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Kapitel 1
Wie es früher war
Ich bin 1953 geboren. Wie meine Generationsgenossen habe ich das Amerika, in dem ich aufgewachsen bin, für eine Selbstverständlichkeit gehalten - genauer gesagt, ich habe wie viele meiner Generation mit den ganz realen Ungerechtigkeiten unserer Gesellschaft gehadert, gegen die Bombardierung Kambodschas demonstriert und für liberale Kandidaten Werbung an der Haustür gemacht. Erst im Rückblick erscheint die politische und wirtschaftliche Umwelt meiner Jugend als ein verlorenes Paradies, als ein außergewöhnlicher Abschnitt in der Geschichte unseres Landes.
Das Amerika der Nachkriegszeit war vor allem eine Mittelschichtgesellschaft. Der starke Lohnanstieg, der mit dem Zweiten Weltkrieg einsetzte, hatte Millionen von Amerikanern, darunter auch meine Eltern, aus städtischen Elendsvierteln und ländlicher Armut befreit und ihnen ein Leben mit Hausbesitz und beispiellosem Komfort ermöglicht. Die Reichen hatten dagegen an Boden verloren: Sie waren wenige und, gemessen an der wohlhabenden Mitte, nicht gar so reich. Die Armen waren zahlreicher als die Reichen, aber sie waren immer noch eine relativ kleine Minderheit. Die Folge war ein bemerkenswerter Eindruck von wirtschaftlicher Gemeinsamkeit: Die meisten Menschen in Amerika lebten in erkennbar ähnlichen und sehr anständigen materiellen Verhältnissen.
Der Ausgeglichenheit unserer wirtschaftlichen Bedingungen entsprach Mäßigung in der Politik. Während eines Großteils meiner Jugendzeit bestand zwischen Demokraten und Republikanern ein breiter Konsens in der Außenpolitik und in vielen innenpolitischen Fragen. Die Republikaner versuchten nicht mehr, die Errungenschaften des New Deal rückgängig zu machen; nicht wenige unterstützten sogar Medicare, die öffentliche Krankenversicherung für Senioren. Und die Zusammenarbeit beider Parteien war kein leeres Gerede. Trotz des Aufruhrs wegen Vietnam und der Rassenfrage, trotz der finsteren Machenschaften Nixons und seiner Handlanger war der politische Prozess überwiegend von einer Zwei-Parteien-Koalition von Menschen bestimmt, die in ihren grundlegenden Wertvorstellungen übereinstimmten.
Wer sich in der Geschichte auskannte, wusste, dass Amerika nicht immer so gewesen war, dass unser Land früher von ungeheurer wirtschaftlicher Ungleichheit geprägt und von erbittertem politischen Streit zerrissen war. Doch aus der Sicht der Nachkriegsjahre erschienen die extreme Ungleichheit und die schroffe politische Zerrissenheit wie eine vorübergehende, unreife Phase, die zu den rauen Bedingungen eines Landes in den Anfängen der Industrialisierung dazugehörte. Jetzt, da Amerika erwachsen geworden war, eine relativ gleiche Gesellschaft mit einer starken Mittelschicht und einer ausgeglichenen politischen Szene, hielten wir das für seinen Normalzustand.
Doch in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts wurde nach und nach deutlich, dass die Entwicklung Amerikas zu einer politisch gemäßigten Mittelschichtgesellschaft nicht das Ende der Geschichte war. Ökonomen wiesen nach, dass die Ungleichheit rasch zunahm: Eine kleine Minderheit setzte sich weit von den anderen ab, während die Mehrheit der Amerikaner nur geringe oder gar keine wirtschaftlichen Fortschritte machte. Politikwissenschaftler belegten eine wachsende politische Polarisierung: Politiker neigten zu den Extremen des Links-Rechts-Spektrums, und es sprach immer mehr dafür, "Demokrat" und "Republikaner" mit "liberal" und "konservativ" gleichzusetzen. Diese Entwicklung ist bis heute ungebrochen: Die Ungleichheit der Einkommen ist so hoch wie in den zwanziger Jahren des vorigen Jahrhunderts,1 und die politische Polarisierung ist so scharf wie noch nie.
