Karl-Siegbert Rehberg (Hg.)

Die Natur der Gesellschaft

Verhandlungen des 33. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie in Kassel 2006

Der Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie beschäftigte sich 2006 mit der Natur der Gesellschaft. Hintergrund für die Debatten war die Reflexion über den Menschen als ein Natur- und Kulturwesen. Von medizinisch- gentechnischen Fragen bis zur Robotik, von Naturkatastrophen, Migration und demografischem Wandel bis hin zu Terrorismus und Krieg bietet der Band ein weites Spektrum an Themen. Enthalten sind alle Vorträge der Eröffnungs- und Abschlussveranstaltung, der Plena sowie die Mittags- und Abendvorlesungen; dazu eine CD-ROM mit den Referaten der Sektionssitzungen, Ad-hoc-Gruppen und Sonderveranstaltungen.

Karl-Siegbert Rehberg
Karl-Siegbert Rehberg ist Professor für Soziologie an der TU Dresden und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Soziologie.
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Der 33. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) stand unter dem - nicht unumstrittenen - Rahmenthema Die Natur der Gesellschaft, wodurch nicht ein posthumes Buch von Niklas Luhmann angezeigt, vielmehr das Verhältnis der Naturgrundlagen des menschlichen Lebens zur gesellschaftlichen Schaffung und Deutung von ›Natur‹ reflektiert werden sollte. Die DGS reagierte damit auf aktuelle Problem und Diskussionslagen, etwa die erst jüngst wieder ins Bewusstsein getretenen demografischen Schrumpfungsannahmen für die "reichen" Gesellschaften bei gleichbleibender Brisanz der seit langem wahrgenommenen Bevölkerungsexplosion in den Regionen der Armut und in den aufstrebenden ›Schwellenländern‹. Umwälzend sind die Erfolge biologischer und medizinischer Forschungen, woraus sich neue Erwartungen an die Herstellbarkeit schönerer, klügerer und gesünderer Menschen ebenso ergeben haben, wie Befürchtungen über das Aussterben von Völkern, über die ›stille‹ Vernichtung "unnützen Lebens" oder die nachhaltige Manipulation des Erbgutes. Wiedererstanden scheint der Traum vom "neuen Menschen", individuell etwa auf die kosmetische Chirurgie setzend, kollektiv auf Forschungslinien wie Gentechnik oder Robotik. Es sind damit neue Definitionen des "Humanen" bis hin zu einer Infragestellung des Menschen verbunden. So ändern sich dadurch immer neu die Auffassungen über das Verhältnis von "Natur" und "Gesellschaft", wie sie gerade in der Soziologie erforscht werden müssen. Die Anwendungsfelder des Kongressthemas sind breit gestreut: von ökologischen Fragestellungen, den gesellschaftlichen Ursachen und Folgen von Naturkatastrophen (wie dem Hurrikan Kathrina), der Ausbreitung von AIDS, von demografischen Fragen samt neuen Spannungsgefügen von Kollektivität und Individualität bis hin zur Migration. Ein anderes Themenfeld betraf Wohlfahrtsstaat, Familie und Gesundheit, ein weiteres die zunehmend wichtiger werdende Soziologie der Körperlichkeit zwischen Naturgebundenheit und biopolitischer Normierung. Auch Gewalt, zugespitzt in Terrorismus und Krieg, ist ebenso wenig allein aus Aggressions und Machttrieben abzuleiten wie aus der Schubkraft von Weltdeutungen und Ideologien. Immer sind Gewaltsamkeitspotenziale auch mit Ritualisierungen, mit kulturellen Prägungen und Erlebnisgehalten verknüpft. Das gilt von Kriegseinsätzen bis zu jugendlichen und/oder ethnischen "Riots" - immer spielen auch psychomentale und soziale Bedingungen eine wichtige Rolle. In all diesen Themen spiegeln sich anthropologische Fragestellungen, so auch in der Genderforschung, die derart ambivalente Beziehungen immer schon behandelt hat. Mehr noch: Sie schuf eine der Voraussetzungen für eine "Rückkehr der Natur" in die Soziologie und zwar gerade dadurch, dass alltagsweltliche Naturalisierungsroutinen bestritten und die kulturelle Seite der Formierung menschlicher Natur betont wurde.

