Einleitung
Dieses Buch handelt davon, wie man auf traditionelle Weise Geld verdient: nämlich indem man sich die Auflösung einer bisher gültigen Ordnung zunutze macht. Diese Ordnung ist ein System aus Regeln, Vereinbarungen und gemeinsamen Auffassungen, das die weltweiten Kapitalmärkte seit der 30er Jahre des 20. Jahrhunderts bestimmte. Die Urheber dieses Systems hatten gehofft, die gefährlichen und
unbändigen Geister der Marktspekulation bezwingen zu können, die sie für den Börsencrash von 1929 verantwortlich machten, indem sie ein System einrichteten, das einem regierungsunterstützten Informationskartell glich. Jetzt sind neue Technologien dabei, dieses Kartell aufzubrechen, und die gefährlichen Geister treiben wieder ihr Unwesen. Zwar geht die alte Ordnung nicht kampflos unter. Aber sie geht unter. Und aus ihrem Untergang lässt sich Kapital schlagen.
Day Trader, auch Extreme Investors (A.d.Ü.: Extrem-Spekulanten) genannt, versuchen die professionellen Börsenmakler der größten Finanzinstitute an der Wall Street, in Frankfurt, London und Tokio auszutricksen und zu übertrumpfen, indem sie cleverer und schneller sekundengenaue Kursschwankungen von Aktien, Termingeschäften und Derivaten antizipieren. Professionelle Börsenmakler verfügen im Allgemeinen über eine erstklassige Ausbildung in Finanzwesen, können auf die technische Unterstützung von Hard- und Software im Wert von mehreren hundert Millionen Dollar zurückgreifen und sind absolut privilegiert, was den Zugang zu Informationen über die
Orderströme des gesamten Marktes betrifft. Im Gegensatz dazu wissen nur sehr wenige der Menschen, die vom Day-Trading-Fieber erfasst sind, über die Funktionsweise der Finanzsysteme Bescheid. Sie haben ihr bisheriges Leben damit verbracht, sich Videospielen zu widmen, Blumengestecke zu arrangieren, Haare zu schneiden, Autos über den Asphalt zu jagen, Versicherungen zu verkaufen, Kranke zu pflegen, Gesetzesbücher zu studieren, Soll und Haben zu vergleichen oder einer anderen Tätigkeit nachzugehen - und suchen im Börsenhandel ein wenig Abwechslung. Die meisten sind sich darüber im Klaren, dass die Chancen auf einen Gewinn verschwindend gering sind. Aber die Teilnahme an diesem riskanten Spiel mit derart ungünstigen Gewinnaussichten bringt Spannung in graue Einheitsjobs und ereignislose Existenzen. Und letztlich besteht eine Chance, der widrigen Gewinnprognose ein Schnippchen zu schlagen - wenn man alles richtig macht. Das ist die Botschaft, die in einschlägigen Schulungskursen, Gewusst-wie-Ratgebern und den Chat Rooms im Internet mit schöner Regelmäßigkeit wiederholt wird. Die Prosperität des Day-Trading-Geschäfts basiert auf dem Glauben von Menschen, sie könnten sich mit den herausragendsten Profis der größten Finanzhäuser an der Wall Street messen - und gewinnen.
Hin und wieder gelingt ihnen das. Die Professoren Jeffrey H. Harris und Paul H. Schultz von Notre Dame untersuchten die Erfolge von Day Tradern und kamen zu dem Ergebnis, dass "außergewöhnlich schnelle oder raffinierte Trader" das Glück durchaus zwingen konnten. Erfolgreiches Day Trading erfordert aber in jedem Fall ein hohes Maß an Konzentration, Disziplin, eine schnelle Auffassungsgabe, ausgeprägte Reaktionsfähigkeit und Kapital. Day-Trading-Center weisen jedoch nur äußerst selten Interessenten ab, die diesen Anforderungen nicht genügen. Das Spiel steht jedem offen. Und wenn Day Trader nicht über genügend finanzielle Mittel verfügen, raten ihnen Trading-Center nicht selten zu einem Kredit.
Es bleibt abzuwarten, ob neue Regelungen, die Day-Trading-Anbieter dazu verpflichten, die finanzielle Situation potenzieller Kunden zu
überprüfen, irgendeinen Einfluss darauf haben werden, wer zum Day Trading zugelassen wird. Der wirtschaftliche Anreiz, das Spiel möglichst offen zu halten, ist für Day Trading-Center außerordentlich groß, da sie an den Provisionen jeder Börsentransaktion verdienen. Die Anwälte von Momentum Securities, einem der führenden Day-Trading-Häuser, führten laut Gerichtsakten an, dass viele der Kunden zwischen hundert bis dreihundert so genannte Trades am Tag durchführen und die Einnahmen des Unternehmens pro Tag und Kunde bei einer Provision von 15 Dollar pro Trade bis zu 45.000 Dollar betrügen. Und das ist durchaus keine ungewöhnliche Summe.
Eine derart hohe Trading-Frequenz lässt keine Zeit für Analyse und Reflexion. Darum geht es bei dieser Form des Wertpapierhandels auch gar nicht. Schulungskurse bringen zukünftigen Day Traders bei, dem Instinkt zu gehorchen, weil Nachdenken kontraproduktiv ist. Wenn sich der Markt bewegt, bedeutet Nachdenken Chancen zu verpassen. Menschen, die hundert Mal am Tag ohne nachzudenken Aktien kaufen und verkaufen, verlieren für gewöhnlich Geld. Und den Novizen unter den Day Traders wird eingetrichtert, dass sie Verluste als Teil der Erfahrungskurve akzeptieren müssen.[...]