Sandra Kraft
Vom Hörsaal auf die Anklagebank
Die 68er und das Establishment in Deutschland und den USA
War die 68er-Bewegung wirklich Ausdruck eines Generationenkonflikts? Sandra Kraft untersucht sie als Konflikt zwischen antiautoritärer Studentenbewegung und dem Establishment als deren politischem Gegenüber. Sie zeigt, dass die Radikalisierung der Bewegung auch von den (Re-)Aktionen des Establishments beeinflusst war. Der Blick auf verschiedene Protesträume - Universität, Straße und Gerichtssaal - verdeutlicht, dass gerade die situationsbedingte Dynamik, die sich aus dem Zusammenspiel der Akteure (Studenten auf der einen, Polizei und Establishment auf der anderen Seite) ergab, ausschlaggebend für den Verlauf der Ereignisse war.
Autor
Sandra Kraft
Sandra Kraft, Dr. phil, promovierte an der Universität Heidelberg und ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Historischen Seminar der Universität Münster.
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4.2.2 Der Kaufhausbrandstifter-Prozess
Von der Idee zur Tat
Als es in der Nacht vom 2. auf den 3. April 1968, nur knapp zwei Wochen nach dem Freispruch für Teufel und Langhans, in zwei Kaufhäusern in Frankfurt am Main tatsächlich brannte, war die Verbindung zu dem satirischen Aufruf der Kommune 1 schnell gezogen. Bereits wenige Tage nach dem Ausbruch der Feuer im Kaufhaus Schneider und der Frankfurter Filiale des Kaufhofs war nicht nur bekannt, dass es sich tatsächlich um Brandstiftung handelte, sondern auch die Namen der Täter standen fest - Gudrun Ensslin, Andreas Baader, Horst Söhnlein und Thorwald Proll. Die Tatsache, dass die Beschuldigten im Umfeld der Kommune 1 verkehrt bzw. in den Kreisen der APO zu finden waren, machte die Tat zu einem Politikum. Seither gilt die Brandstiftung in den Frankfurter Kaufhäusern als "Urakt" des Linksterrorismus und als Geburtsstunde der Roten Armee Fraktion - auch wenn vieles dafür spricht, dass erst die gewaltsame Befreiung von Andreas Baader im Mai 1970 als eigentlicher Beginn der linksextremistischen Vereinigung gelten kann.
Auch der Prozess vor dem Frankfurter Landgericht, der sechseinhalb Monate später gegen die Vier begann, wurde vorwiegend unter dem Eindruck der späteren Ereignisse interpretiert. Nicht nur die Tatsache, dass zwei der Angeklagten später die Kerngruppe der RAF bildeten, sondern auch die Rolle ihres Anwaltes Horst Mahler, der sich ihnen anschloss, hatte darauf entscheidenden Einfluss. Dementsprechend hat sich das Interesse hauptsächlich auf die psychologischen Hintergründe der Tat, die Motive der Angeklagten und - ganz besonders - die innere Dynamik der Gruppe gerichtet. Nicht zuletzt die Liebesbeziehung des späteren und so ungleichen Terroristenpaares Andreas Baader und Gudrun Ensslin hat daran einen nicht unerheblichen Anteil. Das Wissen um die weitere Entwicklung der Gruppe bestimmt unwillkürlich auch die Sichtweise auf den Prozess.
So betonte Wolfgang Kraushaar beispielsweise, dass das Konzept der "Stadtguerilla" keineswegs auf die vier Angeklagten zurückging, sondern vielmehr schon von Rudi Dutschke in Berlin populär gemacht wurde. Spätestens mit dem internationalen Vietnamkongress im Februar 1968 wurden Konzepte "revolutionärer" Gewalt in den Metropolen diskutiert (wie in anderen Ländern übrigens auch) und damit in bestimmten Kreisen salonfähig gemacht. Doch während dieses Wissen um die Wurzeln der RAF, die ohne Frage in der Außerparlamentarischen Opposition zu finden sind, die Tür öffnete für zahlreiche Überlegungen und Spekulationen über die Zielsetzungen und Gewaltphilosophien der "68er", hat es den Blick für alternative Perspektiven weitgehend verstellt.
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