Wirtschaft und Gesellschaft

»Finanzielle Inklusion ist ein Tarnwort für Bargeldabschaffung.« Norbert Häring

Norbert Häring erklärt, wie uns auf Initiative von PayPal, WeChat, Amazon Go eine totalitäre Weltwährung droht.

Mit Ihrem Buch »Schönes neues Geld« möchten Sie der Öffentlichkeit zeigen, dass Bargeld nicht einfach soverschwindet, sondern als Teil einer durchdachten globalen Strategie verdrängt wird. Wer sind die treibenden Akteure und was ist ihre Agenda?

Norbert Häring: Das kann man am besten an der »Globalen Partnerschaft für finanzielle Inklusion« festmachen. Finanzielle Inklusion ist ein Tarnwort für Bargeldabschaffung. Zu dieser Partnerschaft hat die US-Regierung alle Regierungen und Notenbanken der G20,  also der 20 größten Industrienationen, zusammengespannt. Auf privater Seite nehmen die global führenden IT-Konzerne aus den USA an dieser öffentlich-privaten Partnerschaft teil; außerdem große Banken und Kreditkartenunternehmen. Ziel ist es, Bargeld durch digitale Bezahlverfahren zu verdrängen, damit die beteiligten Konzerne mehr daran verdienen, und um die staatliche Überwachung der Bürger zu vervollkommnen.

Hinter der »Besser-als-Bargeld-Allianz« stehen auf Unternehmensseite vor allem die US-Kreditkartenanbieter Mastercard und Visa. Was ist die langfristig Zielsetzung hinter dem Projekt zur »Förderung der finanziellen Inklusion«?

Norbert Häring: Neben Mastercard und Visa sind auch noch die US-Regierung und der Microsoft-Gründer Bill Gates eine sehr wichtige Rolle in dieser Kampagne. Gates hat deutlich gemacht, worum es bei finanzieller Inklusion geht. Nämlich darum, alle an eine System anzuschließen, das von der US-Regierung kontrolliert wird; in dem sie „alle Transaktionen verfolgen kann, die sie kennen sollte, und alle Transaktionen blockieren kann, die blockiert werden sollten“. Das sagte er auf einem „Financial Inclusion Forum“ in Washington, als er sich unter Gleichgesinnten wähnte. Es gibt ein Video davon.

Finden Sie diesen Begriff der finanziellen Inklusion zynisch? Warum?

Norbert Häring: Es ist ein typischer Fall von Neusprech im Sinne George Orwells. Es bedeutet genau das Gegenteil dessen, was der Begriff nahelegt. Den Menschen soll keine zusätzliche Option geboten werden, sondern ihnen soll vor allem die Bargeld-Option weggenommen werden. Bargeld ist aber das inklusivste Zahlungsmittel, das es gibt. Es kostet nichts und ist leicht zu nutzen, auch für Menschen am Rande der Gesellschaft.

Wie steht die Europäische Union konkret zur Bargeldabschaffung?

Norbert Häring: Die wichtigsten Organe der EU, also EU-Kommission, Regierungen, Europäische Zentralbank sind alle Teil der G20 Partnerschaft für finanzielle Inklusion. Sie setzen mit unterschiedlich viel Engagement die bargeldfeindlichen Verabredungen von dort um. Als zum Beispiel Larry Summers, der Ex-Finanzminister der USA, die Abschaffung des 500-Euro-Scheins forderte, dauerte es nur Wochen, bis die Europäische Zentralbank das beschloss.

Die Abschaffung des Zahlungsverkehrs mit Bargeld wird immer wieder mit der Gleichung mehr Transparenz von Geldtransfer = größere Sicherheit für den einzelnen Bürger. Wie schätzen Sie das ein?

Norbert Häring: Wenn man volles Vertrauen in den Überwachungsstaat setzt, dann stimmt das. Wenn man bürgerliche Freiheitsrechte auch als Sicherheit vor staatlicher Willkür und staatlichem Totalitarismus begreift, dann ist das Gegenteil richtig.

Schönes neues Geld spielt auf die Schöne neue Welt von Aldous Huxley aus dem Jahr 1932 an, einen der einflussreichsten Science-Fiction-Romane des 20. Jahrhunderts. Worin sehen Sie die konkrete Parallele zu Ihrem brandaktuellen Buch?

Norbert Häring: Was uns an Vorteilen der neuen Bezahlwelt verheißen wird, ähnelt dem, was Huxley beschrieben hat: Kriminalität ist ausgerottet, weil die Überwachung zu gut ist. Jeder zahlt seine Steuern. Sozialbetrug ist unmöglich. Selbstschädigung der Menschen durch Unvernunft wird wirksam unterbunden. Fast alle sind glücklich in Huxleys schöner neuen Welt, und doch lesen die meisten sein Buch als eine Horrorvision. Die bargeldlose Welt, wie sie sich die Better Than Cash Alliance vorstellt, ist auch eine solche Horrorvision der totalen Überwachung und Kontrolle. Und zwar nicht als unbeabsichtigter Nebeneffekt, sondern als Ziel.

 

Dr. Norbert Häring ist Wirtschaftsjournalist und Autor populärer Wirtschaftsbücher. Er schreibt für das Handelsblatt und betreibt den Blog »Geld und mehr«. 2014 wurde er mit dem Preis der Keynes-Gesellschaft für Wirtschaftspublizistik ausgezeichnet. Die von ihm 2011 mitbegründete internationale Ökonomenvereinigung World Economics Association hat über 12 000 Mitglieder. 2016 veröffentlichte er das Buch »Die Abschaffung des Bargelds und die Folgen«.

24.08.2018

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19,95 € inkl. Mwst.