Volkmar Sigusch

Auf der Suche nach der sexuellen Freiheit

Über Sexualforschung und Politik

Im 20. Jahrhundert gab es drei »sexuelle Revolutionen«, doch wie sexuelle Freiheit aussieht, wissen wir immer noch nicht. Wir wünschen uns, dass die Masken fallen und das Leben beginnt, doch das sexuelle Elend hält an. Volkmar Sigusch zeigt zum ersten Mal im Zusammenhang, wie kritische Sexualwissenschaft politisch darum kämpft, das sexuelle Elend zu mildern, Gewalt und Missbrauch zu verhindern, Menschenrechte für alle Sexualitäten und Geschlechter zu installieren. Er macht deutlich, welche Probleme nach wie vor oder neuerdings auf den Nägeln brennen. Die Palette reicht vom Kindesmissbrauch durch Vertrauenspersonen wie Pädagogen und Priester über die Lage der Homosexuellen zwischen Emanzipation und Verfolgung bis hin zu Neosexualitäten wie Bisexualität, Transsexualität,
Asexualität – und nicht zuletzt dem ganz »normalen« Liebesleben. Blicke zurück auf die 68er-Revolte und den Einbruch von Aids werden flankiert von Blicken nach vorne auf Präparate wie Viagra und auf den medizinisch begründbaren Gesundheitsgewinn gelebter Sexualität.

Volkmar Sigusch
Volkmar Sigusch, Arzt und Soziologe, ist einer der angesehensten Sexualwissenschaftler der Gegenwart. Er hatte bis zu seiner Emeritierung den Frankfurter Lehrstuhl für Sexualwissenschaft inne und gründete das gleichnamige Institut.
mehr zum Autor

18.06.2011, Süddeutsche Zeitung
Nach dem Sex die Gewalt?
"Der Frankfurter Sexualforscher Volkmar Sigusch zieht eine ernüchternde Bilanz der Befreiung und prognostiziert das Ende des sexuellen Zeitalters."

10.05.2011, Frankfurter Rundschau
Kampf den Normopathen
"Leser können nicht nur einen Überblick darüber gewinnen, was derzeit an sexuellen Themen und Problemen in der Gesellschaft umgewälzt wird. Sigusch hat seine sexualwissenschaftliche Theorie in unmittelbarer Nachbarschaft zur Kritischen Theorie angesiedelt, wohlgemerkt der der Gründergeneration."

05.05.2011, Neue Zürcher Zeitung
Die Dialektik der sexuellen Aufklärung
"Sigusch beschreibt die neue sexuelle Revolution zugleich als Befreiung und als Elend. Die Diagnose dieser Ambivalenz macht seine Schriften lesenswert."

22.03.2011, Deutschlandradio
Glanz und Elend der menschlichen Lust
"Ein gelungener Überblick über das Lebenswerk eines engagierten Humanisten. Zudem wird klar, dass die Frage nach Grenzen und Formen der menschlichen Lust immer wieder neu gestellt werden muss - hoffentlich mit der gleichen Toleranz und Sachkenntnis wie in den Forschungen und Publikationen des großen Volkmar Sigusch."

12.03.2011, Frankfurter Allgemeine Zeitung
Warum erlischt das Begehren so leicht, wenn kein Tabu mehr droht?
"Das Buch ist ein Zeitdokument. Der Verfasser bahnt sich den Weg zu einer Selbstverständigung, die zugleich Selbstdokumentation ist, aber nicht in Selbstlegitimierung verharrt."

28.02.2011, Der Spiegel
Volkmar Sigusch über das Erbe der sexuellen Revolte
"Volkmar Sigusch gilt als einer der international wichtigsten Sexualforscher."

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Die Suche geht weiter. Denn obgleich drei "sexuelle Revolutionen" hinter uns liegen, wissen wir nicht, wie die sexuelle Freiheit aussieht. Wir können es immer noch nicht wissen, weil wir nach wie vor unfrei sind, genauer gesagt: weil wir inzwischen freie Unfreie sind.

Allerlei wurde uns in den letzten Jahrzehnten gestattet oder haben wir uns einfach genommen. Die Selbstbefriedigung, einst mit allen Mitteln bekämpft, ist zu einer allgemein akzeptierten Sexualform geworden. Die freie Liebe, von der einst unsere Groß- und Urgroßeltern zu träumen begannen, kann heute gelebt werden. Kinderlosigkeit und Scheidung sind kein Makel mehr. Sexuelle Orientierungen und Praktiken, die früher als pervers galten, vor allem Homosexualität, Bisexualität und gepflegter Sadomasochismus einerseits, Oral- und Analsex andererseits, werden mehr oder weniger toleriert und ausprobiert. Selbst offene Liebesbeziehungen zu mehreren Personen gleichzeitig, genannt Polyamorie, werden heute diskutiert. Die Säulen der alten Moral, Gott, Vaterland, Familie, sind weitgehend weggebrochen oder diversifiziert worden. Heute scheinen individuelle Entscheidung und Selbstverwirklichung den Vorrang zu haben. Junge Frauen lassen sich ihre sogenannten Schamlippen chirurgisch "verschönern", alte Männer wollen sich mit Hilfe von Viagra im Glanz einer jugendlichen Gliedversteifung sonnen.

Kurzum: Glühende Lava wurde uns in die Adern gegossen. Seither wollen wir: dass die Masken fallen und das Leben beginnt, dass das Quere und Konträre und Überfließende der Triebliebe die Signifikanzen zerfrisst. Denn der Theorie nach eignet es nicht nur der Perversion, sondern kann allen Niederschlägen des Sexuellen abgerungen werden als das Salz der Sexualwissenschaft, wie ich gerne sage.

Doch das sexuelle Elend hält an. Es kann nicht gemessen und nicht übertrieben werden: Zweifel an der eigenen Geschlechtlichkeit, Sexismus, Doppelmoral, sexuelle Übergriffe, Heuchelei, aufgepeitschte Sinne, unstillbare Gier, abgespeistes Verlangen, enttäuschte Liebe, Impotenz, Lustlosigkeit, ungestillte Sehnsucht, Süchtigkeit, Ängste, Schuldgefühle, Einsamkeit. Zwischen den allumfassenden Wünschen und deren dürftiger Befriedigung gähnt nach wie vor ein Abgrund, der nur pro forma zu überbrücken ist. Pro forma meint: durch die nun einmal vorhandenen, mehr oder weniger mystifizierten gesellschaftlich-kulturellen Formen von Geschlecht, Liebe und Sexualität.

Pressetext (PDF)

Cover, reprofähig

Autorenfoto, reprofähig

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Erscheinungstermin:
07.03.2011

englische Broschur

294 Seiten

EAN 9783593394305

€ 24,90

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