Peter Alheit, Frank Schömer
Der Aufsteiger
Autobiographische Zeugnisse zu einem Prototypen der Moderne von 1800 bis heute
Es ist ein moderner » Traum«, dass jeder durch Talent und Leistung seinen sozialen Aufstieg verwirklichen könne. Die Autoren untersuchen anhand autobiografischer Zeugnisse, was Aufstieg jeweils zum Ende des 18., 19. und 20. Jahrhunderts bedeutete und mit welchen Erfahrungen er verknüpft war.
Peter Alheit
Peter Alheit ist Professor für Allgemeine Pädagogik an der Universität Göttingen.
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Frank Schömer
Frank Schömer, Dr. disc. pol., ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Pädagogischen Seminar der Universität Göttingen.
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24.03.2010, social.net
"Mit dieser Studie wird erstens ein bedeutender wissenschaftlicher Beitrag zur gesellschaftlichen Entwicklung von Chancen geleitstet und zweitens ein interdisziplinärer methodischer Zugang profiliert, der ausdrücklich zum Nachahmen empfohlen werden kann."
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2.Der theoretische Rahmen
3.
Sozialer Aufstieg ist vordergründig ein klassisch-soziologisches Thema. Betrachtet man indessen das Phänomen im weiteren historischen Kontext, bekommt es durchaus eine kulturwissenschaftliche Konnotation. Es geht nicht mehr nur darum, woher jemand kommt und wohin er (oder sie) gegebenenfalls "aufsteigt". Interessant ist, was das Aufstiegsgeschehen mit ihm (oder ihr) macht, welche Dynamiken es freisetzt und welche Blockaden es aufdeckt. Die im Vorwort bereits angesprochene Spannung zwischen "Leib" und "Geist" spielt dabei womöglich eine zentrale Rolle.
Kein anderer Soziologe hat sich mit größerer historischer Sensibilität und kulturwissenschaftlicher Kenntnis solchen Fragen gewidmet als Norbert Elias (1897-1990). Er bietet mit seinen umfassenden Forschungsarbeiten ein Erklärungsmodell an, das auch für den hier angelegten Forschungsprozess außergewöhnlich anregend ist. In seiner Zivilisationstheorie beispielsweise belegt er überzeugend, dass das Handeln und Verhalten eines Menschen - und besonders sein körperlicher Habitus, wenn man so will: sein unbewusstes Leibverhältnis - von seiner sozialen Position innerhalb einer gesellschaftlich-historischen Figuration abhängt. Drei wesentliche Dimensionen des für die vorliegende Studie relevanten Untersuchungsgegenstandes sind somit bei Elias ineinander verwoben: eine historisch-evolutionäre, eine soziokulturell-ständische und eine leibbezogene Ebene. Seinen konzeptionellen Überlegungen ist also zu entnehmen, dass die Körperdimension nicht losgelöst als anthropologische Konstante behandelt werden kann, sondern als integraler Bestandteil individuell-biographischer und kollektiv-soziokultureller Verfasstheit in einer spezifischen historischen Situation. Auch die Leibdimension ist ein "relationales Phänomen" und muss in die historischen und sozialen Kontexte eingeordnet werden.
Elias ist gelegentlich vorgeworfen worden, dass er Gesellschaft in seiner Zivilisationstheorie gewissermaßen nur von einem sozialen "Oben" her, vor allem aus der Sicht der höfischen Elite, beschreiben könne. Gesellschaftliche Dynamik und historischer Wandel erscheine somit stets von dieser oder anderen Eliten initiiert und vorangetrieben. Schon in seinem "Prozeß der Zivilisation" lässt sich allerdings erkennen, dass gesellschaftliche Entwicklungen immer wieder auch durch Nicht-Etablierte, durch Randständige (z.B. durch Künstler), durch einstmals machtlose Gruppierungen oder Kollektive (z.B. durch die Arbeiterbewegung) entscheidend mit beeinflusst werden.
Neben dem Prozess der Zivilisation sollte noch auf einen weiteren wesentlichen Bezugsrahmen für die vorliegende Untersuchung hingewiesen werden: Elias' "Studien über die Deutschen" sind zwischen den frühen 1960er Jahren und den späten 1980ern entstanden und belegen charakteristische Eigenarten der deutschen Entwicklung im Vergleich zu den westlichen Nachbarnationen. Sie dürfen als das Ergebnis einer jahrzehntelangen Forschungserfahrung und einer sehr ausgereiften Theorie betrachtet werden.