Da alle genannten Themen sich in verschärfter Weise in der rasanten Gesellschaftsentwicklung Chinas zeigen, wurde dieses als Gastland nach Kassel eingeladen, so dass vor allem Mittagsvorlesungen und Plena von chinesischen Soziologinnen und Soziologen entscheidend mitgestaltet wurden. Immer wieder zeigt sich bei solcher Gelegenheit, dass Gäste von außen - wenn es sich nicht um Berühmtheiten handelt - durch das Sieb des Reputationsspieles fallen, dass jedenfalls Sonderveranstaltungen zum Gastland zumeist schlecht besucht bleiben. Allerdings hat schon die Münchener Einladung Indiens als Gastland gezeigt, dass es langfristige Folgen geben kann: neue Kontakte, die Öffnung des Blicks einzelner Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, schließlich auch Kooperationswünsche auf institutioneller Ebene - und dies könnte sich auch im Falle Chinas erweisen. Jedenfalls wäre dem selbstgewissen (auch in Leserbriefen vertretenen) Fundamentaleinwand, dass mit der Einladung Chinas eine hinnehmende Akzeptanz von Menschenrechtsverletzungen verbunden und der DGS insofern politische Naivität und völlige Uninformiertheit vorzuwerfen sei, zu entgegnen, dass die Verfolgung religiöser Gruppen ebenso wie das chinesische Besatzungsregime in Tibet und vieles mehr sehr wohl bekannt sind. Jedoch haben die Erfahrungen mit der deutschen Ostpolitik gezeigt, dass autoritäre Systeme durch die Eröffnung von Dialogchancen langfristig nicht stabilisiert werden, wenn man sich darum bemüht, gesellschaftliche Kräfte und wissenschaftliche Orientierungen zu unterstützen, die Reformen und Freiheitsgarantien anstreben.

Mit den beiden Verhandlungsbänden, eingeschlossen die CDROM, wird die Dokumentation der Kasseler Verhandlungen vorgelegt, also der Eröffnungs und der Abschlussveranstaltung, der 19 Plena, der Mittagsvorlesungen und Abendveranstaltungen, der Author Meets CriticDebatten, der Foren, der Sektionsveranstaltungen und der zahlreichen AdhocGruppen. Der Text im Umfang von circa 6.100 Seiten ist so aufgeteilt worden, dass 115 Beiträge in den beiden gedruckten Teilbänden erscheinen, die übrigen 420 Beiträge nur in elektronischer Fassung. Um die Übersicht und wissenschaftliche Auswertbarkeit der Vorträge zu erleichtern, sind alle gedruckten Beiträge auf der CDROM nochmals zu finden. Der bibliographischen Erfassung und Verwertbarkeit wegen sind alle publizierten Texte in derselben Weise editorisch bearbeitet und paginiert worden.

Auch dieser Verhandlungsband wäre nicht realisiert worden ohne die (durch den Zustand vieler Manuskripte unausweichlich geforderte) Akribie und überhaupt unermüdliche Mitarbeit von Dana Giesecke und Thomas Dumke als Leitern des Redaktionsteams sowie von Kristina Hermann, Judith Jacobs, Stefan Meißner und Anja Ziesche für die deutschsprachigen Beiträge und von Sabine Bormann und Cornelia Schupp, die überdies auch englischsprachige Texte redigiert haben.

Cover, reprofähig

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Erscheinungstermin:
11.08.2008

Hardcover gebunden

1382 Seiten, 61 s/w Abb.

Reihe: Soziologiekongressband, Bd.2006

EAN 9783593384405

€ 99,00

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