Gabriele Herzog-Schröder (Hg.), Franz-Theo Gottwald (Hg.), Verena Walterspiel (Hg.)
Fruchtbarkeit unter Kontrolle?
Zur Problematik der Reproduktion in Natur und Gesellschaft
Immer mehr Paare erfüllen sich ihren Wunsch nach Nachwuchs durch künstliche Befruchtung. Auch in der Landwirtschaft wird die Fortpflanzung kaum noch dem »Zufall« überlassen. Die Autorinnen und Autoren dieses Bandes führen die verschiedenen Debatten über Fortpflanzung und Sterilität in Medizin, Landwirtschaft und Gesellschaft zusammen und gehen dem ambivalenten Stellenwert von Fruchtbarkeit in unserer hoch technisierten Welt nach.
Gabriele Herzog-Schröder
Gabriele Herzog-Schröder, Dr. phil., ist Ethnologin.
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Franz-Theo Gottwald
Franz-Theo Gottwald, Prof. Dr., ist Agrar- und Ernährungsethiker und Vorstand der Schweisfurth-Stiftung.
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Verena Walterspiel
Verena Walterspiel, M.A., ist Literaturwissenschaftlerin und Mitarbeiterin der Schweisfurth-Stiftung
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01.11.2009, Rhein.-westf. Zeitschrift für Volkskunde
"Dem Band sind viele Leser zu wünschen. Er fordert zu einer kritischen Auseinandersetzung mit gegenwärtig vorherrschenden Zuständen und Einstellungen heraus, die von einer (selbst-)zerstörerischen Naturvergessenheit zeugen."
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"Fruchtbarkeit unter Kontrolle?"
Zusammenschau verschiedener Perspektiven
auf ein Lebensprinzip
Gabriele Herzog-Schröder
Am Beginn des Projekts, dessen Ergebnis in Form dieses Buches vorliegt, stand eine persönliche Erfahrung. Während meiner ethnologischen Forschungsaufenthalte bei amazonischen Indianern konnte ich mehrfach das Erstmenstruationsritual miterleben. Bei der Ausdeutung dieses Übergangsrituals verspürte ich eine deutliche Irritation: offensichtlich ging es hier um die Transformation junger Mädchen zu reifen, "fruchtbaren" Frauen. Warum jedoch - so meine Frage - wurde das Motiv der Fruchtbarkeit von diesen Menschen, die so unmittelbar in der Natur zu leben scheinen, in keiner Weise thematisiert? Fruchtbarkeit, Kinderkriegen, Reproduktion und alle daran anknüpfenden Assoziationen, die sich in unserer Vorstellung von traditionellen Kulturen aufdrängen, kamen einfach nicht vor. Diese merkwürdige Leerstelle führte zu einem Nachdenken über die Art und Weise, in der wir selbst in unserer Kultur Fruchtbarkeit und "Reproduktion ", Zeugung und Erzeugung, Befruchtung und Konzeption in Bilder fassen.
Die Kulturwissenschaften haben während der vergangenen Dekaden, in denen die Beschäftigung mit den Geschlechtern von großer Bedeutung war, die Fruchtbarkeit recht stiefmütterlich behandelt. Dies ist rückblickend nachvollziehbar, denn aufgrund biologischer Gesetzmäßigkeiten wurde die geschlechtliche Reproduktion lange Zeit eng mit dem Wesen und Schicksal von Frauen verbunden. Die kritische Auseinandersetzung mit dieser vermeintlichen Fixierung mündete im feministischen Theoriediskurs in das vornehmliche Ziel, die Frau aus ihrer "natürlichen" Festschreibung als Gebärende, Sorgende und Pflegende zu lösen und das Spektrum und Potenzial weiblicher Handlungsräume und Einflussstrukturen jenseits ihrer reproduktiven Funktion auszuforschen und deutlich zu machen. Beim experimentellen Diskutieren unterschiedlicher sexueller Orientierungen und alternativer Geschlechterrollen galt die Thematisierung von Fruchtbarkeit oder Mutterschaft als unpassend: hier drohte der Rückfall zur Determinierung von "Biologie als Schicksal". So ist die lange Tabuisierung von Fruchtbarkeit innerhalb der kulturwissenschaftlichen Debatten verständlich. Die Zeit des sich entfaltenden Gender-Diskurses fiel zudem zusammen mit den Folgen der "sexuellen Revolution", die Sexualität fast ausschließlich als Lust und Sinnlichkeit in den Blick nahm. Konzeptionsverhütende Methoden, allen voran die "Anti-Baby-Pille", wie sie im Volksmund genannt wurde, verbreiteten sich rasch und bewirkten, dass die reproduktiven Konsequenzen von Sexualität nicht nur in den theoretischen Diskussionen ausgeblendet wurden, sondern auch in der Lebenspraxis weitgehend in den Hintergrund treten konnten.