Elias-Kritiker greifen entschieden zu kurz, wenn sie die These des Besonderen bzw. Eigentümlichen an den deutschen Verhältnissen schlichtweg auf abstrakte theoretisch-philosophische Erwägungen oder gar auf ideologische Interessen zurückführen. Menschen wie Elias, Plessner oder Dahrendorf haben das Leben im Westen Europas und außerhalb Deutschlands ganz konkret als ein in vielerlei Hinsicht zivilisierteres Miteinanderumgehen erfahren. Die deutsche Entwicklung präsentiert sich demgegenüber - unabhängig vom Aufstieg Preußens zu einer europäischen Hegemonialmacht besonders im 19. Jahrhundert - als eine Art verspätete Zivilisierung. Aufstiegsprozesse von "ganz unten" sind in Deutschland also mit ganz besonderen Schwierigkeiten verknüpft.
Da die im Zentrum der vorliegenden Studie stehende Gruppierung sich aus den unteren sozialen Schichten rekrutiert, in denen die für ein Fortkommen wichtigen Ressourcen zumeist nur in sehr eingeschränktem Maße zur Verfügung stehen, liegt es nahe, sich - neben den Arbeiten von Elias - auf den verwandten soziologischen Ansatz Pierre Bourdieus (1930-2002) zu beziehen, der eben diese Ressourcenproblematik explizit zum Thema gemacht hat. Dabei spricht allerdings nicht allein die subtile Präzision für diesen Ansatz, die sich in seinem schon erwähnten "Kapitalkonzept" ausdrückt, sondern auch der explizite Bezug auf die Praxis des Alltags, der sich insbesondere in seinem berühmtesten Werk Die feinen Unterschiede manifestiert. Die Ergebnisse dieses bis in die gesellschaftliche Gegenwart weiter ausdifferenzierten praxeologischen Theoriegebäudes sind implizit und explizit in die Einzelfallanalysen der vorliegenden Untersuchung eingeflossen. Bourdieu hat in der Auseinandersetzung mit der Praxis völlig unterschiedlicher Gesellschaftstypen nicht nur ein äußerst differenziertes begriffliches Instrumentarium entwickelt, sondern mit seinem Habituskonzept auch einen Weg gefunden, den für sozialwissenschaftliche Untersuchungen so hinderlichen Dualismus von Gesellschaft und Individuum zu überwinden, dem übrigens auch Elias eine klare Absage erteilt.
Es wird sich zeigen, dass gerade soziale Aufsteiger oft gesellschaftsstrukturelle Barrieren in recht eigenwillig-individueller Weise bearbeiten müssen, um ihren Bestrebungen zu entsprechen. Hier sind Bourdieus Forschungserfahrungen von besonderer Bedeutung, weil er sich in seinem Werk auf eine Vielzahl von sozialen Feldern und Schichten bezieht. Betrachtet man das Gesamtwerk Bourdieus, dann tritt eine gewisse werkimmanente Entwicklung zutage. Als Ethnologe und Soziologe beschäftigt er sich zunächst in Algerien mit vormodernen Gesellschaftstypen, um dann freilich Strukturparallelen zur modernen französischen Gesellschaft herzustellen. Dabei sind nicht die einzelnen Individuen Thema der Untersuchung, sondern die gesellschaftlich-strukturellen Bedingungen, die auf die Einzelnen einwirken. Erst mit seiner umfassenden Studie Das Elend der Welt kommen auch die konkreten Befindlichkeiten einzelner Individuen zur Sprache. Hier ist zumindest ansatzweise eine Verschiebung der Perspektive hin zum interviewten Biographieträger auszumachen. Bourdieu stellt in dieser Gesellschaftsanalyse unter anderem teils hochinteressante Aufstiegsgeschichten aus dem (post-)modernen Frankreich vor.
Kurz vor seinem Tod hat Bourdieu noch eine Art Autobiographie hinterlassen, die er als soziologischen Selbstversuch bezeichnet und eher als "Anti-Autobiographie" verstanden wissen will. Er zeichnet darin trotz weiterhin bestehender Vorbehalte gegen biographische Darstellungen seinen eigenen Aufstiegsweg nach (provinzielle Herkunft aus dörflich-ländlichen Verhältnissen, bildungsferne Eltern, eigene schulische Erfolge, Internatsdasein etc.). Spezifische Mechanismen, die bei solch außergewöhnlichen Mobilitätsphänomenen zu verzeichnen sind, werden eingehend beschrieben. Ein knapper Auszug mag das verdeutlichen:
"Tatsächlich habe ich nur sehr langsam begriffen, daß gewisse meiner alltäglichen Verhaltensweisen oft falsch gedeutet wurden, weil die Art und Weise, Tonfall, Stimme, Gebärden, Gesichtsausdruck, deren sie sich zuweilen bedienten, in der Mischung aus aufreizender Gehemmtheit und aufmüpfiger, sogar wütender Grobheit für bare Münze, also zu ernst genommen wurden und sich von der kühlen Selbstsicherheit der hochgeborenen Pariser so deutlich unterschieden, daß sie immer Gefahr liefen, angesichts solch unwillkürlicher oder manchmal fast gewohnheitsmäßiger Verstöße gegen die guten universitären und intellektuellen Sitten ihrerseits unkontrollierte und zänkische Verhaltensweisen hervorzurufen."
