Richard Florida
Reset
Wie wir anders leben, arbeiten und eine neue Ära des Wohlstands begründen werden
Übersetzt von Ulrike Bischoff
Die Kreativen sind der Wirtschaftsmotor der Zukunft. Sie sind der Rohstoff, auf den die neue Wirtschaftsordnung nach der Krise setzen muss. Für allgemeinen, dauerhaften Wohlstand müssen wir jetzt handeln und das kreative Potenzial unserer Gesellschaft aktivieren.
"Dieses Buch könnte die Welt retten. Wachstum, das auf der Produktion von Dingen beruht, führt zwangsläufig in die ökologische und ökonomische Katastrophe. Richard Florida zeigt, wie ein Neustart gelingen kann: Nachhaltiges Wachstum entsteht durch Ideen."
Prof. Tim Renner, Unternehmer, Autor und Journalist
"Reset zeigt, wie neue Technologien und neue Lebens- und Arbeitsweisen zusammen den Aufschwung vorantreiben werden. Eine Pflichtlektüre für alle, die wissen wollen, wo wir stehen und was die Zukunft bringen wird."
Chris Anderson, Autor von Free und The Long Tail
Richard Florida
Richard Florida, Jahrgang 1957, ist ein bedeutender US-amerikanischer Ökonom und international bekannter Intellektueller. Als der weltweit einflussreichste Experte in Sachen Wirtschaftsgeografie ist er ein gefragter Redner und Berater. Florida ist Autor mehrerer Bücher, darunter "The Rise of the Creative Class" (2003), schreibt regelmäßig u. a. für Atlantic Monthly, The Economist, Harvard Business Review und lehrt an der Universität Toronto.
mehr zum Autor
05.02.2011, Süddeutsche Zeitung
Kreative Wirtschaft in Megaregionen
"Ein Buch, das Aufmerksamkeit verdient."
12.11.2010, Oberösterreichische Nachrichten
Anders wirtschaften
"Sympathisch: Mehr Wohlstand heißt laut Florida nicht unbedingt mehr Geld, sondern auch mehr Zeit für sich sowie Freunde und Familie."
06.09.2010, Wirtschaftswoche
Gesellschaft auf Neustart
"Florida, der Prophet der kreativen Klasse, beschreibt die Vitalität, mit der die großen Finanzzentren wie New York oder London der Krise trotzen, indem sie sich auf die Vielfalt ihrer Wirtschaftszweige besinnen, auf ihre Fähigkeit, die besten Köpfe aus einem breiten Spektrum von Fachgebieten anzuziehen."
03.09.2010, Handelsblatt
Die Krise als Impuls zum Neustart
"Endlich ein positiver Denkanstoß: Der US-Ökonom Richard Florida verbreitet in seinem Buch keine Untergangsstimmung, sondern beschreibt
die Chancen für ein neues Wirtschaftssystem ... Spannend zu lesen und ohne mit Zahlen und Statistiken zu erschlagen."
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Vorwort für die deutsche Ausgabe
Mit der industriellen Revolution veränderte sich die Gesellschaft in allen Regionen Europas grundlegend, auch in Deutschland. Die Arbeit der Bauern und Handwerker, die jeden Entstehungsschritt ihres Produkts begleitet und verantwortet hatten, verlor an Bedeu-tung, und an ihre Stelle trat die industrielle Fertigung durch den Arbeiter. In den Fabriken der großen Städte arbeiteten die Men-schen nun in einem Prozess, der die Herstellung der Güter in viele einzelne Schritte zerlegt und auf Fließbänder verlagert hatte. Die zunehmende Produktivität verhalf der gesamten Bevölkerung über die Jahrzehnte zu mehr Wohlstand.
Nach dem Zweiten Weltkrieg erfüllte sich gerade auch in Deutschland der Traum vom Wirtschaftswunder. Die eigenen vier Wände ließen sich mit Gebrauchsgütern aller Art füllen, vor der Tür stand das eigene Auto. Den Kindern ermöglichte man eine Ausbil-dung, mit der sie es später einmal sogar noch besser haben sollten als man selbst.
