Michael Hardt, Antonio Negri

Common Wealth

Das Ende des Eigentums

Übersetzt von Thomas Atzert, Andreas Wirthensohn

In der momentanen Krise wächst das gesellschaftliche Unbehagen am Kapitalismus. Viele Menschen fragen jetzt nach einer menschlicheren Alternative des Zusammenlebens. Eine Gesellschaft jenseits von Maximen wie Profit, Konkurrenz und Besitzdenken – ist das möglich? Michael Hardt und Antonio Negri, Autoren des Bestsellers »Empire«, entwickeln in ihrem neuen großen Werk einen provozierend optimistischen Gesellschaftsentwurf. Dieser beruht nicht mehr auf dem neoliberalen Gegensatz von Privatbesitz und öffentlichem Eigentum, sondern auf der Idee des Gemeinsamen (»common«). Ressourcen wie Wasser, Luft und Pflanzen und immaterielle Güter wie Wissen und Information gehören uns allen. Wenn wir sie teilen, wird der Weg frei für eine gerechtere Gesellschaft, an der alle partizipieren können. Im Streit um das politische Profil des 21. Jahrhunderts bieten die Autoren ein zentrales Gegengewicht zu all jenen, die uns weismachen wollen, dass die derzeitige Politik- und Wirtschaftsform die einzig mögliche sei.

Michael Hardt
Michael Hardt ist Professor für Literaturwissenschaft an der Duke University Durham, N. C., in den USA. Mit ihrem Bestseller »Empire« (auf Deutsch bei Campus 2002 erschienen) wurden sie weltweit bekannt.
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Antonio Negri
Antonio Negri war nach seiner Flucht 1983 aus Italien Professor für Philosophie an der Sorbonne. 1997 kehrte er nach Italien zurück und wurde erneut inhaftiert. Im Herbst 2003 wurde er freigelassen und lebt heute als freier Autor in Rom.
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16.12.2010, WOZ Die Wochenzeitung
Erkämpft das Gemeinsame
"Für die linke Theoriedebatte eine bereichernde Lektüre."

03.04.2010, Süddeutsche Zeitung
Eine andere Welt denken
"Selbst wer die Ideen und Haltung der beiden Autoren ablehnt, den ermutigt ihr frischer Blick auf die Zustände und ihre analytische Herangehensweise dabei, selbst eine andere Welt für möglich zu halten."

22.03.2010, Der Spiegel
Das Lachen der Engel
"Eine leidenschaftliche Kritik des postmodernen Kapitalismus ... ein anregender, oft eindrucksvoller und manchmal imposanter Streifzug durch die linke Ideengeschichte."

20.03.2010, Berliner Zeitung
Unser Reich komme
"Aus altem Marxismus und neuer französischer Philosophie sampeln Hardt und Negri den Sound autonomer urbaner Subkulturen."

20.03.2010, Der Freitag
Regiert euch selbst!
"Das Buch glänzt trotz einiger pathetischer Wendungen durch seinen Stil und ist mit viel Sprachgefühl und Fachkenntnis übersetzt worden. Nicht nur deshalb handelt es sich bei 'Common Wealth' um das bisher beste gemeinsame Werk von Michael Hardt und Antonio Negri. Das Buch ist konzentrierter geschrieben, ausgereifter und stimmiger als seine Vorgänger. Common Wealth bereichert linkes Denken auch dann, wenn man nicht alle Grundannahmen und Schlussfolgerungen teilt."

19.03.2010, Deutschlandradio
Gemeinsam statt einsam
"Michael Hardt und Antonio Negri wollen weder das Eigentum abschaffen noch Wachstum verhindern. Auch im Ideal des Fortschritts sehen sie keinen Fluch. Sie wollen allerdings, dass alle darüber verfügen."

19.03.2010, ak - analyse + kritik
Die Neukonstitution des Politischen
"Dieser Entwurf kommt keinen Tag zu früh. Es bleibt zu hoffen, dass er in seiner weitreichenden Bedeutung für die Linke wie für die politische Philosophie und Praxis der Gegenwart auch so verstanden wird."

