das Buch, weil es dokumentiert, wie sich die gerechte Empörung in eine politische Meinung verwandelt."
17.03.2003, Süddeutsche Zeitung
Na logo!
"Mit Klein erlebt die Kapitalismuskritik ein Comeback."
01.03.2003, Literaturen
Völlig losgelöst
"Klein lotet Probleme und Widersprüche aus, ohne mit ausgestrecktem Zeigefinger den Weg zu weisen."
01.03.2003, Facts
Freiheit für Konzerne, Zäune für Menschen?
"Klein demaskiert die Widersprüche des Dogmengebäudes Neoliberalismus."
26.02.2003, Jungle World
Verletzt die Grenzen!
"Naomi Klein hat Kluges zum Stand der Globalisierungskritik zu sagen."
25.02.2003, Financial Times Deutschland
Die Asymmetrie des Leidens
"Ein stimmiges Bild einer keineswegs stimmigen Marktwirtschaft."
24.02.2003, changeX
Ziviler Ungehorsam
"Die Best-of-Collection einer 31-jährigen Antiglobalisierungs-Aktivistin."
24.02.2003, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Ständig neue Barrieren für Millionen von Menschen
"Das Buch ist für all diejenigen interessant zu lesen, die sich für fremde Sichtweisen interessieren: andere Sichtweisen auf die Globalisierung, auf wirtschaftswissenschaftliche Theorien und auf die Menschen, die mit den Auswirkungen der Globalisierung leben."
20.02.2003, Wirtschaftswoche
Die andere Seite
"Klein protokolliert das Werden und Wirken der weltweiten Protestbewegung spannend und minutiös."
10.02.2003, Der Tagesspiegel
Antiglobalisierungsbewegung
"Die kanadische Journalistin gab und gibt dem Protest ein Gesicht."
10.02.2003, Schweizer Illustrierte
Ikone der Globalisierungsgegner
"Die grundehrliche und sympathische Kanadierin leistet scharfzüngigen Widerstand."
, WeiberDiwan
Postkarten
"Eine kleine Geschichte des Widerstandes."
Vorwort
Zäune der Begrenzung, Fenster der Möglichkeiten
I
Fenster des Widerstands
Seattle
Das Coming-out der Bewegung
Washington D.C.
Kapitalismus - die Wiedergeburt eines Begriffs
Was nun?
Die Bewegung gegen die globale Konzernherrschaft
muss sich nicht auf einen Zehnpunkteplan einigen,
damit sie etwas bewirkt
Los Angeles
Die Ehe zwischen Geld und Politik durchleuchten
Prag
Die Alternative zum Kapitalismus ist nicht
der Kommunismus, sondern die Dezentralisierung
der Macht
Toronto
Der Kampf gegen die Armut und die Gewaltfrage
II
Das Einzäunen der Demokratie
Die Kollateralschäden des Freihandels
Demokratie in Ketten
Wer profitiert vom Freihandel?
Das panamerikanische Freihandelsabkommen
Die Politik ist sich vielleicht einig, aber auf den Straßen
der lateinamerikanischen Städte ist die Debatte
in vollem Gang
Zur Hölle mit dem IWF
Argentinien, der einstige Musterschüler des IWF,
fordert eine Wende in der Regierungspolitik
Kein Platz für Demokratie
Weil sich eine Stadt einem lukrativen Handelsvertrag
in den Weg stellt, klagt ein Unternehmen vor einem
internationalen Gericht
Der Krieg gegen die Gewerkschaften
In Mexiko fordern Fabrikarbeiter, dass Nike Wort hält
Die NAFTA-Bilanz
Nach sieben Jahren ergeben die Zahlen, die die Vorteile
des Abkommens preisen, keinen Sinn
Hohe Zäune an der Grenze
Wenn die Barrieren für den Handel niedriger werden,
erhöhen sich die Barrieren für die Menschen
Die Regeln bestimmen - und brechen
Herr Premierminister, wir sind keine Globalisierungs-
gegner, sondern echte Internationalisten
Der Markt schluckt das Gemeinwesen
Gentechnisch veränderter Reis
Public Relations kann man nicht essen
Genetische Umweltverschmutzung
Da manipuliertes Saatgut von einem Feld zum anderen
wandert, wird es bald überhaupt nicht mehr möglich
sein, Lebensmittel mit dem Etikett "GMO-frei" zu
versehen
Die Opferlämmer der Maul- und Klauenseuche
Das wichtigste Ziel der Tötung von Vieh in Europa
ist die Erhaltung von Märkten, nicht der Schutz
der öffentlichen Gesundheit
Das Internet als Tupper-Party
Wie die Mediengiganten versuchen,
sich den Online-Tausch von Dateien anzueignen
Den Widerstand integrieren
Wie die Multis ihre Markenidentitäten der
Post-Seattle-Ära anpassen
Wirtschaftliche Apartheid in Südafrika
Nach dem Sieg im Freiheitskampf werden die
alten rassischen Trennlinien durch neue Systeme
der Ausgrenzung ersetzt
Giftpolitik in Ontario
Wenn Grundbedürfnisse zu Waren werden
Amerikas schwächste Front
Der staatliche Sektor
III
Das Einzäunen der Bewegung:
Die Kriminalisierung des Protests
Grenzüberschreitende Kontrolle
Die Polizei tauscht Einschüchterungstricks aus
Präventivgewahrsam
Die Polizei nimmt Puppenspieler in Windsor,
Ontario, fest
Überwachung
Es ist einfacher, Aktivisten auszuspionieren, als offen
mit ihnen zu diskutieren
Angst schüren
Die Polizei lässt Demonstrationen bewusst abschreckend
wirken, wer will da noch demonstrieren?
