Michael Pesek

Koloniale Herrschaft in Deutsch-Ostafrika

Expeditionen, Militär und Verwaltung seit 1880

Zuerst waren es Expeditionen, die den schwarzen Kontinent erforschen sollten. Dann kamen die Soldaten und schließlich die Beamten. Doch glatt verlief die Kolonialisierung Deutsch-Ostafrikas nicht. Michael Pesek schildert den Kontakt der Deutschen mit einer fremden Kultur und die damit verbundenen Missverständnisse und Fantasien, die sich auch in den Geschichten und Bildern spiegeln, die aus Afrika nach Deutschland gelangten. Die säbelrasselnden Herren und kaiserlichen Beamten waren zudem nicht immer so mächtig, wie es schien – was in Berlin ersonnen wurde, taugte im afrikanischen Alltag nicht viel. Es zeigt sich, dass die Kolonialherrschaft in Ostafrika auch ein Fantasiegebilde war, ein Diskurs, der Stereotypen reproduzierte und in dem Moment zu kollabieren begann, als die Deutschen Afrika begegneten.

Michael Pesek
Michael Pesek, Dr. phil., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am SFB 640 an der Humboldt- Universität zu Berlin.

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Danksagung

Einleitung

Raum und Zeit kolonialer Herrschaft
Koloniale Staatlichkeit und kolonialer Staat
Die lokalen Wurzeln deutscher Kolonialherrschaft
Koloniale Subjektbildung
Koloniale Herrschaft und kolonialer Diskurs
Kapitelübersicht

Der interregionale Karawanenhandel des
19. Jahrhunderts

Zanzibar und der Karawanenhandel
Der Handel und die afrikanischen Gesellschaften
Die Ordnung der Karawanen
Die moralische Ökonomie des Karawanenhandels
Die politische Ökonomie des Karawanenhandels
Die symbolische Ökonomie des Karawanenhandels

Im Morgengrauen der Kolonialherrschaft:
Europäische Reisende

Der Wettlauf nach Afrika
Die Ordnung der Expedition
Die Konstruktion des metropolitanen Habitus
Mimikry in der Kontaktzone
Die Ordnung der Station
Vom Forschungsreisenden zum Kolonisierenden

Von der Metropole nach Ostafrika

Die Konstruktion der Metropole
Die Usagara-Expedition von Carl Peters
Das Scheitern der DOAG
Der Beginn der kolonialen Okkupation

Inseln von Herrschaft

Geschichte, Rache und die Magie des totalen Sieges -
Der Terror kolonialer Eroberung
Von der Macht der Gerüchte
Die symbolische Ökonomie kolonialer Herrschaft
Die soufflierte Rede der Kolonisierenden
Erste Momente kolonialer Subjektbildung
Von der Ordnung der Expedition zur kolonialen Disziplinarordnung
Stationen - Inseln von Herrschaft
Die Station als Ort kolonialer Disziplinarordnung

Die Grenzen des kolonialen Staates

Die Strukturen der Metropole
Die Gouverneure
Die Akteure des kolonialen Staates im Inneren
Das shauri als koloniale Herrschafts- und Rechtspraxis
Die Entropie des kolonialen Staates
Die Kolonisierenden als Eklektiker kolonialer Diskurse

Afrikaner als Intermediäre kolonialer Herrschaft

Koloniale Subjektbildung - Die Disziplinierung der askari
Koloniale Subjektbildung - ruga-ruga und Träger
Die zwei Körper der askari

