polarkreis e.V. (Hg.)
polar 4: Über Arbeiten
Tun und Lassen
Sie ist in aller Munde: Arbeit, Arbeit, Arbeit. Für die einen Selbstzweck, für andere Fron zum Zweck der Existenzsicherung, für viele etwas, was sie verzweifelt suchen. Wie sieht sie aus, die Arbeitswelt von heute? In ihr treffen wir Gehetzte, Unzufriedene, Überforderte, aber auch solche, für die Arbeit ein beglückender Lebensinhalt ist. Ob in der Politik, Wirtschaft oder der individuellen Lebensführung, die Arbeit steht immer im Mittelpunkt.
Arbeit hat viele Gesichter: Erwerbsarbeit, Hausarbeit, Handarbeit,Kopfarbeit, Kreativarbeit, Fließbandarbeit, Telearbeit … polar schaut genauer hin: auf Arbeitsformen, Arbeitswelten und Arbeitsplätze. Es geht um den Sinn von Tätigsein und den Sinn eines Lebens ohne Arbeit, um die Trennung und Verschmelzung von Erwerbsarbeit und Privatheit, um den Lohn der Arbeit, um die Selbstbestimmung, aber auch Anstrengung des Müßiggangs und des Ruhestands. Neben Reportagen aus den Grenzbereichen der Arbeitswelt, etwa zu Sexwork oder der Arbeit in Callcentern, treten Berichte aus anderen Arbeitskulturen, aus Japan, aus Argentinien oder dem arabischen Raum.
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polar wird getragen von polarkreis e.V., einem Netzwerk meist jüngerer Wissenschaftler, Kulturschaffender und politisch Engagierter.
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Axel Honneth
Arbeit und Anerkennung
Versuch einer Neubestimmung
Noch nie in den letzten zweihundert Jahren hat es um Bemühungen, einen emanzipatorischen, humanen Begriff der Arbeit zu verteidigen, so schlecht gestanden wie heute. Die faktische Entwicklung in der Organisation von Industrie- und Dienstleistungsarbeit scheint allen Versuchen, die Qualität der Arbeit zu verbessern, den Boden entzogen zu haben: Ein wachsender Teil der Bevölkerung kämpft nur noch um den Zugang zu Chancen subsistenzsichernder Beschäftigung, ein anderer Teil arbeitet unter rechtlich kaum mehr geschützten Verhältnissen, ein dritter Teil schließlich erfährt im Augenblick die rapide Entberuflichung und Entbetrieblichung ihrer vormals noch statusmäßig gesicherten Arbeitsplätze.
Trotz aller Prognosen eines Endes der Arbeitsgesellschaft ist es nicht zu einem Relevanzverlust der Arbeit in der gesellschaftlichen Lebenswelt gekommen: Nach wie vor macht die Mehrheit der Bevölkerung die eigene soziale Identität primär von der Rolle im organisierten Arbeitsprozess abhängig. Von einem Bedeutungsverlust der Arbeit kann aber nicht nur in einem lebensweltlichen Sinn, sondern auch in einem normativen Sinn nicht die Rede sein: Arbeitslosigkeit wird weiterhin als soziales Stigma und individueller Makel erfahren, prekäre Beschäftigungsverhältnisse werden als belastend empfunden, die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes stößt in weiten Kreisen der Bevölkerung auf Unbehagen. Die Sehnsucht nach einem nicht nur subsistenzsichernden, sondern auch individuell befriedigenden Arbeitsplatz ist keinesfalls verschwunden, nur bestimmt sie nicht mehr die öffentlichen Diskussionen und die Arenen der politischen Auseinandersetzung; aber aus der eigentümlichen, beklemmenden Sprachlosigkeit zu schließen, dass Forderungen nach einer Umgestaltung der Arbeitsverhältnisse endgültig der Geschichte angehören, wäre empirisch falsch und nahezu zynisch.