18.03.2010, Die Tageszeitung
Durch Liebe zum Ende des Eigentums
"Die Cheftheoretiker der antietatistischen Linken gehen auch hier wieder den Missständen im Kapitalismus nach, ohne bei einer bloßen Beschreibung zu verweilen. Vielmehr behaupten sie, dass aus den neuen (globalisierten und digitalisierten) Produktions- und Arbeitsverhältnissen auch die neue emanzipatorische Subjektivität erwächst."

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Vorwort: Die Menge wird zum Fürsten

Die Nationen haben immer nur den Grad der Freiheit inne,
den ihr Mut ihrer Angst abringt.
Stendhal, Napoléon Bonaparte

Power to the peaceful. (Alle Macht den Friedfertigen.)
Michael Franti, "Bomb the World"

Krieg, Leid, Elend und Ausbeutung bestimmen mehr und mehr unsere globalisierte Welt. Es gibt heute viele Gründe, sich "herausziehen" und an einen Ort flüchten zu wollen, den die Disziplin und die Kontrolle des entstehenden Empire nicht erreichen, oder sich gar ein paar transzendente oder transzendentale Prinzipien und Werte zu suchen, die dem Leben als Orientierung und dem politischen Handeln als Begründung dienen können. Eines der wesentlichen Ergebnisse der Globalisierung ist allerdings, eine gemeinsame Welt geschaffen zu haben, eine Welt, die wir wohl oder übel teilen, eine Welt ohne "Außen". Egal, wie brillant und pointiert wir sie auch kritisieren mögen, uns bleibt - das müssen wir mit ein wenig Nihilismus anerkennen - keine Wahl, als in dieser Welt zu leben, ihren Herrschaftsstrukturen unterworfen und zudem angesteckt von ihrer Korruption. Vergessen wir all die Träume von politischer Reinheit und "höheren Werten", die es uns erlauben würden, Beobachter zu bleiben! Das nihilistische Einverständnis soll freilich nur ein Werkzeug sein, ein Durchgangspunkt auf dem Weg zu einem Gegenprojekt, zu einer Alternative. In diesem Buch werden wir ein solches ethisches Projekt entwerfen, eine Ethik der demokratischen politischen Aktion im und gegen das Empire. Wir untersuchen, was die Bewegungen und die Verhaltensweisen der Menge, der Multitude, waren und was sie werden können, um die gesellschaftlichen Verhältnisse und institutionellen Formen einer möglichen globalen Demokratie zu entdecken. "Zum Fürsten zu werden" heißt dabei der Prozess, in dem die Multitude die Kunst erlernt, sich selbst zu regieren und nachhaltige demokratische Formen gesellschaftlicher Organisation zu schaffen.

Eine Demokratie der Multitude ist nur vorstellbar und überhaupt nur möglich, weil wir alle am Gemeinsamen teilhaben. Das Gemeinsame, das Kommune, ist zunächst einmal der Name für den gemeinsamen Reichtum der materiellen Welt - die Luft, das Wasser, die Früchte der Erde und die Schätze der Natur -, also für etwas, von dem in klassischen politischen Texten der europäischen Tradition häufig gesagt wird, es gehöre zum Erbe der gesamten Menschheit, auf dass alle an ihm teilhaben. Das Gemeinsame bezeichnet nach unserem Verständnis darüber hinaus und wichtiger noch all jene Ergebnisse gesellschaftlicher Produktion, die für die soziale Interaktion ebenso wie für die weitergehende (Re-)Produktion erforderlich sind, also Wissensformen, Sprachen, Codes, Information, Affekte und so weiter. Ein solcher Begriff des Gemeinsamen trennt die Menschheit nicht von der Natur, stellt sie ihr weder als Ausbeuterin noch als Hüterin gegenüber, sondern konzentriert sich vor allem auf die Verhaltensweisen der Interaktion, der Sorge und des Zusammenlebens in einer gemeinsamen Welt sowie darauf, die vorteilhaften Formen des Gemeinsamen zu fördern und die abträglichen zu begrenzen. Im Zeitalter der Globalisierung rücken Fragen der Erhaltung, der Produktion und Distribution des Gemeinsamen in beiden Ausprägungen und sowohl unter ökologischen als auch unter sozioökonomischen Aspekten zunehmend in den Mittelpunkt.

