Das Gemeinsame leben. Vorwort
Die Möglichkeit der Demokratie im Weltmaßstab eröffnet sich heute zum allerersten Mal. Dies Buch handelt von jener Möglichkeit, davon also, was wir das Projekt der Multitude nennen. Das Projekt der Multitude drückt nicht nur den Wunsch nach Gleichheit und Freiheit aus, es verlangt nicht nur eine offene und alle einbeziehende demokratische globale Gesellschaft, sondern stellt auch die Mittel bereit, dies alles zu erreichen. So wird unser Buch schließen, doch beginnen kann es damit nicht.
Die Möglichkeit der Demokratie wird heute verdüstert und bedroht durch einen scheinbar permanenten und allerorten herrschenden Konfliktzustand. Unser Buch muss mit diesem Kriegszustand beginnen. Demokratie blieb in der Moderne zweifellos ein unvollendetes Projekt, ungeachtet der Gestalt, die es national und lokal annahm, und die Globalisierungsprozesse der vergangenen Jahrzehnte führten zu neuen Herausforderungen, doch in der Gegenwart ist das Haupthindernis für die Demokratie mit Sicherheit der globale Kriegszustand. In unserem Zeitalter aufgerüsteter Globalisierung will es tatsächlich scheinen, als sei der moderne Traum von Demokratie endgültig ausgeträumt. Krieg und Demokratie waren immer unvereinbar. Gewöhnlich hat man die Demokratie in Kriegszeiten außer Kraft gesetzt und, um der Krise zu begegnen, zeitweilig die Macht einer starken Zentralgewalt anvertraut. Wenn heute der Kriegszustand nicht nur weltweit herrscht, sondern auch lange andauert, wenn kein Ende in Sicht ist, dann wird auch die Demokratie für unbestimmte Zeit oder sogar permanent aufgehoben. Der Krieg nimmt heute eine verallgemeinerte Gestalt an, erstickt das gesellschaftliche Leben und setzt seine eigene politische Ordnung ein. Die Demokratie scheint daher unwiederbringlich verloren, unter den Waffen und den Sicherheitsmaßnahmen unseres globalen Kriegszustands begraben.
Nie war Demokratie notwendiger als heute, in dieser Situation des globalen Konflikts. Kein anderer Ausweg aus der Angst, der Unsicherheit und der Despotie, die unsere Welt durchdringen, bietet sich an; kein anderer Weg ist gangbar, in Frieden gemeinsam zu leben. Demokratie, so will es scheinen, war noch nie so unmöglich und dabei so notwendig.
Dieses Buch setzt Empire fort, das Buch, in dem wir die neue, die globale Form der Souveränität analysierten (Hardt/Negri 2000). In Empire versuchten wir, die Tendenz der politischen Weltordnung darzustellen, während diese sich gerade herausbildet, das heißt darzustellen, wie aus einer Mannigfaltigkeit zeitgenössischer Prozesse eine neue Form von Weltordnung entsteht, die wir "Empire" nennen. Unser Ausgangspunkt war die Erkenntnis, dass die zeitgenössische Weltordnung nicht länger adäquat als Imperialismus begriffen werden kann, wie ihn die Mächte der Moderne ausübten: Der Imperialismus stützte sich im Wesentlichen auf die Souveränität des Nationalstaats und dehnte sie auf fremde Territorien aus. Stattdessen entsteht eine "Netzwerkmacht", eine neue Form der Souveränität, zu deren wichtigsten Momenten oder Knoten heute die dominanten Nationalstaaten ebenso gehören wie supranationale Institutionen, große kapitalistische Unternehmen und andere Mächte. Diese Netzwerkmacht ist, so unsere These, "imperial" und nicht "imperialistisch". Nicht alle Mächte im Netzwerk des Empire sind freilich gleich; ganz im Gegenteil, einige Nationalstaaten verfügen über eine enorme Macht, manche hingegen beinahe über keine und das gleiche gilt mit Blick auf die verschiedenen anderen Körperschaften und Institutionen, die zusammen das Netzwerk ausmachen. Doch ungeachtet aller Ungleichheiten müssen diese Mächte kooperieren, um die gegenwärtige Weltordnung mit all ihren internen Spaltungslinien und Hierarchien zu schaffen und aufrechtzuerhalten.
Unser Begriff des Empire geht so über die Debatten hinaus, die als einzige politische Alternativen weltweit Unilateralismus und Multilateralismus oder Proamerikanismus und Antiamerikanismus einander entgegensetzen. Zum einen, so unsere These, kann kein Nationalstaat, auch nicht der mächtigste, auch nicht die Vereinigten Staaten, "allein losmarschieren" und ohne Unterstützung der anderen Hauptmächte im Netzwerk des Empire die Weltordnung aufrechterhalten. Zum andern ist eine gleichberechtigte Partizipation aller oder zumindest einer Reihe führender Nationalstaaten, wie sie das Modell einer multilateralen Kontrolle unter dem Dach der Vereinten Nationen vorsieht, weder Kennzeichen der gegenwärtigen Weltordnung, noch kann es ihre Grundlage sein. Im Gegenteil, folgenschwere Brüche und die Hierarchisierung entlang regionaler, nationaler oder lokaler Grenzlinien kennzeichnen die aktuelle Weltordnung. Wir meinen nicht einfach, dass Uni- oder Multilateralismus, so wie sie sich bisher darstellten, nicht wünschenswert wären, sondern sind der Überzeugung, dass unter den gegebenen Bedingungen Versuche, auf diesem Weg die Weltordnung aufrechtzuerhalten, scheitern werden.[...]