Wirtschaft und Gesellschaft

»Für das alte Establishment in Deutschland ist es Zeit, Platz zu machen.« Madeleine Hofmann

Madeleine Hofmann fordert »Macht Platz für die Jugend!«. Und findet es skandalös, dass in Deutschland vor allem die Alten die Zukunft bestimmen. Ein Gastbeitrag.

Nicht wir Jungen sind es, die über die Zukunft bestimmen, sondern die Alten. Das muss sich ändern.

Der vergangene Sommer hat es mal wieder bewiesen: In der Bundesrepublik wird nicht mit der Jugend gesprochen, sondern am liebsten über sie. Olaf Scholz macht Rentenversprechen an die Alten - aber finanziert wird später, von den Jungen. Tausende LehrerInnen sind in den Ferien arbeitslos, denn die Länder müssen sparen. Also stellen sie viele junge BerufseinsteigerInnen nur für ein paar Monate ein. Der Vorschlag von Annegret Kramp-Karrenbauer, die Wehrpflicht wieder einzuführen, gilt– natürlich nicht für alle, die das bisher versäumt haben, sondern nur für die zukünftige Jugend.

Den BundesbürgerInnen ist die Solidarität zwischen den Generationen abhandengekommen. Statt Lebenschancen und Ressourcen gleichmäßig zu verteilen, leben Ältere hierzulande auf Kosten junger und zukünftiger Generationen – getreu dem Motto: Nach uns die Sintflut!

Möglich ist das, weil die Alten in der Mehrzahl sind. Und durch das Ergrauen der Bundesrepublik hat sich ein Fehler ins System geschlichen: Die Interessen der Jungen werden nicht mehr vertreten. 2017 waren schon mehr als die Hälfte der Wahlberechtigten über 50 Jahre. Die Alten bilden die größte Wählergruppe und ihre Stimmen sind heiß begehrt. Sie entscheiden die Wahlen – also wird vor allem für sie Politik gemacht.

 

Von wegen desinteressiert und politikfaul! Die Jugend wird missverstanden.

»Generation Ego: Jugendliche denken nur an sich selbst«, »Die Jungen sind selber schuld«, »Unsicher, ziellos, wenig belastbar«. Tja, mit der Jugend von heute sei nichts los: Mit einer Mischung aus Enttäuschung und selbstzufriedener Gehässigkeit haben das in den letzten Jahren nur allzu viele JournalistInnen, WissenschaftlerInnen und sonstige selbsternannte Personen des öffentlichen Lebens festgestellt. Kein Thema könne diese jungen Generationen von ihren Computerbildschirmen hervorholen.

Umfragen, die der Frankfurter Soziologe Patrick Sachweh ausgewertet hat, bestätigen: Junge Leute kommen gar nicht erst auf die Idee, staatliche Umverteilung zu fordern, obwohl sie selbst davon profitieren würden. Aber eben nicht, weil sie faul sind, sondern weil sie so wenig vom Sozialstaat erwarten – sie kennen ihn nur kontrollierend und herzlos, wie nach der Agenda 2010.

 

Politik, Wirtschaft, Gesellschaft: Wir müssen die gläserne Decke einschlagen

Es heißt, die einflussreichsten Lobbygruppen Deutschlands seien Krankenkassen, die Pharma-, Energie- und die Automobilindustrie. Dabei wird eine große Gruppe vergessen: die Alten. Sie haben zwar keinen eigenen Verband, dafür hat jedes einzelne Mitglied der Gruppe etwas, das PolitikerInnen unbedingt haben wollen: eine WählerInnenstimme. Rund 16 Prozent der deutschen Bevölkerung jedoch verfügen nicht über dieses Druckmittel: die Minderjährigen.

 

Die Stimme von mehr als 13 Millionen jungen Menschen hat politisch kein Gewicht.

Die deutsche Jugend hat zwar noch keine solch traumatisierenden Abstimmungserlebnisse hinter sich wie die Jugend in Großbritannien oder in den USA, wo sie ganz klar von den Alten überstimmt wurden. Doch würde morgen über die Zukunft abgestimmt werden: Es ist gut möglich, dass sie aus Versehen und mit tiefster Überzeugung der Alten abgeschafft werden würde.

Auch in der Wirtschaft müssen sich die Jungen oft den alten Strukturen beugen. Starre Arbeitszeiten, hierarchische Organisationsformen und keine Chance auf Verantwortung – dem gehen wir, wenn wir können, aus dem Weg, indem wir in Start-ups arbeiten oder selbst Unternehmen gründen – in der Hoffnung, so irgendwann doch noch Einfluss auf das große System zu nehmen.

 

Die Politik braucht ein Update

Nicht der fehlende Enthusiasmus der Jungen bremst ihr Engagement, sondern die verkrusteten Strukturen der Beteiligungsinstitutionen in Bildung, Wirtschaft und Politik, allen voran der Parteien. Die klassischen Parteien haben das Vertrauen vieler junger Menschen verloren. Von absoluter politischer Teilnahmslosigkeit der Jungen kann trotzdem nicht die Rede sein. Wenn sich Jugendliche als »nicht politisch interessiert« bezeichnen, wie es mehr als die Hälfte in der Shell-Jugendstudie 2015 tun, meinen sie damit: keine Lust auf klassische Parteiarbeit, Bundestagsdebatten und Querelen unter Politikerinnen. Ihren Einsatz für Fair-Trade-Kaffee in der Mensa oder die Unterschriftenaktion für die Rettung des städtischen Freibads verbuchen viele gar nicht erst als »politisch«. Ihr Engagement ist also quasi undercover.Politisches Engagement hat heute viele Formen – und lässt sich gar nicht so leicht messen. All die neuen Formen des Engagements haben eines gemein: Sie sind überparteilich, themenbezogen und lassen Engagement schnell, effektiv und größtenteils ohne festen Zeitrahmen zu.

 

Strukturen, weil es »immer schon so war«.

Wir sind mit vielen alten Ideen konfrontiert, gegen die es sich lohnt, sich zusammenzutun. Ein Politikwechsel muss her – weg von veralteten Strukturen, grauen Köpfen und der Verwaltung des Gestern, hin zu innovativen Ideen, Teilhabe aller Altersgruppen und der Gestaltung einer Zukunft, in der wir alle gerne leben möchten. Für das alte Establishment in Deutschland ist es Zeit, Platz zu machen – für uns, den Nachwuchs!

 

Madeleine Hofmann, geb. 1987, arbeitet als Journalistin in Berlin, u.a. für das ZDF Morgenmagazin, ze.tt und Capital.de. Mit ihrer Kolumne "Die Jugend von heute" für das Magazin The European rückte sie Werte und Interessen der jungen Generationen in den Mittelpunkt politischer Debatten. Für ihr Magazin Knowing (wh)Y wurde sie ausgezeichnet, von der Stiftung für die Rechte zukünftiger Generationen sowie von der Initiative #FreeInterrail zur Botschafterin ernannt. Als Expertin und Talk-Gast ist sie in TV und Radio zu sehen und zu hören.

 

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11.09.2018

Wirtschaft & Gesellschaft

Macht Platz!
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