So plausibel sich die Leerstelle "Fruchtbarkeit" aus der jüngsten Kulturgeschichte erklären lässt, es bleibt doch ein Erstaunen und auch Erschrecken darüber, dass das existenzielle Prinzip "Fruchtbarkeit" derart tief verschüttet ist, und dies nicht nur für die Menschen, sondern bezüglich des Lebendigen überhaupt. Die Abspaltung und Ausblendung eines grundlegenden Prinzips - der Fruchtbarkeit - vom Prozess des Lebens ist nur vor dem Hintergrund ökonomischer und technologischer Wachstumsillusionen erklärlich, als eine Folge unseres politisch einseitig genährten Fortschrittsglaubens. Ohne Fruchtbarkeit und Re-Generation - die Abfolge von Leben und wieder neuem Leben - ist jedoch nicht einmal der Fortbestand gesichert; sie sind die unabdingbare Voraussetzung jedweder Nachhaltigkeit.
Eine Neuthematisierung von Fruchtbarkeit ist dringlich zu einer Zeit, in der das erste "Retortenbaby" der Welt, Louise Brown, selbst Mutter geworden ist, in der sich Schulkinder recht selbstverständlich über ihre eigene Zeugung in der Petrischale austauschen und in der die Ethikdiskussion um das Klonen von Stammzellen die Kommentare ernstzunehmender Presseorgane bestimmt. Sind dies unsere zeitgemäßen Äquivalente zu den vielen Fruchtbarkeitsritualen, -bildern und -mythen, die frühe Völkerkundler und Religionshistoriker überall auf der Welt gefunden und beschrieben haben?
Im Kontext der aktuellen Nachhaltigkeitsdiskussion muss die Verdrängung oder das Vergessen der Fruchtbarkeit als Wirkprinzip im natürlichen Reproduktionsprozess alarmieren. Dies war das Motiv für die Förderung durch die Schweisfurth-Stiftung, wodurch das Projekt eine wirkkräftige Basis und einen Ort erhielt. Auch die Selbach-Umwelt-Stiftung erklärte sich bereit, ein Symposion und die daraus entstehende Publikation zu unterstützen. Beiden Institutionen gilt mein herzlicher Dank.
Im Laufe verschiedener Gespräche innerhalb der Schweisfurth-Stiftung mit Franz-Theo Gottwald und Verena Walterspiel formierte sich die Idee, scheinbar verschiedene Problematiken gemeinsam zu fokussieren. Ein obsoletes Naturverständnis, romantische Gefühlsduselei oder die naive Sehnsucht nach einem "Zurück zur Urwüchsigkeit" sind keineswegs Motive oder Ziele des Projekts und ebenso wenig geht es um eine polemische Kritik an der angeblichen Denaturierung "natürlicher Vorgänge". Vielmehr stehen vor dem Hintergrund naturwissenschaftlicher Forschung und Technologie wie auch ihrer Umsetzung in der gesellschaftlichen Praxis ein Neudenken und eine Neubestimmung anthropologischer Paradigmen im Kontext von Natur, Natürlichkeit und Nachhaltigkeit als dringliche Aufgabe
an.
Die vorliegende Publikation "Fruchtbarkeit unter Kontrolle?" vereinigt Überlegungen verschiedener Fachrichtungen; sie ist das Ergebnis eines Symposions in der Schweisfurth-Stiftung im Mai 2007. Diskutiert wurde, in welchen unterschiedlichen Kontexten der Beginn von Leben gedacht wird, welche Modelle die verschiedenen Disziplinen für Zeugung und Erzeugung entwerfen, wie mit unbeabsichtigt oder aber - vor allem in der Agrartechnologie - mit künstlich herbeigeführter Sterilität umgegangen wird, wie sie kompensiert oder auch zur Profitmaximierung eingesetzt wird.
Die TeilnehmerInnen des Symposions und AutorInnen der Publikation belohnten den transdisziplinären Ansatz des Projekts mit großem Interesse an der Verknüpfung unterschiedlicher Perspektiven und mit engagiertem Einsatz. Bedauerlicherweise konnten nicht alle gewünschten Themenfelder abgedeckt werden, so fehlt beispielsweise eine Darstellung, die die Problematik der zunehmenden Sterilität aus soziologischer Sicht beleuchtet. Doch stellt das vorliegende Kompendium einen ersten umfassenden Versuch dar, disparat geführte Debatten zueinander zu führen und aktuelle Modelle aus Demographie, Medizin, Biologie, Botanik, Ökologie und Ökonomie gemeinsam synergetisch mit symbolischen Perspektiven aus der Ethnologie, Kulturanthropologie, Psychoanalyse und Theologie zu diskutieren.
Cover, reprofähig
