Matthias Horx
Anleitung zum Zukunfts-Optimismus
Warum die Welt nicht schlechter wird
Eine chronische Depression lähmt unsere Gesellschaft und verhindert echten Wandel. Der apokalyptische Spießer ist der Archetypus unserer Zeit. Die Angstlobby regiert das Land – moralisierend, profitgeleitet. So taumeln wir verängstigt dahin. Dieses Buch rüttelt auf!
Matthias Horx
Matthias Horx ist der einflussreichste Trend- und Zukunftsforscher im deutschsprachigen Raum. Er war Redakteur unter anderem bei Tempo und Die Zeit. Zuletzt erschienen von ihm bei Campus »Anleitung zum Zukunftsoptimismus « sowie »Wie wir leben werden« als Buch und Hörbuch. Die Koautoren arbeiten allesamt für das Zukunftsinstitut.
mehr zum Autor
01.01.2008, Familie & Co
Zukunft - volle Kraft voraus!
"Der Trendforscher hinterfragt die gängigen Befürchtungen und liefert gute Gründe, der Zukunft positiv entgegenzublicken."
27.09.2007, Stern
Trends zum Nachlesen
"Horx plädiert für Vertrauen und Zuversicht."
18.03.2007, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Geschäftsmodell Apokalypse
"Das Buch wärmt die Seele und hält den Kopf kühl."
12.03.2007, Focus
Virtuoses Spiel mit dem Feuer
"Optimist Horx provoziert mit Attacken auf die Öko-Hysterie."
, Hamburger Abendblatt
Buch der Woche
"Bücher von Horx zu lesen ist immer wieder ein Genuss ... Kaum ein anderer Vertreter seiner Branche vermag es, Inhalte in eine derart knackige, polarisierende und unterhaltsame Form zu gießen."
Inhalt
Die Zukunftswette 9
Teil I: Das Imperium der Angst
Die Auguren der Apokalypse 15
Die Lobbys des Alarmismus 27
Die Psychologie des Alarmismus 44
Die Wirkungen des Alarmismus 70
Teil II: Die Skripte der Zukunftsangst
Das Märchen von der bösen Globalisierung 87
Das Märchen von der "aufklaffenden Schere" zwischen Arm und Reich 107
Das Märchen von der medialen und sonstigen Verblödung der Menschheit 122
Das Märchen von der demografischen Katastrophe 136
Das Märchen von der Prekarisierung der Arbeit 151
Das Märchen von der wachsenden Gewalt und dem Krieg der Kulturen 170
Das Märchen von der finalen Seuche 194
Das Märchen vom Werte- und Moralzerfall 210
Das Märchen von der Klimakatastrophe 232
Das Märchen von der tödlich bedrohten Natur und der Formel der "Nachhaltigkeit" 244
FUTURE MIND: Plädoyer für einen evolutionären Optimismus 262
Anmerkungen 281
Register 305
Das Phänomen des Alarmismus
Es ist Zeit für eine Definition. Unter Alarmismus verstehen wir ein soziokulturelles Phänomen, bei dem Zukunftsängste epidemieartig in weiten Bevölkerungskreisen grassieren. Diese Ängste entstehen aus einer bestimmten Interpretation von Gefahrenmomenten, die durchaus reale Ursprünge (oder Teilaspekte) aufweisen kann. Diese Gefahren werden jedoch symbolisch überhöht und auf ein vereinfachtes, eben katastrophisches Modell reduziert. Eine alarmistische Epidemie verläuft immer nach dem gleichen Muster:
1.Inkubation. Eine Gefahr wird aufgegriffen und in einem medialen Prozess gebrandet. Sie bekommt einen drastischen, wohlklingenden, angsterregenden Namen, zum Beispiel: "Waldsterben" - "Atomtod" - "Rinderwahn" - "Vogelgrippe" - "Klimakatastrophe" - "Feinstaub" - "Überalterung" - "Krieg der Kulturen" - "neoliberalistische Globalisierung" - "neue Unterschicht".
2.Fieberphase. Nun läuft eine kaskadenartige Sinnproduktion an. Experten treten auf und werden über Nacht zu Berühmtheiten. Sendungen zum Thema häufen sich im Fernsehen, die Schlagzeilen werden in immer größeren Lettern gedruckt. Bücher kommen in schnellem Takt auf dem Markt. Bis irgendwann alle "davon" sprechen. Und jeder eine Meinung dazu hat: "Haben Sie schon gehört! Das wird ja immer bedrohlicher!"
