Manuel J. Hartung, Cosima Schmitt
Die netten Jahre sind vorbei
Schöner leben in der Dauerkrise
Wir sind jung, flexibel, bestens ausgebildet. Wir reisen in der Welt umher, wechseln alle paar Jahre den Job, die Stadt oder den Partner und sind so selbstverständlich bei facebook unterwegs wie im Club um die Ecke. Zwar sind wir mit der Dauerkrise groß geworden: Mit Klimakrise, Bildungskrise, Wirtschaftskrise. Doch das bekümmert uns wenig. Wir haben sowieso nie geglaubt, dass die Rente sicher ist und Arbeitsplätze fürs Leben vergeben werden. Längst haben wir begriffen, dass nichts gewiss ist, es aber immer irgendwie weitergeht. Und dass wir die Welt verändern können – mit unseren eigenen Mitteln.
„Generation @“, „Generation 0“, Generation iPod“: Die Etiketten, die man uns 20- bis 35-Jährigen anheftete, können wir nicht mehr zählen. Keines davon trifft wirklich zu. Dafür sind wir zu vielseitig. Während die Generation Golf zwischen Punk oder Pop wählte, finden wir uns in unüberschaubar vielen Szenen wieder. Wir sind die Generation ohne Generation, leben im Themenpark der Lebensstile. Hereinspaziert!
Manuel J. Hartung
Manuel J. Hartung, geboren 1981, besuchte die Henri-Nannen-Journalistenschule, wurde 2004 Redakteur der Wochenzeitung /Die Zeit/ und ist seit 2007 Chefredakteur von /Zeit Campus/. Zwischenzeitlich studierte er in Bonn und New York und lehrte an der Universität Göttingen. Derzeit ist er McCloy Scholar an der Harvard University. Er ist Mitglied im Think Tank 30 des Club of Rome und Autor mehrerer Bücher.
mehr zum Autor
Cosima Schmitt
Cosima Schmitt, geboren 1975, hat Hamburg, Montpellier und Mexiko-Stadt Geschichte, Germanistik und Volkswirtschaftslehre studiert und die Deutschen Journalistenschule in München absolviert. Von 2003 bis 2008 war sie Politikredakteurin der /taz/. Heute lebt und arbeitet sie als Redakteurin der Zeit in Hamburg und Berlin.
mehr zum Autor
07.10.2010, Frankfurter Rundschau
Unterschätzte Generation
"Die Autoren skizzieren ein differenziertes Bild ihrer Altersgenossen. Das Buch ist die Verteidigungsschrift einer unterschätzten Generation."
download
Einleitung
Seit wir denken können, war immer irgendwie Krise.
Die Achtziger waren ein Jahrzehnt der Katastrophen und apokalyptischen Szenarien. Wir lernten, dass die Wälder, durch die wir mit unseren Lehrern zur »Umwelterziehung« zogen, bald vom sauren Regen zerfressen sein würden. Dass sich in Omas Kaffeetasse die Übel dieser Welt wiederfinden: Kinderarbeit, chemische Düngemittel und die Ausbeutung des armen Südens durch den reichen Norden. Manchmal pappten uns unsere älteren Brüder »Atomkraft? Nein danke«-Buttons ans Oilily-Shirt und nahmen uns mit in den Umweltclub ihrer Gesamtschule. Wir lasen Gudrun Pausewang, Die letzten Kinder von Schewenborn, und waren am nächsten Tag ganz lieb zu unserer Mutter – wer weiß, ob nicht auch sie bald von nuklearer Strahlung dahingerafft wird. Und wir erfuhren von einem Ort, »Tschernobyl«, sehr weit weg und trotzdem schuld daran, dass wir die Himbeeren in unserem Garten nicht mehr essen durften und bittebitte aufpassen sollten, dass die kleine Cousine im Spielkasten keinen Sand in den Mund steckt.
Wir lernten Bedrohungen kennen, vor denen uns weder Eltern noch Lehrer schützen konnten.
