Wirtschaft und Gesellschaft

»Viele Fehler bei der Statistik basieren auf Unwissenheit und Schlamperei.«

Statistik-Professor Walter Krämer beweist uns in seinem Buch, dass Nachdenken reicht, um falsch angewandte Statistik zu durchschauen. Ein Interview mit dem Autor von »So lügt man mit Statistik«.

Statistiken sind oft falsch, sagen Sie in Ihrem Buch »So lügt man mit Statistik«. Steckt dahinter eher Unwissenheit oder klares Kalkül?

Walter Krämer: Halb und halb. Viele Fehler bei Prozenten oder beim Hochrechnen aus verzerrten Stichproben basieren auf Unwissenheit und Schlamperei. Auf der anderen Seite grenzt etwa das Erzeugen passender Umfrageergebnisse mittels suggestiver Fragen oft schon an absichtliche Kriminalität. Von der brutalen Fälschung ganzer Staatsbilanzen in der DDR oder in Griechenland ganz abgesehen.

 

Was war die haarsträubendste »Fälschung«, die Ihnen bisher begegnet ist?

Walter Krämer: Eine Falschmeldung zu Aidsstatistik aus dem Deutschen Ärzteblatt. Da hat man unter der Rubrik »Aktuelle Fälle« die Summe aller jemals aufgetreten Fälle gemeldet. Und auch noch offen zugegeben, dass mit dieser Übertreibung besser Forschungsgelder einzuwerben wären. Aber auch die Berichterstattung zu Risiken und Gefahren aller Art, selbst in seriösen Medien, strotzt nur so von absichtlicher Desinformation. Und bei gewissen Zeitschriften wie etwa Ökotest ist das sogar die Grundlage des Geschäftsmodells.

 

Muss man, um falsch angewandte Statistik zu durchschauen, über besondere Kenntnisse verfügen? 

Walter Krämer: Nein, muss man nicht. In den allermeisten Fällen reicht eine halbe Minute Nachdenken völlig aus. Wenn etwa Ulrich Wickert in den Tagesthemen behauptet, dass ein Vermögen bei zweimal nacheinander 50 Prozent Verlust bei Null gelandet ist, kommt man auch ohne höhere Mathematik zu dem Ergebnis: in Wahrheit sind es 25 Prozent und nicht null.

 

Was hat sich Entscheidendes seit Ihrem letzten Buch über Statistik geändert?

Walter Krämer: Datengraphiken sind heute viel populärer und professioneller als vor 25 Jahren. Andere Fehler, etwa die unsäglicher Armutsberichterstattung, nach der wir trotz wachsenden Wohlstands in Deutschland immer ärmer werden, sind trotz aller Mühen der seriösen Statistik nicht auszurotten. Vermutlich weil auch hier ein bestimmtes Geschäftsmodell der Armutslobby dahintersteckt.

 

Zur Person:

Walter Krämer, Statistiker, ist Professor für Wirtschafts- und Sozialstatistik an der TU Dortmund und Autor verschiedener Bestseller, zuletzt gemeinsam mit Thomas Bauer und Gerd Gigerenzer: »Warum dick nicht doof macht und Genmais nicht tötet« (Campus 2014).

 

23.08.2015

Wirtschaft & Gesellschaft

So lügt man mit Statistik
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kartoniert
19,99 € inkl. Mwst.