3.Ritualphase. Man versucht, etwas zu tun, verweigert etwa bestimmte Kaufakte, meidet Orte. Schuldzuweisungen häufen sich, der Ton wird noch hysterischer.
4.Abklingphase. Das Phänomen hat seinen Höhepunkt überschritten. Es wird plötzlich langweilig oder fällt auf die Stufe des "postkatastrophalen Entertainments" (Matthias Beltz) zurück. Nun erscheinen erste Betrachtungen, die das Phänomen nüchterner und komplexer betrachten, es sinnvoller einordnen, gar rationale Lösungsvorschläge machen. Allerdings werden diese kaum mehr wahrgenommen. Denn nun setzt bereits der nächste Zyklus ein ...
Alarmismus ist kulturgeschichtlich nichts Neues - hysterische Angstepidemien begleiten die Menschheitsgeschichte. Nicht zuletzt basiert das katastrophische Lebensgefühl auf einem psychologischen "Angstlust"-Effekt, den der Publizist Friedrich Sieburg schon in der Nachkriegszeit, 1957, beschrieb:
Die Weltuntergangsstimmung durch scharfe Analysen ins allgemeine Bewusstsein zu heben und sie gleichzeitig auch noch zu genießen, gehört zu den Lieblingsbeschäftigungen des Menschen von heute ... Der Alltag mit seinen tristen Problemen ist langweilig. Aber die bevorstehenden Katastrophen sind hochinteressant. Niemand soll uns um unsere Krise bringen! Wir haben ein Recht auf sie! Aber dass mir niemand zum jüngsten Gericht zu spät kommt!4
Seit zu Beginn der siebziger Jahre die elektronischen Massenmedien eine wichtige Funktion übernahmen, scheint sich der "Issue Attention Cycle" jedoch immer stärker zu beschleunigen. Die Verlaufskurve von Phase 1 bis 4 liegt heute bei etwa drei bis vier Monaten. Es gibt aber auch Alarme, die ihre Wirkkraft über Jahrzehnte entfalten. ("Globalisierung" zum Beispiel, oder auch "Global Warming").
Alarmismus ist, wie ich in diesem Buch zeigen möchte, nicht nur ein kulturgebundener Reflex auf Bedrohungen, sondern verselbstständigt sich zu einer gewaltigen Industrie. Mit Alarmismus kann man Politik machen; Machtpolitik, Geldpolitik, Mentalpolitik. Hier geht es um die "große Knappheit" der Informationsgesellschaft: Aufmerksamkeit. Wodurch kann man Aufmerksamkeit besser organisieren als durch Ängste? Und wodurch kann man Macht besser erreichen oder festigen als durch Inszenierungen von Angst?
Alarmismen erzeugen ständig neue Nachfragen nach Angstfetischen, seien es obskure Geräte gegen Magnetstrahlen oder Turnschuhe aus Bio-Jute. Sie generieren völlig neue, durchaus sinnvolle Marktsegmente, etwa den Bio-Lebensmittelmarkt. Aber nur der amerikanische Alarmismus bringt es fertig, innerhalb von einem Jahr die gesamte Nahrungskette zu verändern, sodass inzwischen in allen Supermärkten Fleisch, Eier und Fett ganz vorne in den Theken stehen, während Nudeln und Müsli in die Schmuddelecke befördert wurden! Und das alles nur, weil "Wissenschaftler festgestellt haben", dass die grassierende Fettleibigkeit an zu vielen Kohlehydraten liegt!
Wie also funktioniert dieses System? Woraus speist es seine enormen mentalen Energien? Wer sind die Spieler auf dem Feld? Und vor allem: Wie müssen wir es interpretieren? Ist das Ganze nur ein Medienspektakel, das uns letztendlich ein wenig unterhalten, gruseln und das Fürchten lehren soll - ein zwar irgendwie überhitztes, aber funktionierendes Frühwarnsystem?
Oder haben wir womöglich gute Gründe, im Namen der Zukunft nicht nur skeptisch, sondern gar alarmistisch gegenüber dem Alarmismus zu sein?