Die Neunziger brachten das Wort »Krieg« in unsere Klassenzimmer. Ein Mann namens Saddam Hussein griff Kuwait an, das wir nur als winzigen Flecken auf unserem Leuchtglobus kannten. War es nicht gut, dass die Amerikaner das kleine Land beschützen, oder sollten wir mitgehen zu den Schülerdemos »Kein Blut für Öl«? Irgendwann benannte der Jugoslawe an der Ecke sich in »Balkanstube« um, auf einmal hatten wir viele neue Mitschüler, die Serbisch oder Kroatisch sprachen und von Bomben und Flucht erzählten, und wir verstanden nicht, warum auf einmal so viel Hass war in dem Land, das uns beim Badeurlaub mit den Eltern doch friedlich erschienen war. 1999 beteiligten sich deutsche Streitkräfte zum ersten Mal an einem Krieg, gegen den Diktator Miloševic und seine Gräueltaten im Kosovo.
Die Welt erschien uns zerbrechlich, unser Leben von mysteriösen Mächten beeinflusst, und irgendwo klaffte immer ein Abgrund. Die Probleme, die da auf uns warteten, schienen umso schrecklicher, als wir kaum etwas an ihnen zu ändern vermochten: Was konnten wir schon tun, damit sich im Balkan nicht Nachbarn abschlachten? Wie sollten wir Bäume retten, Atomkraftwerke abschalten? Wen interessierte es schon, ob wir zur Demo gingen oder Solarstrom gut fanden? Wir durften ja nicht einmal wählen.
Zugleich blieben die Ängste seltsam abstrakt. Uns selbst ging es gut in unserem Mikrokosmos aus Vorstadthäuschen, Fußballverein und Ferien auf dem Bauernhof. Die Welt drohte ständig unterzugehen, aber unsere Eltern pflanzten trotzdem einen Baum.
Jahre später, als wir einen Beruf aussuchen, uns für ein Studienfach entscheiden sollten, wurden ganz andere Bedrohungen konkreter. Wir hörten Worte wie »Lehrstellenmangel« und »Lehrerschwemme«; Fächer, die wir interessant fanden, nannten unsere Eltern »brotlos« und rieten, »lieber etwas Vernünftiges zu machen«. Auch die deutsche Wirtschaft offenbarte Schwächen: Die Landschaften im Osten blühten nicht, sie welkten vor sich hin wie der Ficus in unserem Jugendzimmer, immer häufiger nannten Nachrichtensprecher die neuesten Arbeitslosenzahlen. Wir begannen zu ahnen, dass wir Jungen es nicht besser haben würden als unsere Eltern. Dass die Annahme, die Wirtschaft würde immer weiter wachsen und mit ihr der private Wohlstand, eine Illusion sein könnte. Womöglich würden wir die Erwartungen, mit denen unsere Eltern uns in die Welt hinausschickten, nicht erfüllen. Wir wollten die Welt erobern. Aber wir ahnten, dass die Welt sich sträuben könnte.
Die Generationen vor uns hatten durchaus das Gefühl, sie könnten die Geschichte umschreiben: In den Fünfzigern, als auch durch ihren Einsatz aus zerbombten Städten ein sahnetortenfröhliches Wirtschaftswunderland entstand; in den Sechzigern, als Bildung ein Bürgerrecht werden sollte und immer mehr Menschen die Elitebastion Universität stürmten. 1968 schafften es einige tausend Studenten, die Sexualmoral, Gesellschaftsordnung und Geschichtsverleugnung der ganzen Nation in Frage zu stellen; 1972 versammelten sich Zehntausende junger Menschen hinter dem Slogan »Willy wählen« und merkten, wie gewichtig der einzelne Wähler ist, wenn er Teil einer Massenbewegung wird; 1982 demonstrierten Hunderttausende auf der Hofgartenwiese in Bonn für Frieden, Freiheit und gegen den Nato-Doppelbeschluss und fühlten sich mächtig in der Gruppe. Und schließlich stürzten 1989 mutige Bürgerinnen und Bürger nicht nur ein Regime, sondern brachten auch eine Weltanschauung zu Fall. Die Botschaft hinter diesen Erfahrungen lautete: Wir können die Welt verändern! Von ein paar Weltuntergangsclaqueuren und Waldsterbensangstmachern abgesehen glaubten die meisten daran, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand haben.