Heute ist unsere Gesellschaft erneut in einer Umbruchphase. Wir haben das industrielle Zeitalter ein für alle Mal hinter uns gelassen und stehen an der Schwelle zu einem völlig neuen Wirtschaftssys-tem, dem der "kreativen Wirtschaft". Die gegenwärtige Weltwirt-schaftskrise hat diesen Umbruch zusätzlich beschleunigt. In der neuen Wirtschaftsordnung sind nicht mehr länger Kapital und Ar-beit die Motoren der Wirtschaft, sondern Kreativität. Die hochkrea-tiven und kreativen Berufe vom Designer bis zum Informatiker, vom Ingenieur bis zum Wissenschaftler drängen die Produktions- und Dienstleistungsberufe in den Hintergrund. Dabei ist Kreativität nicht den Künstlern und einigen wenigen vorbehalten, sondern eine Fähigkeit aller Menschen, die sie bei ihrer beruflichen Tätigkeit entfalten können. Die gerne beschworene Wissensgesellschaft ist nur dann wirtschaftlich erfolgreich, wenn das im Überfluss vorhan-dene Wissen in Geschäftsideen umgewandelt und ökonomisch genutzt wird. Nur mit Innovationen, die genau diese Kreativität hervorbringt, mit dem Schaffen von neuen Produkten, neuen Ver-fahren, neuen Märkten und Organisationsformen werden wir einen Weg aus der Krise finden und einen neuen Aufschwung erleben.
Die drei entscheidenden Faktoren der kreativen Wirtschaft sind Talent, Technologie und Toleranz. Wie auch in den USA vertrauen die Deutschen dabei bislang zu sehr auf die Technologie und die damit verbundenen Errungenschaften. Technologie ist jedoch kein Allheilmittel. Weder der Technologie noch der protestantischen Arbeitsethik verdanken die USA ihre Position als globale Wirt-schaftsmacht, sondern der Tatsache, dass Amerika es geschafft hat, talentierte und kreative Menschen aus aller Welt anzuziehen. Was das angeht, hat Deutschland noch einiges vor sich.
Allerdings haben die Deutschen den USA auf dem Weg zur Krea-tivwirtschaft auch einiges voraus, und das ist Toleranz, jedenfalls in bestimmten Städten und Regionen. Damit meine ich die Offenheit gegenüber Vielfalt, alternativen Lebensstilen und zeitgenössischen Werten wie Meinungsfreiheit, Forscherdrang, Experimentiergeist und Entfaltungsmöglichkeiten für jeden Einzelnen.
Wegen ihrer Klassengesellschaft sind die USA gar nicht in der Lage, die Kreativität jedes Einzelnen gesamtgesellschaftlich zu nutzen. Städte in Kanada, Skandinavien, aber eben auch in Deutschland haben dabei viel bessere Chancen. Denn künftig werden nicht nur Firmen wie Porsche, Siemens und BMW in globa-lem Wettbewerb mit beispielsweise Toyota oder Sony stehen, son-dern Städte wie Hamburg, Berlin oder München ebenso miteinan-der konkurrieren wie mit Barcelona, Toronto, London, New York oder Stockholm. Und in allererster Linie ist dies ein Konkurrieren um Talente. Bei diesen Talenten wird künftig die wirtschaftliche Wertschöpfung liegen.
In Deutschland gibt es im Wesentlichen zwei Arten von kreativen Zentren. Zum einen die Metropolregionen wie Hamburg oder Mün-chen, zum anderen Berlin - die Stadt, die die Forderung nach Ta-lent, Technologie und Toleranz bereits am konsequentesten erfüllt. Die Stadt ist frei, offen und schnell und erfindet sich ständig neu.
Noch geht es bei der Debatte in Deutschland um eine Form so-zialer Gerechtigkeit, um die bessere Verteilung materieller Güter. Aber meines Erachtens ist eine solche Debatte irrelevant, denn tatsächlich ist doch die wesentliche Frage, wie man Menschen dazu bringt, ihre Talente zu entwickeln und sie ökonomisch zu nutzen. Deutschland hat Städte mit hoher Lebensqualität und gute Universitäten. Trotzdem wandern Talente ins Ausland ab. Warum ist das so? Was kann das Land dagegen tun?
Wie auch Japan und die USA ist Deutschland in einer nationalen Identitätskrise verhaftet. Die Deutschen thematisieren Einwande-rung als volkswirtschaftliches und gesamtgesellschaftliches Prob-lem, aber das führt in eine völlig falsche Richtung. Das eigentliche Thema ist, wie es gelingen kann, Talente ins Land zu holen. Aust-ralien, Neuseeland, Skandinavien haben das längst erkannt, neu-erdings sogar Großbritannien. Daher sollte die Debatte in Deutsch-land so zusammengefasst werden können: Wie kann das Land mit seinen guten Universitäten, seiner fantastischen wissenschaftli-chen Tradition und seinen wunderbaren Städten attraktiv für Talen-te aus der ganzen Welt werden?
Deutschland hat mit seiner offenen, lebenswerten und toleranten Gesellschaft eine hervorragende Grundlage für die Zukunft. Jetzt gilt es, die vielen Chancen und Möglichkeiten zu nutzen, die sich in der Krise bieten. Es liegt an den Politikern, Firmen und Wirtschafts-führern - und in der Hand jedes Einzelnen.
