Wissenschaft

»Wir befinden uns auf dem unwürdigen Niveau einer Kulturbeutelkultur« Volkmar Sigusch

Volkmar Sigusch erhält Ende Mai den Sigmund-Freud-Kulturpreis 2019. Mit diesem wird er als herausragender Sexualwissenschaftler gewürdigt, der auf originelle Weise Freud und die Psychoanalyse als Fundament seines Denkens schöpferisch gebraucht und zugleich die zeitgenössische Psychoanalyse kritisch mit der Perspektive einer aufgeklärten Sexualwissenschaft konfrontiert hat. Campus gratuliert einem außerordentlichen Wissenschaftler und einem brillanten Essayist!

Was ist der Kern der »neosexuellen Revolution«?

Volkmar Sigusch: Ich spreche in der Fachsprache von drei großen Prozessen: Dissoziation, Dispersion und Diversifikation. Das heißt kurz gesagt: Die alten Geschlechts-, Beziehungs- und Sexualformen wurden zerlegt, zerstreut und vervielfältigt. Es gibt jetzt zum Beispiel Asexuelle, die sich dazu bekennen, keinen Sex haben zu wollen. Und es gibt vor allem durch das Internet eine enorme Zerstreuung des Sexuellen. Hinzu kommen neue Lebensweisen, zum Beispiel Polyamorie oder Neozoophilie, also die einen lieben gleichzeitig mehrere Menschen und die anderen leben mit einem Tier liebevoll wie mit einem Menschen zusammen.

 

Sie haben Begriffe wie »Liquid Gender« oder »Cisgender«, der im Oxford Dictionary aufgenommen wurde, geprägt und das »Normale« damit ins Wanken gebracht. Von wo bekamen Sie als kritischer Sexualwissenschaftler den heftigsten Gegenwind?

Volkmar Sigusch: Natürlich von den extremen Religionsanhängern und von sehr konservativen Politikern.

 

In einem Ihrer Essays vertreten Sie die These: Vor Jahrhunderten war Pornografie politisch und kritisch. Wodurch ist diese Komponente verloren gegangen?

Volkmar Sigusch: Dadurch, dass wir in Europa keine erotische Kultur entfaltet haben, in der Gier und Neugier immateriell und spirituell befriedigt werden können wie in der europäischen Antike oder im alten China. Wir befinden uns auf dem unwürdigen Niveau einer Kulturbeutelkultur - wie ich gerne sage. Sexindustrie und Massenpornografie sind ein logischer Bestandteil unserer anterotischen Kultur.


Welche Frage sollte sich die kritische Sexualwissenschaft heute unbedingt stellen?

Volkmar Sigusch: Wie können wir die Kulturbeutelkultur hinter uns lassen? Und wie kann Menschen, die wegen ihres abweichenden sexuellen Verlangens oder ihrer ungewöhnlichen Geschlechtlichkeit ungerecht behandelt werden, geholfen werden, zum Beispiel den Intergeschlechtlichen, den Transgeschlechtlichen oder den sexuell Abweichenden? Und natürlich: Wie können wir den Opfern von sexuellen Übergriffen wirksam helfen?

 

Volkmar Sigusch, Arzt und Soziologe, ist einer der angesehensten Sexualwissenschaftler der Gegenwart.

Von 1973 bis 2006 war Sigusch Direktor des Instituts für Sexualwissenschaft der Universität Frankfurt am Main. Als jüngster Medizinprofessor auf den ersten selbstständigen Lehrstuhl für Sexualwissenschaft berufen, entfaltete er national und international eine außerordentliche Wirkung. Sigusch gehörte dem Nobelkommittén des Karolinska Institutet in Stockholm zur Vergabe des Medizin-Nobelpreises an, war einer der Gründer der International Academy of Sex Research (IASR), wurde von den führenden Fachblätter The Journal of Sex Research und Archives of Sexual Behavior als Co-Editor für Europa berufen, von der Society for the Scientific Study of Sex, New York, zum Fellow und von der Harry Benjamin Gender Dysphoria Association zum Charter Member ernannt.

Prof. Sigusch hat bisher über 500 wissenschaftliche Arbeiten veröffentlicht, darunter mehr als 30 Bücher. Bei Campus erschienen sind unter anderem: »Neosexualitäten«, »Auf der Suche nach der Sexuellen Freiheit« und »Sexualitäten«.

In Filmen über ihn und in der Presse wird er als »Doyen der deutschen Sexualwissenschaft« (Der Spiegel), als »brillanter Essayist« und als Begründer der »kritischen Sexualwissenschaft« (Süddeutsche Zeitung) oder als »Pionier der Sexualmedizin« (FAZ) bezeichnet. »Neosexualitäten« stand wochenlang auf den Sachbuch-Bestenlisten der großen Zeitungen.

27.05.2019

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Kritische Sexualwissenschaft
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