Wir kennen Willy Brandt nur aus dem Geschichts-LK und die deutsche Einheit als Fernsehereignis, in das wir nach der Sendung mit der Maus mal kurz reingezappt sind. Wir wuchsen auf ohne die Freund-Feind-Schemata des Kalten Krieges. Die Welt war komplizierter geworden. Wer 1976 zum ersten Mal wählte, las »Freiheit statt Sozialismus« auf den Wahlplakaten. Wer 1998 zum ersten Mal wählte, erfuhr von Gerhard Schröder, er werde nicht alles anders machen, aber vieles besser. Wir wuchsen auf ohne Ideologien – aber auch ohne das Gefühl, dass unser Wille mal eben die Weltgeschicke ändern könnte.
Stattdessen haben die Weltgeschicke uns geändert.
Im Jahr 2000 platzte die Dot.com-Blase. Sie beendete eine Zeit der Wohlstands- und Fortschrittseuphorie. Die Aktienkurse waren immer weiter gestiegen, die Deutsche Telekom an die Börse gegangen, jeder wollte Aktionär werden. Noch die merkwürdigste Business-Idee wurde ein Riesenerfolg, solange nur irgendetwas mit Internet oder Innovation in der Power-Point-Präsentation stand. Doch plötzlich stürzten die Kurse ab, viele Anleger, die häufig gerade erst Aktien gekauft und ein Anlegermagazin im Abo bestellt hatten, verloren ihr Erspartes. Die Illusion, jeder könne es mit ein bisschen Geschick zu Wohlstand bringen, war geplatzt. Das Vertrauen war weg. Drama, Baby, Drama.
Stattdessen hat sich der 11. September in unser Gedächtnis gebrannt. Jeder von uns weiß noch genau, was er an diesem Tag getan hat, am Nachmittag in Deutschland. Manche waren ein Eis essen und bekamen einen Anruf. Oder wir liefen durch eine Fußgängerzone und sahen, wie sich Leute plötzlich vor einem Schaufenster drängelten, in dem ein Fernseher stand. Oder wir haben ein Praktikum gemacht, und plötzlich lief der Chef durch den Gang und rief: »Ein Flugzeug ist ins World Trade Center gerast«, und wir stellten uns vor den Bürofernseher und sahen die Rauchwolken, das Feuer, die Türme, die in sich zusammensackten.
Eine kleine Gruppe bärtiger Männer schaffte es, der Welt neue Feinde bewusst zu machen, sie in Lager zu spalten. Das veränderte unser Selbstbild: Stärker als je zuvor merkten wir, dass wir nicht Subjekte der Weltgeschichte sind, nicht Handelnde, sondern bloß Objekte und Erduldende. Osama bin Laden lässt sich nicht von einer Massendemo im Tiergarten beeindrucken. Und ob ein deutscher Wähler nun für die CDU oder für die SPD stimmt, wird sein Land nicht vor terroristischen Angriffen bewahren. Wir hatten Kriege als etwas Abstraktes empfunden, das in fernen Ländern mit zweifelhaften Politsystemen geschieht. Nun rückten die Bedrohungen näher. Die Attentäter hatten ihre Todesflüge in den fernen USA gestartet, aber studiert hatten sie in Hamburg, saßen vielleicht mit Freunden von uns in der Vorlesung. Auf einmal machte es uns nervös, wenn ein bärtiger Mann mit Rucksack zu uns in die S-Bahn stieg, wenn im ICE ein Koffer allein herumstand oder wir in New York oder Madrid die Metro benutzen mussten. In solchen Momenten merkten wir: Wir leben in einer Dauerkrise. Die netten Jahre sind vorbei.
