Louise Richardson
Was Terroristen wollen.
Die Ursachen der Gewalt und wie wir sie bekämpfen können
Übersetzt von Hartmut Schickert
Die Bedrohung durch Terrorismus ist die größte gesellschaftliche Herausforderung unserer Zeit und stellt uns vor viele Fragen.Was treibt Terroristen an? Können wir sie aufhalten? Was müssen wir dazu tun? Wer den Terror verstehen will, um ihn wirkungsvoll zu bekämpfen, kommt an diesem Buch nicht vorbei.
Louise Richardson
Louise Richardson, geb. 1958, ist Harvard-Professorin und eine weltweit anerkannte Expertin für Sicherheitspolitik. Die gebürtige Irin erlebte den Schrecken der IRA während ihres Studiums und machte es zu ihrer Lebensaufgabe, Terrorismus zu erforschen, um ihn eindämmen zu können. Richardson urteilt nicht über, sondern spricht mit Terroristen. Ihr Buch profitiert von einer einzigartigen Kombination aus akademischer Forschung und Insiderkontakten.
mehr zum Autor
22.10.2007, Das Parlament
Was Terroristen wollen
"Dieses kluge, gut lesbare Buch ist eine Offenbarung!"
09.09.2007, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Der Testmarkt für den Dschihad
"Harvard-Expertin Louise Richardson ist die beste Kennerin der Materie."
30.08.2007, Die Zeit
Brillante Analyse des Terrorismus
"Die Harvard-Professorin, die aus Irland stammt und das vertrackte Zusammenspiel von Terror und staatlicher Gewalt aus der Nähe kennt, hat ein Buch vorgelegt, das mit Legenden und Spekulationen aufräumt ... Man kann der brillanten Analyse nur viele Leserinnen und Leser wünschen."
13.08.2007, Kölner Stadt-Anzeiger
Nicht notwendigerweise unmoralisch
"Eine wohltuend unaufgeregte Bereicherung der Debatte in Zeiten verschärfter Terrorwarnung ... Ein bemerkenswertes Buch."
05.07.2007, Frankfurter Rundschau
Der Krieg der Schwächeren
"Die in Irland als Kind katholischer Eltern geborene Forscherin Louise Richardson weiß, wovon sie spricht - der Nordirlandkonflikt hat ihre Kindheit geprägt. Ihr Buch trägt diesem biografischen Detail Rechnung. Terroristen sind für Richardson keine Irren oder Aliens, sondern politische Akteure, die klare Ziele verfolgen."
24.06.2007, Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung
Was hilft bei Terror?
"Ein sensationelles Buch ... Im Gegensatz zu den vielen Sachbüchern, die einfach die Geschichte des 11. Septembers und von Al Qaida erzählen, transzendiert dieses Werk die von den Terroristen eröffnete Frontstellung und beleuchtet das Thema aus ganz überraschenden Perspektiven."
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Einleitung
Nichts ist leichter, als den Übeltäter zu verurteilen,
und nichts ist schwieriger, als ihn zu verstehen.
