Nicole Witte

Ärztliches Handeln im Praxisalltag

Eine interaktions- und biographieanalytische Studie

Nicole Witte untersucht mittels Videoanalysen von Konsultationen und lebensgeschichtlichen Interviews, wie Ärztinnen und Ärzte mit ihren Patienten interagieren und wie sich diese Interaktionsmuster im bisherigen Lebensverlauf herausgebildet haben. Die Studie beschränkt sich damit nicht auf die Betrachtung einer professionellen Rolle, sondern lässt den Arzt oder die Ärztin als ganzen Menschen im Sprechzimmer sichtbar werden.

Nicole Witte
Nicole Witte, Dr. disc. pol., ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am Methodenzentrum Sozialwissenschaften der Georg- August-Universität Göttingen.
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07.01.2011, socialnet

Eine beeindruckende Untersuchung, die ein bislang weitgehend vernachlässigtes Forschungsfeld unter die Lupe nimmt und aufschlussreiche, interdisziplinär verwertbare Ergebnisse vorlegt.

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Schon lange vor Beginn meiner Forschungsbemühungen in den Themenbereichen ›ärztliches Handeln‹ oder ›Arzt-Patient-Interaktion‹ und damit vor dem Beginn meiner wissenschaftlichen Arbeit insgesamt hat mich die Frage beschäftigt, warum es manchen Ärztinnen und Ärzten gelang, mich in einer Weise anzusprechen, die bei mir als Patientin den Eindruck von Verständnis und Empathie (und damit häufig auch medizinisch angemessener Behandlung) hinterließ. Konsultationen bei anderen Mediziner/-innen verliefen demgegenüber ganz anders, irritierten mich teilweise, machten mich unzufrieden oder manchmal sogar wütend.

In Gesprächen im Familien- oder Bekanntenkreis wurde dann regelmäßig deutlich, dass diese von mir wahrgenommene Varianz im Handeln verschiedener Ärztinnen und Ärzte keineswegs nur meine individuelle Erfahrung war. Darüber hinaus wurden mir von meinen Gesprächspartnern stets Erklärungsmodelle dafür präsentiert, warum der eine Arzt sympathisch und zugewandt agiert, der andere hingegen sachlich und wenig empathisch und der dritte gar elementare Regeln der Höflichkeit außer Acht lässt und beispielsweise die Begrüßung des Patienten zu Beginn einer Konsultation offenbar für einen überflüssigen Luxus hält. "Der ist eben so"; "Der ist nett" oder "Die ist immer sehr ernst" waren zu hörende Erklärungen der Menschen, mit denen ich im Alltag über ihre Erfahrungen mit Ärztinnen und Ärzten gesprochen habe.

Diese alltagsweltlichen Sinndeutungen korrespondieren mit psychologischen Annahmen, dass Konzepte wie Selbst, Einstellungen, Fähigkeiten, Motive, Gefühle, aber auch beispielsweise Geschlecht psychische oder gar physische Merkmale eines Individuums sind und in der wissenschaftlichen ›Übersetzung‹ damit unabhängige Variablen darstellen, die selbstverständlich im Vorfeld der Untersuchung genauestens festzulegen sind. Eine Vorstellung dieser Konzepte als "diskursiv hergestellt" und damit eher als "Attribute von Konversationen und nicht als mentale Einheit[en]" (Harré 1992: 526) war mir zu Anfang meiner Forschung noch fremd.

Erste mehr alltagsweltliche Deutungen vor diesem Hintergrund und die genannte methodische Ausbildung führten mich zu einem zunächst noch wenig elaborierten Erklärungsmodell für meine Fragestellung, welches ›Talent‹ (der Ärztinnen und Ärzte) im Umgang mit den Patientinnen und Patienten als wichtigste (unabhängige) Variable für Patientenzufriedenheit oder eine gelingende Interaktion enthielt, jedoch noch der Operationalisierung bedurfte.

Die Vorstellung von ›Talent‹ als zentraler Variable wurde noch durch mein Literaturstudium über die standardisierte ärztliche Ausbildung in der Bundesrepublik Deutschland im Vorfeld der Untersuchung gestützt. Diese Ausbildung in Vorklinik und Klinik erschien offenbar nicht besonders geeignet, die unterschiedlichen persönlichen Fähigkeiten der einzelnen Studierenden durch entsprechende curriculare Maßnahmen zumindest annähernd einander anzugleichen bzw. auch zu verbessern, was ich zunächst sowohl auf die im medizinischen Studium eher randständige Gesprächs- oder Interaktionsausbildung als auch auf die Bedeutsamkeit der ›Talent-Variable‹ zurückführte. Gäbe es sonst nicht weniger Varianz im ärztlichen Handeln und damit auch weniger Forschungsbedarf?

Der Skizzierung meiner Ausgangsposition nachfolgend soll nun die Entwicklung meiner Forschung dargestellt werden, die mit der Öffnung der Forschungsfrage, der Änderung der theoretischen Perspektive auf den Forschungsgegenstand und der Änderung des methodischen Vorhabens einhergeht. Führte mich der Weg doch zu einer Untersuchung unter Anwendung einer methodischen Triangulation, angesiedelt im interpretativen Paradigma auf der Grundlage der bereits angedeuteten sozialkonstruktivistischen Handlungstheorie, und entfernte ich mich damit sehr weit von meinem oben ausgeführten Ausgangspunkt.

Cover, reprofähig

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Erscheinungstermin:
08.11.2010

kartoniert

475 Seiten, 8 Abbildungen

Reihe: Biographie- und Lebensweltforschung, Bd.8

EAN 9783593393131

€ 45,00

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