Auch im Kleinen, Privaten mehrten sich die Krisen. 2005 wurde »Generation Praktikum«, zunächst nur die Überschrift eines Zeit-Artikels, zum Synonym für die Arbeitsmarktmisere ganzer Jahrgänge. Vormals galt die Formel, dass eine gute Ausbildung, selbst wenn sie 16 Semester dauert, einen guten Arbeitsplatz sichert; dass Karrieren planbar sind, wenn man nur in den Semesterferien mal ein Firmenpraktikum macht oder eine dritte Fremdsprache lernt. Wer bereit war, notfalls in eine andere Stadt zu ziehen und nicht gerade ein abgebrochenes Philosophiestudium hinter sich hatte, musste sich um Einkommen und Festanstellung keine Sorgen machen. Nun aber standen andere Szenarien im Raum: Diplomanden, die selbst mit Einserexamen und glattgebügeltem Lebenslauf keine Stelle finden. Auf deren Schreibtischen sich die Absagen stapeln wie vorher die Probeausdrucke der Abschlussarbeit. Die Praktikum an Praktikum reihen und wieder bei Mama und Papa einziehen, weil ihre 50-Wochenstunden-Arbeit leider unbezahlt ist. Die Debatte verunsicherte selbst jene, die gar nicht unmittelbar betroffen waren. Studenten fragten sich: Wird das, was wir da lernen, später gebraucht und geschätzt? Können wir uns eine Zukunft aufbauen? Oder müssen wir uns einreihen ins akademische Prekariat, geschmückt mit einem Titel, aber ohne Geld für die Miete? Es war die Hoch-Zeit der Abstiegsängste. Schon Berufsanfänger sorgten sich um die Rente. Weil sich zu viele als Teil der »Generation Praktikum« wähnten, schraubten sie ihre Ansprüche herunter, waren bereit, Kompromisse zu schließen. Weil es so schwer war, in der Arbeitswelt seinen Platz zu finden, wurde sie zugleich enorm wichtig und enorm entwertet. Ein Job galt fortan als unzuverlässiger Glücksquell; wir begannen, uns nach anderen Sinnstiftern umzusehen, uns Statussymbole jenseits des Materiellen zu suchen.
Denn kaum hatten wir es dann doch in die erste befristete Stelle geschafft, kam die Wirtschaftskrise. Mit der Pleite von Lehman Brothers und der Weigerung der US-Regierung, für die mittelgroße Bank Garantien zu übernehmen, begann die größte Finanzkrise der Nachkriegszeit. Sie brachte Kleinanleger um ihr Erspartes, US-Familien um ihr Häuschen, sie ließ Banken zittern, Tausende allein in Deutschland um ihren Job bangen. Sie zwang Staaten weltweit, gigantische Rettungspakete zu schnüren, die viele Generationen lang abbezahlt werden müssen. Für die Jungen, so die Prognose, ist die Aussicht auf Aufstieg und finanzielle Sicherheit schlechter denn je. Wie stark die Finanz-krise auf Dauer unser Berufsleben beeinflussen wird, ist nicht absehbar.
Es gibt noch keinen Namen für dieses Jahrzehnt zwischen 2000 und 2010. Manche sagen die »Zweitausender«, die »Millenniums-Jahre« oder die »Nullerjahre« und nennen den Zeitraum das »Jahrzehnt der Bagels, Blogs und Billigflieger«, was so banal wie gaga ist. Manche sagen, dass es ein kurzes Jahrzehnt gewesen sei, dass es vom 11. September 2001 bis zu jenem berühmten Schwarzen Montag im Oktober 2008 dauerte. Auch wenn die politische Unsicherheit seit dem 11. September unsere Welt geprägt hat, so ist es sinnvoll, die großen Wirtschaftskrisen als Rahmendaten zu nehmen: Die geplatzte Dot.com-Blase und die weltweite Wirtschaftskrise. Ökonomische Unsicherheit, die sich auch daran zeigt, wie sehr wir an die »Generation Praktikum« glauben, prägt uns mehr als alles andere.
Warum wir Generationenbegriffe albern finden
Wie heißt eigentlich unsere Generation? Welchen Namen trägt sie? Wie rufen wir uns? Wie werden wir in dreißig Jahren über uns sprechen?
Wir sind mitten hineingeraten in eine Gesellschaft, die sich berauscht an Generationenetiketten. Die 68-er sind bis heute »die 68-er«, uns wird alle paar Monate von Medien oder Buchautoren ein neues Label angeheftet. Das nervt. Wir haben nichts gegen den Begriff »Generation«. Wir finden auch, dass es, um mit dem Klassiker unter den Generationenforschern Karl Mannheim zu sprechen, »Generationserlebnisse« gibt, markante Kindheits- und Jugendereignisse, die eine ganze Generation beeinflusst haben; viele Menschen fühlen sich verbunden, weil sie an gemeinsamen Schicksalen und geistigen Strömungen einer Zeit teilhaben. Bei den in den Zwanzigern Geborenen war es das Schlüsselerlebnis, als gerade Erwachsener oder Fast-noch-Kind in den Krieg ziehen zu müssen, bei den zehn Jahre Jüngeren das Gefühl, inmitten einer Gesellschaft der Kriegstraumatisierten als Einzige nur den Wiederaufbau miterlebt zu haben. Die »skeptische Generation« nannte Helmut Schelsky die Studenten der zweiten Hälfte der 1950-er Jahre. Später kamen die 68-er, die Babyboomer, dann die »Generation Golf«, die »Generation X«.