Immanente und externe Kritik der Arbeitsverhältnisse
Wie nun müsste die Kategorie der gesellschaftlichen Arbeit heute in den Rahmen einer Gesellschaftstheorie einbezogen werden, damit eine nicht bloß utopische Perspektive auf qualitative Verbesserungen eröffnet wird? Um dieses komplexe Problem angehen zu können, will ich zunächst vorschlagen, die Unterscheidung von externer und immanenter Kritik auch auf die Absicht einer Kritik der existierenden Arbeitsverhältnisse anzuwenden: Von einer immanenten Kritik, in der die normativen Forderungen keinen bloßen Sollenscharakter mehr besitzen, können wir hier nur dann sprechen, wenn die Idee einer sinnvollen, gesicherten Arbeit als Vernunftanspruch in die Strukturen der gesellschaftlichen Reproduktion selbst eingebaut ist. Die gesellschaftliche Arbeit kann nur dann diese Rolle einer immanenten Norm übernehmen, wenn sie an die Anerkennungsbedingungen im modernen Leistungsaustausch gebunden wird: Jede Arbeit, die die Schwelle des bloß privaten, autonomen Tätigseins überschritten hat, muss in einer bestimmten Weise organisiert und strukturiert sein, um die gesellschaftlich in Aussicht gestellte Anerkennungswürdigkeit zu besitzen. Schließlich ist mit dieser strukturellen Verkoppelung von Arbeit und Anerkennung die Forderung einer Umgestaltung der modernen Arbeitswelt im Sinne einer gerechten Organisation der Arbeitsteilung verknüpft.
Utopie der kreativen Arbeit
Seit dem Beginn der Industriellen Revolution hat es an utopischen Entwürfen einer Neugestaltung der gesellschaftlichen Arbeit nicht gemangelt. Als Triebkraft dieser emanzipatorischen Vorstellungen wirkte zu Beginn die Welt des Handwerkers: Während hier der Vollzug der Arbeit vollständig in den Händen der arbeitenden Person lag, die die gesamte Ausführung im Vertrautsein mit dem Material schöpferisch gestalten und im fertigen Produkt schließlich eine Objektivation der eigenen Fertigkeiten erblicken konnte, waren dem Arbeiter in der Fabrik solche ganzheitlichen Erfahrungen restlos verschlossen, weil seine Tätigkeit fremdbestimmt, zerrissen und initiativlos war. Je nach weltanschaulicher Orientierung wurden an dem Modell der Handwerkstätigkeit entweder die Züge einer freiwilligen, selbstgesteuerten Kooperation oder die Elemente einer individuellen Selbstobjektivation stark gemacht: Im ersten Fall erschien die neue, kapitalistische Form der Erwerbsarbeit deswegen als verdammenswert, weil sie das schöpferische Zusammenwirken der Arbeitssubjekte außer Kraft setzte, im zweiten Fall hingegen, weil sie den organischen Prozess der Vergegenständlichung eigener Fähigkeiten zerstückelte und in einzelne, für sich bedeutungslose Segmente aufteilte. Zusätzlichen Zündstoff erhielt diese Kritik an der kapitalistischen Organisationsform der Arbeit, sobald auch ästhetische Modelle der Produktion in die Vision einer unentfremdeten, eigeninitiativen Tätigkeit einbezogen wurden: Vor allem bei den sozialistisch orientierten Erben der deutschen Frühromantik machte sich die Vorstellung breit, dass alle menschliche Arbeit Züge jener selbstzweckhaften Kreativität besitzen sollte, die exemplarisch in der Verfertigung eines Kunstwerks zum Tragen kommen.
So anschaulich und packend all diese Ideen einer Befreiung der Arbeit aber auch waren, so folgenlos sind sie am Ende doch für die tatsächliche Geschichte der Organisationsform gesellschaftlicher Arbeit geblieben. Das romantisch verklärte Modell der Handwerkstätigkeit und das ästhetische Ideal der künstlerischen Produktion enthielten zwar genügend Schubkraft, um unsere Vorstellungen eines guten, gelingenden Lebens nachhaltig zu verändern; aber auf die Kämpfe der Arbeiterbewegung, auf die sozialistischen Bestrebungen, die Arbeitsbedingungen zu verbessern und nach Möglichkeit den Interessen der Produzenten zu überantworten, haben sie so gut wie keinen Einfluss nehmen können.
Die zwiespältige Wirkung, die von den Arbeitsutopien des 19. Jahrhunderts ausgingen, erklärt sich aus dem Umstand, dass sie sich kaum auf die Anforderungen der wirtschaftlich organisierten Arbeit beziehen ließen: Die Tätigkeitsweisen, die sie auszeichneten und zum paradigmatischen Vorbild erkoren, waren zu extravagant, als dass sie als Gestaltungsmodell für all die Vorrichtungen dienen konnten, die für die Reproduktion der Gesellschaft erforderlich waren. Hier, im Bereich der ökonomischen Sphäre, unterliegen die individuell vollzogenen Tätigkeiten besonderen Anforderungen, die sich aus der Notwendigkeit ihres Einbringens in den gesellschaftlichen Leistungsaustausch ergeben. Ich will daher alle Versuche, die gegebenen, kapitalistischen Arbeitsverhältnisse im Lichte von Modellen des organischen, allein selbstgesteuerten Produzierens zu kritisieren, als Formen einer externen Kritik bezeichnen: Sie berufen sich normativ auf Tätigkeitsweisen, die dem kritisierten Gegenstand bloß äußerlich bleiben, weil sie strukturell mit den in der Wirtschaftssphäre erforderlichen Arbeiten unvereinbar sind. Was für das gute Leben des Einzelnen an Arbeitserfahrungen notwendig sein mag, darf nicht zugleich als Maßstab an die Beurteilung der gesellschaftlich organisierten Produktionssphäre herangetragen werden; denn hier herrschen Zwänge und Bedingungen, die es auch bei einer denkbar weiten Auslegung erforderlich machen, Tätigkeiten von einem ganz anderen Charakter als dem des Handwerks oder der Kunst auszuführen.
