Robert Reich

Nachbeben -- Amerika am Wendepunkt

Übersetzt von Ute Gräber-Seißinger, Doris Gerstner

Die USA sind krisengeschüttelt und haben ihre alte Stärke verloren. Dennoch bleiben sie die führende Volkswirtschaft der Welt. Von ihnen hängt die gesamte Weltwirtschaft ab. Deshalb ist ihr Schicksal auch für uns im alten Europa von größter Bedeutung. Das Schicksal der USA entscheidet sich jetzt, sagt Robert Reich. Wenn die Ursachen für die Krise des Landes und der Weltwirtschaft nicht rasch beseitigt werden, droht Amerika ein wirtschaftlicher und politischer Kollaps. Und diese Ursachen sind vor allem im wachsenden sozialen Gefälle der reichsten Nation der Welt zu suchen. Reichs klar geschriebenes, wichtiges Buch bringt auf den Punkt, was die USA noch retten und die Welt vor dem Chaos bewahren kann.

Robert Reich
Robert Reich war Arbeitsminister der USA unter Bill Clinton und ist einer der führenden Intellektuellen des Landes. Er ist Professor an der University of California, Berkeley. Das Time Magazine ernannte ihn zu einem der zehn erfolgreichsten amerikanischen Minister des 20. Jahrhunderts und das Wall Street Journal zählt ihn unter die Top Ten der amerikanischen Wirtschaftsexperten. Sein letztes Buch, "Superkapitalismus ", erschien 2008 im Campus Verlag.
mehr zum Autor

24.02.2011, FTD.de/GetAbstract
Nachbeben
"Ein interessantes, in sich schlüssiges Werk."

28.12.2010, Deutschlandradio
Auf der Suche nach Lösungen
"Reich belegt überzeugend, dass es die ungleiche Einkommensverteilung zwischen dem reichsten Hundertstel und dem Rest der Amerikaner ist, die zur Überschuldung der Mittelklasse führte."

18.12.2010, Handelsblatt
Wie die US-Wirtschaft zu retten ist
"Der ehemalige Wirtschaftsminister von Bill Clinton hat ein aufsehenerregendes Buch geschrieben und
darin aufgezeigt, woran die größte Wirtschaft der Welt
wirklich krankt."

08.11.2010, Wirtschaftswoche
New Deal für die Mitte
"Packend geschrieben."

20.10.2010, Der Spiegel
Good night, America
"Robert Reich hat die Ursachen des [wirtschaftlichen] Absturzes in seinem Buch seziert, er analysiert die amerikanische Natur, die seltsam simpel wirkt: Wenn mein Nachbar mehr hat, will ich auch mehr haben."

10.10.2010, Welt am Sonntag
Nachbeben
"Reich liefert einen fundierten Beitrag zur Debatte über den richtigen Kurs der US-Wirtschaft."

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Vorwort zur deutschen Ausgabe

