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Einleitung
Der Nahe Osten, wie wir ihn die letzten neunzig Jahre kannten, ist in Auflösung begriffen, weil sich die Amerikaner bald von dort zurückziehen werden. Präsident Bush ist so entschlossen, sich diesem Ende zu widersetzen, dass es vor seinem Ausscheiden aus dem Amt keinen endgültigen Abzug der amerikanischen Legionen geben wird, doch danach werden die Truppen abrücken, das ist so sicher, wie die Sonne im Westen untergeht. Obwohl Bush geschlagen und blamiert aus dem Amt scheidet, hat er Ereignisse in Gang gesetzt und Emotionen geweckt, die diese Region verwandeln werden - wenn auch nicht ganz in der Art, wie er es beabsichtigt hatte.
Ali Allawi, Verteidigungsminister der ersten amerikanischen Marionettenregierung in Bagdad, traf den Nagel exakt auf den Kopf, als er kürzlich in einem Friedensvorschlag für die Region erklärte: "Der irakische Staat, der im Gefolge des Ersten Weltkriegs gebildet wurde, ist untergegangen. Sein Nachfolgestaat ringt in einem Umfeld von Krisen und Chaos um seine Geburt. Nun, wo das Durcheinander im Irak in der Region Kräfte entfesselt hat, deren Virulenz in den letzten Jahrzehnten angewachsen ist, droht der Zusammenbruch der gesamten Ordnung im Nahen Osten."
Allawi übertreibt nicht. Die Zerstörung des irakischen Staats und die darauf folgende Niederlage der US-Militärmacht dort haben den Nahen Osten - eine Region, die unter dieser Bezeichnung erst nach dem Zusammenbruch des Ottomanischen Reiches 1918 in Erscheinung trat, wenn sie auch bis zum Zweiten Weltkrieg kaum so genannt wurde - schließlich destabilisiert. Die Region wurde anfänglich vom britischen und französischen Kolonialreich beherrscht, die dort die meisten Grenzen zogen, doch in den vierziger und fünfziger Jahren brachte eine Welle von Revolutionen den arabischen Ländern Unabhängigkeit. Mittlerweile jedoch war die Region aufgrund ihrer Ölvorkommen und der Gründung Israels von großem Interesse für die Vereinigten Staaten, die seit den sechziger Jahren dort die beherrschende Rolle übernahmen. Und unter dieser amerikanischen Führung gab es, abgesehen von der Revolution im Iran 1978 und der US-Invasion im Irak 2003, vierzig Jahre lang keine weiteren Regimewechsel: Die undemokratischen Regimes, die 1967 an der Macht waren, sind es bis heute geblieben, in jenen Grenzen, die 1918 von den europäischen Mächten gezogen wurden.
Es ist dieser Nahe Osten, der nun seinem Ende entgegensieht. Er geht unter, weil die Niederlage und Demütigung der USA im Irak bedeuten, dass es in Amerika bald keinen politischen Willen mehr geben wird, den Status quo in der Region zu bewahren, und weil die Kräfte, die durch die Zerstörung des Irak entfesselt wurden, den Status quo beseitigen werden. Alles steht nun zur Disposition: Regimes, ethnische Hackordnungen innerhalb von Staaten, und sogar die 1918 gezogenen Grenzen könnten sich verschieben. In fünf Jahren könnte es eine Islamische Republik von Arabien geben, ein unabhängiges Kurdistan, fast alles, was man sich ausmalen kann.
Was also sollte der Rest der Welt unternehmen? Nichts. Er sollte einfach zurücktreten und es geschehen lassen. Fremde Mächte haben für die Region keine Lösungen mehr in petto, um sich noch weiter einzumischen (und selbst wenn sie welche hätten, würde ihnen jede Glaubwürdigkeit fehlen), und sie haben nicht mehr die Macht oder den Willen, ihre Vorstellungen durchzusetzen. Zum ersten Mal in einem Jahrhundert wird die Region ihre Zukunft selbst bestimmen - und sie kann dabei natürlich einen fürchterlichen Schlamassel anrichten. Selbst dann sollten Außenstehende nicht eingreifen, weil ausländische Interventionen allgemein alles nur noch schlimmer machen - aber auch, weil es sie nichts angeht.
Mehrere Generationen lang hat der Westen darauf bestanden, dass der Nahe Osten ihn sehr wohl etwas angeht, weil sich dort die Hälfte der Welterdöllagerstätten befindet. Man meinte, dass radikaler Wandel dort nicht erlaubt werden dürfe, weil er den Ölstrom unterbrechen könnte, daher blieb die Region auf Generationen hin politisch und sozial in Erstarrung versunken. Doch heute hängt jedes große Ölförderland des Nahen Ostens vom Liquiditätsüberschuss aus den Ölexporten ab, um seine wachsende Bevölkerung zu ernähren, daher sind sie alle gezwungen, so ziemlich jedes Barrel, das sie fördern können, zu verkaufen - auf einem einzigen globalen Markt, der für Käufer und Verkäufer gleichermaßen den Preis festsetzt. Daher spielt es für uns keine Rolle, wer diese Länder regiert.
Es spielt natürlich eine große Rolle für ihre eigenen Bürger, aber das Öl wird weiter fließen, ganz gleich, wer am Ruder ist, daher ist es für die Kunden einerlei. Wenn das neue Regime besser als das alte ist, gut; falls nicht, Pech gehabt. Aber es ist ihre Angelegenheit, nicht unsere.
