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Im September 1853 erreichte der deutsche Forschungsreisende Heinrich Barth den Marktflecken Kàbara am Südrand der Sahara. Hinter ihm lagen Monate einer strapaziösen Reise, die drei Jahre zuvor in Tripolis begonnen hatte. Im Auftrag der englischen Krone sollte seine Expedition den TschadSee erkunden, Handelsbeziehungen mit lokalen Herrschern etablieren und die Abschaffung des Sklavenhandels in die Wege leiten. Wie bei vielen europäischen Expeditionen, die in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Afrika aufbrachen, verbanden sich wissenschaftliche mit ökonomischen und politischen Zielen. Barths Weg hatte ihn entlang des Nigers geführt. Er hatte die islamischen Reiche Bornu und Sokoto durchquert. Seine europäischen Wegbegleiter waren unterwegs den Mühen der Reise oder Krankheiten erlegen; einer von ihnen war - als Spion verdächtigt - erschlagen worden. Barth selbst war mehr als einmal nur knapp dem Tode entronnen.
Kàbara hatte an sich für Barth wenig Bedeutung, es war lediglich die letzte Station auf seinem Weg nach Timbuktu. Daheim in Europa haftete dieser Stadt in der Wüste die Aura des Sagenhaften an. Die bevorstehende Ankunft in Timbuktu war daher für Barth weit mehr als das Erreichen eines Ortes: Es war
die Erfüllung eines Traumes, den mit ihm die Geografenwelt Europas träumte. Je spärlicher das Wissen, so scheint es, umso größer war der Reiz für das im 19. Jahrhundert nach der Welt greifende Europa. Von Timbuktu war wenig bekannt. Was man von dieser Stadt wusste, basierte meist auf arabischen Reiseberichten. Kaum ein Europäer hatte die Stadt je gesehen und von ihr berichtet. Ihr Erreichen erschwerte sich dadurch, dass Timbuktu in das Einflussgebiet des islamischen Reiches Massina geraten war und in der Folge mächtige Familien um die Kontrolle der Stadt rangen.
Doch Barth war ein erfahrener Reisender. Er sprach Arabisch und bemühte sich, einige der ortsüblichen Sprachen zu erlernen. Vor allem war er mit den lokalen Gepflogenheiten des Reisens und der Gastfreundschaft vertraut. Dies war auch der Grund für Barths Übernachtung in Kàbara. So hätte er Timbuktu wohl kaum betreten können, ohne vorher über seine Ankunft zu verhandeln. Bereits am nächsten Tag sandte Barth zwei Boten, von ihm in kostbare Gewänder gehüllt, in die Stadt, um sich einen wohlwollenden Empfang zu sichern. Denn dieser war so gewiss nicht: Als Christ, so klagt er in seinem Bericht, sei er ohne Schutz gewesen. Jeder Wegelagerer hätte ihn erschlagen können, ohne dafür zur Rechenschaft gezogen zu werden. Erst des Nachts kamen seine Boten in Begleitung Ssidi A'lau¯ates, Bruder des in Timbuktu einflussreichen Scheichs Ssidi Ahmed El Bakay, zurück. In einem Gespräch versuchte Barth, die misstrauischen Gastgeber von seinen lauteren Absichten zu überzeugen. Barths Boten hatten dem Bruder des Scheichs offenbart, dass der Fremde Christ sei, aber unter dem Schutz des Sultans von Konstantinopel stehe. Der Deutsche konnte allerdings keinen Empfehlungsbrief vorweisen und lediglich auf das gute Vertrauen der Familie des Scheichs bauen.
Am nächsten Tag brachen Barth und seine Begleiter hoch zu Ross auf. Vor dem die Stadt umgebenden Erdwall erwartete sie eine Schar von Bewohnern. Als Barth ihnen im Galopp und in "furchtlosem Auftreten" entgegen ritt, begrüßten sie ihn mit einem vielstimmigen Sal¯am. Ausweichend beantwortete Barth die Fragen, die ihm jemand auf Türkisch stellte, das er nur wenig beherrschte. Schnell trieb er sein Pferd an und ritt mit seinen Begleitern in Timbuktu ein, vorbei an Schutt, ärmlichen Hütten, durch enge Gassen eines wohlhabenden Viertels, bis er, gefolgt von zahlreichen Einwohnern, am Haus des Scheichs El Bakay ankam. Seine Begleiter forderten ihn auf, eine seiner Pistolen zu Ehren des Gastgebers abzufeuern. Barth überließ dies einem seiner Gefolgsleute. Zwar wusste Barth sich dem zeremoniellen Regelwerk seiner Gastgeber anzupassen und auch, welche Vorbereitungen er zu treffen hatte, um sich das Vertrauen seiner potentiellen Gastgeber zu sichern. Doch obwohl diese Kenntnisse ihm erlaubten, so in Timbuktu einzuziehen, wie es einem "Reisenden von Bedeutung" gebührte, geriet er bereits mit seiner Ankunft in der Stadt in ein komplexes Spannungsgefüge lokaler Machtinteressen. Barth blieb wenig Gelegenheit, seine "glückliche Ankunft in dieser weltberühmten Stadt" auszukosten. Erst zurück in der Heimat, bei der Abfassung seines Reiseberichts, konnte er seinen Einzug in die Stadt zelebrieren. Die ersten Wochen im "ruhmvollen Timbuktu" verlebte er - von der Familie des Scheichs halb zum Schutz, halb als Geisel festgehalten - voll qualvoller Ungewissheit: ein Schwellendasein zwischen Tod und Überleben, zwischen Krankheit und Angst, zwischen Ablehnung und Willkommen.