Die Schwelle zu einer immanenten Kritik der existierenden Organisation von gesellschaftlicher Arbeit wird erst in dem Augenblick überschritten, in dem moralische Normen herangezogen werden, die dem gesellschaftlichen Leistungstausch selbst als Vernunftanspruch innewohnen; mit der institutionalisierten Idee, die eigene Arbeit als Beitrag zur sozialen Arbeitsteilung zu verstehen, sind nämlich normative Ansprüche verknüpft, die bis auf die Ebene der Gestaltung der Arbeitsplätze durchschlagen.
Ein solcher Ansatz macht es allerdings erforderlich, den kapitalistischen Arbeitsmarkt nicht nur unter der funktionalistischen Perspektive der Steigerung von ökonomischer Effizienz zu betrachten; so würde an den Strukturen der modernen Arbeitsorganisation tatsächlich nur eine dünne Schicht strategischer Regelungen zu Tage treten. Wird hingegen berücksichtigt, dass der kapitalistische Arbeitsmarkt auch die Funktion der sozialen Integration zu erbringen hat, so ändert sich das Bild vollständig und wir stoßen auf eine Reihe von moralischen Normen, die der modernen Arbeitswelt zugrunde liegen.
Nikolai Vogel
Plug In (3)
Zum Wochenende wird er freigestellt. Nicht genug Aufträge, nicht genug Kunden, Einstellung des Geschäftszweigs. Betriebsbedingte Kündigung. Die Programmierarbeiten müsse man auslagern.
So, wie ihn Inge ansieht, weiß sie es schon, so Bedauern und Ach. Frank fragt: »Ist das wahr?« und steht auf, geht durch den Raum, aufgebracht. Niklas setzt sich auf seinen Drehstuhl, zuckt mit den Schultern, »geh ich halt«, murmelt er, »Spaß macht’s schon lange keinen.« »Wir sollten den Chef überarbeiten«, sagt Frank und sieht ihn an, Aufmunterungsversuch. Niklas versucht ein Grinsen. Frank bleibt stehen: »Was machst du jetzt? Schon eine Ahnung?«, und Inge beteuert »du musst uns unbedingt besuchen, wir hören uns alle um!« Alles von vorne für Christine, die aus einem Meeting kommt, und dann kommt noch Lea, bin ich ein Zootier? Wollen es nicht glauben und wussten es doch, zumindest lag es in der Luft, die ganze Zeit, wie lange erwarteter Regen. Darf gehen, freigestellt ab sofort. Wo ruft nun der Kunde an, überlegt er. Die Arbeit überarbeiten. Lea steht hinter ihm. Sie bleibt. Mich überarbeiten, die Welt überarbeiten. – Das Telefon klingelt, klingelt noch mal, er will es abklingeln lassen, verklingeln, ausklingeln, hebt doch ab, »niemand mehr hier«, sagt er, »nein«, sagt er, »das wird heute nicht mehr fertig«, sagt er, »nein«, sagt er, »ich werde mich dann nicht bei Ihnen melden«, sagt er, »auf Wiedersehen«, sagt er, »war mir ein Vergnügen«, sagt er und legt auf. Unmittelbar darauf klingelt es wieder und er lässt es klingeln, Hintergrundgeräusch Kunde, denkt er, Hintergrundgeräusch Welt, ich konzentriere mich jetzt auf die eigene Musik!
Viel hat er nicht zu packen. Viel mehr, als er mitnimmt, kommt in den Papierkorb. Die Arbeit wegwerfen, denkt er, die Arbeit einstellen, die Arbeit los sein. Lea sieht ihm immer noch zu, sagt nichts, weiß nicht, was sie sagen soll, denkt er, sieht zu, wie er seine Schubladen in den Papierkorb leert, all die sinnlosen Ablagen, /dev/null.
Pressetext (PDF)
Cover, reprofähig