Uns eint heute nicht, wie die Kriegskinder, das eine große Trauma. Unser Lebensgefühl geprägt haben eher die Beharrlichkeit und die Regelmäßigkeit, mit der sich Krisen in unser Leben schieben. Weder verbindet uns ein Versuch der Revolte, noch, dass wir so viele waren, und auch nicht der Hedonimus, der sich in einem Untere-Mittelklasse-Modell von Volkswagen zeigen sollte. Es sind keine Äußerlichkeiten, die uns einen, es ist die tiefgreifende Verunsicherung – und unsere Reaktion darauf –, die unser Generationengefühl geprägt hat.
Uns stört, dass es bei Generationenbegriffen vor allem um Etikettierungen geht, um Vereinfachungen, oft genug auch um eine knallige Headline. Dabei wird meist unterstellt, wir seien von Popkultur, Konsum und Formen der Mediennutzung (»Generation MTV«, »Generation @«) weit mehr beeinflusst als von großen, globalen Ereignissen (Mauerfall, 11. September). Ist jeder, der alle paar Tage mal in seinen Account reinschaut, gleich Teil der »Generation Facebook«? Sind die Studenten, die auf der Campuswiese stundenlang über Sinn und Unsinn eines Afghanistan-Einsatzes diskutieren, »Generation Doof«? Sind wir so gesichtslos, dass man uns »Generation Null« nennen muss, nur weil wir in einem schwer zu benennenden Jahrzehnt jung waren? Sind wir gar die »Generation Internet«? Aber Mails schrei¬ben längst auch unsere Opas, und die digital natives in der Grundschule können sowieso schneller twittern als wir. Wir glauben nicht, dass Menschen sich ähneln, nur weil sie das gleiche Medium nutzen – der eine liest online nur die neuesten Meldungen auf tagesschau.de, der andere guckt Youtube-Videos, der dritte tauscht sich im Zierfischforum über das Fressverhalten der Antennenwelse aus. Seit wann sind die Formen, in denen sich unsere Teilhabe am öffentlichen Leben artikuliert, wichtiger als die Inhalte? Siegt die Materie über den Geist, oder ist es umgekehrt? Es sagt doch über den Politisierungsgrad einer Generation nichts aus, wenn sie sich im Internet über das Tagesgeschehen informiert statt in der Tageszeitung. Ob wir nun eher eine E-Mail schreiben oder einen Brief, ob wir lieber öfter mal eine SMS schicken als hin und wieder lange zu telefonieren – das sagt nichts aus über unsere Beziehung zu Freunden und Verwandten. Der Spiegel hatte 2009 einen ganzen Katalog an Generationenetiketten im Angebot: »Generation Ritalin«, »Generation Chucks«, »Generation iPod«, »Generation Konsum«, »Generation Moleskine«, »Generation Yoga-Matte«. Na bitte, da können wir ja eines ankreuzen.
Wir sind zu vielfältig, um uns unter eine Headline zwingen zu lassen. Ein paar gesellschaftliche Strömungen vereinen nicht eine ganze Generation. Das »Generationen«-Geplauder ist auch eine Gegenreaktion: Weil die Welt kompliziert geworden ist, sehnen sich viele nach Labels – »erst vereinfachen, dann übertreiben«, diese alte Journalistenweisheit spitzt sich in einem Etikett wie »Generation Soundso« zu. Wem hilft das? Vielleicht den Älteren, denen die Jugend fremd geworden ist. Die daran verzweifeln, dass Menschen heute nicht mehr nach Stand, Klasse, Milieu zu sortieren sind, weil sich alles so rasch wandelt. Es gab noch nie so wenig Mainstream wie heute. Wir sind eine zersplitterte Generation, vereint in den prägenden Ereignissen, aber sehr vielfältig in unseren Reaktionen.
Wir sind eine Generation, aber wir wollen kein Label. Wir brauchen keins.
