Bastian Bretthauer
Die Nachtstadt
Tableaus aus dem dunklen Berlin
Bastian Bretthauer begibt sich in seinem Buch auf die Suche nach einer spezifischen Erfahrung der »Nacht«: der Nacht, als der anderen, verborgenen Seite des Lebens und der Nacht als einem erkenntniskritischen Paradigma, das den Wahrheitsanspruch der »Tageswissenschaften« zu erschüttern vermag. Sieben Sommernächte lang begleitet der Autor Berliner Nachtschwärmer, die ihn in die Bars und Clubs, durch die Straßen und Parks der großen Stadt führen. Später beginnt er, die aufgezeichneten Gespräche zu »ethnographieren«. Der Ethnologe wird dabei zum Agenten einer Sprache der Nacht, wie sie sich in Geschichten, Phantasien und kulturellen Bildern niederschlägt. Aus dieser Grenzüberschreitung zwischen poetologischer Erkundung, Wissenschaftskritik und empirischer Feldforschung bezieht das Buch seine Faszinationskraft.
Bastian Bretthauer lebt und arbeitet als Ethnologe in Berlin.
Autor
Bastian Bretthauer
Bastian Bretthauer lebt und arbeitet als Ethnologe in Berlin
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Leseprobe
Zweite Stimme: Langsam nähert er sich meinem Tisch. Ich zünde eine Zigarette an, und plötzlich wird mir klar, daß ich ihn fragen muß. Freitagabend, kurz vor Mitternacht. Im Restaurant sitzen an die hundert Gäste. Die Kellner eilen durch den länglichen Raum, der sich tief in das Haus zieht. Die wenigen hochbeinigen Barhocker sind längst besetzt, Menschentrauben umlagern die dort Sitzenden.
Er scheint anzukommen. Am Tisch nebenan unterbrechen die Gäste das Gespräch. Sie hören ihm zu. Sein roter Schlapphut, sein weißer ältlicher Blouson und eine über die Schulter geworfene Strippe, an der Papierröllchen wie getrocknete Blätter hängen, erinnern mich an einen Clown. Gespannt beobachte ich ihn, verstehe jedoch kein Wort. Endlich kommt er an meinen Tisch und zeigt mir eine Auswahl Gedichte, die im Korb lose durcheinander purzeln. Das Stück zu fünfzig Pfennig, während die selbstgeschriebenen Gedichte eine Mark kosten sollen. Ich betrachte den breitkrempigen Hut und die Auswahl von vielleicht zweihundert Papierröllchen. Rote und grüne Bändchen unterscheiden die zitierten Werke von selbstgeschriebenen Gedichten. Unschlüssig blicke ich in den Korb und bemühe mich, den Eindruck einer ernsthaften Überlegung vorzutäuschen. Geduldig lehnt er an einem Stuhl meines Tisches und wartet. Seit kurzem verkaufe er auch eigene Gedichte, sagt er etwas leiser. Er blickt mich ruhig an, und mir wird deutlich, daß ihn irgend etwas von all den anderen fliegenden Händlern unterscheidet. Ich greife in meine Jackentasche und suche das Portemonnaie, zähle drei Münzen in seine Hand. Behutsam ziehe ich zwei grünberingte Gedichte und versuche vorsichtig, die grünen Bänder vom Papier zu rollen. Er steht noch immer neben mir, als wolle er mein Urteil hören. Ich überfliege die Gedichte, unfähig, mich wirklich zu konzentrieren. Sie sprechen mich nicht an. Ich blicke auf und bin erleichtert. Er ist weitergegangen.
Später kehrt er aus dem hinteren Teil des Restaurants zurück, und ich winke ihn zu mir. Jetzt stelle ich mich vor, erzähle von meiner Arbeit und bitte ihn um ein Interview. Er überlegt, und für Sekunden scheint es, als wolle er meine Bitte abschlagen. Doch er sagt zu, und wir verabreden uns, Tage später, im selben Lokal.
Kapitel: Verkaufen
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