Ihr neues Buch heißt „Kurzschluss“ – worauf bezieht sich diese Metapher?
Claudia Kemfert: Ein Kurzschluss entsteht, wenn Strom den falschen Weg nimmt. Eine dumme Fehlentscheidung - und sie legt das ganze System lahm. Genau das passiert seit Jahren in der deutschen Energiepolitik: Falsche Annahmen, hartnäckige Mythen und kurzfristiges Denken haben immer wieder Entscheidungen ausgelöst, die teuer waren, die uns abhängig gemacht haben und die uns heute noch bremsen. Der Kurzschluss als Bild hat mich auch deshalb gereizt, weil er keine Katastrophe von außen beschreibt, sondern einen Fehler im eigenen System.
Viele Diskussionen um die Energiewende sind festgefahren und verhärtet. Ihr Buch möchte das ändern. Wie bringen Sie Klarheit in die Debatte?
Claudia Kemfert: Mit Fakten, die ich ins Licht rücke. Es gibt in dieser Debatte erschreckend viele Behauptungen, die sich hartnäckig halten, obwohl sie längst widerlegt sind. Dabei ist die Wirklichkeit ermutigend: Über 62 Prozent unseres Stroms kommen heute aus erneuerbaren Quellen. Mehr als drei Millionen Menschen arbeiten in der grünen Wirtschaft. Und der Börsenstrompreis ist gesunken. Mein Ziel ist nicht, Menschen zu überzeugen, eine bestimmte politische Haltung einzunehmen. Sondern ihnen die Grundlage zu geben, selbst zu urteilen.
Ihre These: Aus kleinen Kurzschlüssen werden große Fehlentscheidungen, sobald sie ganze Systeme betreffen. In der Energiepolitik führt eine falsche Logik seit Jahrzehnten immer wieder zu folgenschweren Kurzschlüssen. An welchen Beispielen wird das besonders deutlich?
Claudia Kemfert: Das deutlichste Beispiel ist unsere Abhängigkeit von russischem Gas. Jahrelang galt es als ewig verfügbar und billig. Die Gegenstimmen wurden als ideologisch abgetan. Als dann der Angriff auf die Ukraine kam, zeigte sich, wie teuer dieser vermeintliche Pragmatismus wirklich war, nicht nur in Euro, sondern geopolitisch. Ein anderes Beispiel ist das Bremsen beim Ausbau der Erneuerbaren: Jedes Jahr Verzögerung hat uns mehr Geld gekostet als der Ausbau selbst. Während Deutschland weiter zögert, hat China den Markt für Solarpanele, Batteriespeicher und Elektroautos schlicht übernommen. Die Politik läuft der Wirtschaft hinterher, und leider allzu oft auch in die falsche Richtung.
Energiewende und Wirtschaft lassen sich nur zusammendenken. Warum werden hier immer wieder Gräben beschworen oder das entweder oder betont?
Claudia Kemfert: Diese Gräben sind kein Naturgesetz, sie werden mit großem Eifer von denen gebuddelt, die vom Status quo profitieren. Wer fossile Interessen vertritt, hat ein starkes Motiv, die Energiewende als Bedrohung für Arbeitsplätze und Wohlstand darzustellen. Das ist kein Verschwörungsdenken, das ist Interessenpolitik. Die Zahlen erzählen eine andere Geschichte: Die erneuerbaren Energien sind günstiger geworden, nicht teurer. Und die Länder, die früh investiert haben, sind heute unabhängiger und wettbewerbsfähiger. Und wo es in Wahrheit keinen Gräben gibt, braucht es auch keine Brücken-Technologien. Wir müssen einfach nur entschlossen vorwärts gehen.
Für wen haben Sie Ihr Buch vor allem geschrieben?
Claudia Kemfert: Ich habe Kurzschluss für alle geschrieben, die sich fragen: Warum fühlt sich diese Energie-Debatte so falsch an? Wir reden über Wärmepumpen, als wären sie eine Bedrohung. Über Elektroautos, als seien sie Ideologie. Über erneuerbare Energien, als seien sie ein Risiko. Dabei sind sie längst Realität und ökonomisch sinnvoll. Die Energiewende kommt voran. Nicht perfekt, nicht schnell genug -aber sie kommt. Was uns blockiert, sind politische Kurzschlüsse: künstlich erzeugte Empörung, Wahlkampfrhetorik, das Festhalten an fossilen Geschäftsmodellen. Dieses Buch richtet sich an alle, die genug haben von Verunsicherung und Scheindebatten. Es will Orientierung geben und zeigen, wer wirklich von der Daueraufregung profitiert.
Vielen Dank für das Gespräch, liebe Frau Kemfert.
Zur Autorin
Claudia Kemfert ist die wichtigste deutsche Wissenschaftlerin für Energie- und Klimaökonomie. Seit 2004 leitet sie die Abteilung Energie, Verkehr, Umwelt am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin) und ist Professorin für Energieökonomie und Nachhaltigkeit. Sie ist eine mehrfach ausgezeichnete Spitzenforscherin, gefragte Expertin für Politik und Medien und Bestsellerautorin.
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