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Vorwort
Wirtschaftswunder 2010 - geht es nicht eine Spur bescheidener? In der tiefsten Weltwirtschaftskrise seit 80 Jahren scheint selbst der nächste Aufschwung fern, von einem Wirtschaftswunder ganz zu schweigen. Und dann soll dieses "Wunder" auch noch von Familienunternehmern getragen sein? Ausgerechnet von jenen, die in Zeiten von Globalisierung und weltumspannenden Kapitalmärkten als Auslaufmodell galten - zu langsam, zu behäbig, zu altbacken?
Rund 95 Prozent aller über 3,1 Millionen deutschen Unternehmen sind Familienunternehmen, also solche Firmen, in denen der Eigentümer direkten Einfluss auf die Unternehmensführung nimmt. Diese hohe Zahl ist nicht weiter verwunderlich, zählt doch jeder Kioskbesitzer, jede selbstständige Frisörin dazu. Interessant wird es aber, wenn man sich einen bestimmten Teil aus dieser Gruppe genauer ansieht: den sogenannten gehobenen Mittelstand. Von solchen Unternehmen, die mehr als 50 Millionen Euro im Jahr umsetzen, gibt es in Deutschland etwa 10?000. Auch hier ist die große Mehrheit in Familienbesitz. Es sind Unternehmen, die feste Wurzeln haben in ihrer Heimat und stark sind auf den Weltmärkten.
Um diese Firmen geht es in diesem Buch. Es geht um die Trumpfs und Mieles, Otto Bocks und Deichmanns im Land. Sie sind die treibende Kraft der deutschen Wirtschaft. Sie halten das gesamte System wendig und flexibel und verfügen doch über die notwendige Größe, um auch im Ausland Gewicht zu haben. Sie beschäftigen qualifizierte Mitarbeiter, sind hoch innovativ, werfen aber alte Traditionen und Werte nicht über Bord. Sie haben viel Geld, nutzen teils auch moderne Finanzierungsinstrumente, und sind doch weitgehend unabhängig von den Turbulenzen an den Börsen.
Es sind die gehobenen Familienunternehmen, die Deutschland besonders machen. Kein anderes Land der Welt hat einen so starken, exportorientierten Mittelstand. Kaum sonst irgendwo ruht der volkswirtschaftliche Erfolg auf so vielen kräftigen Schultern. Kein Wunder, dass das Modell des deutschen Familienunternehmers längst internationales Ansehen genießt.
Und doch sind Familienunternehmer, auch solche, die in der zweiten, dritten oder vierten Generation stehen, nicht vor Fehlern gefeit. Es gibt sogar besondere familiäre Fehlerquellen. Das Verlagshaus Suhrkamp oder der Getränkeclan Berentzen etwa wurden geschwächt durch den Streit ihrer Erben. Die ehemaligen Eigner des Modelleisenbahnbauers Märklin schätzten Märkte falsch ein, hielten zu lange an überkommenen Konzepten fest und mussten schließlich verkaufen. Und auch unter den Firmenchefs gibt es Zocker wie den legendären Adolf Merckle, der ein Imperium mit Firmen wie ratiopharm, Phoenix, Kässbohrer und HeidelbergCement erst aufgebaut und dann an der Börse verspielt hat.
Familienunternehmer sind nicht die besseren Menschen. Allerdings sind Misswirtschaft mit System, Zockerei und Korruption in eigentümerdominierten Firmen grundsätzlich weniger wahrscheinlich als in Publikumsgesellschaften. Viele angestellte Topmanager wagen eine besonders riskante, besonders eigenwillige Unternehmensstrategie. Sie haben im besten Fall Ruhm und hohe Boni zu gewinnen, im schlechtesten Fall aber nur ihren Job zu verlieren. Unternehmer, die mit ihrem eigenen Geld jonglieren, achten auf den nachhaltigen Einsatz ihrer Mittel. Sie planen langfristig, haben klare Strategien und pflegen in aller Regel eine Kultur der Bescheidenheit. Und selbst wenn die Firmenübergabe von einer Generation an die nächste bei manchen Betrieben nicht gelingt, sorgen Gründer für Nachwuchs bei den deutschen Familienunternehmen. Dieses Buch beruht auf Gesprächen mit einer Vielzahl von Mittelständlern. Manche sind namentlich genannt, andere wollten das nicht. Viele haben sich erstaunlich weit geöffnet. Entwaffnend ehrlich beschrieb etwa Nicola Leibinger-Kammüller, Erbin des weltgrößten Werkzeugmaschinenherstellers Trumpf und Chefin von rund 8?000 Mitarbeitern, die Belastungen der Krise. Schlimm sei es, sagte sie. Schlimmer als alles, was sie sich je ausgemalt hätte. Nicht um 10 oder 15 Prozent, um über 40 Prozent seien die Aufträge eingebrochen. Und ja, schwer drücke die Last der Verantwortung. Kurz ringt die Unternehmerin und Mutter von vier Kindern um Fassung, dann wird ihr Blick trotzig, die Stimme entschlossen. Krise hin oder her, Lehrlinge wolle sie übernehmen und um jeden Arbeitsplatz kämpfen. Das sei sie ihren Leuten schuldig.
Viele kleine Puzzleteile geben Einblicke in das Denken und Handeln von Deutschlands Unternehmern und ihren Erben. Teil I des Buches räumt auf mit den gängigen Irrtümern über Familienunternehmen. Was genau macht diese Unternehmensform stark? Warum hat sie trotz aller Unkenrufe überlebt? Teil II stellt sieben Unternehmer und Unternehmerteams vor, die vieles richtig gemacht haben. Es sind unterschiedliche Menschentypen aus unterschiedlichen Branchen, die unterschiedliche Antworten gefunden haben auf die Herausforderungen der Globalisierung. Jeder Einzelne von ihnen hat etwas Einzigartiges, etwas Herausragendes. Teil III fahndet nach Gemeinsamkeiten. Welches sind die wichtigen, unverzichtbaren Zutaten zum Erfolg? Und was macht Deutschlands Familienunternehmen für ausländische Investoren und Politiker so interessant?
Das Buch nimmt die Leser mit auf eine Expedition durch Deutschland, von Pfaffenhofen über Ditzingen und Duderstadt bis nach Berlin. Es zeigt, wie neue wirtschaftliche Dynamik entsteht und stellt die Menschen vor, die den neuen Aufschwung im Land schaffen können - ein Wirtschaftswunder 2010.