Die Petition von "Citizens Caged"
Ein offener Brief an Jean Chrétien vor dem Amerika-
gipfel
Infiltration
Polizisten in Zivil verhaften friedlichen Organisator
beim Protest gegen die panamerikanische Freihandels-
zone
Willkürliches Tränengas
Giftige Dämpfe bei den FTAA-Protesten bringen
ungleiche Gruppen einander näher
Gewöhnung an Gewalt
Jahre der Brutalität kulminierten schließlich im Tod
des italienischen Demonstranten Carlo Giuliani
Drohungen
Die italienische Regierung greift nach Genua hart
durch
Im Spektakel gefangen
Wird das ein McMovement?
IV
Aus dem Terror Kapital schlagen
Die brutale Rechnung mit dem Leiden
Wenn manche Leben mehr zählen als andere
Die neuen Opportunisten
Die Verhandlungen über Handelsabkommen werden
nun im Geist eines heiligen Krieges geführt
Kamikaze-Kapitalisten
Bei den WTO-Gesprächen in Katar waren die Mitglieder
der Verhandlungsdelegationen die wahren Gläubigen
Die furchtbare Wiederkehr der großen Männer
Wenn einige wenige beschließen, überlebensgroß zu sein,
werden wir alle zertrampelt
Amerika ist kein Hamburger
Amerikas Versuch, seine "Markenidentität" im Ausland
zu erneuern, könnte ein schlimmerer Flop werden als
New Coke
V
Fenster zur Demokratie
Demokratisierung der Bewegung
Beim ersten Weltsozialforum konnte keine einzelne
Agenda die Diversität fassen
Rebellion in Chiapas
Subcomandante Marcos und die Zapatisten inszenieren
eine Revolution, die mehr auf Worte als auf Kugeln
vertraut
Italiens soziale Zentren
In besetzten Lagerhäusern öffnen sich Fenster
zur Demokratie
Die Grenzen politischer Parteien
Der Sprung vom Protest zur Macht muss an der Basis
vorbereitet werden
Vom Symbol zur Substanz
Nach dem 11. September sind konkrete politische
Alternativen sowohl zum religiösen als auch zum
ökonomischen Fundamentalismus wichtiger denn je
Danksagung
Quellenverzeichnis
Register
Demokratie in Ketten
Wer profitiert vom Freihandel?
Juni 2001
Beim Amerikagipfel im April 2001 in Quebec erklärte US-Präsident George W. Bush, dass die geplante panamerikanische Freihandelszone Free Trade Area of the Americas (FTAA) zur Schaffung einer "Hemisphäre der Freiheit" beitragen werde. Bush verband ausdrücklich Globalisierung und Demokratie und argumentierte, dass "Menschen, die in offenen Wirtschaftssystemen agieren, letztendlich auch eine offenere Gesellschaft fordern".
Fördert die Globalisierung wirklich die Demokratie? Das hängt von der Globalisierung ab. Beim derzeitigen System werden die Entscheidungen von undurchsichtigen und nicht repräsentativen Institutionen getroffen, doch es gibt auch andere Optionen. Im eigenen Land und weltweit ist Demokratie eine Möglichkeit, allerdings eine, die ständige Wachsamkeit und Erneuerung verlangt.
