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Vorwort: Die Menge wird zum Fürsten
Die Nationen haben immer nur den Grad der Freiheit inne,
den ihr Mut ihrer Angst abringt.
Stendhal, Napoléon Bonaparte
Power to the peaceful. (Alle Macht den Friedfertigen.)
Michael Franti, "Bomb the World"
Krieg, Leid, Elend und Ausbeutung bestimmen mehr und mehr unsere globalisierte Welt. Es gibt heute viele Gründe, sich "herausziehen" und an einen Ort flüchten zu wollen, den die Disziplin und die Kontrolle des entstehenden Empire nicht erreichen, oder sich gar ein paar transzendente oder transzendentale Prinzipien und Werte zu suchen, die dem Leben als Orientierung und dem politischen Handeln als Begründung dienen können. Eines der wesentlichen Ergebnisse der Globalisierung ist allerdings, eine gemeinsame Welt geschaffen zu haben, eine Welt, die wir wohl oder übel teilen, eine Welt ohne "Außen". Egal, wie brillant und pointiert wir sie auch kritisieren mögen, uns bleibt - das müssen wir mit ein wenig Nihilismus anerkennen - keine Wahl, als in dieser Welt zu leben, ihren Herrschaftsstrukturen unterworfen und zudem angesteckt von ihrer Korruption. Vergessen wir all die Träume von politischer Reinheit und "höheren Werten", die es uns erlauben würden, Beobachter zu bleiben! Das nihilistische Einverständnis soll freilich nur ein Werkzeug sein, ein Durchgangspunkt auf dem Weg zu einem Gegenprojekt, zu einer Alternative. In diesem Buch werden wir ein solches ethisches Projekt entwerfen, eine Ethik der demokratischen politischen Aktion im und gegen das Empire. Wir untersuchen, was die Bewegungen und die Verhaltensweisen der Menge, der Multitude, waren und was sie werden können, um die gesellschaftlichen Verhältnisse und institutionellen Formen einer möglichen globalen Demokratie zu entdecken. "Zum Fürsten zu werden" heißt dabei der Prozess, in dem die Multitude die Kunst erlernt, sich selbst zu regieren und nachhaltige demokratische Formen gesellschaftlicher Organisation zu schaffen.
Eine Demokratie der Multitude ist nur vorstellbar und überhaupt nur möglich, weil wir alle am Gemeinsamen teilhaben. Das Gemeinsame, das Kommune, ist zunächst einmal der Name für den gemeinsamen Reichtum der materiellen Welt - die Luft, das Wasser, die Früchte der Erde und die Schätze der Natur -, also für etwas, von dem in klassischen politischen Texten der europäischen Tradition häufig gesagt wird, es gehöre zum Erbe der gesamten Menschheit, auf dass alle an ihm teilhaben. Das Gemeinsame bezeichnet nach unserem Verständnis darüber hinaus und wichtiger noch all jene Ergebnisse gesellschaftlicher Produktion, die für die soziale Interaktion ebenso wie für die weitergehende (Re-)Produktion erforderlich sind, also Wissensformen, Sprachen, Codes, Information, Affekte und so weiter. Ein solcher Begriff des Gemeinsamen trennt die Menschheit nicht von der Natur, stellt sie ihr weder als Ausbeuterin noch als Hüterin gegenüber, sondern konzentriert sich vor allem auf die Verhaltensweisen der Interaktion, der Sorge und des Zusammenlebens in einer gemeinsamen Welt sowie darauf, die vorteilhaften Formen des Gemeinsamen zu fördern und die abträglichen zu begrenzen. Im Zeitalter der Globalisierung rücken Fragen der Erhaltung, der Produktion und Distribution des Gemeinsamen in beiden Ausprägungen und sowohl unter ökologischen als auch unter sozioökonomischen Aspekten zunehmend in den Mittelpunkt.
Die Scheuklappen der herrschenden Ideologie erschweren es heute, das Gemeinsame zu sehen und zu erkennen, auch wenn es uns allgegenwärtig umgibt. Die weltweit herrschende neoliberale staatliche Politik war in den vergangenen Jahrzehnten darum bemüht, das Gemeinsame zu privatisieren und gesellschaftliche oder kulturelle Erzeugnisse - also beispielsweise Wissen, Ideen, aber auch bestimme Tier- oder Pflanzenarten - in Privateigentum zu verwandeln. Wir sagen - und sind uns dabei mit vielen anderen einig -, dass man solchen Privatisierungen Widerstand entgegensetzen muss. Nach landläufiger Meinung allerdings wäre die einzige Alternative zum Privaten das Öffentliche, das heißt alles, was durch den Staat oder die so genannte öffentliche Hand verwaltet und geregelt wird, während das Gemeinsame als irrelevant oder vor langer Zeit ausgestorben gilt. Nun ist selbstverständlich richtig, dass ein lang anhaltender historischer Prozess von Einhegung und Aneignung dazu geführt hat, dass beinahe alles auf der Welt entweder öffentlich-staatliches oder privates Eigentum ist, sodass beispielsweise Formen des gemeinsamen Landes, wie sie die indigenen Gesellschaften auf dem amerikanischen Doppelkontinent oder die mittelalterlichen Gesellschaften in Europa kannten, zerstört wurden. Dennoch gibt es auch in unserer Welt vieles Gemeinsame, das durch aktive Beteiligung geschaffen wurde, zu dem alle offen und frei Zugang haben. Sprache etwa und ebenso Affekte oder Gesten sind in den allermeisten Fällen etwas Gemeinsames, und tatsächlich würde jede Sprache Ausdruckskraft, Kreativität und Kommunikationsqualitäten verlieren, wollte man sie privatisieren oder zu öffentlichem Eigentum erklären, also etwa Teile des Wortschatzes, Sätze oder Redeweisen dem Privateigentum oder aber öffentlicher Aufsicht unterstellen. Ein solches Beispiel soll nicht der Beruhigung der Leserschaft dienen, als wollten wir sagen, die Krisen, für die private und öffentliche Kontrolle verantwortlich sind, seien gar nicht so schlimm; das Beispiel soll vielmehr den Blick schärfen helfen, um das vorhandene Gemeinsame - und wozu es in der Lage ist - letztlich zu erkennen. Das ist der erste Schritt des Projekts, das darauf zielt, das Gemeinsame und seine Potenziale zurückzugewinnen und sogar auszuweiten.
Die scheinbar exklusive Alternative zwischen dem Privaten und dem Öffentlich-Staatlichen findet eine Entsprechung in der gleichermaßen irreführenden politischen Alternative zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Häufig ist zu hören, die einzigen Heilmittel gegen die Krankheiten der kapitalistischen Gesellschaften seien eine Verwaltung durch die öffentliche Hand sowie eine keynesianische und/oder sozialistische Lenkung der Wirtschaft; und umgekehrt gilt es als ausgemacht, dass die Leiden des Sozialismus nur durch Privateigentum und kapitalistische Kontrolle zu behandeln seien. Sozialismus und Kapitalismus nun bildeten historisch bisweilen Mischformen und trugen zu anderen Zeiten erbitterte Konflikte aus, doch sind beide Eigentumsregime, die das Gemeinsame ausschließen. Das politische Projekt der Instituierung des Gemeinsamen, das wir in diesem Buch entwickeln werden, stellt sich quer zu diesen falschen Alternativen - dem Projekt geht es weder um privat noch um öffentlich, weder um kapitalistisch noch um sozialistisch, sondern darum, dem politischen Handeln einen neuen Raum zu eröffnen.