Ian Morris
Wer regiert die Welt?
Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden
Übersetzt von Klaus Binder, Waltraud Götting, Andreas Simon dos Santos
Gibt es einen roten Faden durch die Geschichte, der uns im Rückblick zeigt, wohin die Zukunft uns führt? Der US-Wissenschaftler Ian Morris, ein Universalgelehrter im besten Sinne, antwortet: Ja, doch wir werden ihn nicht in der Geschichte der letzten 500 Jahre finden. Konsequent rollt er Jahrtausende neu auf und lässt aus einer Vielzahl historischer Fakten, archäologischer Funde, naturwissenschaftlicher Erkenntnisse und empirischer Methoden ein überwältigendes Bild der Menschheitsgeschichte entstehen.
Ian Morris
Ian Morris ist gebürtiger Brite und seit zwanzig Jahren Historiker und Archäologe an der University of Chicago und der Stanford University. Er ist Autor zahlreicher Veröffentlichungen und häufi g Studiogast im amerikanischen Fernsehen. Seine Arbeiten sind preisgekrönt und werden gefördert u.a. von der Guggenheim Foundation und der National Geographic Society. Von 2000 bis 2006 leitete er Ausgrabungen auf dem Monte Polizzo, Sizilien, eines der größten archäologischen Projekte im westlichen Mittelmeerraum.
mehr zum Autor
01.11.2011, Capital
Wer regiert die Welt?
"Ein profunder Blick auf die Weltgeschichte - und eine kluge Vorschau auf die nächsten 100 Jahre."
26.09.2011, Frankfurter Allgemeine Zeitung
In 34 Jahren geht die Welt unter
"Es handelt sich ohne Zweifel um ein Werk, über das noch in Jahrzehnten gesprochen werden wird."
22.09.2011, Die Zeit
Mesopotamien: Zwölf Punkte
"Das Buch verkauft sich hervorragend, gerade wird es ins Chinesische übersetzt: Wenn es dieser Schweinsgalopp durch 15000 Jahre Menschheitsgeschichte schaffen sollte, Forderungen nach Frieden und Nachhaltigkeit in den Köpfen stärker zu verankern, wäre Ian Morris, trotz aller Kritik, herzlich zu danken."
25.06.2011, Oberösterreichische Nachrichten
Wie Weltherrschaft entsteht
"Warum die Welt so ist, wie sie ist, und warum ausgerechnet der Westen sie (noch) beherrscht, schildert der Historiker Ian Morris auf grandiose Weise ... Mit Witz und breitem Wissen erläutert er den Aufstieg der westlichen Staaten zur Herrschaft über die Welt. Eine großartige Universalgeschichte."
20.06.2011, Der Spiegel
Die Strukturmuster geschichtlicher Entwicklung
"In seinem aufsehenerregen Werk untersucht Morris die Gründe für die westliche Dominanz und prognostiziert das Ende dieser Vorherrschaft in den nächsten hundert Jahren."
12.05.2011, Kurier
Reise in die Zukunft
"Liest sich großartig."
10.05.2011, tagesspiegel.de
Zyklop des Westens
"Die Darstellung der Geschichte von Staaten und Imperien nach dem guten alten historiografischen Masterplan von Aufstieg und Zerfall ist lehrreich auf faszinierende Weise und gut geschrieben."
06.04.2011, Falter
Auf der ewigen Suche nach der großen Weltformel
"Faktenreich, anekdotenstark und brillant geschrieben. Man liest es mit Gewinn."
03.04.2011, NZZ am Sonntag
Rennen um die Weltmacht
"Ein großer Wurf - lesenswert, anregend, provozierend."
02.04.2011, Der Standard
Zukunftstrends
"Der Historiker Ian Morris hat einen großen Wurf vorgelegt."
