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… und was hat die Praxis hiervon?
Die zeitgenössische Stadtforschung verfügt über mehrere große Leitwerke wie Alexander Mitscherlichs Unwirtlichkeit der Städte oder Jane Jacobs Tod und Leben großer amerikanischer Städte. Zentral an diesen Texten ist die Kritik an der herrschenden Stadtplanung und Stadtentwicklung, die an den Menschen vorbei plane, die Freiheit einschränke und dem Organismus Stadt nicht gerecht werde. Die Eigenlogikforschung nimmt diese Kritik auf und entwickelt sie weiter. Dabei steht die Stadtforschung seit ihren Anfängen im Austausch mit der Gestaltungspraxis (vgl. Rodenstein 2008) und will nahe an den gesellschaftlichen Realitäten entlang forschen. Im innerwissenschaftlichen Diskurs handelt man sich so schnell den Vorwurf der Instrumentalisierung durch die Praxis ein. Wer sich in zu große Nähe zu den Akteuren der Gestaltung begibt und nur zu aktuellen Themen Stellung bezieht, scheint befangen zu sein und Teil des Spiels zu werden. Dieses Argument lässt sich aber auch umkehren, denn nur im direkten Austausch besteht die Möglichkeit, wissenschaftliche Erkenntnisse in Alltagsroutinen der Praxis einfließen zu lassen und das Zusammenleben zu verbessern (vgl. Weingart 2001). Das »Untersuchungsobjekt« Stadt wird durch Forschung natürlich auch mitgestaltet, wenn Wissenschaftler öffentliche Debatten – zum Beispiel Planungsprozesse – analytisch begleiten.
Solche Vermittlung von Wissenschaft und Praxis gewinnt seit einigen Jahren an Dynamik. Man könnte gar von einer neuen Konstellation sprechen, in der die gesellschaftlichen Anforderungen an Wissenschaft und Forschung zunehmend steigen. Wissenschaftler werden zunehmend darauf aufmerksam gemacht, dass die Produkte ihrer Arbeit zu einem gewissen Anteil nach »außen«, in die Öffentlichkeit hinein vermittelbar sein müssen; man denke an den ARD-Wissenschaftsexperten Rangar Yogeshwar. Die Auswirkungen auf die Organisation von Forschung sind immens: Institutionelle Lösungen – nach dem Motto one size fits all – sind nicht mehr allein ausreichend. Stattdessen werden unterschiedliche Lösungen kreiert, die zwischen dem Innen und dem Außen der Wissenschaft vermitteln (vgl. Neidhardt et al. 2008). Der hohe Bedarf und das hohe Interesse an Beratung und Austausch mit der Praxis im Allgemeinen und besonders bei den Städten unterstreicht, dass dies kein künstlich erzeugter Trend ist, sondern Ergebnis steigender Komplexität der Wissensgesellschaft, innerhalb deren die Wissenschaft agiert und reagiert.
Das Hauptproblem von Kooperationen zwischen Wissenschaft und Praxis sind die unterschiedlichen Zeithorizonte der Akteure, die Finanzierung der Vorhaben und die Arbeitsbelastung auf beiden Seiten. Dabei bedürften beide nicht nur einer gemeinsamen Sprache, sondern eines zusätzlichen Arbeitsschritts, der die eigene Sicht oder Erkenntnis aufbereitet und dem Gegenüber verständlich macht – so wie es dieses Buch versucht. Gemeinsame Projekte können solche Hürden verkleinern, auch die Fokussierung auf Themen kann helfen. Die großen Themen der Städte – die Finanznot der Kommunen, der demographische Wandel, Integration oder Klimawandel – werden dabei in eine übergeordnete Perspektive eingebettet, die helfen kann, aus einzelnen Bereichen auf andere zu schließen und damit die Gesamtheit der Stadt zu verstehen, was wiederum für die Strategie einer Kommune von zentraler Bedeutung sein kann. Städtische Routinen im Licht der Eigenlogik zu erkennen, enthält Chancen und kann Risiken mildern (Löw 2008b: 234). Gerade in Zeiten der Globalisierung und des Städtevergleichs als quasinatürlichem Reflex auf sie (Löw 2008b: 11 f. sowie 116 ff.) zeigt sich, das Großdebatten wie die über die Globalisierung alles erklären und wiederrum auch nichts. Für die lokale Ebene sind sie nicht hilfreich. Die Konzentration auf die Eigenlogik bietet Städten eine Möglichkeit, sich ihrer Stärken und Schwächen gewahr zu werden. Die daraus folgenden Schlüsse mögen eine Stadt vielleicht nicht zur Top-Adresse des internationalen Jetsets machen, aber sie können ihr helfen, ihre ganz eigenen Stärken fortzuentwickeln. Was eben in einer Stadt klappt, klappt in der anderen Stadt nicht zwangsläufig. Die IBA Emscher Park im Ruhrgebiet gilt als Erfolg, muss in anderen Industrieregionen, jedoch nicht gelingen.
Dieses Buch versammelt erste Forschungsergebnisse des Darmstädter LOEWE-Schwerpunkts »Eigenlogik der Städte«, geschrieben im Wissen, dass Praktiker die Ergebnisse lesen und Erwartungen an Umsetzbarkeit zu Recht formulieren. Forschungsergebnisse werden zusammengefasst, aber nicht in lexikalischem Modus abstrahiert. Vielmehr werden lebendig und anschaulich neue Perspektiven erläutert, die erst durch den Blick auf die »Eigenlogik der Städte« entstanden sind. Die Interdisziplinarität des Forschungsschwerpunktes zeigt sich auch in der Autorenauswahl, die Wirtschaftwissenschaftler, Soziologen, Politikwissenschaftler, Historiker und Kunsthistoriker, Bauingenieure, Architekten, Rechtswissenschaftler und Sportwissenschaftler zusammenbringt. Die Handschrift der Soziologie ist dabei unverkennbar, aber sie ist unübersehbar auch durch die anderen Disziplinen befruchtet worden (vgl. Löw 2008b: 49 ff.).
Das Buch besteht aus vier Einheiten: Stadt als Wirtschaftsraum, Stadt als kultureller Raum, Stadt als gebauter Raum und Stadt als politischer Raum. Jeder Einheit ist eine Einführung vorangestellt und jedem Artikel eine farblich abgesetzte Zusammenfassung angehängt, die den Mehrwert des Eigenlogik-Aspekts nochmals separat und aus Sicht der Herausgeber verdeutlichen soll. Das letzte Kapitel fasst die Handlungsempfehlungen der Einzelbeiträge zusammen und formuliert Denkachsen für die praktische Gestaltung von Städten.