Da gibt es auch noch die Frage des Terrorismus in der Region. Der islamistische Extremismus und der Terrorismus, die der Nahe Osten nährt, sind indes beide Reaktionen auf ein Jahrhundert ausländischer Beherrschung und Manipulation. Sie würden bei einem Rückzug des Westens nicht sofort aufhören, aber der Groll und das Gefühl der Erniedrigung, aus denen sie sich speisen, würden rasch schwinden. Auch gut, denn dies ist kein Politikvorschlag: Es ist eine Vorhersage. Der Westen wird aufhören, sich in die Angelegenheiten der Region einzumischen, weil die Vereinigten Staaten versehrt den Rückzug antreten.
Schließlich die Frage Israel. Der Nahe Osten war eindeutig der falsche Ort zur Gründung eines jüdischen Staates, wenn damit ein sicherer Hafen für die Juden der Welt geschaffen werden sollte, aber nun ist es geschehen, und die Frage ist: Wird Israel überleben? Die Antwort lautet wahrscheinlich ja, weil es die Fähigkeit hat und behalten wird, die gesamte Region in ein nukleares Armageddon zu stürzen. Doch die sich in den neunziger Jahren bietenden Chancen für einen dauerhaften Frieden wurden vertan. Daher wird das Land wahrscheinlich eine weitere Generation lang in Konflikt leben - nun vielleicht ohne die beruhigende Unterstützung der USA.
Momentan erleben wir, wie der Öffentlichkeit sowohl Amerikas wie des Nahen Ostens deutlich die Unfähigkeit der amerikanischen Militärmacht vor Augen tritt, der Region ihren Willen zu diktieren. Sobald diese Demonstration abgeschlossen ist, werden wir sehen, was im Nahen Osten aus der Kiste springt.
Infolge des plötzlichen Wärmeeinbruchs nach Jahrhunderten der politischen Vereisung unter ottomanischer Herrschaft, anglo-französischer Dominanz und amerikanischer Hegemonie wird es zweifellos chaotisch werden. Mancherorts wird wahrscheinlich Blut fließen. Der Westen wird einige der Regimes, die sich aus diesem Chaos erheben werden, nicht mögen (doch es bleibt dabei: Es geht uns trotzdem nichts an).
Langfristig wird dies gewiss besser für die Völker der Region sein, als ständige ausländische Bevormundung. Und es wird den Interessen des Westens nicht schaden, solange das Öl weiter fließt. Abgesehen davon ist die Region für den Rest der Welt von geringem wirtschaftlichem oder strategischem Interesse. Lehnen Sie sich zurück und versuchen Sie, die Fahrt zu genießen.
Aus westlicher Sicht bereitet das Schicksal Iraks und Afghanistans zum einen deshalb Sorge, weil die gegenwärtige Lage in diesen Ländern weitgehend durch westliche Interventionen verursacht wurde, zum anderen, weil sie als potenzielle Reservoirs für antiwestlichen Terrorismus gelten. Im Fall des Irak ist es eindeutig zu spät, um mit weiteren westlichen Interventionen noch die Entwicklung beeinflussen zu können, daher werden die Dinge dort schlicht ihren Lauf nehmen, ohne dass daran noch etwas zu ändern wäre. Im Fall Afghanistans gibt es jedoch im Westen die Wahrnehmung, dass "der Krieg immer noch gewonnen werden kann", und dass dort daher die praktische und moralische Verpflichtung bestehe, "Kurs zu halten".
Das ist ein Fantasiegespinst. Die Vorstellung, dass etwa 50?000 NATO-Soldaten aus einem Dutzend verschiedener Länder, von denen weniger als ein Prozent 100 Wörter in irgendeiner afghanischen Sprache kennen, eine Gesellschaft von 25 Millionen Menschen verwandeln werden, ist Hybris auf Stelzen. Eine Viertelmillion sowjetischer Soldaten auf einer ganz ähnlichen "Zivilisierungsmission", wenngleich im Dienste einer etwas anderen westlichen Ideologie, scheiterte in den achtziger Jahren spektakulär daran, trotz der Tatsache, dass die Sowjets mit einer beträchtlich kompetenteren afghanischen Revolutionsregierung mit ernstzunehmenden lokalen Wurzeln verbündet waren.
Jene afghanische Regierung war zumindest aus eigener Kraft an die Macht gekommen, wenn sie auch später durch zutiefst reaktionäre, von den Amerikanern bezahlte und bewaffnete Stammeskräfte vor dem Sturz gerettet werden musste. Diese afghanische Regierung kam im amerikanischen Tross an die Macht und stützt ihr Überleben hauptsächlich auf Patronage. Sie kann weder an den Patriotismus noch an eine Ideologie appellieren. Sie ist nicht demokratischer oder liberaler als die Regierungen Ägyptens oder Irans, und sie wird sich glücklich schätzen dürfen, wenn sie den schließlich erfolgenden Abzug der westlichen Truppen überlebt. Das heißt jedoch nicht notwendigerweise, dass die Taliban schlicht da weitermachen werden, wo sie 2001 aufgehört haben; weit eher werden sie ihren Platz in einem Regime aushandeln müssen, wo jede große ethnische Gruppe in traditioneller afghanischer Weise durch ihre Kriegsherren vertreten wird. Doch was nach dem Abrücken der westlichen Truppen auch geschieht, dürfte unabhängig davon sein, ob sie nun im nächsten Frühjahr oder erst in fünf Jahren dem Land den Rücken kehren.