Wolfgang Fischer
Das Baustoffunternehmen Kemmler
Die Geschichte eines schwäbischen Familienunternehmens über fünf Generationen
Es begann 1885 mit dem Kauf einer Zementmühle. Heute besteht die Kemmler-Gruppe aus vier Schwesterfirmen Beton Kemmler, Kemmler Baustoffe, Kemmler Industriebau und Kemmlit Bauelemente, ist ausschließlich in Familienhand und verfolgt eine nachhaltige, auf solides und eigenfinanziertes Wachstum gerichtete Unternehmenspolitik. Mehr als 1.300 Mitarbeiter erwirtschafteten im Jahr 2008 einen Umsatz von rund 360 Millionen Euro.
Die Geschichte des Familienunternehmens Kemmler bietet spannende Einblicke in die strategischen Überlegungen eines Mittelständlers, seiner Prinzipien und Leitwerte, seiner Managementstrukturen und Erfolgsrezepte und zeigt, wie eine stets an die modernen Erfordernisse angepasste Familientradition dauerhaft gesundes unternehmerisches Wachstum erzeugt.
Wolfgang Fischer
Dr. Wolfgang Fischer studierte Geschichte, Rhetorik, Politik- und Wirtschaftswissenschaften unter anderem in Tübingen und Gent. Er wurde an der Universität Tübingen in Neuerer Geschichte promoviert und untersuchte in einem mehrjährigen Forschungsprojekt
die Unternehmensgeschichte des Familienunternehmens Kemmler.
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Inhalt
Von Generation zu Generation
Die Geschichte eines Familienunternehmens zwischen
Bismarck-Reich und Berliner Republik
Von Eckart Conze 7
Einleitung 19
I.Wo alles begann 25
1.Das Oberamt Tübingen im 19. Jahrhundert 25
2.Die Dußlinger Pulvermühle 30
II.
Gründungsphase: "Michael Pflumm Mahlmühle und
Zementfabrik" 1884-1908 (Erste Generation) 35
1.Vom Landwirt zum Zementfabrikanten 35
2.Der Schwiegersohn als Nachfolger 48
3.Die Arbeitsordnung von 1902 52
4.Der Umzug nach Tübingen 56
III.
Aufbauphase: Johannes Kemmler 1908-1939
(Zweite Generation) 61
1.Pflumm & Kemmler 61
2.Neustart in Tübingen 70
3.Die 1920er Jahre 77
4.Weltwirtschaftskrise und Drittes Reich 87
5.Entscheidung über die Nachfolge 96
IV.
Zweiter Weltkrieg und Wiederaufbau: Hans Kemmler 1939-1956 (Dritte Generation) 104
1.Kriegswirtschaft und Zwangsarbeit 104
2.Ausgebombt 116
3. Entnazifizierung 127
4. Währungsreform und Wirtschaftswunder 134
V.
Wachstum und Spezialisierung: Die Ära Peter Kemmler
(Vierte Generation) 139
1.Der Schicksalsschlag: Hans Kemmlers Unfall 139
2.Bestandsaufnahme und neue Strategie 141
3.Vertrauen, Delegation und Kommunikation 151
4.Zellteilung 154
VI.
Vier Säulen: Die Entwicklung der Geschäftsbereiche
von 1956 bis heute 162
1.Die Keimzelle wächst: Beton Kemmler GmbH 162
2.
"Sanitäreinrichtungen für höchste Ansprüche":
Kemmlit Bauelemente GmbH 174
3.
"Dächer und Wände für Hallen":
Kemmler Industriebau GmbH 182
4.
"Ihr Spezialist für alle Baustoffe": Kemmler Baustoffe GmbH 188
VII.