Wir Krisen-Könner
Eigentlich müsste unsere Generation in Zukunftsangst erstarren. Wir müssten eskapistisch von einer besseren Welt träumen. Oder in einen Aktionismus verfallen, in dem es nur um die nächste Station einer Ellenbogen-Karriere, um Shoppen, Ficken und Mit-dem-Around-the-world-ticket-Papas-Geld-Verballern geht. Aber so sind wir nicht. Wir wollen nicht nichts tun, wir wollen nicht naiv träumen, wir wollen nicht Dummsinn machen. Wir wollen schöner leben in der Dauerkrise.
Wir sind keine Krisenkinder, gar Krisenopfer, wie der Spiegel schrieb, bei denen »aus der Unsicherheit Unheil erwächst«. Die Dauerkrise hat uns geprägt, aber sie ist nicht unser Lebensmot-to. Wir haben uns arrangiert, die Krise und wir, so wie man sich an den schwerhörigen Nachbarn gewöhnt hat, der jeden Abend seine Volksmusik auf 100 Dezibel aufdreht – das ist lästig, aber Teil unseres Alltags. Wir sind ja längst gute Bekannte, die Dauerkrise und wir. Sie ist uns so vertraut, dass wir das Lamentieren hinter uns gelassen haben.
Wir wissen: Irgendwie geht es immer weiter. Der Wald ist nicht gestorben, der Kalte Krieg ist nicht zum Atomkrieg eskaliert, Himbeeren darf man längst wieder essen und die Finanzkrise hat nicht so viele arbeitslos gemacht wie befürchtet. Auch im eigenen Leben ist vieles doch nicht so schlimm geworden. Die allermeisten von uns sind nicht als Dauerpraktikanten gestrandet, sondern haben doch noch einen richtigen Job gefunden, und dass der toll bezahlt wäre, hatten wir sowieso nicht vermutet. Wir finden es normal, flexibel zu sein, wir erwarten gar nicht, eine Stelle, eine Liebe, einen Wohnort fürs Leben zu behalten. Unsere Freunde notieren sich nicht Straße, Hausnummer, Postleitzahl, sondern Mailadresse und Handynummer.
Wir haben unsere Nischen gefunden. Freunde und unser Partner sind uns sehr wichtig – auch als Ausgleich zu den Härten der Arbeitswelt. Wir ziehen uns aber nicht privatistisch ins eigene Nest zurück, wir tanken dort nur auf, um dann umso energischer in die Welt hinauszugehen. Wir proklamieren auch kein neues Biedermeier, erlassen keine Regeln: Der eine findet es romantisch, der Freundin mit 25 einen Verlobungsring zu kaufen, der zweite findet es romantisch, nie zu heiraten, weil er damit zeigen möchte, dass man sich immer wieder aus Liebe zueinander bekennt und nicht wegen der Steuer und aus Angst vor Unterhaltsstreitigkeiten zusammenbleibt. Beides finden wir normal und richtig. Kinderkriegen ist eine Frage der persönlichen Vorlieben, nicht der Ideologie. »In diese Welt kann man doch keine Kinder setzen« – das ist heute kein Thema mehr. Aber ebenso wenig ziehen wir unser Selbstbewusstsein daraus, den perfekten Babybrei zu kochen. Oder finden, dass wir nur dann eine richtige Frau, ein richtiger Mann sind, wenn wir unsere Gene weitergegeben haben.
Auch wenn wir auf die große Liebe hoffen, sind wir in Beziehungsfragen KrisenKönner: Wir hegen eine Liebe, so lange sie hält, haben aber auch gelernt, dass sie zerbrechen kann. Dass das traurig ist, sich aber wieder eine neue Liebe finden wird.
Wir sind Anpacker. Wir sind virtuos darin, mit den Umständen, wie sie nun mal sind, zu jonglieren – und die Welt wenigstens im Kleinen zu verändern. »Wir sind Helden«, die Band unserer Generation, hat mit dem Song »müssen nur wollen« wohl unsere Hymne geschrieben. Die Frontfrau Judith Holofernes, Jahrgang 1976, singt: »Muss ich immer alles müssen, was ich kann? Eine Hand trägt die Welt, und die andere bietet Getränke an. Ich kann mit allen zehn Füßen in zwanzig Türen und mit dem elften in der Nase Ballette aufführen. Aber wenn ich könnte, wie ich wollte, würd’ ich gar nichts wollen. Ich weiß aber, dass alle etwas wollen sollen. Wir können alles schaffen genau wie die tollen dressierten Affen. Wir müssen nur wollen.«
Dieses Buch ist ein Generationenbuch ohne Generation. Es beschreibt die Generation zwischen zwanzig und Mitte dreißig, wie sie wirklich ist. Es zeigt, dass es uns gelingt, glücklich zu sein – trotz oder sogar wegen der Dauerkrise. Wie kreativ wir darin sind, den allgegenwärtigen Unsicherheiten zu trotzen. Wie wir es schaffen, in schwierigen Zeiten eigene Ziele und Wünsche zu leben.
