Lambert Wiesing

Die Sichtbarkeit des Bildes

Geschichte und Perspektiven der formalen Ästhetik

In seinem zuerst 1997 erschienenen Band, mittlerweile ein Standardwerk der Bild- und Kunstwissenschaft, rekonstruiert Lambert Wiesing die philosophischen Grundlagen für die Entstehung neuer Bildformen im 20. Jahrhundert. Er zeichnet den Weg nach vom Alten Meister zum Videoclip, von der abstrakten Collage zur digitalen Simulation. Dabei betrachtet er ausschließlich die sichtbaren Strukturen von Bildern und Kunstwerken: Bilder müssen keine Zeichen sein, sie lassen sich um ihrer reinen Sichtbarkeit willen betrachten. Mit diesem Rückgriff auf die formale Ästhetik des 19. und 20. Jahrhunderts liefert Wiesing die begrifflichen Kategorien für die aktuelle Bildtheorie.

Lambert Wiesing
Lambert Wiesing ist Professor für Vergleichende Bildtheorie an der Universität Jena.
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25.09.2009, Journal of Literary Theory

"Wiesings beeindruckende Untersuchung hat bis heute nichts an Aktualität verloren und sei all jenen zur (Re-)Lektüre empfohlen, die in den Bereichen Bildtheorie, Intermedialität und visual culture arbeiten."

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Aus heutiger Sicht ist es für mich fast unverständlich: In der Sichtbarkeit des Bildes verwende ich gerade zwei Mal den Ausdruck "Bildtheorie" - ganz beiläufig und ohne ihn in irgendeiner Form zu thematisieren (S. 30 und 229); von einer Theorie des Bildes spreche ich ebenso nur zwei Mal (S. 59 und 169). Die kaum vorhandene Verwendung dieser Begriffe irritiert mich, da ich mir sicher bin, ich würde Dutzende Male auf sie zurückgreifen, hätte ich das Buch heute zu schreiben. Gegenwärtig sehe ich keinen anderen Begriff, mit dem sich der Inhalt und die Absicht dieses Buches prägnanter beschreiben ließe: In der Sichtbarkeit des Bildes versuche ich, eine Bildtheorie zu entwerfen. Doch als ich das Buch Anfang der neunziger Jahre schrieb - es kam November 1996 erstmals in den Buchhandel -, war "Bildtheorie" in der deutschen Wissenschaftslandschaft kein gängiger Begriff. In diversen Wissenschaften wurde intensiv über Bilder in allen ihren Erscheinungsformen geforscht und nachgedacht, aber es war nicht gerade üblich, in diesem Zusammenhang von "Bildtheorie" zu sprechen. Wenn überhaupt, so findet man den Begriff "Bildtheorie" zumeist in einem ganz anderen Sinne, nämlich für Wittgensteins frühes Verständnis von Aussagen. Die Begriffe "Bildwissenschaft" und "Bildsemiotik" waren noch nicht annähernd so geläufig, wie dies heutzutage der Fall ist, aber durchaus schon zu finden. Dass man in den achtziger und neunziger Jahren von "Bilderkunde" sprach, ist heute nahezu vergessen. Doch welche Begriffe auch immer kursierten: Der Ausdruck "Bildtheorie" mischte nicht richtig mit - zumindest gehörte er nicht zu meinem Wortschatz. Wenn "Bildtheorie" überhaupt vor der Jahrtausendwende benutzt wurde, so meine ich sagen zu können, dann nur unspezifisch: nicht in zentraler Position, nicht in einem Titel oder einer Definition.

Wie hat sich die Situation geändert! Man braucht sich nur oberflächlich für Bilder zu interessieren, um ständig auf den Begriff "Bildtheorie" zu stoßen: Aufsätze, Bücher, Kongresse und Forschungsprojekte verwenden den Begriff in ihren Titeln und Programmen - und dies zumeist ganz selbstverständlich. Es gibt explizite Arbeitsstellen, Studiengänge und Professuren für Bildtheorie; alles Phänomene etwa der letzten zehn Jahre. Der Begriff "Bildtheorie" hat sich in kurzer Zeit von einem randständigen Wort zu einer viel verwendeten programmatischen Kategorie entwickelt. Wohlgemerkt: Ich denke an die Begriffsgeschichte, nicht an die mit diesem Begriff gemeinten Überlegungen. Diese sind zweifelsohne viel älter, um nicht zu sagen, fast so alt wie die Philosophie selbst: Platon hatte eine Bildtheorie - aber sie wurde nicht als solche bezeichnet. Stattdessen war es üblich, von Platons Ästhetik, seiner Mimesis- oder Kunsttheorie zu sprechen. Man hat also die Situation, dass ausführliche und reichlich vorhandene Überlegungen erst später als einer neuen Disziplin zugehörig identifiziert werden - und dies ist in der Philosophie gar nicht so selten. Das Aufkommen und die plötzliche Beliebtheit des Begriffs "Bildtheorie" hat enorme Ähnlichkeit mit der Geschichte des Begriffs "Erkenntnistheorie": Auch dieser Begriff setzte sich erst spät, in der Mitte des 19. Jahrhunderts, als eine Bezeichnung für eine selbständige philosophische Disziplin durch, deren Beiträge bis in die Antike zurückgehen. Mit dem Aufkommen der Bildtheorie scheint sich diese Situation zu wiederholen, nur dass diese Entwicklung sich gerade erst vollzogen hat.

Cover, reprofähig

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Erscheinungstermin:
09.06.2008

kartoniert

331 Seiten

Reihe: Campus Bibliothek

EAN 9783593386362

€ 19,90

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