Erfolgsfaktoren: Das Familienunternehmen Kemmler heute
(Fünfte Generation) 205
1.Baukrise 1995 - Marc Kemmler startet 205
2.Das Kemmler-Managementsystem wird weiterentwickelt 211
3.Erfahrene Mitarbeiter gewinnen Stammkunden 226
4.Eigenkapital ist Trumpf 233
VIII.Zukunftschancen 239
Anhang 243
Anmerkungen 245
Zeittafel 270
Karte: Die Standorte des Baustoffunternehmens Kemmler 280
Dokumente 281
Quellen- und Literaturverzeichnis 320
Einleitung
Zu den besonders prägenden Erfahrungen seiner Lehrzeit gehörte für Jo-hannes Kemmler ein kleines Erlebnis, das er später gerne im Familienkreis erzählte: Als Lehrling in einem Spezereigeschäft am Tübinger Marktplatz hatte er die Aufgabe, jeden Morgen aus dem gleichen großen Sack Rosinen in drei verschiedene Bastkörbe abzufüllen und diese mit unterschiedlichen Preisen zu versehen. Häufig probierten die Kunden aus allen drei Körben Rosinen. Dann aber geschah etwas, was den jungen Mann nachhaltig be-eindruckte: Die Wahl der Kunden richtete sich häufig nach ihrem gesell-schaftlichen Status. Regelmäßig schmunzelte der Lehrling in sich hinein, wenn sich die Gattinnen der Universitätsprofessoren für die teuersten Rosi-nen entschieden und dies damit begründeten, diese schmeckten mit Ab-stand am besten. Früh erkannte der junge Johannes Kemmler, dass im wirklichen Leben das wirtschaftliche Handeln von Menschen von vielem bestimmt wird - aber nicht von rein rationalen Kriterien.1
Einige Jahre später mag ihm dieses Erlebnis wieder in den Sinn gekom-men sein. Inzwischen hatte Johannes Kemmler die Zementwarenfabrik seines Schwiegervaters Michael Pflumm als alleiniger Inhaber übernom-men, und die Firma lieferte für den Bau der Tübinger Hautklinik neben an-deren Materialien auch Kunststeine. Ein pedantischer Baurat, mit dem er bereits mehrfach Schwierigkeiten gehabt hatte, beanstandete "unter wüs-tem Geschimpfe", wie sich Kemmler erinnert, einen der gelieferten Steine "wegen einer geringen Narbe an einem großen Quader von circa 40 Zent-ner Gewicht". Johannes Kemmler nahm daraufhin den beanstandeten Stein zurück und lieferte ihn nach mehreren Tagen wieder auf die Baustelle, ohne dass daran Änderungen vorgenommen worden waren. Der Baurat war aber offensichtlich zufrieden und kommentierte den Stein mit den Worten: "So, jetzt ist er recht, warum geht's denn jetzt!"2
Liest man das auf den 1. Mai 1941 datierte Manuskript über die "Ge-schichte der Firma Pflumm & Kemmler, Tübingen von 1884-1940", wel-ches Johannes Kemmler an seinen Sohn und Nachfolger Hans adressierte und das von ihm wohl als Wegweiser für die unternehmerische Tätigkeit gedacht war, so muss man den Eindruck gewinnen, dass eine unternehme-rische Tätigkeit als Zementwarenfabrikant in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts mit viel Ärger und Verdruss für den Unternehmer verbun-den war. Mit den Worten des spanischen Kulturphilosophen José Ortega y Gasset bestand unternehmerischer Fortschritt für Johannes Kemmler scheinbar nur darin, die bekannten alten Sorgen gegen neue, noch kompli-ziertere Sorgen einzutauschen.
Dennoch hatte sich Johannes Kemmler dazu entschieden, die Firma sei-nes Schwiegervaters Michael Pflumm zu übernehmen, als alleiniger Inhaber zu betreiben und als Familienunternehmen schließlich an seinen Sohn wei-terzugeben. Am Ende des erwähnten Manuskripts konstatiert er: "So ist bei meinem Weggang im Jahr 1939 der Betrieb auf eine Grundlage gestellt, dass man ohne besondere Mühe mit jeder anderen Firma den Wettbewerb aufnehmen kann."3
1901 war der gelernte Kaufmann Johannes Kemmler in die Zementwa-renfabrik seines Schwiegervaters Michael Pflumm in der Dußlinger Pulver-mühle eingetreten. Am 26. September 1908 ließen Michael Pflumm und Johannes Kemmler eine gemeinsame, nun in Tübingen ansässige Firma ins Handelsregister eintragen. Nach dem Ausscheiden Michael Pflumms wurde die Firma Pflumm & Kemmler seit Dezember 1910 von Johannes Kemmler als alleinigem Inhaber weitergeführt. Das Familienunternehmen entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten unter der Leitung von Johannes Kemm-lers Nachfahren Hans, Peter und Marc Kemmler weiter zur Unternehmens-gruppe Kemmler, die heute aus den vier Schwesterfirmen Kemmler Bau-stoffe, Beton Kemmler, Kemmlit Bauelemente und Kemmler Industriebau besteht und im Jahr 2008 mit über 1?300 Mitarbeitern 360 Millionen Euro Umsatz erwirtschaftete.