US-Präsident Bush ist offenbar anderer Ansicht. Wie so viele Befürworter des derzeitigen globalen Wirtschaftsmodells argumentiert er, dass Demokratie weniger eine aktive Entscheidung sei als vielmehr Folge des Trickle-Down-Effektes wirtschaftlichen Wachstums: Freie Märkte schaffen freie Menschen. Als ob Demokratie eine Frage des Laisser-faire wäre. Leider waren Investoren bislang nur allzu bereit, repressive Monarchien wie in Saudi-Arabien oder kommunistische autoritäre Regimes wie China zu unterstützen, solange diese Regimes ausländischen Unternehmen freien Zugang zum Markt boten. Im Wettbewerb um billige Arbeitskräfte und wertvolle Rohstoffvorkommen bleiben pro-demokratische Bewegungen auf der Strecke.
Gewiss gedeiht der Kapitalismus in repräsentativen Demokratien, die marktorientierte Maßnahmen wie Privatisierung und Deregulierung umsetzen. Aber was ist, wenn die Bürger demokratische Entscheidungen treffen, die bei ausländischen Investoren auf Missfallen stoßen? Was passiert, wenn die Bürger eines Landes zum Beispiel beschließen, die Telefongesellschaft zu verstaatlichen oder eine stärkere Kontrolle über ihre Öl- und Mineralienvorkommen auszuüben? Die Geschichte gibt uns eine Antwort:
Als die demokratisch gewählte Regierung Guatemalas in den fünfziger Jahren umfassende Landreformen beschloss und damit das Monopol der amerikanischen United Fruit Company brach, bildete die CIA Rebellen aus, die die Regierung stürzten. Damals behaupteten die USA, es handle sich um interne Unruhen, doch neun Jahre später erklärte US-Präsident Dwight D. Eisenhower: "Wir mussten die kommunistische Regierung loswerden, die an die Macht gekommen war." Als General Suharto 1965 mit einem blutigen Staatsstreich in Indonesien an die Macht kam, konnte er auf die Unterstützung der USA und Europas zählen. Roland Challis, der damalige Südostasien-Korrespondent der BBC, ist der Ansicht: "Es war Teil des Deals, dass britische Unternehmen und die Weltbank wieder ins Land gelassen wurden." Entsprechend waren es in den USA auch die Kräfte des "freien Marktes", die 1973 den Sturz des demokratisch gewählten chilenischen
Präsidenten Salvador Allende initiierten, der beim Putsch von General Pinochet ums Leben kam. (Aus dieser Zeit stammt der berühmte Kommentar Henry Kissingers, man dürfe nicht zulassen, dass ein Land "durch die Verantwortungslosigkeit seines eigenen Volkes kommunistisch wird".)
Die derzeitigen Überlegungen in Washington, den venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez abzusetzen, zeigen, dass diese tödliche Logik nicht mit dem Kalten Krieg gestorben ist.
Allerdings erfolgt die Störung der Demokratie durch den freien Markt heutzutage meist auf subtilere Weise, etwa als Direktive des Internationalen Währungsfonds', mit der die Regierungen aufgefordert sind, die Monatsbeiträge für die Gesundheitsfürsorge zu erhöhen oder Milliarden an öffentlichen Mitteln zu streichen. Oder die Weltbank heckt einen Plan zum Bau eines Staudamms aus, der ohne die Zustimmung der Bewohner des betroffenen Gebiets umgesetzt wird, obwohl deren bisherige Lebensweise dadurch zerstört wird. Oder die Weltbank fordert in einem Bericht mehr "Flexibilität" auf dem Arbeitsmarkt eines hoch verschuldeten Landes, um ausländische Investoren anzulocken. (Wenn sich die Betroffenen weigern oder sich wehren, werden sie schnell als Terroristen abgestempelt, und dann sind alle Mittel der Unterdrückung erlaubt.)
Manchmal erfolgt die Einmischung auch in Form einer Beschwerde der Welthandelsorganisation WTO, dass ein nationaler Postdienst in öffentlicher Hand einen ausländischen Kurierdienst "diskriminiert". Oder in Form eines Handelskriegs gegen Länder, die demokratisch ein Einfuhrverbot für hormonverseuchtes Rindfleisch beschlossen haben, oder gegen Länder, die ihren Bürgern kostenlose Aids-Medikamente zur Verfügung stellen. Es ist der unablässige Ruf der Unternehmenslobbyisten nach Steuersenkungen, der auf der ständig präsenten Drohung basiert, dass Kapital abgezogen wird, wenn wir nicht sofort den aktuellen Wunschzettel der Konzerne erfüllen.[...]
Autorenfoto, reprofähig