01.04.2011, Enable/Financial Times Deutschland
Zurück in die Zukunft
"Morris' Buch ist eine großartige Erzählung gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Trends ... Es schärft den Blick für die Muster, die großen Umwälzungen vorangehen. Und es zwingt zum demütigen Innehalten: Die Gegenwart ist ein Aussichtspunkt mit sehr eingeschränktem Blickwinkel."
31.03.2011, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Die Zukunft liegt bei den Rückständigen
"Ebenso spannend wie instruktiv ... Man muss die Annahmen von Morris keineswegs alle teilen, um sein Buch mit großem Gewinn lesen zu können."
16.03.2011, Neue Zürcher Zeitung
Sieg nach Punkten
"Ein blendend formulierender und beeindruckend belesener Autor."
15.03.2011, Süddeutsche Zeitung
Sind wir noch im Zeitalter des Westens?
"Ian Morris' Spekulationen sind immer unterhaltsam. Doch der Autor will mit seinem Geschichts-Blockbuster nur vordergründig den Leser fesseln. Ihm geht es um viel mehr, ja, um das Kühnste, das sich ein Historiker vornehmen kann: die Grundmuster der Geschichte zu entschleiern ... Besser als jeder andere vor ihm beschreibt Ian Morris in klugen Vergleichen die Parallelität der Entwicklung in West und Ost."
02.03.2011, Badische Zeitung
Warum der Westen vorne liegt - und wie lange noch
"Ein kühnes Buch ... sein Untersuchungszeitraum ist geradezu revolutionär ... Aufregend zu lesen, eine Langzeitgeschichtsschreibung von besonderer Qualität."
14.02.2011, Deutschlandfunk
Willkommen in Chimerica
"Ian Morris schreibt vergnüglich und streitbar. Sein interdisziplinärer Ansatz verrät den rundum gebildeten Historiker, der den Leser souverän durch die Jahrhunderte führt."
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Einleitung
Albert in Beijing
London, 3. April 1848. Königin Victoria hatte Kopfschmerzen. Sie kniete seit 20 Minuten auf dem Pier, das Gesicht auf die hölzernen Planken gedrückt. Sie hatte Angst und war wütend, und sie war müde, weil sie schon so lange gegen die aufsteigenden Tränen ankämpfte; und jetzt hatte es auch noch angefangen zu regnen. Ihr Kleid war triefend nass, und sie hoffte nur, dass niemand ihr Zittern für ein Zeichen der Furcht halten würde. Ihr Mann kniete neben ihr. Wenn sie den Arm ausstreckte, konnte sie ihm die Hand auf die Schulter legen oder ihm das nasse Haar aus der Stirn streichen - irgendetwas tun, um ihm Kraft für das zu geben, was ihm bevorstand. Wenn doch die Zeit stillstehen - oder schneller vergehen würde. Wenn sie und Prinz Albert doch sonstwo wären, nur nicht hier.
Und so warteten sie - Victoria, Albert, der Herzog von Wellington und der halbe Hof - auf den Knien im Regen. Offensichtlich gab es ein Problem auf dem Fluss. Da das Flagschiff der chinesischen Kriegsflotte zu groß war, um in den East India Docks vor Anker zu gehen, hatte Gouverneur Qiying sich entschieden, seinen großen Auftritt in London von einem nach ihm selbst benannten kleineren gepanzerten Dampfschiff aus zu inszenieren, aber selbst die Qiying war eigentlich zu groß für die Docks in Blackwall und musste mühsam manövriert werden. Ein halbes Dutzend Schleppboote zogen sie unter viel Getöse und Tumult herein. Qiying fand das Ganze nicht lustig. Aus den Augenwinkeln konnte Victoria die kleine chinesische Musikkapelle sehen. Vor einer Stunde hatten die Seidengewänder und komischen Hüte der Musiker noch prachtvoll ausgesehen, jetzt waren sie vom englischen Regen vollkommen durchnässt. Viermal hatte die Kapelle in dem Glauben, dass Qiyings Sänfte gleich ans Ufer getragen werde, eine fernöstliche Kakophonie angestimmt, und viermal war sie abrupt wieder verstummt. Beim fünften Mal unterbrach sie ihr Spiel jedoch nicht. Victoria wurde flau im Magen. Qiying musste endlich an Land gegangen sein. Es war soweit.