Die Geschichte eines Unternehmens, so der Historiker Lothar Gall in seiner Monografie über die Firma Krupp, lässt sich "unter sehr verschiede-nen Aspekten" betrachten.4 Der Wirtschafts- und Sozialhistoriker Hartmut Berghoff sieht Unternehmen als historische Phänomene, die durch vier Fundamentaldimensionen historischer Prozesse bestimmt werden: durch wirtschaftliche, soziale, kulturelle und politische Faktoren.5 Berghoff plädiert explizit dafür, neben der internen Unternehmensentwicklung - dem "öko-nomischen Kern" - gleichberechtigt die Unternehmensumwelt einzubezie-hen, verstanden als Gesamtheit aller äußeren Einflussgrößen. Dies ermög-licht es, die wechselseitige Beeinflussung und Abhängigkeit des Unter-nehmens mit seinem lokalen und regionalen Umfeld ebenso in den Blick zu nehmen wie die Bedeutung gesamtwirtschaftlicher Konstellationen und politischer, kultureller und sozialer Einflüsse. Dies wird umso wichtiger, wenn man als Gegenstand der unternehmenshistorischen Forschung kein Großunternehmen, sondern ein in einem regionalen Milieu verwurzeltes, familiengeführtes mittelständisches Unternehmen behandelt.6
Die Besonderheit eines Familienunternehmens liegt in der untrennbaren Verbindung von Familie und Unternehmen, zweier bestimmender Institutio-nen moderner Gesellschaften. Diese werden in der Regel eher als getrenn-te Sphären des Privaten und des Wirtschaftlichen wahrgenommen. In der wirtschafts- und unternehmenshistorischen Forschung sowie in der Mana-gementtheorie wurden Familienunternehmen lange Zeit als Auslaufmodell oder anachronistisches Relikt behandelt. Besonders einflussreich für die Verbreitung dieser Lesart waren die Arbeiten des amerikanischen Wirt-schaftshistorikers Alfred Dupont Chandler, der davon ausging, dass sich alle Unternehmen aufgrund der Wettbewerbsvorteile der Massenproduktion zwangsläufig zu Großunternehmen mit breit gestreutem Kapitalbesitz und angestellten Unternehmensleitern entwickelten. Familienunternehmen be-trachtete Chandler in diesem Zusammenhang lediglich als eine Vorstufe zum modernen Unternehmen.7
Allen solchen Untergangsprophezeiungen zum Trotz haben die kleineren und mittleren Unternehmen, die größtenteils als Familienunternehmen or-ganisiert sind, ihre gesamtwirtschaftliche Position in Deutschland behaupten können. Laut dem Lexikon der deutschen Familienunternehmen bilden Familienunternehmen - mehr als 90 Prozent aller deutschen Unternehmen sind in Familienbesitz - das "Rückgrat der deutschen Wirtschaft". Sie er-wirtschaften mehr als 40 Prozent aller Umsätze, entwickeln fast drei Viertel der Patente, bieten mehr als 60 Prozent aller Arbeitsplätze und 80 Prozent der Ausbildungsplätze.8 Auch Kemmler wurde im Jahr 2009 in dieses Lexi-kon aufgenommen, in dessen Vorwort Bundeskanzlerin Angela Merkel den Familienunternehmen einen großen Anteil an der positiven wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Entwicklung der Bundesrepublik Deutschland zu-schreibt und sie als "das Herzstück der sozialen Marktwirtschaft" bezeich-net.9
Charakteristisch für Familienunternehmen sind laut Hartmut Berghoff die Identität von Kapitalmehrheit und Leitung, die Einbeziehung außerbetriebli-cher Motive sowie die Einbringung privater Ressourcen der Eigentümer.10 Die "Macht der Familie" - so der deutsche Titel einer Untersuchung aus-gewählter Wirtschaftsdynastien11 - birgt in vielerlei Hinsicht klare Vorteile, kann jedoch bei mangelhafter Konfliktlösung innerhalb der Familie, vor al-lem aber bei missglückten Nachfolgeregelungen, auch zu einem mitunter die Existenz des Unternehmens gefährdenden Nachteil werden. Im Ange-sicht der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise im Jahr 2009 hat sich ein entscheidender Vorteil von Familienunternehmen gezeigt: Dank der dynas-tischen Orientierung der Inhaberfamilie besitzen Familienunternehmen in der Regel eine langfristige strategische Ausrichtung und haben sich nur in den seltensten Fällen dem Postulat des Shareholder-Value und der reinen Gewinnmaximierung unterworfen.