Die sich verschärfende politische Polarisierung bedeutet nicht, dass beide Parteien sich den Extremen genähert hätten. Man wird schwerlich behaupten können, dass die Demokraten nennenswert nach links gerückt seien: Was Wirtschaftsfragen betrifft - ob es nun um Sozialhilfe oder um Steuern geht -, kann man durchaus sagen, dass Bill Clinton nicht nur rechts von Jimmy Carter, sondern auch rechts von Richard Nixon regiert hat. Andererseits liegt es auf der Hand, dass die Republikaner nach rechts gerückt sind: Man braucht nur den kompromisslosen Konservatismus eines George W. Bush mit der maßvollen Haltung eines Gerald Ford zu vergleichen. Manches von dem, was Bush betreibt, zum Beispiel die Abschaffung der Erbschaftsteuer, würde Amerika nicht nur in die Zeit vor dem New Deal, sondern in die Zeit vor der Progressiven Ära [1890?-?1913 - Anm. d. Ü.] zurückversetzen.
Wenn wir weiter zurückblicken, sind sowohl der Anfang als auch das Ende der Ära der Zusammenarbeit von grundlegenden Veränderungen in der Republikanischen Partei geprägt. Die Ära begann, als Republikaner, die den New Deal erbittert bekämpft hatten, entweder aus dem Amt schieden oder das Handtuch warfen. Nach dem Überraschungssieg Harry Trumans im Jahr 1948 fand die Führung der Grand Old Party sich mit der Vorstellung ab, dass der New Deal sich als eine bleibende Idee durchgesetzt hatte, und gab um ihrer politischen Selbsterhaltung willen die Bemühungen auf, die Uhr auf die zwanziger Jahre zurückzustellen. Das Ende der Ära der Zusammenarbeit und der Beginn einer neuen Ära des erbitterten Parteienkampfes trat ein, als in der Republikanischen Partei eine radikale neue Kraft der amerikanischen Politik zu Einfluss gelangte, die Konservative Bewegung, die in diesem Buch eine große Rolle spielen wird. Die einseitige politische Ausrichtung erreichte ihren Höhepunkt nach der Wahl von 2004, als ein triumphierender Bush versuchte, die Sozialversicherung, das Kronjuwel der Institutionen des New Deal, zu demontieren.
In der modernen amerikanischen Geschichte gab es also zwei große Bögen - einen wirtschaftlichen Bogen von großer Ungleichheit zu relativer Gleichheit und zurück und einen politischen Bogen von extremer Polarisierung zur Zusammenarbeit beider Parteien und wieder zurück. Diese beiden Bögen verlaufen parallel: Das Goldene Zeitalter der wirtschaftlichen Gleichheit entsprach grob dem Goldenen Zeitalter der politischen Zusammenarbeit. Wie die Politikwissenschaftler Nolan McCarty, Keith Poole und Howard Rosenthal darlegen, kann man in der Geschichte so etwas wie einen "Tanz" beobachten, bei dem wirtschaftliche Ungleichheit und politische Polarisierung sich im Einklang bewegen.2 Sie haben mit einem ausgefeilten statistischen Verfahren die politischen Positionen von Kongressmitgliedern ermittelt. Danach sind die Republikaner nach links gerückt, näher zu den Demokraten, als die Ungleichheit der Einkommen zurückging, und so kam es zur Zwei-Parteien-Koalition der fünfziger und sechziger Jahre. Als dann die Ungleichheit der Einkommen zunahm, rückten die Republikaner nach rechts, woraus der erbitterte Parteienkampf von heute erwuchs. Woran liegt es aber, dass die Tanzpartner zusammenbleiben?