Und dann stand Qiyings Gesandter vor ihnen, so dicht, dass Victoria die Stickereien auf seinen Pantoffeln sehen konnte. Sie zeigten kleine Drachen, die Rauch und Feuer spuckten. Die Stickereien waren so fein, wie ihre eigenen Zofen sie nie hätten zustande bringen können.
Der Gesandte las mit monotoner Stimme die offizielle Bekanntmachung aus Beijing vor. Man hatte ihr erklärt, was darin stand: Das Licht der Vernunft, der Kaiser Daoguang, erkenne den Wunsch der britischen Königin an, der kaiserlichen Oberhoheit ihre Ehrerbietung zu erbringen. Victoria habe um die Gunst gebeten, Tribut und Steuern zu bezahlen, äußersten Gehorsam zu leisten und Befehle entgegenzunehmen; und der Kaiser habe sich bereit erklärt, ihr Land als eines seiner untergeordneten Herrschaftsgebiete zu behandeln und den Briten die Erlaubnis zu erteilen, sich der chinesischen Lebensweise zu befleißigen.
Aber jeder wusste, wie die Geschichte wirklich abgelaufen war. Zuerst waren die Chinesen mit offenen Armen empfangen worden. Sie hatten geholfen, den Krieg gegen Napoleon zu finanzieren, der die europäischen Festlandshäfen für die Engländer geschlossen hatte. Aber von 1815 an hatten sie ihre Güter in den englischen Häfen immer billiger und billiger verkauft, sodass die Baumwollspinnereien in Lancashire ihre Tore am Ende hatten schließen müssen. Als die Engländer protestierten und Einfuhrzölle verlangten, hatten die Chinesen die stolze Königliche Kriegsflotte abgefackelt, Admiral Nelson getötet und sämtliche Städte entlang der Südküste geplündert. Beinahe acht Jahrhunderte lang hatte England alle Eroberungsversuche abgewehrt, aber nun würde Victorias Name für immer mit Schande behaftet sein. Ihre Regentschaft war eine einzige Aufeinanderfolge von Mord und Totschlag, Raub und Entführung, Niederlage, Entehrung und Tod gewesen. Und nun war Qiying, der schändliche Drahtzieher von Kaiser Daoguangs Willen, persönlich gekommen, um noch mehr Lügen und scheinheilige Phrasen von sich zu geben.
Im entscheidenden Moment hüstelte Victorias Dolmetscher, der unmittelbar hinter ihr kniete, so dezent, dass es nur für die Königin vernehmbar war. Dies war das verabredete Zeichen: Qiyings Lakai hatte die Stelle erreicht, an der von ihrer Einsetzung als untergeordneter Regentin die Rede war. Victoria hob den Kopf von den Holzplanken und setzte sich auf, um das barbarische Gewand samt Kappe entgegenzunehmen, das die Schande ihrer Nation verkündete. Zum ersten Mal konnte sie Qiying richtig in Augenschein nehmen. Sie hatte nicht erwartet, einen so klug und lebhaft dreinblickenden Mann in mittleren Jahren vor sich zu sehen. Konnte er wirklich das Ungeheuer sein, das sie so gefürchtet hatte? Und Qiying seinerseits konnte Victoria zum ersten Mal richtig betrachten. Zwar hatte er ein Porträt gesehen, das sie während ihrer Krönung zeigte, aber sie war noch fülliger und unansehnlicher, als er erwartet hatte. Und jung - sehr, sehr jung. Sie war durchnässt, und ihr Gesicht war voller Dreckspritzer. Sie wusste nicht einmal, wie man einen anständigen Kotau machte. Was für ein ungehobeltes Volk!
