Die erste Kraftprobe
Die E-Mail sah zunächst wie alle anderen E-Mails aus, die Brigitte regelmäßig bei VirTechs erhielt. Auch die Betreffzeile -- potenzieller Geschäftsabschluss nächste Woche -- schien auf den ersten Blick harmlos, machte sogar einen positiven Eindruck, wenn man bedachte, dass sie von Martin Gilmore, dem etwas bissigen Technischen Leiter, kam. Die Nachricht selbst war kurz gehalten -- wie die meisten Hiobsbotschaften.
Die Tatsache, dass die E-Mail an alle Führungskräfte geschickt worden war, sollte wohl über ihren rebellischen Inhalt hinwegtäuschen.
Erhielt gerade einen Anruf von einem potenziellen Großkunden. Sind an einer Produktpräsentation interessiert, da sie im nächsten Quartal einen Kauf planen. JR und ich besuchen sie nächste Woche. Klingt vielversprechend. Sind am Dienstagmorgen zurück.
Martin erwähnte mit keiner Silbe, dass dieser Termin mit der vereinbarten Tagung kollidierte, was das Ganze für Brigitte noch schlimmer machte. Er fragte sie nicht einmal, ob es in Ordnung wäre, der Tagung eineinhalb Tage fernzubleiben, entweder weil er es nicht für nötig hielt oder weil er das Thema komplett vermeiden wollte. Brigitte kam schnell zu dem Schluss, dass seine Beweggründe jedoch keine Rolle spielten.
Sie widerstand der Versuchung, Martin sofort per E-Mail zu antworten, um einer persönlichen Auseinandersetzung mit ihm aus dem Weg zu gehen. Der Augenblick der Wahrheit war gekommen, und es war Zeit, als die Führungspersönlichkeit aufzutreten, als die sie eingestellt worden war. Und daher war nun ein Gespräch von Angesicht zu Angesicht fällig.
Brigitte traf Martin E-Mails lesend in seinem Büro an. Er saß mit dem Rücken zur geöffneten Bürotür, und Brigitte trat ein, ohne anzuklopfen.
»Entschuldigen Sie, Martin, kann ich kurz mit Ihnen sprechen?« Martin ließ sich Zeit, bis er sich dazu bequemte, sich Brigitte zuzuwenden. »Ich habe gerade Ihre Mail bezüglich MUC Manufacturing erhalten.«
Er nickte, woraufhin sie fortfuhr: »Das ist wirklich eine gute Nachricht, aber wir müssen den Termin einige Tage verschieben, da er auf unsere Tagung fällt.«
Für einen Moment herrschte eisiges Schweigen. Dann antwortete Martin ihr völlig ohne Gefühlsregung, aber mit feinstem britischen Akzent. »Ich glaube, Sie verstehen die Situation nicht. Das ist die Verkaufsgelegenheit schlechthin. So etwas verschiebt man nicht einfach ...«
Brigitte fiel ihm in ebenso sachlichem Tonfall ins Wort: »Da täuschen Sie sich. Ich verstehe sehr gut, worum es geht. Doch MUC wird auch nächste Woche noch Interesse haben.«
Martin, der es nicht gewohnt war, auf direkten Widerspruch zu stoßen, verlor ein klein wenig seine britische Fassung. »Wenn diese Tagung Ihre größte Sorge ist, sollten Sie vielleicht Ihre Prioritäten überdenken. Wir können es uns nicht leisten, einen potenziellen Käufer zu vernachlässigen.«
Brigitte holte tief Luft und setzte ein Lächeln auf, um ihre Frustration zu verbergen. »Für mich gibt es momentan nur eine Sache, die oberste Priorität hat. Wir müssen uns unbedingt als Team zusammenfinden, sonst werden wir überhaupt nichts mehr verkaufen.«
Martin hüllte sich in Schweigen.
Nachdem weitere fünf Sekunden ohne eine Reaktion von ihm verstrichen waren, beendete Brigitte das Gespräch. »Gut, wir sehen uns dann also nächste Woche auf der Tagung.« Mit diesen Worten wandte sie sich zum Gehen, drehte sich aber noch einmal zu Martin um und sagte: »Ach, was ich noch sagen wollte: Wenn Sie Hilfe bei der Terminabsprache mit MUC brauchen, sagen Sie mir Bescheid, ja? Ich kenne den Geschäftsführer, Richard Kern, sehr gut. Er schuldet mir noch einen Gefallen.«
Damit verließ sie den Raum. Martin beschloss, es für diesmal gut sein zu lassen, stellte sich innerlich aber schon auf den nächsten Kampf mit ihr ein.