Nicolas Pethes (Hg.), Silke Schicktanz (Hg.)

Sexualität als Experiment

Identität, Lust und Reproduktion zwischen Science und Fiction

Seit knapp 100 Jahren gibt es Versuche, die geschlechtliche Identität operativ zu ändern. Embryos werden heute selbstverständlich künstlich erzeugt, oft auch außerhalb der Gebärmutter. Science-Fiction-Filme werden von androgynen Cyborgs bevölkert, die plötzlich eine geschlechtliche Identität entwickeln. Experimente um und mit Sexualität sind allgegenwärtig in Wissenschaft und populärer Kultur. In diesem Band wird untersucht, warum das so ist und was dies über unsere moderne Kultur und Gesellschaft verrät.

Nicolas Pethes
Nicolas Pethes ist Professor für Europäische Literatur und Mediengeschichte an der FernUniversität Hagen.
mehr zum Autor

Silke Schicktanz
Silke Schicktanz ist Professorin für Kultur und Ethik der Biomedizin am Institut für Ethik und Geschichte der Medizin der Universitätsmedizin Göttingen.

mehr zum Autor

download
Eine der bemerkenswerten, systematisch aber kaum aufgearbeiteten Auffälligkeiten der gegenwärtigen Wissenschaftslandschaft ist die Schlüsselrolle, die der Sexualität sowohl in den Lebens- als auch in den Kulturwissenschaften zukommt. Auf der Seite der Lebenswissenschaften steht die immer weiter wachsende Präzision medizinischer Untersuchungsmethoden und Eingriffsmöglichkeiten, die auf die organischen, genetischen und reproduktionsbiologischen Aspekte menschlicher Sexualität bezogen sind. Diese lassen für das 21. Jahrhundert eine fundamentale Modifikation ihrer Funktion und Rolle erwarten: die Ausweitung der Entkopplung der Sexualität von der Reproduktion bzw. der Entkopplung der Reproduktion von der Sexualität (Lenz/Mense/Ullrich 2004); die Infragestellung der Dominanz eines heterosexuellen Sexualitätsbegriffs (Jackson 1999); und die Entstehung von "Neosexualitäten" (Sigusch 2004). Auf Seite der Kulturwissenschaften ist Sexualität zunächst in Gestalt ihrer Aufwertung zur Schlüsselinstanz von Identitätsstrukturen in der Psychoanalyse (Bohleber 1998; Sigusch 2005), dann durch die diskurshistorische Identifizierung intimer Geständnisse als Ansatzpunkte moderner Kontrolltechniken des Subjekts (Foucault 1977) sowie schließlich und vor allem durch die Debatte über die soziale und diskursive Geformtheit von Geschlechterrollen in ihrem Verhältnis zur Materialität und Performativität des Körpers (Butler 1997) zur zentralen Referenz geworden.

Dieser simultane Bedeutungsgewinn der Sexualität in unterschiedlichen Wissenskulturen erlaubt es, bei ihrer Untersuchung lebens- und kulturwissenschaftliche Fragestellungen gemeinsam in den Blick zu nehmen. Dabei kann auf drei zentrale Forschungsfelder Bezug genommen werden, die auf einer entsprechenden interdisziplinären Verknüpfung beruhen: Analysen zu Biopolitik, Bioethik und Gender Studies. Die Analyse der modernen Biopolitik betrachtet die Erforschung der sexuellen Reproduktion seit dem 19. Jahrhundert im Dienste einer (gesamt-)gesellschaftlichen Kontrolle des Lebens. Indem politische Macht an der Produktion von Leben interessiert ist, gründet sie auf der Instrumentalisierung sexualwissenschaftlichen Wissens (Bergengrün/Lehmann/Thüring 2005). Bioethische Argumente stellen in diesem Zusammenhang die Frage nach Möglichkeiten und Grenzen der medizinischen Forschung, indem sie sie mit dem historisch gewachsenen Werte- und Normensystem der Gesellschaft konfrontieren. Schwangerschaftsabbruch und test tube babies waren dabei in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts Pionierthemen für eine inzwischen internationalisierte und thematisch wie disziplinär ausdifferenzierte Debatte (z.B. Viescher 1973, Singer/Walter 1982): Bioethik ist zu einer interdisziplinären ›Disziplin‹ geworden (Engels 1999), die sich gleichermaßen systematischen Problembeschreibungen, der Analyse und Kohärenzprüfung normativer Theorien und Begriffe sowie der eigentlich ethischen Bewertung und Handlungsempfehlung widmet und sich in ihrer historischen Entwicklung zwischen wissenschaftlicher Disziplin und politisch-öffentlichem Diskurs verorten lässt (Schicktanz 2005).

In dieser Vermittlungsleistung stehen bioethische Debatten auch in Zusammenhang mit philosophischen und kulturhistorischen Fragestellungen nach der Konstruktion von Geschlechtern, Geschlechterrollen und Geschlechteridentitäten. Diese Gender Studies leiten sich aber weder aus empirischen Beobachtungen noch aus normativen Wertungen, sondern aus den historischen Diskursen über Sexualität her. Zu diesen Diskursen gehören maßgeblich auch diejenigen Erzählungen und Ikonisierungen, die in Literatur und Medien die gesellschaftlichen Vorstellungen von Sexualität nicht nur abbilden, sondern mitprägen. Die Attraktivität der Sexualität ist dabei vor allem in der Populärkultur festzustellen, die aber in den letzten Jahren zunehmend seltener von Sexidolen oder Pornographie und immer mehr von den vergleichsweise abstrakteren Fortschritten in der Humangenetik ausgeht (Nelkin/Lindee 1995; Bergermann/Breger/Nusser 2002). Umso mehr erweisen sich Literatur und Populärkultur aber mit biopolitischen Visionen und bioethischen Argumenten verbunden: Vergleicht man beispielsweise die Rhetorik revolutionärer Neuentdeckung in der Reproduktionsbiologie, Schemata wie das so genannte "slippery slope"- oder "Dammbruch"-Argument in bioethischen Technikfolgeabschätzungen (vgl. z.B. Guckes 1997) und apokalyptische Visionen einer posthumanen Erdbevölkerung in der Science Fiction-Literatur, so wird deutlich, dass Diskursen über Sexualität in allen angesprochenen Feldern ein Entwurfcharakter zukommt. Die jeweiligen Entwürfe werden in den Biowissenschaften, in der Bioethik sowie in fiktionalen Erzählungen oder medialen Ikonisierungen empirisch, argumentativ oder imaginär erprobt. Hieraus ergeben sich die vielfältigen Überschneidungen, die Sexualität als zentrale Referenz in biomedizinischer Praxis, sozial- und individualethischen Diskursen und kulturellen Deutungsmustern - und mithin im Schnittfeld von science, society und fiction - kenntlich machen.

Cover, reprofähig

zurück

Erscheinungstermin:
13.05.2008

kartoniert

417 Seiten, 9 s/w Abb.

EAN 9783593386089

€ 34,90

inkl. MwSt.

Versandkostenfreie Lieferung.
Für Ausnahmen siehe Details
Mengenpreis