Die Unternehmensgeschichte des Familienunternehmens Kemmler, die im Folgenden erzählt wird, entstand zunächst aus Anlass eines für das Jahr 2008 vermuteten 100. Jahrestags der Firmengründung. Während der Recherchearbeiten stellte sich jedoch heraus, dass das Unternehmen we-sentlich älter ist und im Jahr 2010 bereits auf 125 Jahre eigene Geschichte zurückblicken kann. Im Familien- und Firmengedächtnis war die Entste-hung des Unternehmens in der Dußlinger Pulvermühle nicht als Teil der eigenen Unternehmensgeschichte verankert gewesen. Mehr über die eige-nen historischen Wurzeln zu erfahren war für die Familie Kemmler sicher-lich Beweggrund, keine der üblichen Festschriften, sondern eine wissen-schaftlich fundierte Studie in Auftrag zu geben. Für den Autor ergab sich damit die Möglichkeit, anhand der detaillierten Untersuchung des Baustoff-unternehmens Kemmler und seiner spezifischen Erfolgsfaktoren auch Er-kenntnisse über Entwicklungsbedingungen von Familienunternehmen all-gemein wie auch über eine zentrale volkswirtschaftliche Branche zu ge-winnen, die nur selten im Fokus der wirtschafts- und unternehmenshistori-schen Forschung steht. Zu Unrecht - immerhin erwirtschaftet die Immobi-lien- und Baubranche 10 Prozent des Bruttoinlandsprodukts.
Was macht ein Familienunternehmen über fünf Generationen hinweg überlebensfähig? Wie konnten Wirtschaftskrisen, Weltkriege und familiäre Schicksalsschläge überwunden werden? Worin liegt, wenn man es so be-nennen will, das Erfolgsgeheimnis von Familie und Unternehmen Kemmler? Welches sind die Erfolgsfaktoren heute?
Um diesen Fragen nachzugehen, speist sich die Studie aus unterschied-lichen Quellen. Zum einen konnte auf von Firma und Familie aufbewahrtes Archivgut unterschiedlichster Art zurückgegriffen werden. Ergänzt und er-weitert wurde dieses Material durch Recherchen in öffentlichen Archiven: den Stadtarchiven in Tübingen - mein besonderer Dank gilt hier Udo Rauch, der sich für viele meiner Fragen Zeit genommen und mir wertvolle Ratschläge gegeben hat - und Reutlingen, dem Gemeindearchiv Dußlin-gen, den Staatsarchiven Sigmaringen und Ludwigsburg, dem Hauptstaats-archiv Stuttgart sowie dem Wirtschaftsarchiv Baden-Württemberg in Stutt-gart-Hohenheim. Zusätzliche Unterlagen stellten freundlicherweise das Bundesarchiv in Berlin, der Internationale Suchdienst (ITS) in Bad Arolsen, der Verband Baustoff-Fachhandel e.?V. in Stuttgart, das Stadtarchiv Balin-gen sowie das Statistische Landesamt Baden-Württemberg zur Verfügung. Zum anderen führte der Verfasser vor allem hinsichtlich der Entwicklung des Unternehmens seit den 1950er Jahren ausführliche Interviews mit Peter und Dr. Marc Kemmler sowie den langjährigen Mitarbeitern Dr. Heinz Dett-ling, Heinz Duppel, Karl Gölz, Peter Höcklen, Ludwig Kautt, Walter Köpschall, Helmut Nill, Fritz Nübling, Manfred Paetz, Bernd Rinn und Klaus Schiebel. Allen meinen Gesprächspartnern, die sich für meine Fragen viel Zeit nahmen, sowie den Mitarbeitern der von mir besuchten Archive und der Firma Kemmler sei an dieser Stelle herzlich gedankt für ihre Geduld, Hilfs-bereitschaft und wertvolle Mitarbeit an der Entstehung dieses Buches.
Tübingen, im Januar 2010
Wolfgang Fischer
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