Die netten Jahre sind vorbei, das heißt nicht nur, dass die Krise unsere Generation geprägt hat. Vor allem zeigt es, dass wir uns nicht alles gefallen lassen. Dass wir uns nicht brav zurückziehen in die WG-Küche oder das Designerloft, dass wir nicht den Kopf beugen und den Lebenslauf optimieren. Wir brechen auf, um die Welt zu verändern. Die Zeiten sind vorbei, in denen sich unsere Stimme überhören ließ.
Wir sind politisch in unserem Konsum – es sind auch die jungen Bioorangenesser und Fairtrade-Espressotrinker, die die Ökowelle in Bewegung halten, die zeigen, dass man mit bewusstem Konsum mehr ausrichtet als mit demonstrativer Konsumkritik. Wir sind politisch in unseren Lebensmodellen – junge Frauen wollen den Feminismus zeitgemäß erneuern, junge Väter nehmen Elternzeit und üben sich im Windelwickeln und in Sandkastenspielen. Wir starten Studentenproteste, verfassen Online-Petitionen und Facebook-Aufrufe und fahren mit der Isomatte zur G8-Demo. Wir gründen neue NGOs wie »Campact«, deren Aktionsformen von Online-Petitionen bis zu einzelnen Protest-Events gut in unsere Lebenswelt passen. Wir geben der Anti-Atom-Bewegung, die vielen schon historisch schien, neuen Auftrieb. Wir wählen neue Formen des Protests – oft solche, die sich mit den Denkschemata der Alten kaum fassen lassen.
Wir sind eine Generation, deren wahre Stärke oft übersehen wird – auch von uns selbst. Wir sind zu bescheiden. Oft stimmen wir willig jenen zu, die uns als zu brav, zu angepasst, zu wirtschaftshörig kritisieren. Nicht genug, dass die Älteren uns beschimpfen. »Traurige Streber« nannte uns Jens Jessen in der Zeit, beklagte sich »über die Studenten, deren Berufswünsche Geld und Sicherheit heißen«, die Praktikanten und Berufsanfänger, die »bis zur Charakterlosigkeit jede Bedingung, jede eingespielte Dummheit, jede ethisch bedenkliche Praxis« akzeptierten. »Manches spricht dafür, dass die Jugend unsere Gesellschaft zerfallen sieht und nur noch das eigene Überleben sichern will.« Auch wir neigen oft zu Selbstkasteiungen. Und die werden, weil die Alten immer noch die Meinungsmacht in den Medien haben, besonders gern gedruckt. Geschwätzig, ängstlich und unfähig, Kritik zu üben – dieses Bild unserer Generation zeichnet etwa die Mittzwanzigerin Meredith Haaf im Magazin der Süddeutschen Zeitung.
Gerade weil wir idealistisch sind, uns an einem hohen Ideal messen, sind wir oft enttäuscht, wenn wir dem nicht genügen können. Wir denken global und lokal zugleich. Unsere Facebook-Freunde oder der Australier aus unserem Internetforum sind uns oft näher als der Nachbar von nebenan. Nationale Grenzen verlieren an Bedeutung, auch für den eigenen Lebensweg. Die Aussicht, vielleicht nächstes Jahr schon in London oder New York zu arbeiten, erfreut uns eher, als dass sie uns erschreckt. Bis dahin aber sind wir bereit, vor Ort Verantwortung zu übernehmen. Für die gebrechliche Dame von nebenan, der wir die Einkäufe erledigen. Für ein Hausaufgabenhilfeprojekt. Für die Menschen, die wir aus Internetforen kennen und denen wir in Notfällen Geld spenden. Wir sind Idealisten.
