Paul Krugman
Schmalspur-Ökonomie
Die 27 populärsten Irrtümer über Wirtschaft
Übersetzt von Herbert Allgeier
In seinem neuen Buch nimmt Paul Krugman die gängigsten Irrtümer rund um die Wirtschaft ins Visier. Mit Witz und Ironie entlarvt er Politiker und Intellektuelle als Möchtegern- Experten, denen wir die Debatte so wichtiger Themen wie Arbeitsmarktprobleme, Weltfinanzordnung und Wohlstandsgefälle nicht vorbehaltslos überlassen sollten. Provokant, aber immer mit der nötigen Portion Selbstdistanz deckt Krugman ökonomische Denkfallen und Trugschlüsse auf. Sein unvergleichlicher Schreibstil beschert neue Einsichten und Lesespaß.
Weitere Informationen finden Sie auf der http://www.wws.princeton.edu/~pkrugman/" target="_blank Homepage des Autors
Paul Krugman
Paul Krugman, geboren 1953, lehrt an der Princeton University und ist einer der bedeutendsten und bekanntesten Wirtschaftswissenschaftler der Welt. 2008 erhielt er den Wirtschaftsnobelpreis. Er gilt als der wichtigste politische Kolumnist Amerikas und als sprachgewaltigster Ökonom unserer Zeit.
mehr zum Autor
11.10.2002, Cash
"Ein begnadete Querdenker."
01.07.2000, Die literarische Welt
Reich werden mit Büchern
"Von der Truppe der fachchinesischen Schlaumeier hebt sich Krugman aufs Angenehmste ab: Er versteht es, die komplizierten Zusammenhänge zu entwirren und nimmt den Leser mit Kurzweil und Heiterkeit an die Hand."
08.05.2000, Süddeutsche Zeitung
Ökonomie auf der Schmalspur
"Krugman weiß auf intelligente und inspirierende Weise das zu vertreten und in den Diskussionsprozess einzuführen, was in der populären Argumentation zu kurz zu kommen droht."
05.05.2000, Lausitzer Rundschau
Spielverderber mit Pfiff
"Schon das Vorwort klingt so, als könnte es lustig werden. Und es wird lustig!"
27.04.2000, Der Standard
Gebetsmühlen in Politik und Wirtschaft
"Krugman ist nicht umsonst ein begehrter Kolumnist. Seine Essays sind witzig, pointiert und faktenreich."
01.04.2000, ManagerMagazin
Ökonomen im Irrgarten
"Ein lesenswertes Plädoyer für Spaß am Denken und gesunden Menschenverstand."
01.04.2000, Buchhändler heute
Geld, Innovation, Marketing
"Paul Krugman macht uns die Freude, das falsche Spiel all jener Management-Gurus aufzudecken, die ihr Publikum mit Banalitäten abspeisen."
20.03.2000, Falter
Die Irrtümer einflussreicher Wirtschaftsgurus
"Eine Sammlung verständlicher, aber nicht simplifizierender Essays zu zentralen Problemen der Ökonomie."
26.02.2000, Berliner Zeitung
Paul Krugman greift populäre Wirtschaftsgurus an
"Der einzig wahre Pop-Ökonom!"
24.02.2000, Die Weltwoche
Kein Austausch von Höflichkeiten
"Der Mann ist unbequem für alle."
13.12.1999, Frankfurter Allgemeine
Mit der Hand in der Keksdose
"Wer dieses Buch liest, gelangt rasch zu dem Schluss, dass Ökonomie keine trostlose Wissenschaft ist, sondern eine lebendige, spannende Disziplin, die jeden betrifft und die jeder verstehen kann."
Lob der billigen Arbeit:
Schlechte Jobs sind besser als gar keine Jobs
Viele Jahre lang diente eine riesige Müllkippe namens "Smokey Mountain" in Manila den Medien als Lieblingssymbol für die Armut der Dritten Welt. Mehrere tausend Männer, Frauen und Kinder fristeten auf jener Müllkippe ein elendes Dasein. Inmitten von Gestank, Fliegen und Giftstoffen durchwühlten sie die Halde nach Metallschrott und anderen Wertstoffen. Trotzdem lebten sie "freiwillig" dort. Denn die zehn Dollar, die sich eine Familie auf diese Weise täglich zusammenzukratzen vermochte, waren immer noch besser als die Alternativen.