Dostojewski*
Die obskure akademische Disziplin, mit der ich mich seit vielen Jahren unauffällig abgeplagt hatte - Terrorismusforschung -, stand im September 2001 plötzlich im Rampenlicht. Über Terrorismus habe ich gegrübelt, solange ich denken kann, und seit Mitte der neunziger Jahre halte ich für Harvard-Studenten Seminare darüber ab. Plötzlich wurde ich mit Einladungen für Vorträge aus dem ganzen Land und darüber hinaus eingedeckt, und seither habe ich vor manch einem Publikum gesprochen. Am Ende meiner Referate werde ich immer gefragt: "Welches ist das eine Buch, das ich lesen sollte, um Terrorismus zu begreifen?" Die Enttäuschung der Fragesteller ist spürbar, wenn ich mit einer ausführlichen Liste von Büchern antworte, die jeweils unterschiedliche Aspekte des Terrorismus behandeln. Ich war immer davon ausgegangen, dass unternehmungslustigere Autoren als ich sich unverzüglich daran gemacht hätten, dieses eine Buch zu schreiben, das das Problem des Terrorismus in all seiner Komplexität angeht, aber mit einem verständlichen, stimmigen, analytischen Ansatz. Ein Buch, das Terrorismus unparteiisch als uraltes politisches Phänomen darstellt, welches man rational begreifen kann. Das Lesern zu verstehen hilft, was Menschen zu Terroristen macht und was Terroristen zu erreichen versuchen. Ich habe Was Terroristen wollen geschrieben, um diese Lücke zu schließen. Es stützt sich auf jahrelange Forschungen über die Entwicklung terroristischer Bewegungen und antiterroristischer Strategien weltweit und lotet aus, wie der Terrorismus beschaffen ist, von dem wir heute bedroht sind. Es untersucht die Zusammenhänge und die Ursachen hinter den Terroristen und fragt, was sie dazu bringt, gegen uns zu kämpfen. Es erforscht die Erfahrungen, die andere Demokratien mit dem Kampf gegen den Terrorismus gemacht haben und zeigt auf, welche Lektionen man aus deren Erfolgen und Niederlagen ziehen kann, damit wir eine effizientere Antiterrorpolitik formulieren können.
Meine persönliche Perspektive ist eine andere als die der meisten Terrorismusexperten. Mein ursprünglicher gesellschaftlicher Hintergrund hat zahlreiche Terroristen hervorgebracht, und ich habe den größten Teil meines Berufslebens mit dem Versuch verbracht, sie zu verstehen. Wenn ich an die Gräueltaten von Terroristen denke, stelle ich mir die Übeltäter nicht als bösartige Monster vor; vielmehr denke ich an Terroristen, die ich kennen gelernt habe, und an Bekannte, die sich Terrorgruppen angeschlossen haben, und in meinem Kopf spule ich ihre Selbstrechtfertigungen ab. Ich schlage mich mit der Frage herum, wie junge Idealisten glauben können, dass sie gegen Ungerechtigkeit und für eine bessere Welt kämpfen, wenn sie unschuldige Menschen ermorden. Ich denke - wie es der protestantische Märtyrer John Bradford vor 500 Jahren ausdrückte -, "Gott sei Dank, es hätte genauso gut auch mich erwischen können."1 Ich finde die Rechtfertigungen der Terroristen nicht überzeugend. Ganz im Gegenteil. Meinen Moralvorstellungen nach hat niemand das Recht, einem nicht in Kampfhandlungen verwickelten Menschen das Leben zu nehmen. Andererseits fällt mir immer wieder auf, wie sehr Antiterrorstrategien zum Scheitern verurteilt sind, bei denen Terroristen grundsätzlich als eindimensionale Bösewichte und Psychopathen gesehen werden.
Ich wuchs in den sechziger und siebziger Jahren in einer kleinen Küstenstadt im ländlichen Irland auf. Jeden Morgen versammelten sich meine Klassenkameraden und ich zum Gebet unter einer Statue des gekreuzigten Christus und unter einer großen, gerahmten Kopie der Unabhängigkeitserklärung. Der Text dieser Erklärung war von Fotos der sieben Männer umgeben, die wegen ihrer Rolle beim Oster-aufstand 1916 hingerichtet worden waren; damals hatte man erfolglos versucht, mit Waffengewalt eine Republik Irland zu schaffen. Ihre Bilder waren mir so vertraut wie die der amerikanischen Gründerväter meinen Kindern. Meine Klassenkameraden und ich bewunderten
diese sieben Männer genauso wie meine Kinder Benjamin Franklin, Thomas Jefferson, George Washington und Abraham Lincoln. Der Unterschied ist natürlich, dass Jefferson und Franklin und die anderen Unterzeichner der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung ihren Kampf um die Selbstständigkeit gewannen, die Unterzeichner der irischen Unabhängigkeitserklärung ihren aber verloren. Sie hatten nicht zusammengehalten, sondern wurden, wie Franklin gefürchtet hatte, zusammen hingerichtet.2 Das Kruzifix wie die Unabhängigkeitserklärung vermittelten unausgesprochen dieselbe Botschaft: dass die Guten oft verunglimpft werden und leiden müssen, dass gegen die Mehrheit zu kämpfen und dafür bestraft zu werden nicht bedeutet, dass man auf der falschen Seite steht, dass mit der Zeit die Wahrheit triumphiert. Anders ausgedrückt: Meine Weltsicht unterscheidet sich also sehr von der meiner amerikanischen Kinder, die gelernt haben, dass die Mehrheit im Recht ist und - wie der Unabhängigkeitskrieg, der Amerikanische Bürgerkrieg und die beiden Weltkriege zeigten - die Guten die Kriege gewinnen.