Wir haben nur andere Formen des Idealismus entwickelt. Wir fragen uns genau: Was können wir an welcher Stelle wirklich bewirken? Wir finden es oft sinnvoller, im Altersheim Freiwilligenarbeit zu leisten, als auf einer Demo zu zeigen, dass auch wir für Weltfrieden oder gegen Raubtierkapitalismus sind. Wir gehen ja auf Demos, aber doch bitte auf solche, denen es um handfeste Forderungen geht. Wir setzten uns am 1. Mai 2010 in Berlin-Prenzlauer Berg auf die Straße und stoppten einen Nazi-Aufmarsch. Wir drangen 2009 auf klar definierte Veränderungen beim Bachelor. Wir schauen uns genau an, mit welchem Input wir welchen Output erzielen können. Und das geht im Kleinen oft besser, als wenn man immer auf das große Ganze schaut. Man kann diese Form des Engagements »effizienten Idealismus« nennen. Einen Idealismus, der fragt: Was kommt wirklich dabei heraus? Wie setzen wir unsere Zeit am besten ein, um tatsächlich etwas zu verändern?
Es ist nicht nur eine Gesinnungssache, viel Zeit mit den eigenen Kindern zu verbringen und deswegen weniger im Büro zu sitzen, oder einzugreifen, wenn der Park nebenan Luxuswohnungen weichen soll, es verändert auch etwas. Weltfrieden und Gerechtigkeit für alle zu fordern ist wichtig, bringt uns aber nicht weiter. Umso mehr in einer Zeit, in der sich vieles nicht auf einfache Formeln bringen lässt – nicht der Kapitalismus an sich ist gut oder böse, es kommt darauf an, wie er sich in einer konkreten Situation auswirkt. Unser Protest ist verhalten, unsere Strategien sind subtil – aber wirkungsmächtig. Wenn eine Generation den Beruf nicht über das Privatleben stellt, dann humanisiert das die Arbeitswelt nachhaltiger als Demonstrationen. Wenn wir ein Freiwilliges Soziales Jahr im Altenheim machen und dann später als Politiker oder Journalisten den Pflegenotstand anprangern – hilft das mehr, als ein Plakat zu basteln »gegen die soziale Kälte in unserem Land«. Der effi¬ziente Weg, die Welt zu verändern, ist nicht der Lauteste. Das Private ist politisch. Diese Botschaft der 68er haben wir effiziente Idealisten stärker verinnerlicht als die Generationen vor uns.
Dieses Buch entlarvt Zerrbilder und lüftet manches Geheimnis: Wie ist sie wirklich, die Jugend? War früher alles besser oder verklären viele Ältere nur die eigene, längst verstrichene Jugend? Wie und wo engagieren sich junge Menschen? Sind sie tatsächlich reihenweise politikverdrossen? Was muss sich ändern, damit Parteiausweis und Stadtratsposten als cool gelten? Wie leben Männer und Frauen zusammen? Was läuft beim Bachelor falsch? Wie wehren wir uns gegen die gefährlichste Generation aller Zeiten – die Babyboomer, deren Rente uns ruinieren wird? Welche Generationenkonflikte werden in Zukunft entstehen, gibt es gar eine Revolution?
Dabei können wir nur einen Ausschnitt unserer Generation betrachten: die Studenten, die Praktikanten, die Berufseinsteiger. Mittelschichtskinder, wenn man so will. Wir finden sie besonders interessant, weil sie es waren, die in der öffentlichen Debatte im Fokus standen. Und wir schreiben über sie, weil es die Menschen sind, die wir kennen, denen wir täglich an den Universitäten, in den Büros, in den Kneipen begegnen. Wobei wir bei »Studenten« und »Berufseinsteigern« die Studentinnen und Berufseinsteigerinnen immer mit meinen. Für unsere Generation ist es so selbstverständlich, dass Frauen in allen Bereichen des öffentlichen Lebens mindestens so präsent sind wie Männer, dass wir das nicht durch ein Stolper-I in »ChefInnen« betonen müssen.
Die netten Jahre sind vorbei. Nicht nur, weil wir in der Dauerkrise groß geworden sind. Sondern auch, weil wir in der Dauerkrise schöner leben wollen. Wir warten nicht, ob die Alten uns gnädig einen Teil der Macht, ein paar Bröckchen vom Wohlstand abgeben. Wir wollen die Welt verändern, sie ein kleines bisschen besser, gerechter und lebenswerter machen. Wir erstreiten uns einen Platz in der Gesellschaft, mit unseren Mitteln. Der Kampf um die Zukunft hat gerade erst begonnen.