Schluss

Bibliographie

Quellen der Abbildungen

Die deutsche Kolonialherrschaft in Ostafrika begann mit einer Expedition und sie endete mit einer. Ende September 1884 brach Carl Peters in Begleitung von Carl Jühlke, Joachim Graf von Pfeil und August Otto nach Ostafrika auf, um Geschichte zu machen und im Namen des deutschen Kaisers und Reiches Kolonien zu erwerben. Im kolonialen Diskurs selbst galt Peters Expedition lange Zeit als der Beginn des deutschen Kolonialismus in Ostafrika. Die von Peters abgeschlossenen Schutzverträge wurden auf dem diplomatischen Parkett Europas bei der Aufteilung Afrikas in Ansprüche des Deutschen Reiches auf diese Gebiete umgemünzt. Als der deutsche Kaiser über die betreffenden Gebiete im Jahre 1885 den Schutzbrief ausstellte, schienen die völkerrechtlichen Grundlagen für eine deutsche Kolonie in Ostafrika gelegt. Doch in Ostafrika war Peters' Expedition kaum mehr als ein Moment, flüchtig und für die Afrikaner wenig bedeutsam. Ihre Bedeutung sollte sich erst in der Geschichte des deutschen Kolonialismus entfalten. 1914 begann der Erste Weltkrieg auch in der deutschen Kolonie und drei Jahre später gelang es britischen Truppen, weite Teile der Kolonie zu besetzen. Die deutsche Kolonialherrschaft löste sich in der langen Karawane des von Lettow- Vorbeck geführten Rückzugs auf. Heinrich Schnee, der damalige Gouverneur, schildert in seinen Erinnerungen diese Auflösung. Er beschreibt, wie die deutschen Kolonisierenden erst die Orte ihrer Macht, die Städte und Stationen, verlassen mussten. Wie Schnee, den Wirrnissen des nun folgenden Guerillakrieges ausgesetzt, von Rastplatz zu Rastplatz immer mehr Macht verlor und später dann, als er nur noch im Tross mitgeschleppt wurde - wie eine Fahne, die einen Staat, eine Nation, eine Sache verkörpern sollte, für die man kämpfen konnte -, auch die Insignien seiner Macht und seines Rangs, also seine Uniformen, seine Ausrüstungsgegenstände, seine Diener. Bis er dann im Kriegsgefangenenlager nach der Kapitulation 1919 nur noch Kriegsgefangener war. Im Kriegsgefangenenlager in Ägypten sollen die deutschen Kolonisierenden zum Zeitvertreib "der verlorenen Heimat durch Aufführung wohlgelungener Ngomas " gedacht haben. Ngoma bedeutet im Swahili Tanz oder Trommel. Für die deutschen Kolonisierenden war ngoma der Inbegriff afrikanischer Kultur. "Kingo12 Ngoma" hieß eine dieser Aufführungen, benannt nach einem afrikanischen Chief, der mit den Deutschen kooperiert hatte, "ein entzückendes Theaterstück, ausschließlich mit Kisuahelitext, einzig in seiner Art, das das Leben und Treiben eines Negerdorfes bei Ankunft einer Safari darstellt". Dass sich die deutschen Kolonisierenden ausgerechnet an diese Szene als eine typische ihrer Herrschaft erinnerten, mag nicht zufällig gewesen sein. Reisen gehörte zum Alltag der deutschen Kolonialherren. Sie durchreisten die Kolonie als Angehörige der Kolonialverwaltung, als Offiziere der Kolonialtruppen, als Forschungsreisende und nicht selten auch zu ihrem privaten Vergnügen. Reisen ist ein zentraler Begriff dieses Buches. Zu reisen ist eine universelle menschliche Tätigkeit; jede Gesellschaft hat im Laufe ihrer Geschichte ihre eigenen Typen von Reisenden sowie spezifische Praktiken des Reisens hervorgebracht. In vorkolonialen afrikanischen Gesellschaften waren hauptsächlich Jäger und Händler Reisende.
Händler sind ein Typ von Reisenden, der sich in vielen Gesellschaften und Epochen finden lässt. Islamische Kulturen haben mit Pilgerreisen eine spezifische Art des Reisens; wir finden solch religiös motivierte Reisen allerdings auch in christlichen Kulturen. Europa hat mit dem Forschungsreisenden und dem Touristen wiederum zwei sehr spezifische Figuren des Reisenden geschaffen. Warum, wohin wir reisen und wie wir reisen, hat etwas mit der Kultur und der Gesellschaft, aus der wir kommen, zu tun. Wir tragen unsere Herkunft wie
Gepäckstücke (Kleidung, Reiseführer, Fotoapparate) mit uns. Und selbst diese sind wie unsere Sprache und unser Verhalten Zeugnisse unserer Herkunft. Doch auch die Orte, zu denen wir reisen, prägen unsere Praxis des Reisens. Ob wir mit dem Auto, dem Pferd oder zu Fuß reisen, hängt von der lokalen Infrastruktur ab. Ob wir im Hotel oder als wohl gelittene Gäste in einem Privathaus unterkommen, hängt nicht nur von unserem Geldbeutel, sondern auch von lokalen Traditionen der Gastfreundlichkeit ab. Wie eine bestimmte Art zu reisen ein Produkt von Geschichte ist, sind Reisende auch Akteure von Geschichte. Versuchte man Reisen in eine sehr basale Definition zu fassen, könnte man es als eine Bewegung von Akteuren durch den Raum bezeichnen. Reisende haben den Raum, den sie durchreisten, auf sehr unterschiedliche Weise verändert. Händler haben in ihm ökonomische Beziehungen etabliert, Forschungsreisende haben ihn als Beschreibungen konstruiert, ihm eine intellektuelle Gestalt gegeben, religiöse Pilger mögen den Raum als ein Gewebe mythischer Bedeutungen erfahren und beschrieben haben. Und oftmals waren auch Herrschende Reisende, die ihren Herrschaftsraum durchstreiften, verwalteten, mit Kriegen heimsuchten und mit Symbolen pflasterten. Um diese Dimensionen von Raum und Herrschaft geht es in diesem Buch.

Cover, reprofähig

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Erscheinungstermin:
14.11.2005

kartoniert

356 Seiten

EAN 9783593378688

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