Als ich Jahre später unter der Obhut englischer Historiker irische Geschichte studierte, erfuhr ich, dass der ruhmreiche Aufstand von 1916, über den wir gelernt hatten, dass die Nation sich gemeinsam erhob, um das britische Joch abzuschütteln, in Wirklichkeit alles in allem eine eher bescheidene Unternehmung gewesen war. Eine Splittergruppe bewaffneter Amateurrebellen terrorisierte das Zentrum von Dublin eine Woche lang; sie besetzten das Hauptpostamt und ein paar weitere Gebäude und schossen auf die britischen Besatzer und die einheimischen Polizisten. Insgesamt wurden im Verlauf der einwöchigen Kämpfe in der dicht bevölkerten Stadt 254 Zivilisten, 132 Sicherheitskräfte und 64 Aufständische getötet.3 Es war die Reaktion - oder besser Überreaktion - der britischen Regierung, die daraus eine große Sache machte. Die Anführer wurden hingerichtet und damit zu Märtyrern, während die Mitläufer und Sympathisanten nach Großbritannien in Internierungslager verfrachtet und dort radikalisiert wurden, um dann besser organisiert, verbitterter und zu einem richtigen Unabhängigkeitskrieg motiviert heimzukehren. Die Parallelen zu heute sind offenkundig.
Der Mythos von 1916 lebte im Bewusstsein des Volkes fort. In meiner Kindheit hörte ich unzählige Geschichten von meinen Tanten mütterlicherseits, wie sie heimlich Botschaften in das besetzte Postamt schmuggelten, von mutig unter Lebensmitteln in Fahrradkörben versteckten Gewehren, die "den Burschen" gebracht wurden. Väterlicherseits ging es darum, dass mein Vater nach seinem Onkel benannt worden war, der kurz vor der Geburt meines Vaters in den brutalen Händen der Black and Tans gestorben war. Das waren schlecht ausgebildete britische Hilfstruppen, die in Irland die Ordnung aufrechterhalten sollten, solange die regulären britischen Sicherheitskräfte im Ersten Weltkrieg kämpften. (Black and Tans, "Schwarz-Braune" nannte man sie, weil ihre Uniformen aus überzähligen Armee- und Polizeibeständen zusammengestückelt waren.) Man erzählte mir, der Onkel sei Zeuge geworden, wie ein paar aggressive Black and Tans ein Dubliner Mädchen belästigten, und als er ihm zu Hilfe kam, hätten sie ihn einfach kaltblütig erschossen. Erst später fand ich - mit der Skepsis der methodisch geschulten Geschichtsstudentin - heraus, dass die meisten dieser Geschichten geklittert gewesen waren. Als ich meiner Großmutter einmal ein paar Schubladen aufräumen half, stieß ich auf ein Foto vom Namensgeber meines Vaters: Der angeblich von den verhassten Black and Tans getötete Onkel trug die Uniform eines britischen Soldaten. Davon war in der Familie nie die Rede gewesen. Ich wahrte das Geheimnis. Wichtiger als die Fakten war bei diesen Geschichten die Art und Weise, wie man sich an sie erinnerte und sie weitergab. Diese erinnerte Historie - stets zu stark vereinfacht, mit überzeichneten Helden und Schurken - ist es, die die nächste Generation mobilisiert und motiviert, auf die Fakten kommt es nicht so sehr an.
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Cover, reprofähig