Dieses Buch ist von unmittelbarer Relevanz für Deutschlands Zukunft.
Die Große Rezession hat Deutschland fast ebenso stark getroffen wie die Vereinigten Staaten. Obwohl der wirtschaftliche Abschwung durch finanzielle Exzesse ausgelöst wurde, liegen seine tieferen Ursachen in einem immer größeren Einkommens- und Vermögensgefälle. Sowohl in Deutschland als auch in den Vereinigten Staaten fließen die Gewinne des wirtschaftlichen Wachstums zunehmend den wohlhabenderen Bürgern zu. Dies birgt zweierlei Gefahren - ökonomischer und politischer Natur: Die Kaufkraft der Mittelschicht sinkt, sodass sie sich über kurz oder lang die Güter und Leistungen, die sie produziert, nicht mehr leisten kann. Daraus wiederum resultieren Ängste und Frustrationen, die früher oder später von Demagogen der Rechten wie Linken ausgenutzt werden können.
Dieselben Kräfte, die in den Vereinigten Staaten ein immer stärkeres Auseinanderdriften der Einkommen und Vermögen bewirkt haben, sind auch in Deutschland am Werk. Das Internet, Satellitenverbindungen und der Containerfrachtverkehr bieten den Unternehmen einen immer leichteren Zugang zu billigen Arbeitskräften auf der ganzen Welt. Gleichzeitig gerät der inländische Arbeitsmarkt durch computergesteuerte Maschinen, Roboter und hochentwickelte Software unter Druck.
In wohlhabenden Ländern wie den Vereinigten Staaten und Deutschland bleiben dadurch im Wesentlichen nur noch zwei Kategorien von Arbeitsplätzen übrig: personengebundene Dienstleistungen wie zum Beispiel im Einzelhandel, im Hotel- und Gaststättengewerbe, im Gesundheitswesen, in der Kinder- und Altenbetreuung sowie im Baugewerbe und hochspezialisierte Dienstleistungen in der Unternehmensführung, im Finanzwesen und im technischen Bereich. Während in der ersteren Kategorie ein reiches Angebot an Arbeitskräften zur Verfügung steht, gibt es in der zweiten Kategorie nicht genügend qualifiziertes Personal, um die wachsende Nachfrage zu decken. Die Folge ist, dass die Gehälter für Arbeitnehmer in der ersteren Kategorie real sinken, während sie für die in der letzteren steigen. Ein relativ kleiner Anteil von hervorragend ausgebildeten und gut vernetzten Personen streicht somit den Löwenanteil des Volkseinkommens ein.
Zu dieser Entwicklung hat unbestreitbar auch die Zuwanderung beigetragen, ebenso wie im Falle Deutschlands die wirtschaftliche Integration der ehemaligen DDR. Die Hauptstoßkraft ist jedoch technologischer Art: die globale Verfügbarkeit neuer Technologien. Auch in China und Indien nehmen die Einkommensunterschiede zu.
Staatlicherseits bemüht man sich, diesem Trend durch Umverteilung der Einkommen und Vermögen sowie durch soziale Sicherheitsnetze entgegenzuwirken. Öffentliche Investitionen in die allgemeine und berufliche Bildung sowie in die Gesundheitsversorgung sollen gezielt diejenigen unterstützen, die auf dem Arbeitsmarkt auf der Strecke bleiben. Deutschland hat in dieser Hinsicht mehr unternommen und kann größere Erfolge vorweisen als die Vereinigten Staaten. Dennoch wachsen in beiden Ländern die Unterschiede zwischen Arm und Reich schneller, als die Regierungen Abhilfemaßnahmen ergreifen können. Darüber hinaus sind sowohl Deutschland als auch den Vereinigten Staaten fiskalische und politische Grenzen gesetzt, was das Ergreifen weiterer Maßnahmen anbelangt.
Das Versäumnis, dieser Entwicklung wirksamer als bisher entgegenzutreten, birgt jedoch eigene Risiken, wie ich in diesem Buch erläutern werde.
Eine Gefahr betrifft die Volkswirtschaft insgesamt: Arbeitnehmer sind auch Verbraucher. Solange die breite Masse der Bürger nicht über genügend freies Einkommen verfügt, um das zu kaufen, was sie produziert, besteht die Gefahr chronischer hoher Arbeitslosigkeit. Deutschland wird sich nicht darauf verlassen können, diese Nachfragelücke durch Nettoexporte zu schließen.
Die Amerikaner zählten über lange Zeit hinweg zu Deutschlands größten und verlässlichsten Kunden. Wie die folgenden Ausführungen zeigen, besitzt die amerikanische Mittelschicht jedoch künftig nicht mehr die Kaufkrauft, um weiterhin als Nettoimporteur für Waren aus aller Welt aufzutreten. Präsident Obama hat es sich zum Ziel gesetzt, die amerikanischen Nettoexporte im Laufe der nächsten fünf Jahre zu verdoppeln. Damit will er dazu beitragen, die durch die sinkende Kaufkraft der US-Verbraucher bedingte Lücke in der amerikanischen Gesamtnachfrage zu schließen.
Gewiss, die Märkte in China, Indien und Brasilien befinden sich weiterhin auf Wachstumskurs. Aber noch sind diese Nationen darauf angewiesen, ihr Wachstum durch Nettoexporte anzukurbeln. Selbst wenn die Mittelschicht in diesen Ländern irgendwann so groß und so wohlhabend geworden ist, dass die Nachfrage nicht mehr durch Nettoexporte angekurbelt werden muss, gibt es keinen Grund, anzunehmen, dass sie sich innerhalb der nächsten ein bis zwei Jahrzehnte zu einem Nettoimporteur für Waren aus aller Welt entwickeln wird.
Unterdessen fahren China, Indien und andere rasch wachsende Volkswirtschaften mit dem Ausbau ihrer Produktionskapazitäten fort. Die Zahl der Arbeitskräfte, Fabriken, Hightech-Anlagen und Büros in diesen Ländern nimmt stetig zu. Dies wiederum hat zur Folge, dass die Kaufkraft ihrer Mittelschichten rasch steigen muss, um mit der Entwicklung der Produktivität Schritt zu halten.
Mit dem Anstieg der globalen Produktionskapazitäten auf ein Niveau, das die Kaufkraft der globalen Verbraucher übersteigt, wird schließlich jede Regierung bemüht sein, die Exporte der eigenen Volkswirtschaft zu erhöhen und Importe zu verringern. Es liegt auf der Hand, dass dies unmöglich ist.
Die zweite Gefahr ist politischer Natur. Die deutsche Geschichte liefert ein tragisches Beispiel dafür, wie anhaltende wirtschaftliche Not zu Wut, Frustration und Angst in der Bevölkerung eines Landes führt. Diese Emotionen können von Demagogen der Rechten wie der Linken mobilisiert werden, um Ressentiments und Feindbilder zu schüren. Extremer Nationalismus, Fremdenhass, Intoleranz und Schlimmeres können die Folge sein. Die Demokratie selbst ist in Gefahr.
Wie ich im Folgenden zeigen werde, sind auch die Vereinigten Staaten dagegen nicht gefeit. In der Tat lässt sich im Gefolge der Großen Rezession ein Erstarken reaktionärer Politik in Amerika beobachten.
Trotz aller Warnungen ist dieses Buch im Grunde optimistisch. Ich glaube, dass es den Vereinigten Staaten - ebenso wie Deutschland - gelingen wird, die Entwicklungstrends, die derzeit unsere Volkswirtschaft und unsere Demokratie bedrohen, umzukehren. Positive Reformen liegen in jedermanns bestem Interesse - sogar im Interesse der Wohlhabenden und Mächtigen der Gesellschaft. Auch sie haben viel zu verlieren, wenn die Wirtschaft stagniert und die Gesellschaft zornig wird und sich nach innen wendet. Umgekehrt haben sie alles zu gewinnen, wenn immer weitere Kreise der Bevölkerung am volkswirtschaftlichen Wohlstand teilhaben.
Die Herausforderung richtet sich an uns und unsere Kinder. Sie stellt eine der größten ökonomischen und politischen Aufgaben dar, die wir zu bewältigen haben. Und die Wahl, die wir treffen müssen - zwischen einer reaktionären Politik oder einer grundlegenden Reform - gehört zu den wichtigsten überhaupt.

Robert B. Reich
Berkeley, Kalifornien
September 2010

Pressetext (PDF)

Cover, reprofähig

Autorenfoto, reprofähig

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Erscheinungstermin:
04.10.2010

Hardcover gebunden

221 Seiten

EAN 9783593392479

€ 19,90

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