Inzwischen sind die Müllkippenbewohner weg, 1996 von der Polizei zwangsweise umgesiedelt, weil ein internationaler Gipfel anstand und die "Müllmenschen" allzu schlecht ins Bild passten. Neulich aber - bei der Lektüre eines Stapels häßlicher Leserbriefe - fand ich mich wieder an Smokey Mountain erinnert.
Anlass für die Zuschriften war eine Kolumne, die ich für die New York Times ("Wir sind nicht die Welt"; siehe vorstehendes Kapitel) verfasst hatte. Darin hatte ich argumentiert, dass die Löhne und Arbeitsbedingungen in den neuen Exportindustrien der Dritten Welt - so miserabel sie auch sind - gegenüber der "früheren, weniger sichtbaren ländlichen Armut" gleichwohl eine riesige Verbesserung darstellen. Aber ich hätte mir ja eigentlich denken können, dass dies Reaktionen der Sorte "Jaja, du in deiner bequem-sicheren Professorenposition hast gut reden. Arbeite du doch mal für zwei Dollar am Tag!" hervorrufen würde.
Solch moralische Entrüstung trifft man unter Gegnern der Globalisierung häufig an - bei Leuten also, die den Technologie- und Kapitaltransfer von den Hochlohn- in die Niedriglohnländer und die damit verbundene Zunahme der lohnintensiven Exportgüter der Dritten Welt nicht gern sehen. Für diese Kritiker ist es eine ausgemachte Sache, dass jeder, der diesen Entwicklungen Positives abgewinnt, entweder ein Naivling oder ein bodenloser Schuft ist. In beiden Fällen handelt es sich für sie de facto um Agenten des internationalen Kapitals, das angeblich kein anderes Ziel verfolgt, als die arbeitende Bevölkerung hierzulande und anderswo zu unterdrücken.
Leider liegen die Dinge ein wenig komplizierter - und das gilt auch für die Frage der Moral oder Unmoral. Stellen wir doch einmal den folgenden Gegenvorwurf auf: Der hehre moralische Ton der Globalisierungsgegner ist nur deshalb möglich, weil sie ihre Position nicht hinreichend durchdacht haben. Zwar steht außer Zweifel, dass es unter den Kapitalisten Absahner gibt, die von der Globalisierung unverhältnismäßig profitieren. Dennoch sind die größten Nutznießer andere - nämlich die Beschäftigten in der Dritten Welt.
Die weltweite Armut ist ja schließlich keine neue Erfindung zum Nutzen der multinationalen Unternehmen. Wie sah die Dritte Welt denn vor nicht einmal zwanzig Jahren (und heute in vielen Ländern noch immer) aus? Zwar begannen damals eine Hand voll asiatische Kleinstaaten durch ein rapides Wachstum Aufsehen zu erregen, doch Entwicklungsländer wie Indonesien oder Bangladesh waren im Wesentlichen noch immer, was sie stets gewesen waren: Exporteure von Rohstoffen, Importeure von Industriegütern. Eine ineffiziente verarbeitende Industrie, geschützt durch Einfuhrkontingentierung, bediente die heimischen Märkte, schuf aber kaum Arbeitsplätze. Gleichzeitig führte der wachsende Bevölkerungsdruck dazu, dass verzweifelte Bauern gezwungen waren, entweder immer ertragsschwächeres Land zu bewirtschaften oder sich irgendwie anders über Wasser zu halten - und sei es durch ein Leben auf der Müllhalde.
Angesichts fehlender Alternativen war es also möglich, in Jakarta oder Manila für einen Hungerlohn Arbeitskräfte zu bekommen. Doch Mitte der siebziger Jahre genügten billige Löhne allein nicht mehr, um auf den Weltmärkten für Industriegüter zu konkurrieren. Die spezifischen Vorteile der entwickelten Länder - Infrastruktur, technisches Know-how, vergleichsweise riesige Märkte, Nähe zu Hauptlieferanten, politische Stabilität, soziale Anpassungsfähigkeit als ganz wichtiger Faktor für eine funktionierende Wirtschaft - wogen offenbar selbst eine zehn- bis zwanzigfache Lohndisparität auf.
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Autorenfoto, reprofähig