Die Scheuklappen der herrschenden Ideologie erschweren es heute, das Gemeinsame zu sehen und zu erkennen, auch wenn es uns allgegenwärtig umgibt. Die weltweit herrschende neoliberale staatliche Politik war in den vergangenen Jahrzehnten darum bemüht, das Gemeinsame zu privatisieren und gesellschaftliche oder kulturelle Erzeugnisse - also beispielsweise Wissen, Ideen, aber auch bestimme Tier- oder Pflanzenarten - in Privateigentum zu verwandeln. Wir sagen - und sind uns dabei mit vielen anderen einig -, dass man solchen Privatisierungen Widerstand entgegensetzen muss. Nach landläufiger Meinung allerdings wäre die einzige Alternative zum Privaten das Öffentliche, das heißt alles, was durch den Staat oder die so genannte öffentliche Hand verwaltet und geregelt wird, während das Gemeinsame als irrelevant oder vor langer Zeit ausgestorben gilt. Nun ist selbstverständlich richtig, dass ein lang anhaltender historischer Prozess von Einhegung und Aneignung dazu geführt hat, dass beinahe alles auf der Welt entweder öffentlich-staatliches oder privates Eigentum ist, sodass beispielsweise Formen des gemeinsamen Landes, wie sie die indigenen Gesellschaften auf dem amerikanischen Doppelkontinent oder die mittelalterlichen Gesellschaften in Europa kannten, zerstört wurden. Dennoch gibt es auch in unserer Welt vieles Gemeinsame, das durch aktive Beteiligung geschaffen wurde, zu dem alle offen und frei Zugang haben. Sprache etwa und ebenso Affekte oder Gesten sind in den allermeisten Fällen etwas Gemeinsames, und tatsächlich würde jede Sprache Ausdruckskraft, Kreativität und Kommunikationsqualitäten verlieren, wollte man sie privatisieren oder zu öffentlichem Eigentum erklären, also etwa Teile des Wortschatzes, Sätze oder Redeweisen dem Privateigentum oder aber öffentlicher Aufsicht unterstellen. Ein solches Beispiel soll nicht der Beruhigung der Leserschaft dienen, als wollten wir sagen, die Krisen, für die private und öffentliche Kontrolle verantwortlich sind, seien gar nicht so schlimm; das Beispiel soll vielmehr den Blick schärfen helfen, um das vorhandene Gemeinsame - und wozu es in der Lage ist - letztlich zu erkennen. Das ist der erste Schritt des Projekts, das darauf zielt, das Gemeinsame und seine Potenziale zurückzugewinnen und sogar auszuweiten.

Die scheinbar exklusive Alternative zwischen dem Privaten und dem Öffentlich-Staatlichen findet eine Entsprechung in der gleichermaßen irreführenden politischen Alternative zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Häufig ist zu hören, die einzigen Heilmittel gegen die Krankheiten der kapitalistischen Gesellschaften seien eine Verwaltung durch die öffentliche Hand sowie eine keynesianische und/oder sozialistische Lenkung der Wirtschaft; und umgekehrt gilt es als ausgemacht, dass die Leiden des Sozialismus nur durch Privateigentum und kapitalistische Kontrolle zu behandeln seien. Sozialismus und Kapitalismus nun bildeten historisch bisweilen Mischformen und trugen zu anderen Zeiten erbitterte Konflikte aus, doch sind beide Eigentumsregime, die das Gemeinsame ausschließen. Das politische Projekt der Instituierung des Gemeinsamen, das wir in diesem Buch entwickeln werden, stellt sich quer zu diesen falschen Alternativen - dem Projekt geht es weder um privat noch um öffentlich, weder um kapitalistisch noch um sozialistisch, sondern darum, dem politischen Handeln einen neuen Raum zu eröffnen.

Pressetext (PDF)

Cover, reprofähig

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Erscheinungstermin:
08.03.2010

Hardcover gebunden

437 Seiten

EAN 9783593391694

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