Richard Florida
Toronto, im Juli 2010
Einleitung
Im Grunde haben wir es doch kommen sehen. Vielen mag es zwar erscheinen, als sei die amerikanische Gesellschaft beinahe über Nacht vom Wohlstand ins Chaos gestürzt, aber in Wirklichkeit hat sich die Finanzkrise, die die Wirtschaft 2008 und 2009 lahmgelegt hat, über Jahre, vielleicht sogar über Generationen hinweg vorbe-reitet. Es ist leicht, mit dem Finger auf Schuldige zu zeigen und die Banker und Hypothekenkreditgeber in ihrem Profitstreben als Sün-denböcke auszumachen, die mit hochriskanten Spielchen die Fi-nanzmärkte ruiniert haben. Aber das wäre wohl so, als würde man Fast Food die Schuld an Fettleibigkeit geben.
Die Vereinigten Staaten haben lange über ihre Verhältnisse ge-lebt. Über mehr als 25 Jahre ist die US-Wirtschaft unablässig ge-wachsen, gespeist vom ungebremsten Konsum einer endlosen Flut von Immobilien, Waren und technischen Spielereien. Früher schätzte man die USA wegen ihrer Innovationsfreudigkeit, ihres sogenannten amerikanischen Erfindergeists, doch offenbar kon-zentrierten sich diese Fähigkeiten irgendwann nur noch auf die Entwicklung hochriskanter Finanzprodukte. Angeheizt von leicht zugänglichen Krediten entwickelte sich die Wirtschaft zu einem gigantischen Basar. Gleichzeitig verwandelten sich die Finanz-märkte, die früher ein Hort für Investoren gewesen waren, in Spiel-casinos, in denen viele der brillantesten Köpfe sich mit aberwitzi-gen Einsätzen auf tollkühne Glücksspiele und schwindelerregend komplexe Wetten einließen. Als Alan Greenspan, der damalige Chef der US-Notenbank, vor nahezu zehn Jahren das Kartenhaus immer höher und labiler werden sah, revidierte er seine Einschät-zung, dass es sich um "irrationalen Überschwang" handele, und ersetzte sie durch den schärferen Ausdruck "ansteckende Gier".
Wie wir wissen, fiel dieses Kartenhaus unweigerlich in sich zu-sammen. Das sollte uns auch nicht überraschen, denn es ist nicht das erste Mal. In den vergangenen 150 Jahren erlebte die Wirt-schaft bereits zweimal - in den 1870er und den 1930er Jahren - einen solchen Einbruch mit anschließender Depression. Beide Male ging sie jedoch aus diesen finsteren Zeiten gesünder und gestärkt hervor. Das ist auch heute wieder möglich.
Es gibt schon genug Versuche, die Ursachen dieser Krise zu benennen und vorherzusagen, wie tief die Wirtschaft sinken und wann sie sich wieder erholen wird. Beim Blick zurück sollte es aber in erster Linie darum gehen, etwas für die Zukunft zu lernen, und in der Tat können wir aus den Krisen- und Aufschwungphasen der Vergangenheit viele Lehren ziehen. Es waren verheerende, leidvol-le Zeiten, die in Wirtschaft und Gesellschaft tiefe Lücken rissen. Doch die Natur duldet kein Vakuum. Für jede Institution, die ver-sagte, für jedes Geschäftsmodell, das sich überlebt hatte, entstan-den sehr schnell neue und bessere, die diese Lücken schlossen. Aus vergangenen Krisenzeiten erwuchsen schließlich neue Epo-chen, die von Erfindergeist und Einfallsreichtum geprägt waren. Gerade in solchen Zeiten entstanden neue Technologien und Ge-schäftsmodelle, neue Wirtschafts- und Gesellschaftsformen und völlig neue Lebens- und Arbeitsweisen.
Die Uhr der Geschichte tickt unablässig. Wir können die Dau-men drücken und das Beste hoffen oder jetzt Maßnahmen ergrei-fen für eine bessere, reichere Zukunft. Wir haben schon früher furchtbare Wirtschaftseinbrüche und Depressionen erlebt und uns immer wieder aufgerafft, unsere Wirtschaft und Gesellschaft unbe-irrt umgestaltet und die Voraussetzungen für längerfristigen Wohlstand geschaffen. Mit dem Wandel der Zeiten haben wir neue Arbeits- und Lebensweisen entwickelt, unsere Städte umstruktu-riert und die Grundlagen für wirtschaftliches Wachstum und Erho-lung gelegt. Immer wieder sind wir aus Krisen gestärkt und reicher - im materiellen wie immateriellen Sinn - hervorgegangen. Dieses Buch wird die entscheidenden Faktoren früherer Krisen und Um-bruchphasen analysieren. Möge es dazu beitragen, die entschei-denden Faktoren des gegenwärtigen Wandels besser zu erkennen und den Weg in eine neue Ära dauerhaften Wohlstands einzu-schlagen.
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