Björn Siegel

Österreichisches Judentum zwischen Ost und West

Die Israelitische Allianz zu Wien 1873-1938

Die Israelitische Allianz zu Wien spiegelt den Geist des habsburgisch-deutschen Judentums im 19. Jahrhundert wider. Anhand bisher unveröffentlichter Quellen skizziert Björn Siegel die Geschichte dieser einzigartigen jüdischen Organisation vor dem Hintergrund der zeitgenössischen Gegensatzkonstruktion des "Westens" und "Ostens" - und beleuchtet damit einen wichtigen Aspekt des europäischen Judentums.

Björn Siegel
Björn Siegel, Dr. phil., promovierte an der Universität München und wurde 2006/2007 mit dem Leo Baeck Fellowship ausgezeichnet.
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1938 endete ein Entwicklungsprozess, der knapp 150 Jahre zuvor begonnen hatte. Zurückgehend auf das Jahr 1781, welches durch die Veröffentlichung der Schrift von Christian Wilhelm von Dohm und das Judenedikt von Kaiser Joseph II. zu einem zentralen Wendepunkt in der jüdischen Geschichte wurde, erhielten die aufgeklärte Vision des staatsnützlichen und produktiven jüdischen Bürgers und die Emanzipations- und Assimilationsprozesse entscheidende Impulse. Die Veränderungen der politisch-kulturellen Rahmenbedingungen ermöglichten den Juden, die bisherige gesellschaftliche Sonderstellung zu verlassen und Teil der "Nation" zu werden. Vor dem Hintergrund der beginnenden Integration der Juden in die Gesellschaft entstand ein einzigartiges österreichisch-jüdisches Selbstverständnis in Wien. Dieses basierte auf einer engen Assimilation an die deutsche Kultur und ließ die erst 1832 anerkannte IKG Wien zu einem bedeutenden Zentrum dieses kulturellen Selbstverständnisses werden. Eng verbunden mit dieser sprachlich-kulturellen Affinität war die religiöse Entwicklung in Wien. Ausgehend von Isaak Noa Mannheimer, der sich intensiv mit den Ideen der religiösen Reform auseinandersetzte, entstand die religiöse Kompromissformel des "Wiener Ritus". Dieser beinhaltete die Beibehaltung von traditionellen religiösen Strukturen und die Einführung gemäßigter Veränderungen, wie zum Beispiel die Zulassung der deutschen Predigt. Die Balance zwischen orthodoxem Traditionalismus und reformorientierter Fortschrittlichkeit bestimmte von da an die jüdische Sphäre der Donaumetropole. Auch Adolf Jellinek folgte diesem Vorbild und versuchte, durch die Vorstellung des "jüdischen Stammes" eine Auflösung der zeitgenössisch so empfundenen religiösen Gegensätze zu erreichen. Der Wunsch nach einer homogenen kulturellen Assimilation, einer religiösen Einheit und einer übergreifenden Wohlfahrt bestimmte auch die Politik Moritz Güdemanns und zeugte davon, dass alle drei Rabbiner Wiens den religiösen Bereich inhaltlich ähnlich besetzten und damit den Rahmen für die Etablierung der "Wiener Kultur" schufen.

Die unterschiedlich verlaufenden Entwicklungsprozesse in "West" und "Ost" hatten somit aus zeitgenössischer Sicht Gegensätze entstehen lassen. In Österreich bzw. Österreich-Ungarn hatte sich aufgrund der "Wiener Kultur" und der damit verbundenen Assimilations- und Emanzipationsprozesse das Selbstverständnis herausgebildet, Teil des "Westens", des Fortschritts und der Moderne zu sein. Hatte sich die österreichisch-jüdische Elite klar als Teil des "Westens" definiert, führte dies folgerichtig zur Konstruktion des Gegenbildes des "Ostens". Im Verbund mit dem neu aufkommenden Gedankengut der Philanthropie entstanden weitere Voraussetzungen für die Transferprozesse, die die IAzW beginnen sollte.

Cover, reprofähig

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Erscheinungstermin:
10.05.2010

kartoniert

328 Seiten, 5 Abbildungen, 8 Tabellen

Reihe: Campus Forschung, Bd.944

EAN 9783593391915

€ 37,90

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