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"Die achtziger Jahre waren keine gute Zeit, um erwachsen zu werden, jedenfalls keine Zeit, auf die man voller Sentiment zurückblicken kann", schrieb Frank Goosen in seinem Roman Liegen Lernen. "Auf den Illustrierten waren entweder nackte Frauen oder Atompilze, manchmal beides, und man wußte oft nicht, was schlimmer war."1 Hohe strukturelle Arbeitslosigkeit, Schulterpolster und schreckliche Frisuren, dazu die Agonie der Ära Kohl - es fällt in der Tat schwer, für die achtziger Jahre nostalgische Gefühle zu entwickeln. Nur eine Gruppe der bundesdeutschen Bevölkerung gerät beim Gedanken an dieses Jahrzehnt regelmäßig ins Schwärmen, und das sind die Natur- und Umweltschützer. Für sie sind die achtziger Jahre die Boomzeit schlechthin, als Waldsterben und Ozonloch die Menschen bewegten, als Sandoz und Tschernobyl die Risiken der Großtechnik demonstrierten und die Menschen in Scharen zu Umweltverbänden und Bürgerinitiativen strömten. Stetig gewann eine junge Partei mit dem seltsamen Namen "Die Grünen" an Wählerstimmen, die Presse schreckte selbst vor arkanen Details der Chlorchemie nicht zurück, und wenn die Regenbogenkämpfer von Greenpeace mal wieder einen Schornstein besetzt hatten, war es abends in der Tagesschau zu sehen. Die Sache der Umwelt segelte im Wind des Zeitgeistes, und Umweltaktivisten erfreuten sich allgemeiner Beliebtheit.
Die selige Erinnerung an die grünen achtziger Jahre ist auf den ersten Blick nicht leicht zu verstehen. Ist Deutschland nicht weiterhin das Umweltland schlechthin, in dem jeder aufgeweckte Zeitgenosse ein solides Umweltbewusstsein reklamiert? Längst sind ökologische Themen in Deutschland zu einem selbstverständlichen Bestandteil der Lebenswelt geworden, ja geradezu zu einem Element der bundesdeutschen Identität. Vor allem in der selbstbewussten Abgrenzung gegenüber den Vereinigten Staaten gewinnt durchaus so etwas wie ein grüner Patriotismus Konturen. Während in den USA eine effektive Klimapolitik von einer hartnäckigen Lobby der "Klimaleugner" torpediert wird, ist die Realität der globalen Erwärmung in der bundesdeutschen Öffentlichkeit kaum umstritten, und die Führungsrolle der Bundesregierung in den internationalen Klimaverhandlungen wird lagerübergreifend mit Wohlwollen unterstützt. Während die Vereinigten Staaten aufs Automobil setzen, pflegt Deutschland ein fein ziseliertes Netz des öffentlichen Nahverkehrs. Und während in Amerika nach gängiger Ansicht das "ex und hopp" regiert, spült der Bundesbürger brav seine Joghurtbecher, damit es beim Recycling auch ja keine Probleme gibt. Wozu also die wehmütige Erinnerung an die achtziger Jahre, wenn man weiterhin stolz ist auf das grüne Vaterland?
Wer sich in Umweltkreisen umhört, stößt rasch auf ganz andere Stimmen. Schon seit längerer Zeit überwiegt unter den Insidern das Gefühl der Stagnation: Die volltönende grüne Rhetorik verdeckt, dass man in Wirklichkeit auf der Stelle tritt. Einmütig klagen Umweltverbände über einen Mangel an Personal und ein nachlassendes Engagement der Basis. Es fehlen die spektakulären Erfolgserlebnisse - sehr im Unterschied zu den achtziger Jahren, als sich die einschlägigen Maßnahmen und Initiativen geradezu überschlugen. Während damals die Entschwefelung der Großkraftwerke gegen erheblichen Widerstand durchgeboxt wurde, hat die Umweltpolitik in der jüngsten Vergangenheit eher Errungenschaften von der Art des Dosenpfands hervorgebracht, auf das niemand stolz ist. Selbst die PR-Profis von Greenpeace haben seit der Brent Spar-Kampagne 1995 keinen öffentlichkeitswirksamen Coup mehr gelandet.
Kein Zweifel: Die Umweltbewegung ist in der Krise. Aber es ist eine schleichende Krise, die sich nicht in den üblichen Symptomen dokumentiert. Es fehlen die großen Rückschläge und Niederlagen, die gemeinhin den Niedergang einer sozialen Bewegung markieren, und von einer mächtigen Gegenbewegung ist weit und breit nichts zu sehen. Während die amerikanische Umweltbewegung unter George W. Bush einen spektakulären "Backlash" erfuhr, bläst in Deutschland kein ernstzunehmender Politiker zur Attacke auf den ökologischen Interventionsstaat. Selbst die FDP steht selbstverständlich zum Kyoto-Protokoll und verbannt den Ruf nach Deregulierung ins Kleingedruckte. Auch die Mitgliederzahlen der Umweltverbände geben auf den ersten Blick keinen Anlass zur Sorge: Der BUND hat fast eine halbe Million Mitglieder und Förderer, und bei NABU und Greenpeace Deutschland liegen die Zahlen in einer ähnlichen Größenordnung. Aber dahinter verbirgt sich ein Mangel an Elan, ein spürbarer Frust und zugleich eine allgemeine Ratlosigkeit über mögliche Antworten.
Die Wahlerfolge der Grünen im Frühjahr 2011, die in der Wahl des ersten grünen Ministerpräsidenten in Baden-Württemberg gipfelten, haben diese Krise allenfalls notdürftig übertüncht - selbst dann, wenn man sie nicht nur als kurzlebige Momentaufnahmen in einem zunehmend unberechenbaren Parteiensystem betrachtet. Im Grunde genommen bestätigten die Erfolge eher, wie sehr die Umweltbewegung in den Strukturen der Vergangenheit verharrt. Der baden-württembergische Wahlsieg ähnelt jedenfalls frappierend jenen der achtziger Jahre: Atomprotest als Leitmotiv, das "rot-grüne Projekt" als Bündnis der Zukunft, hinzu kontroverse Infrastrukturprojekte - was damals die Startbahn West war, ist heute Stuttgart 21. Wie zur Bestätigung der Diagnose wurde mit Winfried Kretschmann ein Ministerpräsident gewählt, der schon 1980 für die Grünen in den baden-württembergischen Landtag eingezogen war. Die Zukunft der neuen Landesregierung ist naturgemäß offen, und doch kann man bereits jetzt ziemlich sicher sein, dass sich diese günstige Konstellation nicht wiederholen wird. Schon die nächste Bundestagswahl könnte die erste seit Jahrzehnten werden, in der die Atompolitik keine Rolle mehr spielt.