Und dann kam der Augenblick des blankesten Entsetzens, das Unvorstellbare. Mit tiefer Verneigung traten zwei Mandarine hinter Qiyings Rücken hervor und zogen Albert auf die Füße. Victoria wusste, dass sie keinen Laut von sich geben und keinen Finger rühren durfte - und um der Wahrheit die Ehre zu geben, war sie zur Salzsäule erstarrt und hätte auch dann nicht protestieren können, wenn sie es gewollt hätte.
Sie führten Albert fort. Er ging langsam und würdevoll mit ihnen, dann blieb er stehen und blickte noch einmal zu ihr zurück. Das Elend der ganzen Welt lag in seinem Blick.
Victoria schwankte. Einer der chinesischen Lakaien fing sie auf, als sie zu stürzen drohte. Man konnte schließlich nicht zulassen, dass eine Königin, auch wenn es eine ausländische Teufelskönigin war, in einem solchen Moment körperlichen Schaden nahm. Wie ein Schlafwandler, mit steinerner Miene und ungleichmäßigen Atemzügen, tat Albert jetzt die letzten Schritte in dem Land, das seine Heimat geworden war. Die Gangway hinauf, in die verschließbare Luxuskabine und dann ab nach China, wo ihn der Kaiser selbst in der Verbotenen Stadt zum Vasallen ernennen würde.
Als Victoria wieder zur Besinnung kam, war Albert verschwunden. Jetzt endlich wurde sie von Schluchzen geschüttelt. Bis nach Beijing würde Albert fast ein halbes Jahr brauchen und für die Rückreise noch einmal genauso lange; und möglicherweise musste er Monate oder gar Jahre bei diesen Barbaren ausharren, bevor ihm der Kaiser eine Audienz gewährte. Was sollte sie tun? Wie konnte sie allein ihr Volk beschützen? Wie konnte sie diesem Unhold Qiying je wieder in die Augen sehen, nach allem, was er ihnen angetan hatte?
Albert kehrte nie wieder zurück. Er erreichte Beijing, wo er alle Welt mit seinem fließenden Chinesisch und seiner Kenntnis der klassischen konfuzianischen Literatur in Erstaunen versetzte. Doch ihm auf den Fersen folgten zuerst Nachrichten über Aufstände besitzloser Landarbeiter, die überall im Süden Englands Dreschmaschinen zerstörten, und dann über blutige Unruhen und Straßenkämpfe in fast allen Hauptstädten Europas. Wenige Tage später erreichte den Kaiser eine Depesche, in der Qiying ihm mitteilte, dass es das Beste sei, den so überaus begabten Prinzen Albert in sicherer Entfernung von England zu halten. Die gewalttätigen Unruhen waren nicht weniger dem schmerzhaften Übergang zur Moderne als der Erbitterung über das Chinesische Reich geschuldet, aber es war nicht ratsam, angesichts dieser aufgebrachten Völkerschaften ein Risiko einzugehen.
Albert blieb also in der Verbotenen Stadt. Er musterte seine englischen Anzüge aus, ließ sich einen Mandschu-Zopf wachsen und vertiefte mit jedem Jahr, das verstrich, seine Kenntnis der chinesischen Klassiker. In der Einsamkeit der Pagoden wurde er alt, und nachdem er 13 Jahre in seinem goldenen Käfig verbracht hatte, hörte er schließlich einfach auf zu leben.
Auf der anderen Seite der Welt schloss sich Victoria in den schlecht beheizten Privaträumen des Buckingham Palace ein und scherte sich nicht um die Kolonialherren. Qiying regierte Britannien einfach ohne sie. So genannte Politiker kamen zu Hauf gekrochen, um mit ihm Geschäfte zu machen. Als Victoria 1901 starb, gab es kein Staatsbegräbnis; nur Schulterzucken und schiefe Grimassen angesichts des Todes dieses letzten Relikts aus der Zeit vor dem Chinesischen Weltreich.
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