Im Rückblick resümiert Bourdieu sein damaliges Verhalten als "die Besonderheiten meines Habitus". Er sei zwischen "zwei Welten und ihren unversöhnlichen Werten gefangen" gewesen. Derartige Einsichten und Erkenntnisse werden auch für die nachfolgenden Fallanalysen der vorliegenden Studie von Bedeutung sein.
Selbst wenn Bourdieu sich, wie erwähnt, mit unterschiedlichen Gesellschaften und verschiedenen Zeitstadien von Gesellschaften beschäftigt hat, so bleibt die diachron-historische Sicht doch deutlich hinter der synchronen Perspektive zurück. Allerdings lässt sich eine strenge Trennung zwischen der synchronen und der diachronen Ebene eigentlich nur zu analytischen Zwecken vornehmen. Denn bestimmte soziale Gegebenheiten, soziale Prozesse und Mechanismen der Macht- und Ressourcenverteilung, die Bourdieu auf bestimmte gesellschaftliche Figurationen bezogen, also auf synchroner Ebene beschrieben hat, sind auch in anderen Gesellschaften und zu anderen Zeiten wirksam. Z.B. lässt sich die für das aufstrebende Kleinbürgertum des 20. Jahrhunderts charakteristische Bildungsbeflissenheit, die sich insbesondere durch Eifer und Bemühen beim Wissenserwerb zu erkennen gibt, schon bei unteren bis mittleren sozialen Schichten des 18. Jahrhunderts finden. Nur offenbarte sie sich in der früheren Epoche in einer anderen Ausdrucksform oder Intensität. Ähnliche und vergleichbare Attitüden, mentale Dispositionen und kognitive Muster sind über die Epochenabschnitte hinweg zu beobachten. Es bietet sich daher für die Analyse der Aufsteigerbiographien an, die eher synchrone Perspektive von Bourdieu mit der historisch-evolutionären Sicht, die bei Elias vorherrscht, zu kombinieren. Bourdieu selbst rekurriert übrigens auf der ersten Textseite der Feinen Unterschiede direkt auf Elias ("gestützt auf die Analysen von Norbert Elias"). Der damit verbundene kurze Hinweis auf eine "die Epochen und politischen Regimewechsel überdauernde und noch immer wirksame Existenz des aristokratischen Modells der ›höfischen Gesellschaft‹, inkarniert in einer Pariser Großbourgeoisie, die alles Prestige und alle - gleichermaßen ökonomischen wie kulturellen - Adelsprädikate in sich vereint", veranschaulicht noch einmal anhand eines konkreteren Beispiels die theoretische Verwandtschaft zwischen diesen beiden Soziologen. Bourdieu deutet hier ein Epochen überdauerndes Modell an, das es wechselnden Eliten ermöglicht, über bestimmte Machtinstrumente und Kapitalsorten bzw. Ressourcenarten in eine privilegierte Position zu gelangen. Gesellschaften verändern sich, die Führungsschicht wird modifiziert und die Machtdifferenziale verschieben sich. Bestimmte Mechanismen des Machterwerbs und Machterhalts bleiben aber über die Zeit hinweg erhalten. Soziale Aufstiege sind daher - in historischer Perspektive - mit strukturell ähnlichen Hindernissen konfrontiert.
Eine entscheidende Übereinstimmung zwischen den Theoretikern Elias und Bourdieu besteht also darin, dass sie beide figurationssoziologisch argumentieren, d.h. dass sie gesellschaftliche Erscheinungsformen aus ihrem Bezug zu einer historisch-sozialen Figuration erklären - wenn man so will: als performative Manifestationen einer dahinter wirksamen "sozialen Grammatik". Erhält man bei Bourdieu vornehmlich ein Verständnis des Klassenhabitus und mit gewissen Einschränkungen auch des "biographischen Habitus", so bietet Elias, der ebenfalls Klassen- und Individualhabitus beleuchtet, seinen Lesern darüber hinaus auch eine Vorstellung von kollektiven Habitusformen, z.B. des "nationalen Habitus". Problemkonfigurationen von Aufsteigenden können auf der Basis dieser beiden theoretischen Ansätze präziser und umfassender beleuchtet werden, als sie bisher von der Forschung behandelt wurden.
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